Hush…Hush, sweet Charlotte

HBette-Davis-Lookush…Hush, sweet Charlotte
Wiegenlied für eine Leiche

Hush, Hush, sweet Carlotte… So gut!…Carlotte, don’t you cry… So wahnsinnig gut!…Hush, Hush, sweet Charlotte… So verdammtverdammtverdammt gut!…He’ll loves you till he dies.

Ich muss hier vertraulich werden. Dieses Lied verfolgt mich seit meiner Jugend. Ich verstecke mich nicht, es packt, es kriegt, es saugt mich. Oh, hold him darling… Momentan schüttelt sich mein Kopf, vor Entsetzen, vor Entzücken; so große Augen, so große Angst, ich träume heute Nacht davon, wieder mal, ich weiß. Please hold him tight… Ich singe verschämt, leise, blicke mich um, bilde mir trotzig ein, meine Stimme sei engelsgleich. Tatsächlich singe ich schrecklich. Leicht diabolisch vielleicht. Der Gedanke gefällt mir. And brush the tear from your eye… Es wäre an der Zeit, meine Schwestern anzurufen. Die wissen Bescheid. Treppenstufen knarren, Bette Davis ist unfrisiert, der schwarze Himmel heult vor Glück. You weep because you had a dream last night…Ich würde nichts sagen, nur die erste Zeile summen. Sie nicken, das spüre ich, sie frösteln, sie keuchen, sie jubeln, damals, ja. Großartig. Wie jung wir waren. Wie erwachsen wir sind. Wie phantastisch, sich gemeinsam zu erinnern. Hush, Hush, sweet Charlotte…Ich sehe es ein. Genug jetzt. Oder doch nicht?

bettestaunWiegenlied für eine Leiche aus dem Jahr 1964 ist ein Klassiker des Horrorfilm-Dramas: Gedreht von Robert Aldrich, geprägt von der einmaligen Bette Davis (1908 – 1989), gebrandmarkt mit einem Lied, das niemand vergisst, der es einmal gehört hat. Hush…Hush, Sweet Charlotte (Originaltitel des Films) wurde von Frank De Vol komponiert, der Text stammt von Mack David. Deren Idee war, einen Song zu präsentieren, der wie maßgeschneidert passt zu einer Story, die zwar grundsätzlich als dunkler Krimi gilt, aber derart genial-gruselig erzählt wird, dass man sie zur absoluten Schwarz-Weiß-Horror-Oberliga zählt.
Korrekt gesagt: „Harter, psychologisch verbrämter Thriller mit für die Entstehungszeit krassen Schauer- und Gruseleffekten.“ (Lexikon des Internationalen Films) Auch zu Wort meldet sich der Evangelische Filmbeobachter: Klingt anfangs noch sauber, wenn auch moralisch säuerlich streng: „Von Komplexen, Wahnvorstellungen und Rachegelüsten getriebene Kranke entfesseln ein an Anormalitäten reiches Spiel.“ Weiter heißt es dann im Text, – und das ist völliger Nonsense -, dass „nur noch Abscheu“ (!) hervorgerufen würde. „Auch Erwachsenen abzuraten.“ Hach Gott. Die wussten es wohl nicht besser. Wer so was schreibt, lässt immer ordentlich gut Böses riechen. Da hält sich niemand freiwillig die Nase zu.

Die Geschichte ist klasse konstruiert, beginnt im Jahr 1927: Die junge Südstaaten-Lady Charlotte Hollis (Bette Davis), Erbin eines großen Anwesens und Vermögens, liebt zum Leidwesen ihres Vaters einen verheirateten Mann, will mit ihm durchbrennen. John, ihr Geliebter, wird während eines Festes brutal ermordet, ihm werden eine Hand und der Kopf abgehackt. Charlotte, traumatisiert, mit Blut am Kleid, wird verdächtigt, beweisen kann man nichts. Knapp vierzig Jahre später ist die einstmals so schöne Charlotte eine kauzige, schrullige Jungfer, einzig die treue Haushälterin Velma (die grandiose Agnes Moorehead, Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin) steht der Eigenbrötlerin zur Seite. Die Kinder des Ortes fürchten sich vor der merkwürdigen Frau in dem riesigen Herrenhaus, sie kennen die alten Mord-Gerüchte und dichten Charlottes Lied, damals gespielt und gesungen von John für sie, in einen Spottgesang um:
„Chop chop, sweet Charlotte, chop chop till he’s dead; Chop chop, sweet Charlotte, chop off his hand and head (…)!
Als ihr Haus für den Straßenbau abgerissen werden soll, erwacht Charlottes Kampfgeist. Sie weigert sich und ruft ihre Kusine Miriam (Olivia de Havilland) zu Hilfe, die 1927 als Dauergast in der blutigen Nacht auf dem Fest war. Miriam scheint es gut zu meinen, ist nett zu Charlotte und geht recht vertraut mit ihrem Arzt um, Dr. Drew Bayliss (Joseph Cotton), mit dem sie mal was hatte. Da scheint sich wieder was anzubahnen. Aber da ist noch…und wenn’s nur das wäre…und dann passiert was, kommt es, und überhaupt…Hush, Hush. So dunkel. Hush, Hush. Das Lied. Hush, Hush. Die Augen. Hush, Hush. Die Angst.
betteschreiEs ist phänomenal. Böse. Bravo! Der Zuschauer starrt, japst, schnappt nach Luft, gepackt, ungläubig, fasziniert, angegruselt, geschaudert. Es wird ins Taschentuch gebissen. Wahlweise Kissen. Aber nicht vor Rührung.
Bei all dem dicken verdienten Lob für einen Film, der mit Staraufgebot glänzt und für sieben Oscars vorgeschlagen war, sollte die Zeit nicht vergessen werden: Im Kino derart gekonnt und treffsicher gefesselt und geschockt zu werden, gehörte in den 1960ern, auch später noch, nicht zum Standardprogramm. Heute auch nicht. Längst noch nicht. Psycho-Horror ist große Kunst. Fieses Gemetzel nicht. Eben.
Ursprünglich wollte Regisseur Aldrich den zuerst als Fortsetzung (ist keine) seines sensationellen Überraschungserfolges Was geschah wirklich mit Baby Jane? (1962, Bette Davis) gedachten Film „Whatever happened to Cousin Charlotte?“ nennen. Das war zu Beginn der Dreharbeiten, Aldrich hatte sich Joan Crawford für die Rolle der Miriam ausgeguckt, – die spielte bereits neben der Davis in „…Baby Jane“ -, musste sich aber wegen Krankheit der Schauspielerin umentscheiden. Angeboten hat Aldrich die „Miriam“ dann neben Olivia de Havilland auch Katherine Hepburn und Vivien Leigh. Zicken-Diva Scarlett O-Hara-Leigh lehnte ab:

„Nein danke. Ich kann es gerade noch ertragen, Joan Crawfords Gesicht um sechs Uhr morgens zu sehen, aber nicht das von Bette Davis.“

So war das. Die Havilland konnte der Davis relativ problemlos in die berühmten Augen sehen, und Aldrich war zufrieden seinen Grandes Dames. Und weil Bette Davis der Arbeitstitel nicht gefiel, schlug sie, – Danke, Lady! – , das extra für den Film kreierte Leitmotiv Hush…Hush, Sweet Charlotte vor. Damit stand die Sache. Die Davis, – hier sei verziehen, dass nicht sie, sondern eine Komposition im Rampenlicht von Phantastikon steht, sie war legendär gut, einfach göttlich, das dazu -, spielt das Lied, das sie in einer Musikbox aufbewahrt, im Film auf dem Cembalo in kompletter Fassung. Die Country- und Popsängerin Patti Page sang es bei der Oscar-Verleihung, es verschaffte ihr eine Goldene Schallplatte.

Und jetzt flüstern, raunen summen wir: Hush, Hush, sweet Carlotte… So gut!…Carlotte, don’t you cry… So wahnsinnig gut!…Hush, Hush, sweet Charlotte… So verdammtverdammtverdammt gut!…He’ll loves you till he dies.
Es geht wieder los. Pssst. Licht aus.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)