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Jeffrey Dahmer: Das Monster von Milwaukee

Jeffrey Dahmer: Psychopath. Serienkiller. Kannibale. Sein Bild erinnert mich an meinen Tanzpartner Jochen vom Jungs-Gymnasium in meiner Heimatstadt, – ich ging auf das Lyzeum, das war eben so – , und es ist schon ganz und gar merkwürdig, hier solch einen prinzipiell harmlosen Vergleich zu ziehen. Der muss aber irgendwie sein, Dahmer sieht so aus: Älter zwar, aber die blauen Augen, der ernste Mund. Optisch unspektakulär, aber nicht unattraktiv. Klarer Blick. Etwas bubihaft vielleicht, aber kein Jüngelchen. Sympathisch wirkender Kerl ohne Macho-Furchen im Gesicht. Und genau das ist es eben auch: Jeffrey Dahmer wirkt so erschreckend, beinahe faszinierend normal wie Jochen XY, der mir verzeihen möge, sollte ihm das alles jetzt deutlich missfallen. Er wird längst schon seinen vernünftigen Weg gegangen sein. Denke ich mal.

Verurteilt, abgeführt … nachdenklich: Jeffrey Dahmer

Der Weg des Killer führte nicht an den üblichen Haltestellen vorbei. Er ermordete siebzehn (vielleicht mehr) Menschen bestialisch, – seine Opfer waren Homosexuelle, die er in Bars und Saunen kennenlernte -, und wurde 1992 zu 957 Jahren Gefängnis verurteilt.

Billy Capshaw, Dahmers „bester Freund“ bei der Armee, der 1980 mit ihm ein Zimmer in der US-Kaserne des Rheinland-Pfälzischen Städtchens Baumholder geteilt hat, sagte später über ihn:

„Er schien zuerst ein richtig netter Kerl zu sein. Er hatte Charisma. Ich habe immer zu ihm aufgesehen.“

Und, mit Blick auf die Journalisten bei einer Pressekonferenz im Juli 1991 kurz nach Dahmers Festnahme:

„Er war so normal wie jeder hier.“

Dahmer, 1960 in Milwaukee geboren, aufgewachsen in Bath / Ohio, war ein depressives Kind ohne Freunde, kaum beachtet vom gestressten Vater und der psychisch kranken Mutter. Die Eltern trennten sich schließlich. Sohn Jeffrey isolierte sich mehr und mehr, hatte früh sexuelle Gewaltphantasien, wurde schon als Teenager zum Alkoholiker und begann damit, Kadaver von Hunden und Katzen, die er irgendwo am Straßenrand fand, mitzunehmen, um ihre Haut mit Chemikalien abzulösen und sie auszuweiden.

1978, kurz nach seinem 18. Geburtstag, las er den Anhalter Steven Hicks auf und lud ihn zu sich nach Hause ein. Er gefiel ihm, die Vorstellung, mit ihm machen zu können, was er nur wollte, erregte ihn. Als Hicks, misstrauisch geworden und schließlich ablehnend, einfach gehen wollte, wurde Dahmer zornig, schlug mit einer Hantel auf ihn ein, erwürgte ihn und deponierte die Leiche vorerst im Keller. Eine Weile verging, bevor er sie aus ihrem Versteck holte, zerstückelte, die Haut mit Säure ablöste und die Knochen zertrümmerte. Die Überreste verteilte er im Garten. Das, was er mit Hicks‘ Körper anstellte, bezeichnete er später sinngemäß als puren Akt der Lust. Erstmalig hatte er dieses eigentümliche Gefühl in sich entdeckt. Seine urspezielle Befriedigung.

Kurz darauf wurde Dahmer eingezogen und verbrachte die nächsten achtzehn Monate mit Billy Capshaw, einem dicklichen, schüchternen, siebzehn Jahre älteren Sanitäter, weit weg von Milwaukee in der Kaserne in Deutschland. Und obgleich Capshaw von ihm wie ein Untergebener, geradezu wie ein Leibeigener behandelt wurde, – Dahmer kontrollierte, demütigte, schlug, fesselte und verprügelte ihn auch, je nach Situation und Laune, bedrängte ihn sexuell, war dann wieder kameradschaftlich, freundlich zu ihm -, sagte er im Nachhinein, wie fassungslos ihn das alles machen würde. Nie hätte er geglaubt, – hätte jemand es ihm damals erzählt -,  dass sein junger Freund bereits ein Jahr vor dem ersten Zusammentreffen in Baumholder seinen ersten Menschen getötet hatte. Und dass er in den Folgejahren mindestens 17 Männer brutal umbringen würde: Missbrauchen. Verstümmeln. Essen.

Capshaw war völlig entsetzt: Der vertraute Zimmergenosse, trotz der Schikane, der psychischen und physischen Qual, die Dahmer ihm zugefügt hatte, sein einziger Verbündeter, einziger Freund in einem Umfeld, das hauptsächlich von ehemaligen Vietnam-Soldaten geprägt war, nach außen hin harte, innerlich völlig zerrissene Kerle, die zuviel tranken und maßlos wütend auf diese Welt waren … dieser irgendwie und trotzdem Seelenverbundene sollte ein Abartiger, ein Serienkiller, eine menschliche Bestie sein?

Als am 22. Juli 1992 Dahmers letztes von ihm irgendwo in irgendeiner beliebigen Szenelokalität ausgesuchte Opfer, Tracy Edwards, rechtzeitig aus dessen Wohnung fliehen und die Polizei alarmieren konnte, bot sich den Beamten bei der anschließenden Durchsuchung ein schauerliches Bild: Ein menschlicher Kopf im Kühlschrank, abgehackte Hände in einem Kochtopf, drei Köpfe in einer Kühltruhe, fünf Totenschädel in einem Regal, ferner ein mit Salzsäure gefülltes Plastikfass, in dem man die Reste von drei Körpern fand. Immer neue Beweisstücke, – Kisten, Körperteile, Möbelstücke, Knochen und Schädel, die Dahmer aufbewahrt und konserviert hatte, um daraus einen Schrein zu basteln, – trugen die Polizisten, versehen mit Sauerstoffmasken und Schutzanzügen, aus der Wohnung 213 der Oxford Apartments in Milwaukee.

Dahmer wurde 1994 von einem Mithäftling getötet.

Den Tatort mit den schrecklichen Funden und den Namen, den die Presse Jeffrey Dahmer gab, kannte kurz darauf eine gesamte Fernsehgeneration: „Monster von Milwaukee“. Die ersten schaurigen Aufnahmen liefen in den frühen Abendnachrichten, die Zeitung am nächsten Morgen zeigte sein Bild: Blond. Blass. Darunter eine Beschreibung: Scheu. Keineswegs dumm. Einer von nebenan. Irgendwie.

Dann kamen die abartigen Details an die Öffentlichkeit: Wie Dahmer die Männer, allesamt jung, instabil und auf Besseres hoffend, an der Theke, beim Saunabesuch angesprochen, angemacht, ihnen Geld versprochen hatte, um sich bei ihm zuhause in gewünschten Posen, nackt, eindeutig bereit, fotografieren zu lassen. Wie er ihnen Bier anbot, das mit Schlafmitteln versetzt war, um sie zu betäuben. Sie im hilflosen Zustand erwürgte, auf ihnen masturbierte, die Leichen vergewaltigte, sich später Teile davon zubereitete und sie verzehrte. Er versuchte auch, seine Opfer zu willenlosen Sklaven, Sex-Zombies, zu machen, indem er ihnen mit einer Bohrmaschine ein Loch in den Kopf bohrte, das er mit Säure füllte. Bei wenigstens zwei Männern ist offensichtlich, dass sie noch am Leben gewesen sind, als er sie „behandelte“.

Dahmer hielt einen Großteil der Abscheulichkeiten, die hinter seiner verschlossenen Tür stattfanden, fotografisch fest. Das Bildmaterial, das Schritt für Schritt eine Leichenzerlegung oder Verstümmelung zeigte, war selbst für die Hartgesottensten kaum zu ertragen.

Dahmer, der sich kooperativ zeigte und geständig war, freilich auf die Anerkennung dieser gewissen Unzurechnungsfähigkeit hoffte, die im Nachhinein so oft so zwingend herbeigedacht wird, – das war nicht der Fall, man hielt ihn für eindeutig schuldig -, wurde knapp zwei Jahre nach seiner Verurteilung von einem Mithäftling getötet.

Vielleicht hätte man irgendwann, viel, sehr viel später, von ihm erfahren, was ihn tatsächlich angetrieben hat. Eine Beziehung gab es nie. Nie gewollt? Seinen einzigen Freund, Billy Capshaw, hat er wohl gemocht, ihn sich aber nach eigenem Lustempfinden klein und unterwürfig gemacht. Die Männer, die ihn aufmerksam machten und die er ansprach, erregten ihn (natürlich) sexuell, aber letztendlich war es in jedem Fall so, dass sie sterben sollten. Um seine Lust-Leichen zu sein. Oder sie sollten als Sex-Marionetten nach seiner Pseudo-Lobotomie funktionieren können.

Jeffrey Dahmer, der Psychopath, der Mörder, das Monster, er hat gesucht. Irgendwas. Irgendwie. Irgendwen? Das wusste er wohl selbst nicht. Und wir? Gucken. Schlucken nur. Mal wieder fassungslos. Und ernüchtert.

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