Interview mit Constantin Dupien

P:  Hallo Constantin, danke, dass du uns eine Geschichte von dir für die PHANTASTIKON STORY überlassen hast (Das Ende, aus dem Band Mängelexemplare: Dystopia).

Wie lange schreibst du eigentlich schon? Und war das immer schon phantastische Literatur?

C: Hallo Michael, vielen Dank für die Möglichkeit, diese Geschichte präsentieren zu dürfen.

Zu deiner ersten Frage: Ein bisschen geschrieben habe ich schon zu Schulzeiten, als ich 16, 17 Jahre alt war. Vornehmlich waren das Gedichte und kürzere, humorvolle Texte, zum Beispiel Glossen. Danach herrschte jahrelang kreative Stille, bis ich Anfang 2012 das erste Mal Edgar Allan Poe in Originalsprache gelesen habe. Irgendwie hat diese Lektüre wieder die Lust am Schreiben in mir geweckt. Seitdem habe ich etwas mehr als 20 Kurzgeschichten sowie einige Gedichte und Gedankenspiele verfasst und vier Anthologien herausgegeben.
Das Spektrum beschränkt sich jedoch nicht nur auf Phantastisches. „Das Ende“, zum Beispiel, sehe ich mehr als eine Science-Fiction Erzählung mit Horroranleihen. Darüber hinaus beschäftige ich mich auch mit Kriminalliteratur, weil ich als Leser dieses Genre am meisten mag.

Was sich jedoch wie ein roter Faden durch fast alle meine Geschichten zieht, ist die Liebe. Ich finde, dass die Liebe vor allem in der Phantastik und im Horror elementar wichtig ist. Diese Antipode verleiht der oft düsteren Grundstimmung die notwendige Emotionalität, damit die Leser sich mit den Charakteren identifizieren und mit ihnen fühlen können. Neben Habgier ist es das wohl größte Motiv bei Mordfällen. Und eigentlich ist doch unser ganzes Leben von dem Wunsch oder der (unerfüllten) Hoffnung, geliebt zu werden, bestimmt.

P: Das hast du gut ausgedrückt.

Wenn du schon Poe ins Feld schickst, wirst du bei ihm ja wahrscheinlich auch besonders die Dupin-Erzählungen mögen. Hat dein Pseudonym etwas mit diesem Prototypen der Detektivgeschichte zu tun?

C: Ja, das ist richtig, mein Pseudonym ist eine Ableitung von Dupin.
Als ich für mich beschlossen habe, nicht mehr unter meinem richtigen Namen zu veröffentlichen, habe ich lange nach einem griffigen Künstlernamen gesucht. Dass ich den Vornamen beibehalte – als Ausdruck meiner eigenen Identität, die durch ein Pseudonym ja nicht verloren gehen soll –, war relativ schnell klar. Einen passenden Nachnamen zu finden, war dafür umso schwieriger. Zum einen wollte ich als deutscher Autor keinen englischen Begriff verwenden, andererseits sollte es auch nicht einfach nur ein großgeschriebenes Horror-Adjektiv sein. Constantin Evil oder Constantin Unheilvoll klingen nicht wirklich cool und stimmig, oder?

band1Nach einer Weile bin ich an Dupin hängen geblieben – immerhin als Protagonist in der ersten Detektivgeschichte überhaupt ein echter Vorreiter und zugleich Blaupause für Sherlock Holmes, dessen Abenteuer ich in meiner Jugend regelrecht verschlungen habe.
Nun ja, spricht man den Namen deutsch aus, liest es sich wie Dupien. So einfach ist es manchmal… Ich mag den Namen sehr.

P: Auffällig ist dein breites Repertoire, das ja eben von dieser Poe-Inspirierten Atmosphäre bis hin zu Gedichten gespannt ist. Nun, Gedichte hat vielleicht jeder einmal in seinem Leben geschrieben. Die meisten wollen sie gerne verstecken, du aber nicht. Bedauerst du, dass man heute mit Lyrik so wenig anfangen kann?

C: Ich bin, ehrlich gesagt, selbst kein ausdauernder Lyrikleser. Ich mag sehr gerne Klassiker wie Heinrich Heine, einige moderne Vertreter, zum Beispiel die Gedichte des Schauspielers Michael Madsen, und – ein klein wenig artfremd – die Fabeln von Jean de La Fontaine. Aber einen ganzen Band würde ich nicht am Stück lesen wollen. Prosa liest sich flüssiger, man kann Geschichten ganz anders erzählen, großangelegte Handlungsbögen aufziehen. Oft wirken Gedichte auch bemüht (zwanghaft das Reimschema erfüllen, künstliche Sprache), sind zu bedeutungsschwanger.

Spannend finde ich es, wenn man Prosa und Lyrik vermischen kann. Sowohl bei Kurzgeschichten als auch bei lyrischen Werken geht es darum, pointiert zu schreiben, das kann wirklich gut miteinander funktionieren.

In Mängelexemplare: Haunted wird es ein großes, dreiaktiges Gedicht geben, das an verschiedenen Stellen zwischen einzelnen Erzählungen auftaucht. Ich denke, so etwas kann bei den Lesern sehr gut ankommen und sie begeistern.

P: Du hast da ein wichtiges Stichwort geliefert: Die neue Ausgabe der Mängelexemplare steht an. Wann genau wird Mängelexemplare: Haunted denn erscheinen? Und wie kamst du überhaupt dazu, als Herausgeber dieser Reihe zu fungieren?

C: Puh, wir – also der Amrûn Verlag und ich – liegen aktuell in den letzten Zügen. Die Texte sind alle lektoriert und korrigiert, alle Geschichten, Gedichte, Illustrationen und Fotos sind gesetzt. Jetzt geht es in die Endprüfung. Ich bin da sehr pedantisch und lese das Buch sicher noch einige Male quer, und dann geht es ab in den Druck. Ich denke, ab Mitte April sollte zumindest das E-Book verfügbar sein.

Wie ich zu den Mängelexemplaren gekommen bin? Ich hing Ende 2012 – zwar ohne Verlag, dafür aber mit einer guten, für mich zündenden Idee und einigen tollen Autoren – in der Luft, weil sich ein Projekt kurzfristig zerschlagen hatte. Dann bin ich einfach aktiv auf Kleinverlage, mit denen ich mir eine gute Zusammenarbeit vorstellen konnte, zugegangen und habe mein Projekt vorgestellt. Schlussendlich bin ich, nachdem der erste Band der Mängelexemplare in der Edition Lepidoptera erschienen, bei dem Amrûn Verlag gelandet, wo ich mich sehr wohl fühle und ich einen sehr vertrauensvollen Umgang mit dem Verleger pflege.

Dass die Anthologie am Ende den Titel Mängelexemplare und andere makabere Geschichten tragen sollte, beruht zum einen auf der titelgebenden Story „Mängelexemplar“ von Stefanie Maucher, zum anderen ist es auch eine augenzwinkernde Kampfansage und ein ironischer Blick auf einige negative Erfahrungen, die ich gemacht hatte.

P: Warum hast du eigentlich angefangen, dich auch als Herausgeber zu sehen? Bist du mit deiner schriftstellerischen Arbeit nicht ausgelastet? Und wie ist deine Herangehensweise, wenn du eine neue Anthologie planst?

C: Ganz im Gegenteil, ich würde sehr gerne viel mehr Zeit in das Schreiben investieren, gerne einen Roman schreiben, was ich mir als nächstes Projekt auch fest vorgenommen habe.
Aber das Schreiben allein füllt mich nicht komplett aus. Ich mag es einfach, zu organisieren, möchte bei allen Prozessen meine Finger im Spiel haben. In meiner Zeit als Herausgeber habe ich viele, viele sympathische und unglaublich kreative Leute kennengelernt, von denen einige zu echten Freunden geworden sind. Darüber hinaus habe ich anscheinend ein Talent, Leute zu animieren und zu motivieren, zuweilen sogar umzustimmen

Mängelexemplare-DystopiaFür die Mängelexemplare-Reihe habe ich eine Facebookgruppe gegründet, die „Mängelexemplare-Familie“, in der ich alle bisherigen Beteiligten dazu eingeladen habe, sich untereinander auszutauschen und in Kontakt zu bleiben. Wir sind mittlerweile 39 Mitglieder. Das finde ich klasse.

Bei einer Anthologie suche ich immer zuerst nach einem Thema. Etwas, das ich selbst sehr gerne lese und bei dem ich denke, dass es auch andere Leser interessieren könnte und sie noch nicht übersättigt sind.

Im nächsten Schritt überlege ich mir, welche Autoren gut zu dem vorgegebenen Thema passen würden. Ich verfasse eine kleine Ausschreibung mit minimalistischen Vorgaben und einer Themeneinführung, die ich dann den Leuten zusende, die ich gerne im Buch vertreten sehen würde. Wichtig ist mir, dass dabei nicht nur bekanntere Verlagsautoren und aufstrebende Schriftsteller anspreche, sondern auch Self-Publisher und interessante Neueinsteiger, die bisher erst wenig veröffentlicht haben, angesprochen werden. Das garantiert einen abwechslungsreichen Mix, schließlich widmen sich alle dem gleichen Sujet. Ich arbeite auch gerne mit Künstlern zusammen, die die einzelnen Geschichten illustrieren. Das lockert das Gesamtbild ein wenig auf.

Erstaunlicherweise erhielt ich bisher bei allen drei Mängelexemplare-Bänden auf fast alle Anfragen eine positive Rückmeldung, auch bei Autoren, die auf einer ganz anderen, viel professionelleren Ebene arbeiten als ich.

Die Geschichten lektoriere und korrigiere ich gemeinsam mit einer professionellen Lektorin, die ich 2012 kennengelernt habe. Sie ist auch selbst als Autorin bei den Mängelexemplaren immer mit dabei. Ich bin sehr froh, auf ihre Hilfe zurückgreifen und von ihr lernen zu können.

Parallel versuche ich dann, selbst auch noch irgendwie, einen Beitrag zu schreiben. Ein großer Vorteil (oder eher Nachteil?) als Herausgeber ist es, dass ich mich nach keiner Deadline richten muss.

Bei den Trailern zu „In Blut und Liebe“ (eine Sammlung meiner Kurzgeschichten) und „Mängelexemplare: Dystopia“ musste ich übrigens auch als Darsteller herhalten. Die Videos habe ich mit einem guten Freund aus Düsseldorf gedreht, der dafür jeweils extra nach Leipzig gekommen ist. Beide Videos spielen also in meinem Lebensumfeld. Die Arbeit hört für mich also nicht mit Abgabe der letzten Korrekturfahne am Buchblock auf.

P: Das hört sich in der Tat vielbeschäftigt an. Und dann gibt es bei dir ja noch den Sport. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich keinen Schriftsteller kenne, der sich als Sportjunkie bezeichnen würde. Manche Autoren kleiden sich in feinsten Zwirn, andere schreiben nackt, die einen trinken literweise Tee … ist Sport also deine persönliche Macke um auf ausgefallene Ideen zu kommen?

C: Naja, eine Macke ist das schon, sonst fröne ich aber recht wenigen Lastern (okay, Koffein-Junkie …). Aber eine kleinen Knacks braucht ein Mensch doch, oder?
Ich versuche, mindestens vier bis fünfmal in der Woche Sport zu treiben. Das passiert aus einem inneren Antrieb heraus, weil ich mit Ruhephasen wenig anfangen kann. Am liebsten im Sommer bei sengender Hitze. Außerdem esse ich gerne und viel, da muss man ja Vorarbeit leisten, um die Bikinifigur zu halten 😉

Constantin Dupien
Constantin Dupien

Die Sportsozialisierung ging früh los, ich spiele seit über zwanzig Jahren in einem Tennisverein, in dem ich mich seit einigen Jahren auch ehrenamtlich engagiere, und betreibe seit meiner Jugend sehr gerne Ballsportarten wie Fußball und Basketball. Irgendwann kam dann noch das Laufen dazu, das eine Zeit lang vom Fitnessstudio verdrängt wurde. Mittlerweile hält sich alles ungefähr die Waage. Ich brauche diesen Ausgleich zum Arbeitstag, wo man neun bis zehn Stunden im Bürostuhl sitzt.

Und ja, wer schon einmal bei sternenklarer Nacht oder an einem trüben, nebelverhangenen Herbstnachmittag Joggen war, der weiß, dass einem dort die verruchtesten und verrücktesten Ideen kommen. Ich wette, dass Torsten Scheib da noch einiges mehr zu berichten weiß. Der ist ein sehr passionierter Läufer.

P: Du hast schon angedeutet, dass du vom Schreiben und Herausgeben nicht leben kannst. Ich frage dich jetzt nicht nach deinem Brotjob, aber mich würde schon interessieren, ob du den Ehrgeiz hast, irgendwann als reiner Schriftsteller durchzugehen. Oder hältst du das heutzutage für utopisch?

C: Sicher träumen fast alle Autoren davon, eines Tages so viele Leser von ihren Welten und Geschichten begeistern zu können, um davon leben zu können.

Ich sage aber ganz ehrlich, dass ich das Schreiben und Herausgeben als reines Hobby betrachte. Vordergründig geht es mir darum, gelesen zu werden und eine qualitativ hochwertige Marke zu etablieren – sei das nun der Name Dupien oder die Buchreihe Mängelexemplare. Ob ich in ferner Zukunft versuchen möchte, das Schreiben als Profession aufzufassen und zu leben, kann ich jetzt im Moment noch nicht sagen. Das würde ich nicht als fehlenden Ehrgeiz auffassen, sondern als eine Frage der Grundeinstellung. In meiner gegenwärtigen Lebenssituation bin ich sehr zufrieden damit, nicht von den Verkaufszahlen meiner Bücher abhängig zu sein, sondern Projekte aus einem inneren Antrieb heraus zu realisieren. Das wird sich so schnell bestimmt nicht ändern.

Im Allgemeinen bin ich mir jedoch ziemlich sicher, dass man – vor allem als pfiffiger Self-Publisher mit einigen Marketingkenntnissen und einem Gespür für die sich ständig wandelnden Mechanismen im Onlinebereich – seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller bestreiten kann. Man hört da ja immer wieder von extrem hohen Verkaufszahlen im vier- bis fünfstelligen Bereich. Das sind jedoch Ausnahmen.

P: Allerdings. Ich selbst kann mir jedoch nicht vorstellen, dass aus den Reihen der Self-Publisher jemals ein literarisches Werk den Weg zu uns findet. Du siehst das wahrscheinlich ganz anders. Das Problem ist die unfassbare Gleichschaltung der Texte. Viele Autoren schreiben leidlich, aber eine eigene Handschrift entdecke ich da nirgends. Glaubst du, dass die Kluft zwischen anspruchsvoller Literatur und der gegenwärtigen Ebook-Mode noch weiter aufreißen wird?

C: Das ist eine der großen Diskussionen, die es immer wieder in den einschlägigen Foren und den Sozialen Netzwerken zu lesen gibt. Nach meinem Gefühl diskutieren da nicht so stark die reinen Leser, sondern sehr viele (Hobby-)Autoren, und das zum Teil ziemlich vehement. Das Lagerdenken ist stark ausgeprägt zwischen jenen, die das Selbstpublizieren verteufeln, da so jeder ungefiltert und nahezu hürdenlos seine Bücher veröffentlichen kann, und jenen, die darin die große Befreiung von den steifen Verlagen sehen, die vielleicht zu strikt programmatisch arbeiten, zu wenig wagen oder die manches echte Talent verkennen.

Die Wahrheit wird wohl irgendwo in der Mitte liegen. Fakt ist: Es gibt unglaublich viel Schrott auf dem Indie-Markt, der lieblos zusammengeschustert wurde – sicher auch in sehr großen Teilen von Hobbyschreibern, die da mal eben ihren letzten Satz unter das Manuskript gesetzt haben und es gleich unreflektiert in die Hände der Leser übergeben möchten.

Wenn der Autor dann ein paar Euro in die Hand nimmt und ein schickes Cover in Auftrag gibt und gemeinsam mit einigen Freunden einen brauchbaren Klappentext dichtet, kann man sich sicher leicht blenden lassen. Ob der Autor handwerklich etwas drauf hat und ob ein Werk professionell lektoriert und korrigiert wurde, lässt sich vorab dann nur über eine Leseprobe herausbekommen. Denn über die Rezensionen, zum Beispiel bei Amazon oder bei einigen weniger kritischen Literaturblogs, lässt sich die Wertigkeit eines Buches heute kaum noch richtig einschätzen. Nur, wer hat die Zeit, in diesem unendlichen Meer die wahren Perlen herauszufischen?

Zum Glück kenne ich einige gute Rezensenten, die sich auch mit Indie-Büchern befassen. Denn auch da gibt es natürlich verdammt gute! Also ja, ich bin der Meinung, dass es auch in der Self-Publisher Szene richtig, richtig gute Schreiber gibt, die eine eigene Handschrift und einzigartige künstlerische Identität haben. Im Endeffekt ist das Self-Publishing lediglich das Mittel zum Gang in die Öffentlichkeit und kein grundlegendes Qualitätsmerkmal für einen Autor

Ich muss aber sagen, dass es auch bei Verlagsveröffentlichungen immer wieder Nullnummern gibt, bei denen es an einer professionellen Nachbearbeitung mangelt oder das einfach nicht gut geschrieben ist.  Nicht jedes Buch, das mich nicht begeistert, erachte ich als schlecht. Das sind subjektive Eindrücke. Aber ich bilde mir schon ein, ein kritischer Leser zu sein, der recht objektiv einschätzen kann.

Abschließend kann ich mir gut vorstellen, dass in Zukunft einige Verlagsautoren umsatteln könnten oder es schon getan haben. Die Verlage in Deutschland, nicht nur in der Belletristik, haben den digitalen Umbruch ganz schön verschlafen, reagieren erst jetzt mit mehr oder weniger innovativen Projekten. Andersherum wird es in Zukunft sicher immer mehr Indie-Autoren geben, die Klein- und Publikumsverlage auf sich aufmerksam machen werden. Das Scouting wird sich in den nächsten Jahren sicher stärker auf diesen Markt konzentrieren.

Haunted_LogoP: Was erwartest du von einer Geschichte oder einen Roman, den du gut findest? Du hast ja weiter oben Poe erwähnt, der in dir etwas ausgelöst hat. Poe tat zwar immer so, als seien seine Texte streng durchkomponiert, aber in Wirklichkeit beziehen sie ihre Kraft doch eher aus einer literarischen Verrücktheit heraus.

C: Meine Leidenschaft sind eigentlich klassische, faire (dem Leser werden keine entscheidenden Details vorenthalten, wie zuweilen bei einigen Agatha Christie-Fällen) Detektivgeschichten.

Ich hänge da noch noch ein wenig in der Vergangenheit fest. Ich liebe die Bücher von S. S. Van Dine (Philo Vance), Georges Simenon (Kommissar Maigret), John Dickson Carr (Gideon Fell und Henry Merrivale) und natürlich Sir Arthur Conan Doyle, wie zu Beginn bereits angedeutet. Kurzum: Geschichten, die sich in spannender Manier um ein mysteriöses/unerklärliches Ereignis oder Phänomen ranken und dabei auf den CSI-Schnickschnack verzichten, finde ich gut.

Die Phantastik ist da gar nicht soweit entfernt. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass sich in der Detektivgeschichte eine rationale Erklärung finden lässt-, wohingegen in der Phantastik alles möglich ist, und das Unerklärliche zur Realität werden kann. Der Autor Vincent Voss hat das sehr schön formuliert:

„Mir ist aufgefallen, dass man den Thriller ja auch von der anderen Seite aufziehen kann, will sagen, mein Steckenpferd, das Horror-Genre arbeitet ja so, dass das Unerklärliche, das Übersinnliche nach und nach rational erklärt und in die reale Welt eingebettet werden will. Beim Thriller kann sich gerne das Unerklärliche und Übersinnliche nach und nach einschleichen, es bedarf dann aber einer alltagsweltlichen Lösung. Beides macht Spaß.“

Von einer Geschichte, egal aus welchem Genre, erwarte ich grundlegend zum einen lebendige Charaktere, die ein Gefühl in mir auslösen. Außerdem sollte der Plot etwas Neues bieten. Klar, es existiert ein unendliches Spektrum an Texten, sodass eigentlich (fast) jedes neue Werk vorhandene Ideen aufgreift (Intertextualität). Mir ist es wichtig, trotzdem die eigene Note des Autors zu erkennen, ebenso den Versuch, einem bekannten Thema neue Aspekte abzugewinnen.

Dass ein Buch möglichst frei von Fehlern sein sollte, setze ich als selbstverständlich voraus.

 

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.