Ich bettete in Grüften und auf Särgen mich

Das klingt schaurig gut nach Grabgeflüster. Totengesang. Verhängnisvoller Sehnsucht gar. Soll so sein. Weiter heißt es noch:

(…) In einsam stillen Stunden,
Wenn durch der Nacht geheimnißvolles Schweigen
Ein geisterhaftes Flüstern nur erbebt,
Hab‘ ich, dem Alchymisten gleich, der kühn
Sein Leben setzt an eine finstre Hoffnung,
Seltsames Wort getauscht und ernste Blicke. (…)

Fürwahr hübsch befremdlich. Zweifellos auf unheimliche Art schön. Sowas entspringt (natürlich!) nicht meinem bescheidenen Sinnieren. Percy Bysshe Shelley, früh durch einen tragischen Unfalltod verstorbener Ehemann der Frankenstein-Schöpferin Mary Shelley, englischer Romantiker, schrieb diese Zeilen am 14. Dezember 1815, nachzulesen in seinem Geist der Einsamkeit: Alastor. Geheimnisvoller Rachedämon. Flamme des Himmels.

Bestattung auf Zeit. Foto: Lebendig begraben, 1962, copyright: Roger Corman Productions

Da werden Inspirationen geweckt. Tauchen Bilder von mythischen Wesen, dunklen Wäldern, Ruinen, von alten Gräbern und Grüften auf, über die der Nebel steigt. Von Geschichtenerzählern, die am lodernden Kaminfeuer sitzen und mit heiserer Stimme berichten von Friedhöfen, auf denen Statuen von engelsgleichen Frauen stehen, die bei Vollmond lächeln und seufzen. Oder deren in Stein gehauene Gesichter zu Fratzen werden mit dämonisch gelben Augen, deren Blicke verraten, dass sie gleich kommen, um einen zu holen. Die anderen zu rufen, die sich durch die faulende Erde nach oben graben.

Die Erzähler beugen sich verschwörerisch nach vorn in ihren mit Samt bezogenen alten Lehnstühlen, ihre gedämpfte Stimme begleitet vom Knistern des Feuers, Prasseln des Regens, Klirren der Gläser, mit blutrotem Wein gefüllt, lehnen sich wissend wieder zurück und sprechen von den Ruhelosen, den Verdammten, Verfluchten, den Irrenden, Seelenlosen, Verwirrten. Von denen, die irdische Hilfe, Mitleid, Verständnis brauchen. Von denen, die gefährlich sind. Und abgrundtief böse. Furchtbar, grauenvoll, grausam, schlecht und dunkel.

Sie alle haben keinen Frieden gefunden. Sagt man, leicht poetisch angehaucht. Manche, – und manchmal sind das schrecklich viele – , wollen ihn in ihrer jeweiligen Situation auch gar nicht finden, weil es ihnen mehr zusagt, sich bemerkbar zu machen. Zu rächen, verfluchen, erschrecken, ängstigen, für Aufklärung und Unwohlsein zu sorgen, Gerechtigkeit zu finden, Unheil jedweder Natur zu stiften.

Sowas geschieht immer wieder, auch wenn Sinn und Zweck einer Leichenbestattung grundsätzlich damit erfüllt sein sollte, dass die Toten, egal, wer oder was sie einstmals waren, weiterhin und unabdingbar tot in ihren Gräbern bleiben. Im möglichen (!) Fall ist das eben nicht so, und wenn jetzt kritische Zwischenrufe laut werden, dass das ja wohl reine Horrorvorstellungen seien, Produkte reger Phantasie und ewig währenden Aberglaubens…natürlich sind sie das. Aber echte.

Ein Grab, für sich allein betrachtet, ist nicht der klassische Gruselplatz. Mannsgroß, mit einer Tiefe von mindestens einem Meter, wachsen auf ihm Blumen, ist dort ein Kreuz, ein Stein oder eine Platte. Das Grab ist eine Gedenkstätte. Man senkt den Blick, erinnert sich, malt sich sein Bild.

Zur ewigen Ruhe gebettet. Vielleicht. Foto: Penny Dreadful, 2016, copyright: Desert Wolf Production, Neal Street Production

Im Grab befindet sich ein Sarg, im Sarg liegt eine Leiche. An dieser Stelle darf hier in unserer dunklen Ecke Unbehagen einsetzen. Wirklich eine Leiche? Oder ein Untoter? Ein lebendig Begrabener vielleicht? Oder ist der Sarg leer, obgleich er das nicht sein dürfte? Das herauszufinden ist in düsteren Geschichten die oberste Pflicht vor Trauer, Neugier, Entsetzen und Angst. Särge werden ausgegraben und geöffnet, oft recht unklug ausgerechnet dann, wenn’s dunkel wird.

Das passiert auf einem Friedhof, der traditionellen Schlafstätte der Toten, einem in der Nacht unabdingbar unheimlichen Ort, der frösteln und die Vorstellungskraft ungelenke, manchmal gar schmerzhafte Purzelbäume schlagen lässt. Das geschieht auch in einer Krypta, Gruft, einem Mausoleum oder in einer Pyramide. Diese gewisse Atmosphäre bleibt. Immer. Und dieser entscheidende Blick nach unten. Denn was unterirdisch abläuft, könnte faszinierend-schauerliche Dimensionen, kunstvoll oder grausam gestaltete Rahmen sprengen. Wir wissen es nicht, wenn wir nicht nachschauen. Wir ahnen aber.

Der Tod ist ein Rätsel, und das Begräbnis ist ein Geheimnis. (Friedhof der Kuscheltiere, Vorwort)

Ich selbst wohne, seit ich denken kann, an einem Friedhof. Die Grabinschriften kenne ich auswendig, und dann und wann sehe ich die Personen vor mir, die dort in der Erde liegen. Ich sehe sie für ihre Zeit typisch gekleidet und frisiert, und ich wüsste zu sagen, über wen ich vielleicht erzählen würde. Wer das jetzt versteht, wuchs vermutlich an ähnlich beschaffener Örtlichkeit auf, der große Rest kann meine wohl sondersame Beziehung nur bedingt begreifen.

(Archiv-Bild, Alter Sarg, Highgate Cemetery, London)

Friedhöfe als Schauplätze für diverse leichtsinnige Mutproben sind mir auf jeden Fall nicht vertraut, dafür fürchte ich mich vor ihnen zu wenig. Und rein aus Sicherheitsgründen würde ich auch gar nicht erst zu einer antreten. Hätte ich schon als nur selten unbedachtes Kind nicht gemacht. Ich störe nicht gern. Und wenn, wie in The Frigheners, die Geister ihren Friedhof derart pedantisch bewachen, dann sollte man sie einfach lassen. Das würde ich nicht ausdiskutieren. Entscheidend für mich freilich bleibt:

Dieser eine alte Friedhof, den ich den meinigen nenne, ist meine Heimat, die mir auch bei Vollmond eine gute Nacht und gute Gespräche mit denen beschert, die vor meinem Fenster schweben.

Dieser andere, auf dem das Haus der Freelings im Poltergeist steht, ist natürlich kein Hort der wundersamen Heimeligkeit für die Lebenden, seien diese auch noch so aufgeschlossen oder im konträren Fall vernünftig. Die Grabsteine dort wurden einfach umgesetzt, die Knochen unbekümmert gut versteckt unter der Erde liegen gelassen. So dachte man, da nichts erklären zu müssen. Mit dem Zorn der in ihrem Schlaf Gestörten rechnete man nicht. Sollte man aber immer.

Da, wo ich wohne, direkt unter dem Keller, waren niemals Gräber. Vermute ich mal recht sorgenfrei.

Würde ich am Stull Cemetry im amerikanischen Bundesstaat Kansas leben, wäre ich vielleicht misstrauischer. Dort befindet sich eines der sieben Tore zur Hölle mit einer Treppe, die tief hinabführt und keine Rückkehr ermöglicht. Freilich öffnet das Tor sich nur an Halloween, das klingt nach leichter Schauermär. Und trotzdem…es gibt Geschichten.

Im nordschwedischen Pajala, direkt im Wald, befindet sich der Akamella-Friedhof, auf dem die Bewohner Lapplands über Jahrhunderte hinweg ihre Angehörigen und Freunde bestatteten. Als eine Epidemie ausbrach, die unzählige Menschen sterben ließ, benötigte man in viel zu kurzer Zeit viel mehr Platz für all die Toten, die beerdigt werden mussten. Särge wurden ausgegraben, gut erhaltene erneut benutzt, unbrauchbare weggeworfen. Bären und Wölfe machten sich über Leichenreste und Skelette her.

In den 1830er-Jahren beschloss der Geschäftsmann Kusto Forsström, die so respektlos behandelten Toten von Akamella wieder ordentlich beizusetzen. Teneli Saari, Mann seines Vertrauens, beauftragte Forsström damit, die Knochen zusammen zu tragen und unter die Erde zu bringen.

Anfangs verlief alles problemlos. Aber dann wurde Saari zusehends merkwürdiger, wortkarger und eigenbrötlerischer, lief einsam durch die Wälder und wurde letztendlich tot mit gebrochenem Genick in seinem Boot aufgefunden. Und niemand konnte nachvollziehbar erklären, wie das hatte passieren können. Ähnlich merkwürdig war, dass zwei Männer, die das steinerne Kreuz des Friedhofs auf einem kleinen Schiff wegtransportieren wollten, ins Wasser fielen und ertranken. Das Kreuz, das sich bereits auf dem Boot befunden hatte, war verschwunden. Es stand wieder auf seinem alten Platz.

So berichtet man mit ernster Stimme. Auch, dass Geister-Rentiere am Akamella-Friedhof gesichtet werden und dass unsichtbare Hände einen nach unten zerren wollen, wenn man den Gräbern zu nahe kommt.

Anfang der 1980er Jahre wurde der Sklavenfriedhof Black Hope in Newport, Texas, zu Bauland, ohne die zukünftigen Bewohner über die Vergangenheit der neuen Siedlung zu informieren, geschweige denn, die Toten umzubetten. Als das Ehepaar Sam und Judith Haney beim Ausheben der Grube für einen geplanten Swimmingpool zwei Skelette fand, – die von Betty und Charlie Thomas, dort begraben seit fünfzig Jahren – , kam die ganze Wahrheit ans Licht: 60 Leichen lagen unter der Erde. Die Haneys blieben zwar wohnen, – Klagen gegen die Baugesellschaft blieben fruchtlos – , und ließen Betty und Charlie ordentlich beerdigen, hörten aber in der Folgezeit immer wieder Stimmen und vermissten Gegenstände.

Die Nachbarn erzählten ähnliche Geschichten von nächtlichen Geräuschen, dass das Licht plötzlich ausginge oder der Fernseher sich von allein einschalte. Mitglieder der Familie Williams traf es besonders hart: Sie waren nicht nur überzeugt davon, von zornigen Geistern heimgesucht zu werden, sie erkrankten auch fast zeitgleich schwer, drei von ihnen starben. Tina Williams, die in ihrer Verzweiflung den Garten umgrub auf der Suche nach weiteren Überresten der Toten, erlitt bei dieser Arbeit einen Herzschlag. Sie brach tot zusammen. Mit grad mal dreißig Jahren.

Spätere Bewohner der Häuser in Newport berichten, dass danach, – zumindest bis dato – , nichts Denkwürdiges mehr vorgefallen sei. Man bleibt aber skeptisch. Umherirrende Tote, so sagt man, hätten kein Zeitgefühl. Sie kommen irgendwann. Da nützen keine Zäune. Keine Gräben. Keine Mauern.

Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen, aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer. Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus, und die, die draußen sind, wollen nicht hinein.

Hier irrt Mark Twain: Manchmal können sie schon. Manchmal kommen sie wieder.

Steinerne Zeugen aus der viktorianischen Zeit auf dem Highgate Cemetary in London (Archiv-Bild)

Auf dem rund 8 Km² großen Highgate Cemetery in London liegt hinter gotischen Mauern die Prominenz der viktorianischen Aera begraben. Diese letzten Ruhestätten, pompöse Familiengrüfte mit riesigen verzierten Grabsteinen, haben sich einstmals gegenseitig übertrumpft in ihrer Pracht, verwilderten aber nach dem Zweiten Weltkrieg mehr und mehr und wurden zu Ruinen. Anfang der 1960 überließ man dem von Natur und Nacht eroberten Friedhof (vorläufig) seinem alleinigen Schicksal.

Seitdem sollen dort unheimliche Männer in dunklen Roben an den Gräbern Rituale vollziehen, dunkle Mächte tätig sein, furchterregende Dämonen hinter den Steinen lauern, klagende, jammernde, schreiende Geister umher streifen und über dem Boden schwebende Vampire zu später Stunde ihr blutiges Unwesen treiben. Gemunkelt wird vom Geist der Kindermörderin „Mad Old Lady“, von der missmutigen „Shrouded Figure“, vom rotäugigen „Devil Ghoul“. Seit nunmehr drei Jahrzehnten kümmert sich die Organisation „Friends of Highgate Cemetry“ um Pflege und Restaurierung.

Glanz und Glorie, Grusel und Grauen…alles wunderschön schaurig verpackt an einem besonderen Ort für die besondere Zeit.

Die war finster, böse und ungerecht, als die Hexen gejagt wurden. Viele ihrer Gräber sind heute Denkmäler, auch Kultstätten, die ihre Legenden raunen. Bestattet wurden sie meist unter strenger Einhaltung von Vorsichtsmassnahmen: Die Engländerin May Shelton begrub man kopfüber und sicherte die Stelle, wo sie liegt, mit einem massigen Stein. Auch die Leiche der „Hexe“ Lilias Adie, Schottland, wurde unter einem Felsbrocken begraben. Unmöglich, solch einen Widerstand allein anzuheben, falls von da unten jemand Druck ausüben sollte. Auch vor Flüchen noch aus dem Grab heraus wappnete man sich: Das gut 800 Jahre alte Skelett einer wohl als Teufelsanbeterin gefürchteten italienischen Frau weist sieben in den Kiefer getriebene lange Nägel auf, die Verwünschungen post mortem verhindern soll(t)en. Ob’s Sinn macht?

Jedenfalls hat es wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein. (Peter Ustinov)

Auch wieder richtig. Aber enden soll es hier anders. Mit aufgespannten schwarzen Regenschirmen, der Himmel grau, der Wind kalt, das Herz schwer. Die nasse, dunkle Erde wartet. Wir stellen Kerzen auf. Und hoffen mit Bangen darauf, dass jemand sie anzündet, dessen Wärme wir kennen.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)