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Jeanne Weber, die furchtbare Ogerin aus Paris

Gruselig: Sich selbst mit bloßen Händen zu erdrosseln. Überhaupt schwer vorstellbar. Sich zu erhängen, vergiften, erschießen, ertränken, erstechen…bildhaft in düstersten Farben und praktisch alles machbar. Aber erwürgen? Man sollte meinen, dass jeder instinktiv den Griff lockern würde, gar müsste, wenn die Luft wegbliebe, auch, wenn der Selbstmord beschlossene Sache wäre. Sei denn, man hätte den Wahnsinn im Blick. Im verkorksten Kopf. In den verkrampften Fingern.

Wahnsinn im Blick

(c) Zeitungsarchiv

1910 tötete sich Jeanne Weber, indem sie sich mit ihren eigenen Händen die Kehle zudrückte. Sie war sechsunddreißig, verschrien als „Ogerin aus der Goutte d’Or“, einer engen Passage in den Slums von Montmartre, und hätte den Rest ihres Lebens als unheilbar Geisteskranke hinter den Mauern der Irrenanstalt Mareville auf einer abgeschiedenen Insel verbracht. Wäre sie nicht auf die Idee gekommen, sich selbst anzutun, was sie ihren völlig wehrlosen Opfern in den vergangenen Jahren mit dem schauerlichen Segen des verborgenen Bösen angetan hatte.

Grauenvoll im Extrem: Webers Opfer waren ausnahmslos kleine Kinder, wehrlos, unschuldig und ungeschützt, die ihrem kranken Geist ausgeliefert waren, weil niemand wirklich und vor allem richtig hinsah. Ihre Geschichte macht fassungslos:

Fataler Fehler

In nur drei Jahren, von 1905 bis 1908, beging die Französin zehn Morde, den ersten an ihrer achtzehn Monate alten Nichte Georgette. Die sollte sie hüten, während die Mutter, Madame Pierre, verheiratet mit einem der drei Brüder ihres Mannes Marcel, im Waschsalon weilte. Das Entsetzliche war, dass das Mädchen durchaus hätte gerettet werden können, weil es sich, als die Mutter kurzfristig nach dem Rechten sah, mit blau angelaufenem Gesicht, keuchend und mit Schaum vor dem Mund auf dem Arm ihrer scheinbar völlig aufgeregten Schwägerin befand. Trotzdem kehrte Madame Pierre, nachdem sie ihrer röchelnden Tochter ein paar Mal auf den Rücken geklopft hatte, offensichtlich völlig beruhigt wieder zu ihrer Wäsche zurück.

Fataler Fehler: Als sie schließlich heimkam, war Georgette tot. Erstickt! Auf Jeanne fiel kein Verdacht. Madame Pierre und ihr Ehemann glaubten ihr, dass sie alles Mögliche versucht hätte, und baten sie nur neun Tage später, auf die zweijährige Suzanne, Schwester der so plötzlich verstorbenen Georgette, aufzupassen. Am späten Abend trafen sie wieder ein. Ihr Entsetzen war grenzenlos. Auch Suzanne war tot. Das Gesicht gleichsam bläulich verfärbt. Der Arzt diagnostierte bei beiden Mädchen eineVerkrampfung der Atemwege, notierte freilich auch in seinem Bericht, dass er Druckstellen an den Hälsen festgestellt hätte.

Ergo ein Fall für die Justiz? Mitnichten.
Die Polizei winkte ab. Misstrauen sei nicht angebracht, reeeler Verdacht bestünde nicht.

Man irrte fürchterlich: Nur kurze Zeit darauf war Jeanne Babysitterin für die sieben Monate alte Germaine, Tochter ihres Schwagers Leon, – die vier Brüder lebten mit ihren Familien Tür an Tür – ; auch sie starb, während Jeanne allein mit ihr war. Laut Totenschein an Diphterie.

Falsche Atemnot

Das kleine Mädchen lag kaum unter der Erde, da starb Jeannes eigener siebenjähriger Sohn Marcel , – zwei Kinder hatte sie bereits verloren – , an „Atemnot“. Und immer noch schien niemand tatsächlich in Erwägung zu ziehen, dass Jeanne ein Todesengel von eigenen schrecklichen Gnaden war. Aus welchem Grunde auch immer sie tötete, Wahnsinn schien niemand bei ihr zu bemerken. Niemand schien daran zu denken, sein Kind vor ihr schützen zu müssen, man ging wohl von tragischen Zufällen aus in dieser düsteren Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, in der die Armut groß, die Krankheiten kaum kontrollierbar und die Sterblichkeitsrate bei Kindern immens hoch waren.

Als freilich die Frau von Charles Weber ihr Baby Jeanne anvertraute, um Einkäufe zu erledigen, und bei ihrer Rückkehr eindeutige Würgemale entdeckte, – ihr kleiner Sohn drohte, zu ersticken – , wurde Jeanne angezeigt und verhaftet. Es stellte sich heraus, dass schon drei Jahre zuvor zwei von Jeanne betreute Nachbarskinder plötzlich gestorben waren, beide angeblich an Atemnot.

Bitterböse Farce

Jeanne, die voller Empörung jegliche Schuld von sich wies, schien ertappt zu sein. Die so grausam, kalt anmutende Kindermörderin, deren Motiv so unklar bleibt wie die Naivität ihrer Familie und die Blindheit ihrer Nachbarschaft, endgültig fest gemacht? Nein. Der Prozess gegen Jeanne Weber entwickelte sich zu einer bitterbösen Farce, der die aufgebrachte Bevölkerung, für die es keine Zweifel an der Richtigkeit der Anklage gab, letztendlich maßlos erzürnte.

Die Exhumierung der Kinderleichen brachte keine Erkenntnisse mehr, und der Pariser Gutachter Leon Henri Thoinot schaffte es mit seiner medizinischen Beweisführung, von der natürlichen Todesursache zu überzeugen. Gleichwohl ausschlaggebend für einen Freispruch war die Rhetorik des renommierten Anwalts Henri Robert, Webers Pflicht-Verteidiger in einem spektakulären Prozess, der die Zeugen zu wirren, widersprüchlichen Aussagen brachte.

Dass Jeanne Weber zurück in die Freiheit durfte, verstand so wirklich niemand. Offener Hass schlug ihr auf der Straße entgegen, sie wurde beschimpft, bedroht, und auch ihr Ehemann wandte sich angewidert von ihr ab.

Zweifacher Freispruch

Jeanne Weber, geboren 1875 als Tochter eines armen Fischers in der Normandie, Mutter von drei toten Kindern, eine starke Trinkerin, mysteriöse Todesbringerin und nunmehr verstoßen von der Familie, verließ Paris und nahm ihren Mädchennamen Moulinet an, um mögliche Konfrontationen mit der Vergangenheit der berüchtigten Pariser „Ogerin“ Weber zu vermeiden.

1907 starb der neunjährige Auguste Bavouzet in Chambon, Bezirk Idre, laut polizeilichem Protokoll an Meningitis. Jeanne Moulinet/Weber, die zu diesem Zeitpunkt für den verwitweten Sylvain Bavouzet auf dessen drei Kinder aufpasste, war erneut außen vor. Zumindest, bis Augusts skeptische Schwester Germaine die Tasche von Jeanne heimlich durchsuchte und alte Zeitungsausschnitte über den Prozess in Paris fand. Germaine ging damit zur Polizei, und bei der Autopsie von Augustes Leiche stellte der Mediziner Frédéric Brunneau zweifelsfrei als Todesursache Erdrosselung fest.

(c) Zeitungsarchiv

Jeanne wurde verhaftet, kam vor Gericht, und was dann folgte, war eine Posse übelster Art. Der Verteidiger und der Arzt, die im Pariser Verfahren für den Freispruch Jeannes gesorgt hatten, fürchteten bei dieser überall für Aufsehen sorgenden Geschichte um ihren guten Ruf, übernahmen kostenlos ihre alten Positionen und schafften es tatsächlich, sie erneut heraus zu manövrieren. Zu abscheulich guter Letzt war es ganz offiziell leider das tragische Ableben eines kleinen, viel zu kranken Jungen, das eine unschuldige Frau als vermeintliche Serienkillerin auf die Anklagebank gebracht hatte.

Eine letzter abartiger Mord musste noch geschehen, bevor Jeanne Weber schließlich schuldig gesprochen, aber für unheilbar geisteskrank und demnach unzurechnungsfähig erklärt wurde. Nachdem sie in Chambon ihre Sachen gepackt und nach
Euville in der Nähe von Commercy gegangen war, lernte sie einen Mann kennen und zog mit ihm ein billiges Zimmer im Haus der Poirots. In diesem Zimmer tötete Jeanne Weber deren siebenjährigen Sohn. Und dieses letzte Mal bestand kein Zweifel mehr: Der Junge, der eindeutig erwürgt worden war, hatte sich in seiner Verzweiflung und Todesangst in die Zunge gebissen.

Jeanne Webers Hände waren blutig. Sie sind immer blutig gewesen.

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