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J. R. Ewing: Der lachende Fiesling aus Dallas

(c) Warner Home Video

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Anfang der 1980er Jahre sorgte eine Familie aus Dallas in Texas dafür, dass der Dienstag fortan und für eine ganz erstaunlich lange Weile nicht als ganz normaler Wochentag gewertet wurde. Dienstag war Dallas-Tag. Von 20.15 bis 21 Uhr wurde nicht telefoniert. Unbedacht ausgehandelte Verabredungen verschob man kurzerhand auf früher, später oder nie, und wenn die Kartoffelchips aus waren, hatte man eben keine.
Von 20.15 bis 21 Uhr ging niemand freiwillig zur gegenüber liegenden Tankstelle, um welche zu holen. Weil im ersten Programm, ARD,  Dallas lief. Das guckten alle. Auch diejenigen, die beharrlich behaupteten, solch ein triviales Theater nicht zu gucken. Die verrieten sich schon dadurch, dass sie J. R. Ewing kannten. Den kannten alle, ob sie wollten oder nicht. Und jeder wusste, wie er lachte. Regelrecht fies. Dabei sehr einprägsam.

Obwohl er böse beißt

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J. R. Ewing, der Ölmagnat aus Dallas in Texas, gespielt von Larry Hagmann (1931 – 2012), lachte exakt so, wie man es hasst. Wenn jemand so grundsätzlich unsympathisch lacht, grinst man eventuell gequält zurück. Vor allem wohl misstrauisch. Bei undurchschaubaren Kerlen wie J. R. war Argwohn auch durchaus angebracht. Eigentlich immer. Intrigant war er. Hinterhältig, gerissen, treulos und boshaft. Wir fanden ihn ganz fürchterlich. So prinzipiell als Mann, der nichts Nettes an sich hat. Aber eben viel Einmaliges. Das wiederum machte ihn spannend. Wir liebten ihn auf diese sonderbare Weise, die eine gewisse erforderliche Nettigkeit oder gar Liebenswürdigkeit gänzlich ignoriert. So ein bisschen wie Christopher Lee als Dracula. Man giert nach ihm, obwohl er böse beißt.

“Ich denke, mit meiner Erschaffung wurden Maßstäbe gesetzt. Und Bescheidenheit ist einer meiner größten Vorzüge.” (Larry Hagmann alias J. R. Ewing)

Wir hockten ergo dienstags gemeinsam mit Mutter, Vater, Oma, Bruder, Schwester, Freund, Freundin und dem Familienhund pünktlich vor dem Fernseher. Um mittwochs und auch noch donnerstags mitreden zu können. Egal wo. An der Wursttheke, Uni, Ampel oder ganz simpel am Telefon. Dann war Funkstille bis montags. Am Montag sagten wir: „Morgen abend kann ich nicht. Da kommt Dallas.“ So war das. Und wird an dieser Stelle keineswegs überzogen in Erinnerung gebracht.

Wer dafür kein Verständnis aufbringt, gehört nicht zu uns. Das gilt widerspruchslos und ist auch keine Schande oder gar Bildungslücke, sondern Beleg für eine deutlich spätere Geburt. Dass Dallas, weltweit die erfolgreichste TV-Serie der 1980er Jahre, derart einmalig eingeschlagen hat und heute noch für unvergesslich kollektive Fernsehmomente steht, ist schwer zu fassen für Leute, die ganz selbstverständlich unter einer Million Programmen mit einer Milliarde an jederzeit abrufbaren Inhalten wählen können. Natürlich gab es damals bereits Videorecorder. Aber aufgenommen wurde nur im persönlichen Krisenfall. Dallas wurde am Dienstagabend „live“ verfolgt. Punkt.

Fönfrisur und Cowboyhut

Nun muss man sagen, dass die weltberühmte Seifenoper, – für das US-amerikanische Fernsehen wurden insgesamt 357 Folgen in der Zeit von 1978 – 1991 produziert, von denen die wenigsten nicht für das deutschsprachige Publikum synchronisiert worden sind – , kaum Identifikationsmöglichkeiten für uns Normalsterbliche mit den Superreichen und ihren gewichtigen Sorgen und Nöten bot. Das war aber recht egal. Dallas hieß Traumland, die Story war Märchen. Da floss Öl, da flossen Tränen des Glücks und Leids, und Gold und Herzen schmolzen.

Die Prinzessinnen trugen Fönfrisuren, üppiges Make-up, Schlaghosen und Schulterpolster, die Ritter waren edel und trugen Cowboyhut zum gleichsam edlen Zwirn, die Schurken mächtig in noch edlerem Zwirn zum (selbstverständlich!) Cowboyhut. Allen voran J.R., der es geschafft hat, als wohl prominentester Ober-Serien-Fiesling des vergangenen Jahrhunderts Kultcharakter entwickelt zu haben, der in gegebener Form nicht zu toppen ist. J.R. Ewing und sein Clan haben zwar nicht wie die legendären Durbridge-Krimis in den 1960ern die Straßen leer gefegt, wenn sie auf Sendung waren, aber diesen magnetischen Bann hatten sie.

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Als 1962 der Kabarettist Wolfgang Neuss für Weltuntergangsstimmung sorgte, als er in einer Reklameanzeige den Mörder in „Das Halstuch“ (Durbridge) verriet, erhielt er Morddrohungen. Die Fernsehzuschauer waren völlig in Rage, die Bild-Zeitung nannte Neuss „Vaterlandsverräter“.

Als 1980 J.R. Ewing in der letzten Szene der 54. Folge, – „Abrechnung“, im Original: „A House diveded“ – , von Kugeln getroffen zusammenbrach, ging die Serie in den Cliffhanger (Sommerpause). Das war ein Jahr, bevor Dallas über den großen Teich ging, um am 30. Juni 1981 auf ARD zu starten. Die Wahnsinns-Aufregung „drüben“ über das Attentat wiederholte sich in wohlweislich etwas abgemilderter Form, als die Folge vor einer längeren Sendepause auch bei uns lief. Man spekulierte fiebrig. Wer war der Täter? Warum genau wurde geschossen? Und wie ging es überhaupt J.R.? Schwer verletzt? Am Ende gar tot?

In den Staaten wurden T-Shirts mit der Aufschrift „I shot J.R.“ zum Verkaufsschlager. Und in den US-Präsidentenwahlkampf zwischen Ronald Reagan und Amtsinhaber Jimmy Carter mischte sich die zentrale Frage ein: Hat ein Republikaner oder ein Demokrat geschossen?

Geständnis: I shot J. R.!

Da staunt die Generation, deren Nabelschnur mit Apple verbunden ist, aber so etwas konnte man damals tatsächlich noch geheim halten. Wie genau die das freilich hingekriegt haben, dass wirklich partout niemand von den Eingeweihten plauderte, sei und bleibe das große Geheimnis. Von Hitchcock wissen wir, dass er 1959 für die Verfilmung von „Psycho“ sämtliche sich auf dem Markt befindlichen Exemplare des Romans von Robert Bloch aufkaufen ließ, damit keine Menschenseele im Vorfeld hätte verraten können, was es mit Norman Bates auf sich hat.

Von Dallas wissen wir nur, dass „Abrechnung“ hierzulande und überall sonst die meistgesehene Folge überhaupt war. Beweis genug für die zeitgemäße Cleverness der Dallas-Macher. Lorimar Television hatte Dallas ursprünglich als Mini-Serie geplant, inspiriert von Giganten (1956) mit James Dean in der Rolle des Jett Rink.

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Dessen Initialen J. R. wurden als gutes Omen und in memoriam an einen absoluten Klassiker über das Öl-Geschäft mit einem unvergleichlich-unvergessenen Idol in der Hauptrolle für die Zentralfigur in der fiktiven Geschichte rund um den texanischen Ewing-Clan übernommen.

Die Geburt einer ganz großen Nummer. J. R. wurde zudem von einem Publikumsliebling der 1960er Jahre, eben Larry Hagmann, gespielt, der als US-Astronaut Major Tony Nelson in “Bezaubernde Jeannie” alle erdenklichen Charaktereigenschaften hatte bis auf auch nur ansatzweise irgendwelche schlechten. Heißt: Der brave, gutaussehende, nette „Meister“ wurde über Nacht zum einem Mann, der richtig böse werden konnte. Ziemlich oft sogar. Das färbte wohl ein wenig ab. Als Privatmann erklärte er:

„Meine Definition von Überflüssigkeit ist ein Airbag im Auto eines Politikers.“

Natürlich hat er dabei gelacht. Ehrlich.

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