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Horror-Puppen: Die wollen doch nur spielen

Ich hatte eine Puppe, sie hieß Monika. Das war ein braver Name für ein böses Mädchen. Monika schlich sich nachts an mein Bett und flüsterte mir ins Ohr: „Komm, spiel mit mir.“ Sie hatte Verbotenes im Kopf, und ich nickte eifrig unter meiner Decke und träumte mich wach. In meiner Vorstellung geschahen die merkwürdigsten, durchaus auch furchtbarsten Dinge. Ich war ein phantasievolles Kind, und Angst zu haben gehörte dazu, wenn ich meine dunklen Bilder malte.

Erster scheuer Blickkontakt mit Robeert

Erster scheuer Blickkontakt mit Robert

Von Robert hatte mir damals niemand erzählt. Als ich längst schon erwachsen und Monika ein verblasster Spuk mit toten Augen war, hörte ich von dem Jungen im Matrosenanzug.

Robert the doll. Eine Stoffpuppe. Ungefähr einen Meter groß, mit Holzwolle und einem unauffindbaren Gehirn gestopft. Sie huscht im Eiltempo von Raum zu Raum, randaliert, kichert boshaft und redet Verschwörerisches mit ihrem Besitzer. Das ist so jetzt nicht mehr möglich, man hält sie hinter Glas in einem Museum in Florida gefangen, artig auf einem Holzstuhl hockend. Unartig lauernd.

Denke ich.

Fairerweise sei gesagt, dass das mit dem Gehirn nun gerade nicht belegt ist, genau genommen behaupte ich das, um meiner Ahnung Nachdruck zu verschaffen. Robert lebt. Irgendwie. Er wird seit über hundert Jahren von einem Geist, vermutlich Dämon bewohnt. Eine Voodoo-Zauberin aus der Karibik hat ihn gedacht, gemacht, verflucht und vergeben. Seitdem lauert Robert auf gewisse düstere Momente. Gemunkelt wird das schon lange. Einige unbelehrbare Obergescheite winken da natürlich ab. Gibt’s nicht.

Nicht? Ich belächle keineswegs, wenn da jemand sagt, er habe Robert in seiner Vitrine in Key West mit Arglist im Blick zwinkern sehen. Furcht und Glaube aus Kindertagen habe ich nie verloren. Wer sich darüber amüsieren will, bitte. Ich könnte Robert kichern hören. Und lausche wieder Monika: „Komm, fang mich.“

Chucky: In diesem Fall kann es nur einen geben

Chucky: In diesem Fall kann es nur einen geben

Vielleicht sehe ich auch in etwas leichteren Momenten diesen fiesen Chucky vor mir. Der Film, in dem er 1988 erstmalig auftauchte, um eine wirklich böses Spielzeug zu sein, war zwar kein Meilenstein für das Horror-Genre, gilt freilich längst als Kult. Die Idee, den Geist eines Serienkillers in eine Puppe zu verpflanzen, die durchaus interessant Eigeninitiative entwickelt, gern das Messer wetzt, so komisch guckt und grinst und garstig daherkommt, ist tatsächlich nicht übel. Inspiriert war Regisseur Tom Holland, der auch am Drehbuch mitschrieb, von meinem, unserem kleinen Matrosenjungen Robert:

The enchanted doll (verwünschte Puppe), war das hintersinnige Geschenk einer farbigen Dienstbotin an den vierjährigen Robert „Gene“ Eugene Otto, von dessen Eltern sie sich respektlos behandelt fühlte. Es war das Jahr 1903, und Gene, der sich später als Maler und Autor einen Namen machen sollte, freute sich über den neuen Spielgefährten, nichtsahnend, dass schwarze Magie in ihm steckte. Die Ottos sollten fortan das Gruseln lernen. So der Wille der Voodoo-Meisterin.
Sagt man. Warum auch nicht?

In der Folgezeit häufte sich Unheimliches im Haus. Gene sprach mit Robert, der schien auch zu antworten, wie Eltern, erstarrte Verwandte und verblüffte Gäste beobachteten. Sie hörten sogar eine eigentümliche Stimme, dachten anfangs, Gene wäre das selbst. War er wohl nicht.

Robert wechselte in Windeseile seinen Standort, ohne dass ihn jemand bewegt hätte, Möbelstücke lagen umgekippt auf dem Boden, und nachts beobachten die Nachbarn Robert hinter der Fensterscheibe, wie er starrte, um dann zu verschwinden und am nächsten Fenster wieder aufzutauchen. Und sie erzählten entsetzt, ein bitterböses Kichern gehört zu haben. Gene schrie oft, wenn andere längst schliefen. Dann war irgend was passiert. Und der Junge sagte ernsten Blickes: „Robert did it.“ (Robert war’s)

Robert landete nach Genes Tod 1974 auf dem Dachboden, wo ihn die zehnjährige Myrtle Reuter fand, Tochter der neuen Hausbesitzer. Ihren neuen blassen Freund, – die Farbe in seinem Gesicht war mit den Jahren verblichen -, nahm sie mit auf ihr Zimmer. Und schon ging es los. Robert soll dabei so weit gegangen sein, dass er sich an ihr Bettende setzte, ihr fürchterlich Angst machte und sie tatsächlich bedrohte. Robert war halt alt geworden. Verbittert. Gehässig. Rachsüchtig. Hatte man ihn wirklich geschätzt? Nein.

Robert und sein Löwe hinter Glas: Sprungbereit

Robert und sein Löwe hinter Glas: Sprungbereit

1994 hatte Myrtle genug von seinen Launen. Sie übergab die Puppe der Museumsleitung in Key West, war wohl heilfroh, sie los zu sein, denn dass sie verflucht sei und sich selbständig bewege, darauf schwor sie bei allen Voodoo-Zaubern und sonst wem einzig Wahren.
Robert sitzt heute in der Martello Gallery des Key West Art and Historical Museums in einer gäsernen Vitrine auf seinem Stuhl, hält gegen die Einsamkeit und vermutlich für die Wut einen braunen Stofflöwen im Schoß und sorgt weiterhin für Horror-Gesprächsstoff vom Feinsten. Man raunt sich zu, dass es gut sei, Robert eingekerkert zu wissen, da er im Privatbesitz für paranormale Geschehnisse, Unglück und gar schrecklichen Tod sorgen würde.

Museumsangestellte behaupten, Roberts mittlerweile legendäres Zwinkern gesehen zu haben, auch, dass er sich bewegen würde. Nicht wenige Besucher meinen, Robert um Erlaubnis bitten zu müssen, wenn sie ihn fotografieren wollen. Immerhin gilt heute noch: Niemand will ernsthaft den Unmut des Puppenjungen im Matrosenanzug auf sich ziehen, dessen erster Besitzer, der kleine Gene Otto, einen Ausspruch geprägt hat, der in der Region um Key West in aller Munde ist: „Robert did it!“

Durchaus korrekt: Es sind eh immer die anderen.

Und die verstaut man im Ernstfall hinter Panzerglas. Sicher ist sicher. Wie eben auch Stoffpuppe Annabelle, so groß bzw. klein wie ein vierjähriges Mädchen, rothaarig im Schürzenkleid und ordentlich als Attraktion verfrachtet ins Warren’s Occult Museum in Monroe, Connecticut, nachdem sie in privaten Händen für Aufruhr, mächtig Angst und Aberglauben gesorgt hatte. An ihrem Schaukasten hängt ein Zettel mit der Aufschrift:

Warning! Positively do not open! (Warnung! Besser nicht öffnen!)

Entzückendes Puppenkind: Und so böse!

Entzückendes Puppenkind: Und so böse!

Annabelle gehörte einer Schwesternschülerin namens Deidre „Donna“ Bernard, ein Geschenk zu ihrem 28. Geburtstag. Es war das Jahr 1970, und Puppenfreundin Donna freute sich über das hübsche sommersprossige Ding mit seiner dreieckigen roten Nase, den geringelten Kniestrümpfen und den schwarzen Schnürschuhen. Klingt alles furchtbar putzig, entwickelte sich aber unschön.

Annabelle bewegte sich eigenmächtig, flott und unkontrollierbar wie Robert. Schriftliche Mitteilungen und blutähnliche Flüssigkeiten tauchten auf, die wohl klar nur von ihr stammen konnten. Davon waren Donna und ihre Zimmerkollegin im Wohnheim fest überzeugt, das unterstrichen auch „Spukforscher“ wie das Autorenehepaar Ed und Lorraine Warren, das die Puppe als von einem Dämon besessen vernünftig kennen und fürchten lernte und einen Exorzismus vornahm.

Gar nicht so abwegig: Immerhin nennen auch die Skeptikerin und Publizistin Karen Stollznow nebst recht namhaften Kollegen wie Robert B. Durham und Robert Young im Einklang miteinander ungewöhnliche Vorkommnisse, die mit der Puppe Annabelle zusammenhängen. Die heißt wohl mit Nachnamen Higgins, wie ein Medium in Erfahrung brachte. Annabelle Higgins. Ein totes Mädchen, das nicht schlafen kann. So ist das.

Selbstredend gibt es auch einen (recht guten!) Film, Annabelle (2014, Regie: John R. Leonetti), schön schaurig eh, denn allein die Vorstellung, dass ein dauerlächelndes, ansonsten prinzipiell leeres Puppengesicht sich plötzlich zu einer Grimasse, wie auch immer geartet, verzieht, erweckt nicht nur kindliche Sorge.

Als zutiefst Erwachsene liebe ich den Horror.

Ich würde es nicht lieben, wenn Monika überraschend an meinem Bett stehen würde.
„Komm, spiel mit mir.“
Das ginge zu weit.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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