Huckleberry Finn (Der Philosoph in der Tonne)

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Wie viele herausragenden Ikonen ist auch Huckleberry Finn eine zutiefst amerikanische. Die Zeiten, in denen man die Figur halbwegs auch bei uns verstehen konnte, sind vorbei, und doch führen seine Spuren durch die gesamte Kultur der westlichen Welt. Seine ursprüngliche Wildheit und Seltsamkeit mag Huck im Laufe der Zeit wohl verloren haben, er hat der heutigen Zeit jedoch mehr zu sagen, als man vermutet. Nun, das gilt natürlich für alle da draußen, die überhaupt noch wissen, von wem hier die Rede ist.

Ein Jahrhundert voller Filme, Cartoons, Comics, versteckter und weniger versteckter Anleihen in Romanen sagten vor allem eines aus: wie frei und unschuldig die Kindheit früher war. Aber es gab auch im viktorianischen Amerika Banden, Schulschießereien und die Ängste der Eltern, dass ihre Kinder der gewalttätigen Popkultur ausgeliefert sind. Mark Twain schrieb über all das. Für heutige Eltern, die sich um ihre Kinder und deren Kontakt zu dekadenten Medien sorgen, sich über die Natur oder eine standardisierte Bildung Gedanken machen, ist Huck Finn kein Rückfall in eine unschuldigere Zeit, sondern erinnert sie nur daran, dass die gleichen Debatten seit mehr als einem Jahrhundert stattfinden.

Würde man Mark Twain sagen können, dass sich sein Buch im 20. Jahrhundert 20 Millionen Mal verkaufen würde, würde er sich wahrscheinlich freuen. In den USA war das Ding allerdings Schullektüre, und das hätte ihm weniger behagt. Ganz im Gegenteil brachte er seinen eigenen Kindern das Lesen bei, indem er ihnen verbot, Bücher zu lesen. Damit machte er sie zu einem begehrten und geheimnisvollen Objekt. Huck Finn sollte nie ein staubiger Klassiker werden, und das ist er ja auch nur zum Teil, denn die ganze zeitgenössische Jugendliteratur, angefangen von Harry Potter, wäre ohne Twain gar nicht denkbar.

Trotz seines Status als offizielle amerikanische Ikone ist Huck Finn seit langem ein „inoffizieller“ Akteur in der nationalen und internationalen Politik aller Seiten. Mussolini liebte das Buch; Bismarck hatte eine Kopie davon, ebenso wie die Zarin von Russland. Senator Joe McCarthy versuchte, es zu verbieten, indem er sagte, dass es den Süden ungünstig darstellte. Freiheitskämpfer auf der ganzen Welt – vom alten Sowjetblock bis zum Fernen Osten – ließen sich davon inspirieren und fanden in Twains Porträt des Vorkriegsamerikas eine beunruhigende globale Vision davon, wie totalitäre Gesellschaften funktionieren – und wie man sie untergraben kann, damit sie nicht besonders gut funktionieren.

Einer der offensichtlichsten modernen Autoren, in dessen Werk viel von Huckleberry Finn eingeflossen ist, ist Stephen King. Der berühmter Literaturkritiker Kenneth Atchity sagte 1982 bereits, dass, will man das Geheimnis von Kings Erfolg finden, man ihn mit Twain vergleichen muss. Kings Geschichten erschließen die Wurzeln des Mythos, der in all unseren Köpfen verborgen ist.

Um sich Mark Twains Huckleberry Finn zu nähern, sollte man sich bewusst sein, sich etwas wirklich Universellem zu nähern. Und Atchity sagt, dass man Kings Werk als Teil jener mythopoetischen Tradition betrachten muss, in der Twain laut kritischer Tradition als Vater und Archetyp der amerikanischen Literatur steht.

Coming of Age

Zu Beginn des Romans lebt Huck bei der Witwe Douglas, die Huck „sivilieren“ will, wie er es ausdrückt. Obwohl er die Beschränkungen, die die Gesellschaft ihm auferlegt (z.B. steife Kleidung, Bildung und Religion), nicht mag, zieht er es vor, wieder bei seinem betrunkenen Vater zu leben. Sein Vater entführt ihn jedoch und sperrt ihn in sein Haus ein. Daher konzentriert sich der erste große Teil des Romans auf den Missbrauch, den Huck durch die Hände seines Vaters erlebt – und Huck täuscht seinen eigenen Mord vor, um lebendig zu entkommen.

Nach der Inszenierung seines Todes und der Flucht trifft Huck auf Jim, einen entlaufenen Sklaven aus dem Dorf. Sie beschließen, gemeinsam den Fluss hinunter zu fahren. Beide laufen weg, um ihre Freiheit zu erlangen: Jim aus der Sklaverei, Huck aus dem Missbrauch seines Vaters und der restriktiven Lebensweise der Witwe Douglas (obwohl Huck das noch nicht so sieht). Für einen Großteil ihrer gemeinsamen Reise betrachtet Huck Jim als Eigentum.

Jim wird zur Vaterfigur – der ersten, die Huck je in seinem Leben hatte. Jim lehrt Huck richtig und falsch, und im Laufe ihrer Reise den Fluss hinunter entsteht eine emotionale Bindung. Im letzten Abschnitt des Romans hat Huck gelernt, wie ein Mann statt wie ein Junge zu denken. Diese Veränderung wird am deutlichsten, wenn wir Tom Sawyer in dieser Situation mit Huck vergleichen. Während Huck wirklich um Jims Sicherheit und Wohlbefinden besorgt ist, wäre für Tom nur das Abenteuer interessant – mit völliger Missachtung von Jims Leben oder Hucks Anliegen.

Tom ist immer noch derselbe Junge wie in Die Abenteuer des Tom Sawyer, aber Huck ist etwas reifer geworden. Die Erfahrungen, die er mit Jim auf ihrer Reise den Fluss hinunter geteilt hat, haben ihn gelehrt, ein Mann zu sein. Obwohl Die Abenteuer des Huckleberry Finn einige sehr explizite Kritiken über Sklaverei, Diskriminierung und Gesellschaft im Allgemeinen enthält, ist das Buch aber hauptsächlich die Geschichte von Hucks Reise von der Kindheit zur Männlichkeit. Eine Universalgeschichte.

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