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Il Mercenario – Die gefürchteten Zwei

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Der Italo-Pole und die Revolutionsideologie. Kowalski erklärt sie per se anhand eines nackten Frauenkörpers. Gut anschaulich, angenehm frivol, recht unkonventionell und allemal logisch.

„Die Reichen sind der Kopf, die Armen der Arsch, der Rücken ist der Mittelstand.“

Und wer es schafft, den Hintern hochzukriegen, weil er an seine Ideale, an Gerechtigkeit, an das Leben glaubt … Bingo. Wenn’s denn klappt. Hauptsache ist, nicht einzuschlafen und den Sinn für das wirklich Machbare nicht zu verlieren. Vor allem auch nicht den vorsichtigen Blick in die finsteren Ecken. Kowalskis Mahn-Botschaft an die Revolutionäre dieser Erde:

„Träumt weiter, aber träumt mit offenen Augen.“

Basta. Das kann man so stehenlassen, passt immer. Auch, sogar, vielleicht vor allem in einer realo-magischen Welt, die uns mit rauem Krawall entführt und in Ruhe jene Freiheit schenkt, die gewissen Träumen nahe kommt. Vielleicht bei Sonnenaufgang. Wenn alles beginnt. Denn, vamos, amigos, da wollen wir doch hin: Wo Wort und Tat, Hoffnung und Herz mehr Durchschlagskraft besitzen als die Konten und Kanonen auf der anderen Seite.

Ha ha, said the Clown … Paco (Tony Murante) garantiert nicht.

Der Söldner Sergej Kowalski (Franco Nero) in Sergio Corbuccis Il Mercenario (Die gefürchteten Zwei, 1968) sieht das misstrauischer, gleichwohl spöttischer. Seinen Zynismus hat die Erfahrung geprägt, dass es deutlich gesünder ist, in erster Linie an die eigene Haut und den eigenen Profit zu denken, von den großen Ideen und schönen Bildern der Menschenverbesserer hält der blonde Gringo nicht viel. Idealisten sind für ihn lächerliche Phantasten.

Und eben solch ein „Spinner“ steht am Anfang des Films in einer Arena. Er trägt ein Clownskostüm. Und er hat Todesangst.

Couragierte Schönheit: Columba (Giovanna Ralli)

Rückblende nach dieser grotesken Einstiegsszene: Man schreibt das Jahr 1910, in Mexiko ist Revolution, und Kowalski ist für ordentliches Geld für jeden Kampf zu haben, egal, wer wo und warum an der Front steht. Er lässt sich von Minenarbeiter Paco Roman (Tony Musante) anheuern, um ausgebeutete Dorfbewohner, darunter die schöne Amazone Columba (Giovanna Ralli), beim Aufstand gegen den Großkapitalisten und Grubenbesitzer Garcia (Eduardo Fajardo) zu unterstützen. Der schickt seinen persönlichen Scharfschützen Ricciolo (Jack Palance) nebst Killertruppe ins Feld, einen ehemaligen Spieler, der es speziell auf Paco und den Polen abgesehen hat.

Kowalski hilft Paco, diesem mexikanischen Hitzkopf und Anführer rebellierender Silberbergwerker, beim Kampf gegen Regierungstruppen und Revolvermann Ricciolo, – Palance: frisch gelockt und genial kaltschnäuzig – , holt ihn treffsicher aus jeder heiklen Situation und macht sich ganz phantastisch als Bodyguard mit rauer Schale und schützender Hand. Hat aber nur Gold im Visier.

Heißt: Fast. Vergessen wir nicht, dass gute Geschichten über böse Sachen manchmal auch ein bisschen kitschig heil enden. Und wenn dieser „Kitsch“ so edel ist wie hier, dann ziert er nun mal jede Leinwand zusätzlich, mag sie eh schon noch so herrlich schmutzig sein.

Kowalski (Franco Nero) hat seine Dusche, der Rest hat Durst

Als Paco Kowalskis Allüren, – großartig gemein, wie der sich mit dem Wasser aus den Feldflaschen der durstigen Rebellen duscht – , und die dreisten Forderungen nach noch mehr Geld für seine (freilich unbedingt notwendige) Unterstützung  satt hat, will er ihn loswerden. Fataler Fehler: Ohne Kowalskis Regie geht nichts. Der Widerstand bricht zusammen, Paco muss fliehen und gilt jetzt endgültig als Jagdbeute für Kopfgeldjäger. Kowalski zuckt nur mit den Schultern. Kaum Verständnis für den Toren, kein Mitgefühl …

„Armer Paco. Er war dabei ein Idealist zu werden. Dabei hatte ich vergessen ihm zu sagen, dass Idealismus der Dünger für den Friedhof ist.“

… aber immerhin: Sowas ähnlich Bescheidenes wie Freundschaft dann doch.

Am Ende steht Paco als Clown verkleidet in einer Arena, – eben dort, wo der Film startet – , und befindet sich in dieser prekären Situation. Ricciola hat ihn aufgespürt. Kowalski auch. Da ist die Belohnung für seinen Kopf. Dort steht der Killer, dort sein alter Weggefährte. Jetzt auch nur noch Geschäftsmann? Nur noch eiskalter Headhunter?
So nicht.

Am Ende steht das Duell. Am Ende ist nur der wirklich Böse tot: Ricciola. Und das ist gut so, das stellt zufrieden nach getaner Tat. Von Il Mercenario wird feurig und schwarzhumorig erzählt, da ist knallhart Anarchie. Es offenbart sich keine besondere Moral, wenn’s um das eigene Eingemachte geht, da wird Tempo beim Gefecht, da wird Show im Ganzen gemacht. Und die Kapelle sorgt für Tusch und Rausch, famos einzigartig wie gehabt: Ennio Morricone (und Bruno Nicolai).

Am Ende steht „L’arena“. Morricones Revoluzzer-Hymne. So etwas Großes. Wir könnten davon träumen. Mit offenen Augen. Natürlich.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (127 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
Kontakt: Webseite

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2 Kommentare auf "Il Mercenario – Die gefürchteten Zwei"

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Erik R. Andara
Redakteur

Der fehlt mir doch tatsächlich noch, werde ich wohl bald einmal nachschauen…

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