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Im Königreich des Alptraums

Titelbild von Yang Xuego

2015 wurde Thomas Ligotti die Ehre zuteil, mit seinem ersten beiden Werken “Songs of a Dead Dreamer” und “Grimscribe” als einer von zehn lebenden Autoren in die Penguin Classics aufgenommen zu werden. Die Bücher in dieser Serie gehören zum wichtigsten des westlichen Literaturkanons. Zu diesem Anlass führte der Verlag ein Interview mit dem gegenwärtigen Meister der Weird Fiction und einem der ganz wenigen echten Horrorautoren, die es derzeit gibt.

 

Gab es einen Beweggrund in Ihrem Leben, der Ihre Fantasie dazu nötigte, Horror zu schreiben?

Ich denke die erste und wichtigste Quelle des Horrors, die mich beschäftigte, waren Alpträume. Ich bin schon mein ganzes Leben lang ein Experte für Alpträume. Hamlet kann mir nicht das Wasser reichen, soweit das eine Rolle spielt. Alpträume sind die einzigen Gefilde, in denen wir ohne Hilfe auskommen müssen, es gibt da keine Hoffnung, vor den schlimmsten und unnatürlichsten Schicksalen gerettet zu werden. Aber das alles ist sehr abstrakt, ich glaube nicht, dass Sie diese Antworten von mir hören wollen. Zweifellos hatte ich mehr als meinen Teil an Alpträumen. Es gibt noch andere Dinge, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mit dem Finger darauf zeigen und erklären soll, was sie sind oder wie viel von dem einen oder anderen für meine Obsession verantwortlich gemacht werden kann, mich künstlerisch durch Horror auszudrücken.

Als Kind war ich häufig krank. Oft wurden meine Krankheiten von Fieber und gestörten Wahrnehmungen begleitet – bösartige Gesichter an der Decke meines Schlafzimmers, Schatten in den Ecken, Gestalten, die mich von dunklen Orten aus anstarren, so was eben. Als ich zwei Jahre alt war, wurde ich im Krankenhaus wegen eines Bauchbruchs operiert. Bei meiner Lektüre der Autoren übernatürlicher Literatur stieß ich auf einen Artikel über chirurgische Eingriffe bei Kindern und interessierte mich ganz speziell für einen, nämlich für den Eingriff, den sich Bram Stoker unterzogen hatte. Die Person, die den Artikel verfasst hatte, fragte sich darin, welchen Effekt das wohl für den Mann gehabt haben muss, der später Dracula und andere Erzählungen über Dinge schrieb, die es in unserer sogenannten normalen Welt nicht gab und nicht geben konnte, dieser wirklichen und geordneten Welt, wo vorausgesetzt wird, dass die Substanz unserer aller Leben klar erscheint.

Und natürlich H.P. Lovecraft, der in seinen langen Briefen seine Expedition erläuterte, die er in eine Welt ohne Regeln über das, was sein sollte und was nicht sein sollte, unternommen hatte. Ich muss sagen, dass meine Ziele weltlicher waren, aber die Gefühle, die uns am meisten beeinflussen, sind jene, die von Alpträumen geweckt werden. Es gibt kein Gegenstück an Intensität und Anregung in einem Leben im Wachzustand. Seit meinen Jugendtagen denke ich, dass, wenn ich in der vergangenen Nacht einen schlimmen Traum hatte, es weniger wahrscheinlich ist, dass ich in der kommenden einen haben werde. Ich behaupte nicht, in Sachen Alpträume und Traumas meiner frühen Jahre einzigartig zu sein, oder dass sie Auslöser meiner späteren Beschäftigung mit Horrofilmen und Horrorliteratur waren. Sie sind einfach geschehen. Genauso wie die Schrecken der Nacht, die bis heute anhalten, bei denen ich mich wach fühle aber meinen Körper nicht bewegen kann. Das zählt wahrscheinlich zu meiner größten Angst: Das Syndrom, im Körper „eingesperrt“ zu sein, unfähig, ein Zeichen zu geben, dass du ganz genau mitbekommst, was geschieht. Es ist die Art von Störung, von der ich glaube, dass sie dazu führt, das Risiko der weiteren Existenz nicht einzugehen. Wie viele andere potenzielle Leiden ist das zumindest für mich einfach zu schrecklich, um mich damit zu beschäftigen. Es gab mal einen Bestseller von jemanden, der sich in dieser Situation befand. Diese heroische Leistung soll uns alle daran erinnern, dass wir genügend Kraft gespeichert haben, die uns durch die seltsamsten und schrecklichsten Prüfungen führen kann. Das mag für einige Leute zutreffen. Aber ich komme nicht umhin zu erschauern, wenn ich an all jene denke, für die das eine Lüge ist. So viele Lügen werden erzählt in der Absicht, uns davon abzuhalten, zu einem Haufen zusammenzufallen, sollten wir den tausend potentiellen Alpträumen, die uns Tag und Nacht bedrohen, zu viel Aufmerksamkeit schenken.

Können Sie etwas zu ihrem religiösen Hintergrund sagen?

Ich besuchte von der ersten bis zur dritten Klasse die Katholische Schule und blieb während meiner Teenagerzeit jemand, der an Gott glaubte. Es gab kein Ereignis das zu meinem Atheismus im Alter von Neunzehn geführt haben könnte. Ich erinnere mich daran, dass ich mir des Fehlens eines religiösen Gefühls bewusst wurde als ich gerade Hausaufgaben für das Fach Geschichte machte. Es war nicht etwa ein wichtiges Ereignis, um das gleich anzumerken. Zurückblickend kann ich sagen, dass mein Katholizismus, der für ein Kind ziemlich aufwendig und obsessiv war, die Einhaltung ritueller und privater Praxis bedingte, ohne dass sie von einem emotionalen oder spirituellen Gefühl dirigiert wurde. Sogar schon in der Grundschule erkannte ich, dass mir sowohl ein positives als auch ein negatives Gefühl für meinen Schöpfer abging. Das war mir nicht fremd. Ich glaube, ich habe angenommen, dass jeder in der gleichen Weise fühlte oder nicht fühlte. Ich fand Jesus Christus als Messias unvergleichlich uninspirierend und als wenig nützlich, was mich und mein Leben betraf. Was ich aber fühlte war eine tiefe Sympathie für andere. Der Klang einer Krankenwagensirene hat mich immer zu einem Stoßgebet veranlasst, obwohl das dann irgendwann zu einem Reflex oder einer abergläubischen Reaktion wurde. Später brachte der Klang einer Sirene nur noch Angst in mir hervor. Ich habe ein paar Fahrten in so einem Fahrzeug mitgemacht. Das reichte von einem gebrochenen Bein bis zur Notoperation wegen Divertikulitis 2012 in den ersten Stunden des 1. April. Du steckst da nicht drin, wie man so schön sagt. Während ich an diesem alles vernichtenden Schmerz litt, bevor ich also anästhesiert wurde, überkam mich die verwirrende Sicherheit, dass mein Tod während der Operation nicht das schlechteste wäre. Das wurde dann zu einem klaren Gedanken und zu einer Hoffnung ohne Mehrdeutigkeit während der Folgeoperationen, die meine Därme wieder in Ordnung bringen sollten.

Der Aufsatz „Professor Nobody’s Little Lectures“ liest sich wie ein früher Versuch der Themen, die Sie später in Ihrem philosophischen Buch „The Conspiracy Against the Human Race“ bearbeiteten. Warum glaubten Sie, musste er in eine Sammlung von Erzählungen aufgenommen werden?

Ich war von Anfang an mehr oder weniger ein didaktischer Schreiber. Es mag eine Täuschung sein zu denken, dass die Welt einfach hören muss, was du zu sagen hast, aber ich denke, diese Täuschung ist grundsätzlich notwendig, wenn jemand überhaupt schreibt, ob es nun Gedichte sind, Erzählungen, oder eine Predigt. Didaktik gehört also dazu, wenn man Tinte über eine Seite verteilt. Es ist mehr eine Frage der Art und Weise, wie man das Wichtige, das man der Welt zu erzählen hat, für den Leser aufbereitet. Sollte ein erzählerisches Werk in seiner Technik und Stilistik schlecht verkleidet sein, wird man die didaktischen Unterhosen rausstehen sehen. Das ist das Schlimmste, das einem Geschichtenerzähler passieren kann, und nicht zuletzt auch aus der Sicht des Lesers, der sich in einer Erzählung „verlieren“ will, und nicht in den Ideen und Ansichten, denen der Autor in so vielen Worten Ausdruck verliehen hat. Für mich persönlich gesprochen sind meine eigenen bevorzugten literarischen Formen wie gemacht für die Gedanken und Ideen des Autors. Als Leser widme ich mich fast ausschließlich Essays, Gedichten, expressionistischen Geschichten und Dramen, Aphorismen, und jeder anderen Form, wo der Autor auf dem Podium oder auf einer Seifenkiste steht. Es ist gar nicht so sehr, dass ich kurze Formen bevorzuge, ich höre mir nur gern an, was jemand über seine Erfahrung zu sagen hat, am Leben zu sein – was er mag, was er hasst – und dann spinnt das Zuhören seinen Garn. Ich mag es mehr, der Figur des Autors nahe zu sein als einem erfundenen Charakter, der sich durch eine Reihe von Umständen bewegt, die am Ende ordentlich aufgelöst werden. Zugegeben, ich mag auch diese Sachen. Ich kann mich in ihnen genauso verlieren wie ein romanzenlesendes Schulmädchen. Aber mit wenigen Ausnahmen würde ich diese Geschichten lieber im Fernsehen oder auf DVD sehen. Sie zu lesen, vor allem wenn sie auf die 1000 Seiten zusteuern, ist eine lästige Pflicht, die ich nicht zu leisten vermag. In meinem Leben als Leser gab es Ausnahmen. Die Detektivgeschichten von Raymond Chandler stechen da heraus. Denn die Stimme des Ich-Erzählers Philip Marlowe ist definitiv didaktisch, und es lässt sich nicht vermeiden, dass durch ihn die Stimme des Autors spricht. Bestimmte Literaturkritiker und Linguisten würden sich verächtlich schütteln bei so einer Perspektive, aber wer interessiert sich schon wirklich dafür, was diese Herren denken, außer deren Kollegen und Studenten? Was mich betrifft ist die Schule zu Ende, zumindest so lange wie meine Adern noch mit Blut und nicht mit Formaldehyd gefüllt sind.

Sie schrieben einst über die widersprüchliche Natur der übernatürlichen Horrorliteratur, wie sie uns eine Atempause vom wirklichen Horror der Existenz gewährt und diesen gleichzeitig bekräftigt. Sehen Sie einen Punkt, an dem der tägliche Horror den Punkt des Absurden erreicht und damit den übernatürlichen Horror irrelevant werden lässt?

Ich sehe so einen Punkt nirgendwo in der Zukunft. Aber ich glaube nicht, dass diese Position länger als Antithese argumentiert werden kann. Gegenwärtig scheint es so, dass der übernatürliche Horror wichtiger ist als jemals zuvor, und der alltägliche Horror am weitesten verbreitet, oder besser gesagt, mehr in unseren Köpfen stattfindet als in anderen Zeiten. Das würde ich definitiv sagen.

Wie hat sich Ihr Stil über die Jahre verändert/weiterentwickelt? Gab es etwas, das Sie in letzter Zeit untersucht haben und früher in ihrer Karriere nicht?

Um auf meine Didaktik zurückzukommen, glaube ich, dass ich in dieser Richtung mehr entwickelt habe als in irgendeiner anderen. Natürlich erscheint diese Tendenz am auffälligsten in meinem Sachbuch „The Conspiracy Against the Human Race“. Obwohl das ein spätes Werk ist, ist es tatsächlich die Kulmination von Themen und Gedanken, die mich in der ein oder anderen Weise während meines Lebens als Schriftsteller beschäftigt haben. In meiner chronologisch ersten Geschichte, die ich für erwähnenswert hielt, „Das letzte Fest des Harlekins“, porträtierte ich einen depressiven Erzähler, der einen übernatürlichen antinatalistischen Kult entdeckt – freilich zu einer Zeit, als es diesen Begriff noch gar nicht gab, aber Antinatalisten sind alle gleich – dessen Anhänger eine kleine Stadt im mittleren Westen bevölkern. Ich schrieb den ersten Entwurf dieser Geschichte, der länger war und mehr Details enthielt als die veröffentlichte Version, in den späten 1970ern. Die Geschichte erschien erst zehn Jahre später in ihrer geschliffenen Form, aber es war in jeder thematischen Hinsicht dieselbe Geschichte. Ich habe nur ein paar erzählerische Details gestrichen. Noch etwas anderes war von Anfang an in meiner Arbeit enthalten, und es spielte später eine führende Rolle in meiner sogenannten Karriere. Mit einem Wort, es war Dunkelheit. Ich will das Ende von „Das letzte Fest des Harlekin“ nicht verraten, möchte aber anmerken, dass die Dunkelheit, die ein herausragendes Symbol und Motiv der Geschichte ist, am Ende dominiert, so wie man das von einer meiner Erzählungen erwarten kann.

Ich fuhr in einigen Geschichten, die ich geschrieben habe, damit fort, die Dunkelheit als ein Mittel und teilweise wie einen Charakter einzusetzen. Durch die Betonung des Pessimismus in „Professor Nobody’s Lectures on Supernatural Horror“ und der Bedeutung der Depression, der Dunkelheit, und dem Rest aus „Das letzte Fest des Harlekin“, die ja meine bekannteste Geschichte ist, sollte man meinen, dass mich die Leser in diesen Belangen ernst nehmen. Aber das scheint nicht der Fall gewesen zu sein, bis ich „The Conspiracy against the Human Race“ schrieb. Es scheint so, als hätte niemand glauben können, dass die dunkle Natur meiner Schriften mit den Gedanken und der Gesinnung ihres Verfassers korrespondiert. Aber da war dieses Buch, so groß und hässlich wie das Leben. Und es scheint von Anfang an so gewesen zu sein. Ich war in frühen Tagen vielleicht nicht ganz so didaktisch.

Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen Ihrer Arbeit und der Lovecrafts?

Da gibt es mehrere Wege, wie ich diese Frage beantworten könnte. Einer davon ist, dass in Lovecrafts definitiven Geschichten – das bedeutet die späten Werke wie „Der Schatten aus der Zeit“ und „In den Bergen des Wahnsinns“ – einen Gespür für das Abenteuer gibt. In seinen Briefen erwähnte Lovecraft oft einen Moment, den er „abenteuerliche Erwartung“ nannte. Das meint ein Gefühl, dass jemanden überkommt, wenn er sich am Rand einer eigenartigen und überaufregenden Offenbarung befindet, die in jedem Spannungsmoment vorhanden ist, aber in ihren Einzelheiten niemals bekannt ist. Das ist offensichtlich eine ästhetische Wahrnehmung des Daseins. Borges beschrieb ein ähnliches Gefühl der drohenden Gefahr einer Offenbarung, die niemals als das endgültige ästhetische Erlebnis auftritt. Anders wie bei Borges entspringt bei Lovecraft der Ursprung seines Gefühls der abenteuerlichen Erwartung aus dem Schrecken, der mit unvorstellbaren zeitlichen und räumlichen Natur des physischen Universums verbunden ist. Ich glaube, dass viele Menschen in ihrem Leben etwas vergleichbares erleben. Ich habe mich. Aber es fiel mir nie ein, dieses Gefühl als eine Quelle des Abenteuers in meinen Geschichten zu verwenden.

Mein Fokus richtete sich konstant auf das, was ich mir als „höllisches Paradies“ gedacht habe, eine Sphäre, in der etwas fauliges, korrosives wächst, das über die genaue Wahrnehmung hinaus geht. In seinen Geschichten hat Lovecrafts abenteuerliche Erwartung ihren Ursprung in etwas Schrecklichem und nicht in einem Bilderbuch für Kinder wie bei den meisten Autoren fantastischer Geschichten. Und Lovecrafts Geschichten sind auf ihre Weise noch immer spannend. Sie sind nicht derart höllisch wie meine Geschichten. Lovecraft war als Kind ein Liebhaber der Astronomie, das war ein Gefühl, das wahrscheinlich aus seiner Zeit stammte. Ich war als Kind ein pathologischer Katholik, und man könnte eine Verbindung zwischen meinem früheren Leben und meinen späteren Schriften auf diesem Weg herstellen. Letztlich mag der Unterschied zwischen Lovecrafts abenteuerlicher Erwartung und meinem höllischen Paradies oberflächlich erscheinen. Zumindest würde ich das selbst so sagen. Aber es scheint mir, dass das, was einen Leser an der Arbeit des einen Schriftstellers interessiert, und an der des anderen nicht, oft nur auf oberflächlichen Qualitäten beruht, auch wenn es tiefere Ähnlichkeiten gibt. Jeder kann Beispiele zwischen populären und literarischen Schriftstellern finden. Lovecrafts definitive Werke porträtieren eine Menge unterschiedlicher Monster. Meine eher nicht. Was ist der Unterschied? Auf einer tieferen Ebene nicht viel. Aber Monster sind ein großer literarischer Aufhänger und es gibt notwendigerweise ein oberflächliches Abenteuer, um sich mit ihnen zu konfrontieren. Wenn man nach dem definitiven Bild in Lovecrafts Werk gefragt wird, kann man antworten, dass es wohl die Tentakel sind, die aus einem Monster herausragen. Bei mir sind es möglicherweise Puppen, Schaufensterpuppen, und clownartige Dinge, obwohl es sich dabei mehr um Metaphern als um literarische Präsenzen von Monstern handelt. Dennoch, wenn Lovecrafts Tentakel-Monster und meine Puppen gegeneinander kämpfen würden, glaube ich, dass die Monster gewinnen würden.

Wie haben Sie sich gefühlt, als „Conspiracy against the Human Race“ über die letzten Jahre mehr und mehr Leser und Käufer um sich versammelte? Hatten Sie bedenken, dass manche Leser, denen Ihre sonstigen Arbeiten unbekannt sind, Sie nur als Autor von CATHR kennen?

Ich hatte vor einer ganzen Weile schon einmal gesagt, dass ich bei der Veröffentlichung meiner Texte mehr Glück gehabt hatte als jemals zu erwarten stand. Ich glaube, das ist so ein Beispiel dafür. So oder so – ich nehme es, wie ich es schon immer getan habe. Ich weiß nicht, ob es darauf ankommt, ob ich für meine Geschichten oder den berüchtigten Brevier des Nihilismus bekannt bin. Seltsamerweise habe ich mir „The Conspiracy against the Human Race“ immer als ein inspirierendes Selbsthilfebuch gedacht. Ernsthaft. Zu meinem Unglück haben einige Leser und Rezensenten unbekümmert gesagt, dass ich als Autor von „Conspiracy against the Human Race“ ein Heuchler sei, und so lange ich mich nicht umbrächte sei ich unauthentisch. Etwas Vergleichbares wurde über J.-K. Huysmans und seinen Roman „Gegen den Strich“ gesagt. Ich glaube es war Jules Barbey d’Aurevilly,der in einer Rezension über „Gegen den Strich“ sagte, Huysmans blieben nach der Veröffentlichung dieses Buches nur zwei Möglichkeiten: die Mündung einer Pistole oder den Fuß des Kreuzes. Huysmans hatte den Fuß des Kreuzes gewählt, aber nicht bevor er einen Roman über das Thema Satanismus veröffentlicht hatte. Barbey d’Aurevilly schrieb in einem früheren das gleiche über Baudelaire, aber der Autor der „Fleurs du mal“ reagierte überhaupt nicht darauf. Natürlich haben viele Kritiker und Biographen behauptet, Baudelaire hätte sich auf dem Sterbebett zum Katholizismus bekannt. Sie waren klug genug zu wissen, dass ihnen niemand das Gegenteil beweisen konnte. Im Frankreich des 19ten Jahrhunderts hatten die katholischen Schriftsteller eine beträchtliche Freiheit, sich die degenerierten Themen genauer anzuschauen. Sie waren immerhin Katholiken, also besaßen sie die Lizenz, die Verwüstungen der prickelndsten Sündhaftigkeit darzustellen. Von allen französischen Katholiken bewundere ich den Schriftsteller Petrus Borel, auch bekannt als „Der Lykanthrop“, der sagte, er sei ein Papist, weil er kein Kannibale sein könne. Ich bin mir nicht sicher, ob denjenigen, die behaupteten, der Autor von „Conspiracy“ müsse Selbstmord begehen, klar war, dass solche Aussagen lange vorher schon berühmt waren. Wie auch immer, ich kenne das Spiel, und ihre Beobachtungen und Forderungen gleiten an mir ab.

Wie war Ihre Reaktion, als Sie erfahren haben, dass Sie einer von nur zehn lebenden Autoren sind, die es in die U.S. Riege der Penguin Classics geschafft haben?

Ich wusste nicht, dass das der Fall war. Jetzt, wo ich es weiß, komme ich nicht umhin an Steven Millhauser zu denken, dessen Arbeit ich sehr für seine unheimliche Imagination und die großartige Stilistik bewundere. Darin höre ich den Widerhall so vertrauter Stimmen wie Vladimir Nabokov und Bruno Schulz, die so viele meiner eigenen Geschichten in die Richtung bewegt haben, in der sie sich dann präsentierten. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, wie er mitten in einem Kurs erfuhr, dass er den Pulitzer Preis für seinen Roman “Martin Dressler” gewonnen hatte. Die Anekdote geht so, dass er seiner Klasse erklärte, dass ein schrecklicher Fehler gemacht wurde und dass eine Entschuldigung seinerseits fällig ist, um die Sache wieder ins Reine zu bringen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich keinen Grund und kein Recht habe, so verlegen zu sein wie Millhauser an diesem Tag.

Übersetzt von Michael Perkampus; das Interview wurde von Penguin Classics geführt und in der Weird Fiction Review veröffentlicht. Alle Rechte liegen bei Jeff VanderMeer und seinem Magazin. Aus der deutschen Übersetzung darf nicht ohne Genehmigung zitiert werden.
Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

8 Kommentare zu Im Königreich des Alptraums

  1. superspannendes Interview, ich bin ja immer noch Prae-Ligotti, hab aber gerade meinen zweiten bestellt, er muss mir nur irgendwann demnächst mal stimmungstechnisch reinpassen, damit ich ihn zur Gänze wertschätzen kann und nicht daneben lesetchnisch verheize;

    • Michael PerkampusMichael Perkampus // 8. Juni 2017 um 9:33 // Antworten

      Ich hoffe, du hast das “Teatro Grottesco” dabei. Dieses Buch kann man neben Poe, Kafka und Aickman legen und hat dann alles, was den Horrorfan (den echten!) je interessierte.

      • Michael PerkampusMichael Perkampus // 8. Juni 2017 um 9:35 //

        Freilich fehlen dann noch die Großmeister Michael Cisco und Eric Basso… aber die gibt es in unserem rückständigen Sprachraum nicht.

      • Erik R. AndaraErik R. Andara // 8. Juni 2017 um 10:09 //

        derweilen habe ich einmal Grimscribe und das Alptraum-Netzwerk zuhause liegen; bei Teatro Grottesco muss ich noch ein bisschen sparen, bis ich mir da eine antiquarische Sammler-Ausgabe leisten kann, bzw. möchte ich vorher wisssen, wie er mir gefällt, bevor ich da soviel Geld dafür bezahle; und ich hebe mir die besten Sachen sowieso gerne für den Schluß auf;

      • Erik R. AndaraErik R. Andara // 8. Juni 2017 um 10:11 //

        und die anderen beiden Genannten schaue ich mir gleich an;

      • Michael PerkampusMichael Perkampus // 8. Juni 2017 um 10:14 //

        Das ist die Krux bei uns: die besten Werke sind out of print und erzielen Mondpreise. Aber mit Grimscribe und dem Alptraum-Netzwerk machst du natürlich nichts falsch.

      • Erik R. AndaraErik R. Andara // 8. Juni 2017 um 10:29 //

        Ja, ich könnte ja auch einfach dem Ruf des Docteur folgen und mir einen E-Reader für solche Fälle zulegen, aber irgendwas in mir sperrt sich noch dagegen; mal schauen, was die Zukunft diesbezüglich so bringt…

  2. …Sollte ein erzählerisches Werk in seiner Technik und Stilistik schlecht verkleidet sein, wird man die didaktischen Unterhosen rausstehen sehen. Das ist das Schlimmste, das einem Geschichtenerzähler passieren kann, und nicht zuletzt auch aus der Sicht des Lesers, der sich in einer Erzählung „verlieren“ will, und nicht in den Ideen und Ansichten, denen der Autor in so vielen Worten Ausdruck verliehen hat…Großartig gesagt!

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