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Interview mit Stefanie Maucher

Stefanie Maucher wurde 1976 in Stuttgart geboren und lebte, nach einem mehrjährigen Ausflug nach Graz in Österreich, mit einem Mann und zwei Kindern im Baden Württembergischen Schorndorf. Im Sommer 2013 suchte sie sich einen wunderschönen, neuen Platz zum Leben und wohnt nun in Deutschlands Bücherstadt Nr.1: Leipzig.
Als situationsangepasste Lebenskünstlerin sammelte sie Erfahrung in verschiedenen Berufszweigen und widmet sich nun ihrem heimlichen Kindheitstraum, dem Schreiben spannender Geschichten.

Am 16. Juni stellen wir ihre Erzählung Mängelexemplare in unserer Rubrik Phantastikon-Story vor,  heute aber dürft ihr euch bereits über das Interview mit der Autorin freuen.

stefanie

© Stefanie Maucher

Phantastikon: Liebe Stefanie. Es ist ja nun kein Geheimnis mehr, dass Frauen sich genauso für Horror und Phantastik interessieren und da sogar sehr gut vertreten sind. Würdest du dennoch sagen, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, was die Herangehensweise betrifft?

Stefanie: Bei manchen meiner Geschichten trifft das sicherlich zu. Fida und Kalte Berechnung haben jeweils sehr starke weibliche Protagonisten. Mütter, die um ihre Kinder bangen und dadurch in Extremsituationen geraten. Ich mache mir einen perfiden Spaß daraus, die Emotionen meiner Leser zu steuern, indem ich sie sehr nah an die Gefühlswelt meiner Handlungstragenden heranlasse. Ob ein Mann die ebenso gestaltet hätte, wage ich zu bezweifeln. Ansonsten macht es für mich persönlich keinen Unterschied, ob da nun Männlein oder Weiblein in die Tasten hämmert. Hauptsache, die Geschichte, die am Ende raus kommt, reißt mit.

Phantastikon: Und was wäre das? Gibt es typische Anlagen in einer Geschichte, von der du sagen würdest: Das ist es. So muss eine Geschichte beschaffen sein?

Stefanie: Klar. Zunächst mal wären da die ersten ein-zwei Seiten. Die müssen mich bereits in die Geschichte hineinziehen, Neugier wecken, mir einen Konflikt versprechen, oder die Frage in mir aufwerfen: „Irgendwas ist da im Busch – was steckt dahinter?“. So suche ich mir als Leser Bücher aus, wenn mich Cover und Klappentext zwar neugierig machen, ich mir aber noch nicht zum Kauf entschlossen habe. Das lässt sich auch auf das Schreiben umlegen. Wenn es gelingt, dass man schnell in die Story hineinfindet, ergibt sich der Rest praktisch von selbst. Ich mag es von Anfang an fesselnd mit konstant steigender Spannung. Aber generell beantworten kann ich diese Frage eigentlich gar nicht. Jede Geschichte ist anders und verrät einem Autor mit Textgefühl erst während des Schreibens, was sie braucht.

Phantastikon: Warum glaubst du, ist gerade die Phantastische Literatur mit ihren zahlreichen Unterströmungen so beliebt? Sie ist ja längst nicht mehr nur als trivial abgestempelt. Und vor allem: was bewegt dich, in dieser Richtung zu arbeiten?

Stefanie: Diese Richtung bietet zahlreiche Möglichkeiten, in Abgründe jeglicher Art zu blicken. Seien es Monstren aus einer anderen Welt oder jenes, das in uns selbst wohnt – diese Bestien ans Licht zu zerren, macht die Phantastik einfach möglich. Ist doch spannend! Und ich wollte nie einem langweiligen Beruf nachgehen. Darüber hinaus denke ich, dass wir in der heutigen Zeit so reizüberflutet sind, durch Nachrichten, Filme, Medien, dass ein nicht absolut realitätsnahes Abtauchen in eine andere Schreckenswelt eine willkommene Abwechslung darstellt. Das funktionierte für mich schon als Kind sehr gut. Raus aus dem überfüllten Wohnzimmer der Oma, in dem sich auch alle Onkel und Tanten versammelt hatten und in dem man sich gut benehmen musste – und rein ins Buch.

Phantastikon: Hast du eine besondere Herangehensweise, wenn du ein neues Projekt beginnst? Ein Ritual vielleicht? Bringst du dich in Stimmung oder setzt du dich einfach in und schreibst, was dir so einfällt?

Stefanie: Das mag vielleicht das Weltbild mancher Leser erschüttern, aber ich schreibe völlig ritualfrei. Kein vorab vergossenes Hahnenblut, keine Andacht, nicht mal ein flehendes Stoßgebet, dass kein allzu großer Mist dabei herauskommen möge. Statt Champagner steht meist eine Dose Red Bull neben mir und ich erlaube mir, im Arbeitszimmer zu rauchen, obwohl der Rest der Wohnung rauchfrei bleibt. Vor dem Schreiben habe ich zumeist eine grundlegende Idee, plotte die grob durch. Dann folgen die oben erwähnten ersten Seiten und ab da läuft der Automatismus: Steffi taucht ab in ihre eigene Welt und vernachlässigt das Kochen des Abendessens.

Phantastikon: Also auch keine Vorgabe, soundsoviel Wörter am Tag zu schaffen? Keine feste Uhrzeit? kein Notizbuch neben dem Bett, um nachts schnell einen Gedanken hinzukritzeln?

Stefanie: Manchmal springe ich nachts aus dem Bett, renne rüber ins Arbeitszimmer und notiere mir etwas. Das mit dem Notizbuch habe ich mir schon unzählige Male vorgenommen, vergesse es aber ständig. Über die Jahre manifestierte sich so eine beeindruckende Schmierzettelsammlung.
Am liebsten schreibe ich ohnehin nachts, wenn alle schlafen und mich niemand stört. Insgesamt sollte ich viel disziplinierter sein und mir selbst mehr Vorschriften machen. Tage, an denen ich nicht viel gebacken bekomme, kompensiere ich in der Realität aber mit jenen, an denen die Schreiberei locker von der Hand geht. An solchen schaffe ich sehr viel auf einmal.

Phantastikon: Ist dein Antrieb eine literarische Eitelkeit, ein philosophisches Kennenlernen der eigenen Möglichkeiten oder einfach nur der Wunsch, zu unterhalten?

Stefanie: Von allem ein bisschen? Allem voran ist es eine kreative Tätigkeit, die mir Spaß macht und für die ich Talent mitbringe. Wäre das nicht vorhanden, dann bliebe der Spaß vermutlich auf der Strecke, weil ich von den Lesern nur verbale Ohrfeigen kassieren würde. Genauso gern male ich, verwandle meinen Balkon in ein kleines Paradies, oder ziehe mit meiner Kamera durch die Stadt. Darüber birgt das Schreiben die Möglichkeit, mein Geld mit etwas zu verdienen, das ich leidenschaftlich und gern mache. Man könnte sagen: Da wir alle von irgendwas leben müssen, verbinde ich das Angenehme mit dem Nützlichen.

Phantastikon: Nehmen wir an, du würdest kein Geld mit dem Schreiben verdienen können, würdest du es trotzdem tun? Nach dem Prinzip des armen Poeten? Damit verbindet sich natürlich die Frage nach dem Essentiellen deiner Arbeit.
Die zweite Frage, die ich gleich zusätzlich stellen will: Was würdest du dir vorstellen können, außer dem Schreiben zu tun, um dich zu verwirklichen?

Stefanie: Die erste Frage ist leicht beantwortet: »Ja!« Nicht jedes meiner literarischen Projekte ist auf wirtschaftlichen Ertrag ausgerichtet. Die Anthologie-Reihe „Mängelexemplare“, an der ich seit drei Jahren mitwirke, ist ein schönes Beispiel dafür. Das ist ein Herzensprojekt, für das ich Jahr für Jahr eine Geschichte „spende“, weil es mich einfach stolz und glücklich macht, darin vertreten zu sein. Der Herausgeber – Constantin Dupien, den du ja auch schon interviewen durftest – gibt sich wahnsinnige Mühe mit dem Werk, verbessert und perfektioniert es mit jeder Ausgabe. An dieser Entwicklung teilhaben zu können ist eine tolle Sache. Erst recht, wenn dabei immer ein Schmuckstück für die Ego-Ecke des Bücherregals herauskommt.
Was Frage Nummer Zwei angeht: Mit dem Schreiben (und anderen Dingen, mit denen ich meine Zeit verbringe) verwirkliche ich mich ja bereits selbst. Da ich nicht in einem Job/Leben/Dasein gefangen bin, das mir so nicht gefällt, erübrigt sich die Frage eigentlich. Vermutlich habe ich mich schon mehr selbst verwirklicht als viele der Menschen, die mir Tag für Tag begegnen.

Phantastikon: Gibt es für dich Vorbilder, von denen du sagst: „Meine Güte, wie machen die das nur?“

Stefanie: Da fällt mir spontan Mark Z. Danielewski ein. Der Mann schreibt ja nicht nur. Er verwandelt seine Bücher in teilweise kryptische Wunderwerke, die man auch nach dem dritten Lesen noch nicht vollkommen durchblickt hat. Er spielt mit Format, mit Textformen, lässt seine Geschichten visuelle Fäden durch das Buch ziehen. Oder zwingt den Leser dazu, seine schiere Wortgewalt wie einen Wasserfall über sich hereinbrechen zu lassen, um ihre eigentliche Bedeutung zu begreifen. Eines davon muss man und alle acht Seiten umdrehen, um aus anderer Perspektive dieselbe Handlung neu zu interpretieren. Wenn ich neidisch auf den Intellekt eines anderen Menschen bin, oder auf seine Art mit Worten zu spielen, dann auf seinen.

Phantastikon: Abschließend bleibt noch die Frage, welches Ziel du noch zu erreichen suchst. Du hattest ja von Anfang an einen guten Start in dein Schriftstellerinnen-Dasein. Hat man da eigentlich noch besondere Ziele, auf die man hinarbeitet?

Stefanie: Klar. Wenn man einen guten Start hatte, legt man die Messelatte für Künftiges ja nicht ganz unten an. Irgendwo wächst damit auch der Druck „jetzt nur keinen Schrott zu produzieren“. Man möchte auf diesem Level bleiben, sich noch weiter verbessern, und hat ja noch längst nicht alles erreicht. Aktuell bin ich dabei, ein weiteres gestecktes Ziel zu knacken. Dank großartiger Unterstützung eines kleinen Indie-Record-Labels („Klabautermann Records“), das keine Kosten und Mühen scheut, um Fida als Hörbuch umzusetzen.
Mein besonderes Ziel ist, auch weiterhin „mein Ding“ machen zu können. Irgendwie meinen Weg zu gehen – mit all den großartigen Freunden, Kollegen und Lesern, die mich dabei begleiten.

 

Weiterführende Links:

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Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

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