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Im stillen Kämmerlein.

Gibt es etwas Schöneres, als ganz alleine vor sich hinsinnend ganze Welten und Universen zu erfinden? Schon als Kind konnte ich stundenlang, vollkommen außerhalb jeglichen Zeitgefüges, in meinem Zimmer hocken und wahlweise unter Zuhilfenahme von Lego, Playmobil oder meinen heißgeliebten Matchboxautos eigene Realitäten erschaffen. Mein Vater hat mir einmal erzählt, dass er nach länger andauernder Stille im Kinderzimmer nachschauen ging und mich ohnmächtig hingesunken zwischen all meinen Spielsachen fand – so intensiv muss mein Geist damals gereist sein, dass er der körperlichen Hülle zu entschlüpften versuchte.

Auch heute noch praktiziere ich dieses stille Herumwandern in meinen Lieblingswelten im eigenen Kämmerlein. Im gemeinsamen Chalet habe ich das Glück, ein eigenes “Bubenzimmer” zu haben, samt (künstlichem) Eisbärenfell, Wandteppichen, Bett und einer Auswahlbibliothek, in der meine liebsten Fantasy- und Science Fiction-Bücher aufbewahrt werden, zudem noch meine Comics, diverse Figuren und sonstiges Männerspielzeug. In diesem Raum hält übrigens auch gerne meine alte Katze ihr Schläfchen und am liebsten mag ich es dort, wenn der kühle Regen aufs Dach prasselt und der Heizlüfter mich mit einem ständigen Strom warmer Luft bedeckt.

Es fasziniert mich sehr, dass meine ewigen Lieblingsautoren H. P. Lovecraft und Robert E. Howard, die ebenfalls in so einem “stillen Kämmerlein” (abgeschieden von einer für sie unerklärlichen Lebensrealität ihre obskuren Geschichten ersinnend) sich noch immer und immer wieder allergrößter Popularität erfreuen. Lovecraft lasse ich dieses Mal außen vor, da sein Wesen und innerer Antrieb dank unermüdlicher Forscher wie S. T. Joshi so gut wie eben möglich erforscht ist. Für immer rätselhaft hingegen bleibt vermutlich das kurze, seltsame Leben seines besten Brieffreundes und “Weird Fiction”-Schreibers Robert E. Howard, dessen Person hinter dem gewaltigen Berg seiner gewichtigen Werke nahezu unsichtbar ist.

Robert E. Howard (1906-1936)

Robert E. Howard (1906-1936)

Über Howard schreibe ich heute übrigens deswegen, weil der Festa Verlag, der sich ja seit vielen Jahren rührend um eine hochqualitative Herausgabe von Weird Fiction-Autoren in deutscher Sprache verdient gemacht hat, nun dessen legendäre Conan-Stories in den Urfassungen herausbringt – das werden insgesamt sechs reich illustrierte Bände sein, die man als Fantasy-Liebhaber natürlich in seiner Bibliothek wird haben müssen.

Die Conan-Storys zählen bis heute zu den Highlights aus Howards reichhaltigem Schaffen, sie sind bewusst in groben Pinselstrichen gehaltene, farbenfrohe Pastiches aus dem “Hyborischen Zeitalter”, ungefähr 10.000 Jahre vor unserer Zeit. Und wenn man sich den muskelbepackten Hauptprotagonisten betrachtet (am stimmigsten in zwei Filmen verkörpert von Arnold Schwarzenegger), darf man das aus heutiger Sicht schon als lupenreine “Bubenliteratur” bezeichnen. Die Geschichten um Conan sind weitestmöglich entfernt von feinsinniger post-tolkienesker High Fantasy, hier gibt es keine edlen Motive, sondern nur das Überleben in einer lebensfeindlichen, düsteren, prähistorischen Welt.

Überhaupt ist dieses Genre der sogenannten “Low Fantasy”. “Heroic Fantasy” bzw. “Sword & Sorcery” etwas, das von außen betrachtet heute eher peinlich und antiquiert, von innen jedoch (sofern man sich darauf einlässt) sehr episch und brachial wirkt, so wie der überlaute Genuss einer Heavy Metal-Band, wenn man den Kopf in die Bassdrum des Drummers steckt. Und hier wird schamlos überhöht – der Held dieser Storys wächst sozusagen immer über seinen Schöpfer hinaus. Man denke an Howards glühendsten Verehrer Karl Edward Wagner, der den unsterblichen Krieger Kane erschuf. Und selbst doch nur eine verkrachte Existenz war, ein Trunkenbold, der früh an den Folgen seines Alkoholismus starb.

Und Robert E. Howard selbst: ein schmächtiger, schüchterner Junge, Zeit seines Lebens fanatischer Bodybuilder, um seine Komplexe zu überdecken – der sich zwar im staubigen Texas der amerikanischen Depression in allen möglichen “Männerberufen” versuchte, im Endeffekt aber ins Elternhaus zurückkehrte, um in seinem ehemaligen Kinderzimmer sein letztes Refugium zu beziehen und auf seiner klapprigen Schreibmaschine glühende Heldensaga um Heldensaga herauszumeißeln.

Conan - Illustration von Frank Frazetta

Conan – Illustration von Frank Frazetta

Geplagt von Ticks, Zwängen und Paranoia (leider, man muss es zugeben, nicht weniger rassistisch als sein Freund Lovecraft), war Howard hauptsächlich in ein fast inzestuös zu nennendes Verhältnis mit seiner Mutter verstrickt – ihre schwere Lungenerkrankung, die sie ins Koma fallen ließ, verbunden mit Howards ständiger Angst vor Alter und Siechtum, führte letzendlich dazu, dass er sich bereits mit 30 Jahren das Leben nahm. Was von ihm bleibt, ist der spezielle Zauber seiner Geschichten. In den Conan-Storys glüht die finstere Atmosphäre, mit reiner Wissenskraft erhebt sich Howard über sein ärmliches, verpfuschtes Leben und verewigt sich in einem brutalen, finsteren Antihelden, dessen animalische Züge ihn nahezu unbesiegbar machen und ihn dazu prädestinieren, als finsterer König zu herrschen.

Imposante Kontinente, gigantische Zeitspannen, übermenschliche, finstere Helden, sinistre Zauberer, gemeißelt in kolossale Geschichten, die da ein muskulöser Riese mit einer kaputten, verletzten Seele in seinem Kinderzimmer ersann, während sein Freund Lovecraft sich wiederum in seinem Kämmerchen seiner ganz persönlichen, bizarren Kosmogenese hingab; Spannungsfelder, aus denen Prosa erwächst, die unsterblich ist. Und immer wieder aufs Neue zu reizen, zu reiben und zu begeistern weiß. Weil sie meine Fantasie unendlich beflügelt, und eure hoffentlich auch!

Hier bestellen: Conan – Band 1 – Die Originalerzählungen

Doc Nachtstrom

Geboren 1967 in Graz/Österreich, in den 1990er-Jahren als Elektronikmusiker und Filmkomponist beschäftigt, seit dem Millennium Moderator in einem Grazer Privatradio und in Wien für die Sendung “House of Pain” bei FM4/ORF tätig. Arbeitet weiters als Journalist und Herausgeber (Zeitschrift “Visionarium”, Anthologien) ist leidenschaftlicher Büchersammler (8000+) und Die Hard-Fan aller Spielarten der Phantastik.

1 Kommentar zu Im stillen Kämmerlein.

  1. Gibt es etwas Schöneres, als…? Nö.
    Was Du schreibst, weckt Erinnerungen. Und Abenteuerlust.

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