News Ticker

Irgendwo daneben

Keine Chance, sich zu befreien. Egal. David lachte albern, weil sein Kopf ihn mittlerweile amüsierte und er verdammt oft und genug geschrien hatte, und irgendwie planlos versuchte er, seinen gefesselten Körper ein wenig nach links zu drehen, er wusste nicht warum, ihm war nach links.

Da war niemand, der ihn fragte, sie glotzten nur auf ihn, die Apparate, Schläuche überall, wieder auf ihn. Er kicherte, ertappte sich wutentbrannt dabei, den Witz an der Sache entdecken zu wollen, die nun mal nicht komisch war, und brüllte los. „Weg mit mir. Schneidet Euch ab.“
„Erstklassiges Delirium.“

Der Graue mit den dicken Brillengläsern wirkte zufrieden. Tatsächlich grinste er, das feiste selbstgefällige Grinsen stand ihm nicht wirklich, er trug diesen ernsten Kittel. Weiß. Unangenehm unbefleckt. Unsympathisch weiß, zu weiß für all die Farben in Davids Schädel, wild dahin geklatscht, kein Gefühl, nicht schön. Doch, es passte zu ihm, dieses Grinsen, bei genauer Betrachtung gehörte es ihm.
Korrektur, es war es Doktor Fickdich höchstpersönlich. Zweite Korrektur: Doktor Fillrich. Reginald Fillrich. Einer von der Sorte, denen junge Kerle, die ahnungslos und pleite sind, nicht über den Weg laufen sollten.

„Wo bist du, David?“
Die Stimme klang streng, aber warm. So vertraut. Er hätte gern losgeheult, er dachte an seinen Vater, zärtliche Kabbelei, zu wahr, um jetzt gut zu sein für ihn. Fillrich wischte ihm mit dem Handrücken über die Stirn, beugte sich tiefer, berührte mit den Lippen seine Wangen, als würde er kauen, saugen wollen, er ließ seine Mutter nicht zu ihm, die Schlampe war gar nicht da, keine Nabelschnur, nichts, er fragte: „Wo? David, wo?“

Schlechter Atem, David wollte ihn nicht in seiner Nase, konnte sich nicht drehen, japste nach Luft. „Weg hier. Säg mich ab, Arschloch. Ich bin im Baum.“
David verdrehte die Augen, sein Gesicht glänzte. Er schwitzte.

Fillrich nickte. Er strich ihm mit den Fingerkuppen über die Augenbrauen, David fühlte sich augenblicklich wohl und dachte an süßen heißen Milchreis, den kannte er. „Was siehst du? Kannst du was hören?“
David keuchte. „Die Säge steckt im Kopf. Im Baum hängt mein Kopf.“

Fillrich schlug ihn mit der Handfläche ins Gesicht. „Spring hinunter, Junge, du packst das. Was hängst du im Baum? Was für ein Baum?“

Die dicke Frau, die neben ihm stand, zuckte zusammen und zwinkerte David mit einem schiefen traurigen Lächeln zu. Sie hatte die Pocken. Es schien, als wollte sie etwas sagen. Sie klappte ihren Mund auf, wieder zu, auf, zu, wie albern das wirkte, besser, sie hätte gekreischt oder ähnlich Nutzloses gemacht.
Er starrte sie wütend an und spuckte. Seine Nase blutete.
„Bist du eine Maschine? Nicht mit mir, ich weiß Bescheid.“
Er sah hoch zur Decke, hübsch, dachte er, wie sie auf ihn hinunter fiel, Puderzucker war das, es rieselte. Schneeflöckchen, Weißröckchen, und irgendwo dahinten war die Axt, aber er kam nicht ran, da stand der Teufel und spielte mit seinen Eiern, erneute Korrektur, mit einem, eins war abgebissen, durchgekaut, weg geschluckt. Ein Ei, Leipziger Allerlei, er hatte Hunger. Speckpfannekuchen.
Markus. Der Gnom aus dem Märchenbuch hieß so. Nichts für Kinder. Bohrte Löcher in den Schädel für den Brei. Fillrich kochte Brei. Pfleger Markus. Ein kastrierter Köter. Er zerquetschte seinen Hoden mit seinen Händen, Metzgerhände waren das, er ließ die Wölfe auf ihn los, die machten sein Gesicht weg.

„Fillrich, du Dreckskerl. Wieso bin ich fixiert?“
„Vereinbart. Schon vergessen? Was war los, David?“

„Da war dieser Bär, er lag neben mir. Ich habe ihn gestreichelt, dann wollte er mich fressen, ich bin rauf auf den Baum, er hockt da unten und lauert, dass ich falle. Mach ich nicht, der kann warten. Ich habe Durst. Ich will trinken. Die Dreckshure soll verschwinden.“

„Später.“ Fillrich tätschelte seine Hand, wies stumm die Pockige an, ihm das Glas zu geben, die Traumpflanze, er roch sie, verdammt, wie stark sie war, zögerte kurz, wehrte ab. „Noch nicht, Melanie.“

Melanie. Welch entzückender Name. Er nahm sich vor, sie zu töten. Langsam und ehrlich, David hatte Zeit. Er bettelte. Trotzig.

„Durst. Dieser Durst.“

„Sei nicht kindisch, David, und reiz mich nicht. Da steht Wasser. Melanie, die Schnabeltasse. Mach. Mach schon. Schlucken, schluck gefälligst, Affe. Du bekommst Geld, das weißt du. Viel Geld für die Scheiße in deinem Schädel. Also, wo bist du?“

„Macht mich los. Ich will hier raus. Der Bär. Der Baum. Das Bett. Dieses beschissene Bett geht rauf und runter, mir wird schwindelig, ich muss kotzen, ich kotz euch alle voll, es schwankt alles, wie auf einem Schiff, mir wird schlecht, das dreht sich alles, ich fahre vorbei, das Krankenhaus fährt, das fährt mich durch die Stadt, da ist die Stadtbiliothek, meine Großmutter steht da an der Trinkhalle, da gab es Gummiteufel, sie winkt, sie hat durchgerührte Erbensuppe für mich und gezuckerte Erdbeeren, meine Großmutter ist tot, sie riecht, jetzt kommt der Hausmeister und macht die Spinnen weg, ich schrei den Mistkerl an, der übersieht doch alles, der sagt mir frech, ich soll die Fenster putzen, aber da gegenüber steht der Typ mit seiner Trompete, der bläst mir ins Ohr, ich kann das nicht ertragen, mein Nachbar tanzt Polonnäise, er allen voran, der ist Mathematikprofessor, normalerweise begleiten ihn ein Hund und ein Buch, das Buch glotzt ihn an und dieser lahme Dackel pisst wahllos, irgendein verwichstes Buch klebt ihm vor der Nase und ich frage mich, warum dieser Schwachsinn, in meiner Wohnung sind Fremde, die stinken und greifen nach mir, die sind schwarz wie dieser Bär da unten, macht den weg. Weg.“

Er weinte.
„Mein Baum ist tot. Ich suche die Kastanien.“
„Wozu brauchst du sie?“
„Meine Welt. Ich habe mir meine Welt gebastelt. Meine Tiere. Alles vorbei. Zahnstocher. Die ganzen Zahnstocher haben sie mir geklaut. Und den Pudding muss ich essen. Sagt ihr, sie soll mich in Ruhe lassen. Ich will ihren beschissenen Pudding nicht, da ist steifes Ei drin, mein Opa soll den essen, meine Mutter läuft zu denen, meine Oma hat ihr gesagt, geh dahin, der Junge bleibt hier, ich hab Pudding gekocht, aber ich will Mama. Die tun ihr weh.“

„Haben sie deinen Baum gefällt? Die alte Kastanie vor eurem Haus?“

„Meinen Baum. Ich habe ihn immer fleißig gegossen. Ich schwöre.“
David spuckte. Gelbbrauner Schlam.
Fillrich stöhnte auf, er zog die Hand, die auf Davids Brust lag, angeekelt zurück.

„Dein Baum. Deine Mami. Pudding. Mehr nicht? Du bist nutzlos. Krepier doch, du bist nichts, Müll, jeder Groschenroman ist besser als du.“

„Ach ja?“
David sah in an. Seine Augen waren schwarz, Fillrich erinnerte sich vage an ein dunkles, schönes Blau, er war irritiert, kurz nur, dann kniff er ihm mit seinen perfekt spitz gefeilten Fingernägeln in den Hals. Er war eitel.
„Spürst du das, du Niemand? Ich sehe Blut. Kann man im Delirium bluten? Du bist echt, du bist so widerlich normal echt, ich bin enttäuscht. Wenn ich enttäuscht werde, fühle ich mich böse. Melanie. Die Spritze, ich bin müde.“
„Nein.“
Die pockige Hässliche wich zurück, ihre Unterlippe zitterte, ihr Haar fiel weich, sie war fast schön, sie hatte Angst. „Nein. Warum?“
„Experiment fehlgeschlagen. Exakt darum.“
Sie wimmerte. David sabberte, spuckte aus. Morast.
„Du Wichser kannst mich.“

David versuchte, sich aufzurichten. Sein Kopf fühlte sich an wie einzementiert. Die Hände reagierten nicht. Die kleinen Zehen tanzten, immerhin.
„Ich habe Bäuche aufgeschlitzt und Babies die Zungen herausgerissen, damit ich sie nicht hören muss. Ich habe in Eingeweiden gewühlt und alles, was wimmerte, zerschnitten und totgeschlagen, ich habe an Jesus gedacht und Amen geschrien, aber Petrus hat gelacht und rohe Leber gefressen, das kann ich auch, dachte ich, er sabberte und zeigte mir seine Zähne, in den Zwischenräumen steckte rosafarbenes Fleisch, und irgendwelche Sehnen hingen da, hat denn Leber Sehnen? Sag’s mir, Arschloch.“

„Wo bist du, David? Wer bist du? Jetzt?“

Fillrich trommelte mit den Knöcheln, er war aufgeregt, sein Affe turnte wieder. David Sternleve, gescheites Köpfchen, hoffnungsvoller Student, kein Geld, kannte man, brauchbar.

Die Frage.
„Was siehst du, David?“

„Ich steche Dich ab, ich ramm dir das Messer in deinen fetten Bauch, ich dreh es um, ganz tief in dir drin, spürst du mich? Deine Augen habe ich mir geholt, ausgestochen wie Torf, keine Ahnung, wie man das macht, Torfstechen, was verflucht ist Torf?, sowas wie Muttererde, denke ich, meinen Schwanz schiebe ich in deinen Arsch, das magst du nicht, ich nehme den Stock, der ist vom Baum gefallen, ich durchstoße deinen Darm, wie du jetzt schreist, ich töte dich. Töte ich? “

Fillrich atmete tief durch.
„Nein. Es passiert nichts.“

Er senkte seinen Kopf, er war erschöpft,. „Schmeißt die Elektroden in den Eimer. Keine Injektionen mehr. Sein Delirium ist normal. Erbärmlich normal.“
Er hörte nichts.
„Warum schaltet ihr ihn nicht ab? Inkompetentes Pack, verdammt, der Kerl ist wertlos. Gebt ihn den Studenten.“
Melanie. Markus. Keine Axt mehr. Er lauerte, betrachtete sein Kind. David schlief. So süß, so selig, so viel Blut. Es hatte sich nicht wirklich gelohnt. Noch nicht.
Die Kollegen applaudierten.
„Sie sind nahe dran.“
„Naja. Irgendwo daneben.“

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
Kontakt: Webseite

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz