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Jeff VanderMeer – Autorität

Die Southern Reach Trilogie, Teil 2

Titelbild: Tony McMillen, Southern Reach Fan Art

vandermmer-autoritätDas Faszinosum, das von Vandermeers Trilogie ausgeht, ist eine militärisch abgeschirmte Zone, irgendwo in Amerika, in der es gelinde gesagt nicht mit rechten Dingen zugeht. Ein unsichtbares Kraftfeld umgibt das Gebiet. Ist die Ursache geologischer oder gar außerirdischer Natur? Nur durch eine bekannte ‘Schleuse’ ist der Zugang überhaupt möglich, und wer diese durchschreitet, wird nie mehr die Person sein, die er einmal war. Wenn er denn überhaupt zurückkehrt.
In Band 1 (»Auslöschung«) wurde man Zeuge einer wissenschaftlichen Expedition in jene ‘Area X’, die allerdings mehr Fragen aufwarf als beantwortete. Hofft man nun im zweiten Teil auf weitere unheimliche Abenteuer in der Zone und die Klärung zumindest einiger Geheimnisse, so wird man herbe enttäuscht. Vandermeer springt eine unbestimmte Zeit nach vorn. Drei Mitglieder der letzten Erkundung tauchen plötzlich wieder auf: die Vermesserin, die Anthropologin und die Biologin. Den Frauen fehlt offenbar jegliche Erinnerung daran, was in Area X vorgefallen ist. Keine weiß, wie sie das Gebiet trotz unzähliger Absperrungen unbemerkt verlassen konnte. Auch kann niemand etwas über das Schicksal der Psychologin berichten.
John Rodriguez, den alle nur ‘Control’ nennen, wird eingesetzt, um die Hintergründe der Expedition aufzuklären. Auch wenn ihm Fakten bekannt sind, die andere vielleicht nur ahnen, so dass es sich nicht um die 12., sondern mindestens schon die 38. Expedition in die Zone gehandelt hat, werden auch ihm bewusst Informationen vorenthalten. Auch er steht unter ständiger Beobachtung durch unsichtbare Vorgesetzte der Geheimbehörde ‘Southern Reach’. Control ist nur durch den Einfluss seiner Mutter zu seiner jetzigen Stellung gekommen. Doch welche Position bekleidet seine Mutter tatsächlich? Ist sie vielleicht selbst in der Stadt und beobachtet ihn? Und wer verbirgt sich hinter dem Namen ‘Voice’, jenem Kontakt, dem er tagtäglich telefonisch Bericht über die Fortschritte der Untersuchung erstatten muss? Wer beobachtet wen? Sind vielleicht nicht nur die Expeditionen, sondern auch deren Untersuchung ein einziges, geheimes Experiment?
Das Verhör der Biologin erweist sich als ein zäher Nervenkrieg. Hat sie wirklich alles vergessen, oder belügt sie ihn? Was ist wirklich in Area X vorgefallen? Warum nahm seine Vorgängerin, die leitende Direktorin, selbst als Psychologin an einer Expedition teil? Trotz der bekannten Gefahren, die mit einem Aufenthalt in der Zone verbunden sind. Control beginnt zu verstehen, dass er Vorschriften missachten muss, wenn er hinter die Fassade von Southern Reach blicken will. Die Biologin könnte der Schlüssel dazu sein.
Mittelteile einer Trilogie haben es immer schwer. Sie müssen die Handlung vorantreiben, sollen das Finale vorbereiten, ohne jedoch zu viel zu verraten. »Autorität« begeht leider den Kardinalfehler, übervorsichtig im Ungewissen zu verharren. Nicht eine Seite des zweiten Bandes befasst sich direkt mit dem eigentlichen Helden der Trilogie: der Zone X. Alles spielt sich außerhalb ab. Doch damit nicht genug. Zwar erfährt der Leser, dass es rund um Southern-Reach noch viel mehr Mysterien gibt, als nur die Area, doch das hatte man schon nach dem ersten Band vermutet. Viel Handlung ist auf den 363 Seiten nicht zu erkennen. Vandermeer konzentriert sich stattdessen auf immer wiederkehrende bürokratische Rituale und die Gedankenwelt des neuen Direktors Control. So interessant dies in Ansätzen auch sein mag, bei über 300 Seiten wirkt es unnötig aufgebläht und langweilend. Sehr schade. Nun bleibt nur zu hoffen, dass im finalen »Akzeptanz« nicht nur in die Zone zurückgekehrt wird, sondern auch eine atemberaubende Auflösung stattfindet.

Jeff Vandermeer: »Akzeptanz« (»Authority«)
Verlag Antje Kunstmann, 2015
Pb., 368 Seiten; 18,95 EURO
Aus dem Englischen von Michael Kellner
ISBN-13: 978-3888979958

Andreas Wolf, im März 2015

Andreas Wolf

Geboren im Jahr des Tigers und Sternzeichen Löwe, schreibt unter Pseudonym düstere Erzählungen und Romane und unter seinem bürgerlichen Namen Rezensionen für das Magazin “phantastisch!”.

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