Interview mit Michael Schmidt: Zwielicht ist eine geile Sache!

Phantastikon: Hallo, Michael. Zwielicht ist Deine Idee. Ein Horrormagazin. Wie definierst Du seinen Charakter? Wild und geheimnisvoll?

Zwielicht: Ein wenig wild, ein wenig intellektuell, ein wenig traditionell und natürlich ein wenig geheimnisvoll. Zwielicht hat viele Facetten und hasst nur eines, und das ist Stillstand.

 

Phantastikon: Dämmriges Licht, verschwommene Konturen. Die Realität hat einen Riss. Aus ihr heraus treten fünfzehn Geschichten. – So hat es angefangen. Ist der Riss größer geworden?

Scharfer Blickkontakt für starke Nerven
Scharfer Blickkontakt für starke Nerven

Zwielicht: Ja, eindeutig. Die Vielfalt war schon immer da. Vom homoerotischen Splatter bis zur sanften Geistergeschichte. Aber mit der Zeit kamen neue Autoren, neue Ideen und mittlerweile bringen wir auch Übersetzungen, vom Klassiker bis zur Moderne. Zuletzt ordnete ein befreundeter Autor die Geschichten sogar als sozialkritische Phantastik ein. Aber trotzdem sollte ein etwaiger Interessent nicht vergessen: Es ist immer noch ein Horrormagazin und nichts für Leute mit schwachen Nerven oder sanftem Gemüt.

Phantastikon: In Zwielicht sind starke Schreiber/-innen vertreten. Szene-Elite?

Zwielicht: Szene-Elite? Ich hatte mal 2006, als ich in Vorbereitung zum Vincent Preis war, die Frage ins weite Rund gestellt: Welche deutschsprachigen Horrorautoren kennt ihr? Die Antwort war etwas ernüchternd. Die Heftromanautoren kannten die meisten und die wurden auch genannt; Jason Dark, Dan Schocker und Wolfgang Hohlbein. Das war es. Natürlich auch noch die Klassiker wie Hoffmann oder Strobl oder Ewers. Ein paar wenige kannten Angerhuber und Gruber, aber nicht so viele.

Das Phänomen findest du aber immer noch. Frag irgendjemand in irgendeinem Forum er soll die Horrorautoren nennen. Da ist außer den Heftromanautoren meist kein Deutscher dabei.
Der Vincent Preis war der Versuch, einer möglichen Szene-Elite ein Gesicht zu geben. Es kann sich ja jeder selbst beantworten, ob dies gelungen ist oder nicht. Das ist wohl eine Aufgabe, die niemals endet. Wenn du dies als Szene-Elite bezeichnest, sind in Zwielicht solche Autoren vertreten. Der eine oder andere hat mittlerweile bei Bastei veröffentlicht, z.B. Christian Weis, Vincent Voss oder Christian Endres. Andere wie Jakob Schmidt sind erfolgreiche Übersetzer. Aber in Zwielicht finden sich immer wieder junge Autoren wie Dominik Grittner oder Sascha Dinse.

Ob einer aus dem Zwielicht -Dunstkreis mal ein richtig erfolgreicher Autor wird und einen Bestseller schreibt? Das kann nur die Zukunft weisen.

Michael Schmidt, Autor und Verleger, bekannt dafür, oft und gern den Rahmen des Gewöhnlichen zu sprengen
Michael Schmidt, Autor und Verleger, bekannt dafür, oft und gern den Rahmen des Gewöhnlichen zu sprengen

Phantastikon: Dir wird (meist?) gutes Material geschickt. Wohl auch viel Durchschnitt, das dürfte normal sein. Ist, sorry, echter Mist dabei?

Zwielicht: Ja, ich bekomme die ganze Bandbreite. Von der Profigeschichte bis zum blutigen Anfänger ist alles dabei. Das ist ja auch gut so. Schließlich muss jeder sich der Öffentlichkeit stellen und wir versuchen immer, ein Feedback zu geben, wenn die Geschichte nicht passt, das ist mal ausführlicher, mal knapper. Manchen würde ich empfehlen, sich einfach vor der Bewerbung eine Zwielicht Ausgabe zuzulegen und zu lesen. Vielleicht würde der ein oder andere dann sehen, dass es bis zu Zwielicht noch ein weiter Weg ist.

Phantastikon: Was kann und schafft Zwielicht?

Zwielicht: Wir bieten Kurzgeschichten und Artikel. Wir versuchen ein breites Spektrum anzubieten. Themenanthologien gibt es wie Sand am Meer, manche sind gelungener als andere. In Zwielicht gibt es dagegen keine Themenvorgabe, auch keine Längenvorgabe, die längsten Geschichten sind über 100 Seiten lang, auch wenn das die Ausnahme ist. Und somit wollen wir den Leser überraschen, ihn schockieren oder ihn aufrütteln oder gar erschüttern. Aber wir bringen nur das, was Achim Hildebrand (mein Mitherausgeber) und mir gefällt.

Es gibt genügend Autoren, die ebenfalls sehr beliebt sind, aber du kennst das ja selbst. Auch bei Bestsellerautoren findet man den einen überragend und den anderen unlesbar. Wir bringen also nicht per se einen Querschnitt aus der Szene. Wir richten uns nur nach unserem Geschmack. Und manche, die wir gerne veröffentlichen würden, haben leider bisher nicht zu uns gefunden. Aber wir hatten noch keine Mühe, ein lesenswertes Buch zusammen zu bekommen.

Phantastikon: Was will Zwielicht auf keinen Fall?

Zwielicht: Wir „bereichern“ die Szene nicht mit der tausendsten Lovecraft Anthologie, bringen nicht die millionste Zombiesammlung und wollen auch keine kruden Themen wie „Bösartiges Frühstück“ sammeln. Und wir veröffentlichen Geschichten, keine Autoren. Also wenn eine Geschichte nichts taugt, bringen wir die nicht, nur weil da ein großer Name dahinter steckt.

Phantastikon: Es gibt Zwielicht und Zwielicht Classic. Zwei Paar höchst interessante Schuhe. Wer trägt welche?

Zwielicht: Zwielicht bringt nur deutsche Erstveröffentlichungen, lässt man mal den TED Klein Artikel von Frank Duwald und Das Tal der Tiere von Algernon Blackwood ab. Der war aber so großartig, da konnten wir nicht widerstehen. Seit Zwielicht 3 ist da auch die eine oder andere Übersetzung dazu gekommen.
Zwielicht Classic bringt dagegen nur Nachdrucke von Geschichten, die schon mal irgendwo erschienen sind. Dabei mischen wir großartige und prämierte Geschichten mit Perlen, die wohl selbst den Horrorexperten entgangen sein dürften.

Phantastikon: Du als Kopf von Zwielicht hattest ja Deine Vorstellungen. Sind die eingetroffen? Geblieben und gewachsen?

Zwielicht gewann dreimal in Folge den Vincent Preis
Zwielicht gewann dreimal in Folge den Vincent Preis

Zwielicht: Ursprünglich wollte ich zweimal im Jahr ein Kompendium für die Szene-Elite bringen. Der Erscheinungsrhythmus, den ich vorhatte, ist mir erst mit dem Wechsel zu Saphir im Stahl gelungen. Dort erscheinen die Bände seit der dritten Ausgabe. Den Autoren eine regelmäßige Publikationsmöglichkeit zu bieten, ist gelungen, aber man sieht, dass kaum jemand es schafft, zweimal im Jahr etwas Überragendes herauszuhauen.

Aber das ist nicht schlimm, schließlich gibt es genügend interessante Autoren und so bietet Zwielicht ausreichend Abwechslung. Und da sich die Szene ziemlich in die Breite entwickelt hat seit 2007 und ich glaube, mit dem Vincent Preis und Zwielicht da einen gewissen Anteil beigetragen zu haben, gibt es mittlerweile sogar mehr als genug Möglichkeiten für die Autoren, sich dem Publikum darzubieten.

Ja, der Leser hat es mittlerweile schwer, aber es ist ja eine angenehme Schwierigkeit. Und im Zweifel soll er einfach zu Zwielicht greifen-).

Phantastikon: Wir behaupten mal: Kurzgeschichten können Meisterklasse des Genres sein, werden aber oft in arrogantem Abwasch wie entfernte Verwandtschaft behandelt. Kann man das so stehen lassen? War das so, ist das so?

Zwielicht: Bei Kurzgeschichten ist es wie bei Romanen, der gravierende Unterschied ist, von den Kurzen gibt es mehr: Es gibt die herausragenden Juwelen, die besonderen Perlen, die unterhaltsamen Pralinen und eine Masse an recht uninspirierten Geschichten. Was bei den Kurzgeschichten halt enorm ist. Es tummeln sich erste Versuche mit ausgereiften Kunstwerken und beides läuft unter Kurzgeschichten und wenn es schräg läuft, finden die in einem Buch zueinander, auch wenn das glücklicherweise nicht die Regel ist.
Eine tolle Kurzgeschichte ist ein Kunstwerk, hat viele Facetten und bieten intensiv auf engstem Raum, eine Szenerie, die einen hoffentlich so schnell nicht mehr loslässt.
Der Roman dagegen besticht ja oft eher auf längerer Sicht, da entfaltet sich die Geschichte völlig anders. Wenn eine Kurzgeschichte nur eine kurze Geschichte ist, kann sie natürlich auch ihren Charme haben. Aber die wahre Kunst der Kurzgeschichte ist es ja gerade, anders zu sein als ein Roman. Aber leider wird das viel zu selten honoriert.

Erstklassige Cover: Ausnahmslos
Erstklassige Cover: Ausnahmslos

Phantastikon: Wenn Du vor laufender Kamera gefragt würdest, was Dir zu deutscher Horror-Literatur einfällt, was kommt Dir spontan in den Sinn?

Zwielicht: Die deutsche Horror-Literatur neigt den Blick nach hinten. Sie ist in der Vergangenheit verhaftet.

Phantastikon: Und wenn Du Dir etwas Zeit für die Antwort nehmen darfst (für uns immer!)?

Zwielicht: Auf den zweiten Blick zeigt sich, das unter der klebrigen Poe/Lovecraft Fassade, und unter der plumpen Zombie/Gewalt/Monstersperma Füllmasse, eine bezaubernde Welt steckt, mit glitzernden Perlen, die leider allzu oft nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind.

Wenn ich sehe, wie oft ich –vor allem auch unaufgefordert – positives Feedback zur Zwielicht Reihe bekomme, da bin ich mir sicher, dass dort draußen in der großen Welt einer erkleckliche Anzahl an Lesern ist, die deutschsprachigen Horror genießen würden, wenn sie die entsprechende Qualität vorgesetzt bekommen würden.
Aber wie erreicht man diese Leser? Wenn ich mir das Programm der großen Verlage ansehe, scheint es mir so, als hätten die das aufgegeben und sie füllen den Markt nur mit dem, was scheinbar verlangt wird.

Phantastikon: Ist ein Horrormagazin so was wie (D-)ein Kindheitstraum? Oder ein verdammt guter Alptraum?

Zwielicht: Ich hatte ursprünglich, als ich Ende 2000 wieder mit dem Schreiben anfing, mit Sicherheit nicht geplant, ein Horrormagazin herauszugeben. Aber wenn ich mit dem Gedanken spiele, das Projekt Zwielicht zu beenden, merke ich immer, das der Weg noch nicht zu Ende ist. So gesehen ist es eher ein Altherrentraum Aber einer, der bei allen Unbilden doch sehr viel Vergnügen bereitet. Und ich möchte mich an dieser Stelle mal bei allen Verlegern, Autoren, Illustratoren, Lektoren, Mitherausgebern, Lesern, Kritikern und Neidern herzlich bedanken. Zwielicht ist eine geile Sache.

Phantastikon: In diesem unheimlichen Sinne: Dann mal weiter so. Dank an Dich.

Zwielicht: Ich möchte mich bei dir bedanken. Und grüße die Phantastikon Gemeinde ganz herzlich. Möge die Phantastik euch weiterhin gewogen bleiben.

Zwielicht

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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