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Horror ist Realität – und Realität ist Horror

Eins vorweg: Ich werde einen Teufel tun und mir an einer Genre-Definition die Zähne ausbeißen. Damit haben sich andere längst erfolgreich und ausführlich befasst, z. B. Stephen King in seiner sehr empfehlenswerten Abhandlung „Danse Macabre“. Stattdessen habe ich mich entschlossen, das Thema eher subjektiv anzugehen. Horror ist für mich – in erster Linie – kein Genre, sondern ein Gefühl. Was immer dieses Gefühl auslöst, Film, Buch, Game, realistische oder phantastische Mittel, spielt erst mal keine Rolle.

Zur Vorbereitung auf diesen Artikel habe ich einige mir persönlich bekannte Personen mit der Frage „Was ist Horror?“ konfrontiert. Hier einige Antworten:

„Ein Schauer, der durch Mark und Bein geht.“
„Alleine sterben.“
„Eine Grenzerfahrung zwischen Nervenkitzel und Abscheu.“
„Sich etwas ausgesetzt zu sehen, das man nicht unter Kontrolle hat.“
„Wenn man seinem eigenen Verstand nicht mehr trauen kann. Wenn man sich fragt: Werde ich gerade wahnsinnig?“
„Der Moment, in dem man nichts mehr fühlt, außer dem, was das um sein Leben rennende Gnu fühlt.“
„Eingesperrt sein.“
„Alles ist normal, nur ein Detail stimmt nicht, sodass das ganze Bild schief wird.“

Oder auch:

„Ein Mann steigt in die U-Bahn ein. Er hat ein böses Gesicht, sein Blick springt aggressiv umher. Seine Arme und Hände sind mit vergilbten, dreckigen Bandagen umwickelt, die sich an einigen Stellen ablösen. Darunter sieht man etwas, das wie Lepra aussieht oder Krätze. Schnell und zielgerichtet bewegt er sich durch das Abteil, dabei fasst er alles an…“

Wie man an der Verschiedenheit der Antworten sieht, scheint Horror etwas sehr Individuelles zu sein. Horror ist, was Angst macht, und Angst ist eben sehr persönlich. Sicher gibt es auch eine kollektive Ebene von Horror, die auch durch den kulturellen Rahmen mitdefiniert ist, in dem wir uns bewegen. Für meine Oma waren die Russen Horror, für meinen Opa die Deutschen. Jede/r hat in Sachen Horror ihre/seine ganz persönlichen neuralgischen Punkte. Die Wurzeln dieser Punkte liegen tief, und ich will heute mal ein bisschen graben.

Als Kind hatte ich vor allem möglichen Angst, zum Beispiel vor Mähdreschern, vor meiner Uroma und vor dem Pastor. Diese Art von Angst würde ich aber nicht als Horror bezeichnen. Beim Horror geht es nicht um irgendwelche Ängstchen, aus denen man mit der Zeit herauswächst, sondern um eine Furcht, die den inneren Kern erschüttert und die über einen kommt wie ein Sturz in ein kaltes, tiefes Wasser.

Meine erste Begegnung mit Horror hatte nichts zu tun mit Gespenstern. Ich war ungefähr vier Jahre alt, als mir von irgendwoher die Erkenntnis zugetragen wurde, dass die Welt nicht am Waldrand aufhört, den ich vom Küchenfenster aus sehen konnte. Dass die Erde nicht ruhig und friedlich da liegt wie der kleine See auf der Kuhwiese vor dem Haus, auf dem ich im Winter schlitterte und nichts Böses ahnte. Noch nicht. Dann geriet das Fundament ins Wanken. Nackter Horror überflutete mein Kinderhirn angesichts der Tatsache, dass wir auf einer im Wahnsinnstempo um sich selbst (und einen gigantischen Feuerball…) kreisenden Erde durch ein endloses, düsteres NICHTS rasen. Lost in space, für immer verloren… Ich weiß nicht mehr, ob ich wirklich die Finger in den Rasen vor dem Haus krallte, als könnte die Schwerkraft ihren Zauber verloren haben, nur weil ich sie erkannt hatte. Aber ich weiß, dass ich an diesem Tag begriffen habe, was Horror ist, auch wenn ich das Wort noch nicht kannte.

Wenig später machte ich meine erste Begegnung mit dem Tod, und das Gefühl konkretisierte sich. Eine überfahrene Katze im Gebüsch an der Landstraße. Zerquetscht, gequält, verrenkt, kaputt lag der kleine Körper da. Die Zunge aus dem gebrochenen Kiefer heraushängend, Därme quollen aus dem Bauch und Knochen drückten sich spitz durch das Fell, das sich in der Sommerhitze rasch auflöste. Das allzu reale Gesicht eines gewaltsamen, plötzlichen Todes, und dazu dieser unvergessliche Geruch. Fast jeden Tag ging ich zur Unfallstelle und betrachtete die mit dem Kadaver vor sich gehenden Veränderungen, das Aufblähen und Einsacken, das Gewimmel und die Auflösung. Und ich verstand, dass Horror auch ein Reiz sein kann.

Diese beiden Erfahrungen waren Schlüsselmomente für mein persönliches Verständnis von Horror, und sie klingen bis heute in vielem nach, das ich schreibe. Im Lauf der Jahre kamen weitere Erlebnisse und Gedanken dazu, die meiner Idee von Horror neue Facetten hinzufügten. So ist ein düster funkelndes Gebilde entstanden, das mich immer wieder inspiriert. Und es wuchert weiter. Heute entdecke ich fast jeden Tag etwas Neues, das den Begriff Horror verdient, manchmal im Internet, meistens in der Wirklichkeit. Üble Gestalten sitzen an den Hebeln der Macht, säen Hass, Gewalt und Chaos, treiben den Faschismus und die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen unerbittlich voran. Menschen werden aus ökonomischen Gründen oder aus Fanatismus getötet oder zu Geflüchteten, verlieren ihre Existenzen, ihre Gesundheit, ihre Würde. Die Welt brennt in vielen Teilen, und hierzulande brennen wieder Flüchtlingsunterkünfte. Die breite Masse wendet sich ab, so lange es ihr nicht ans eigene Leder geht. Gleichgültig oder von irrationalen Ängsten gelenkt, schläft sie oder klatscht den Populisten Beifall, die immer weiter Öl ins Feuer gießen, bis am Ende wieder die ganze Welt brennt. Die jahrzehntelange Aufarbeitung der Geschichte scheint die Gesellschaft nicht verändert, die Welt nicht weniger barbarisch gemacht zu haben. Das Böse ist ein elementarer Bestandteil des menschlichen Wesens, der sich immer wieder sinnlos Bahn bricht; Vernunft und Ethik sind idealistische Konstrukte für satte und friedliche Zeiten. Das ist alles nicht Neues, und das macht es nicht besser. Ja, wir rasen durch ein dunkles Weltall, und ja, wir müssen alle sterben. Das alles ist Horror, und das alles ist Realität.

Diese Realität ist der Nährboden für die Art von Horror, den ich heute noch erzählen will. Die oben aufgeführten Statements gehen in eine ähnliche Richtung: Auch dabei fällt auf, dass alle persönlichen Definitionen – so unterschiedlich sie auch sind – in Tatsachen oder Situationen der Realität wurzeln. Interessanterweise erwähnte keine/r der Befragten Zombies oder Monster, Geister oder böse Clowns oder was wir sonst so mit dem Genre Horror assoziieren. Das könnte uns als Horrorproduzent*innen vielleicht zu denken geben. Nicht, dass wir von diesen Gestalten unbedingt Abstand nehmen müssten – aber ein Zombie macht halt noch keinen Horror. Und auch mit hunderten kommen wir nicht weit, wenn da nicht noch etwas anderes, Tieferliegendes ist, das die Angst nährt. Die echte Angst.

Neben der Realität gibt und gab es immer noch eine andere, nie versiegende Quelle, aus der wir echten Horror schöpfen können: das Unerklärliche. Die Vorstellungen, die wir uns von dem machen, was außerhalb unserer sinnlichen und kognitiven Kontrollzone liegt. Wir als Autor*innen müssen abwägen, welche dieser beiden Quellen wir in welchem Umfang anzapfen wollen, um unsere Geschichten zu erzählen. Erlaubt ist, was Angst macht, und das ist unsere Aufgabe. Wir müssen entscheiden, ob wir uns dazu phantastischer Mittel bedienen wollen oder nicht. Wenn wir es tun, sollten wir darauf achten, dass diese Mittel nicht zum Selbstzweck verkommen und den echten Horror nicht verwässern, sondern ihn unterstützen, ihn für andere sicht- und vor allem fühlbar machen. Das geht nur – findet übrigens auch Meister King – wenn wir ihn selber fühlen, währedn wir schreiben. Das bedeutet: dahin zu gehen, wo es weh tut. Wenn wir diese Reise in die Dunkelheit nicht wagen, werden wir auch nichts zustande bringen, das zumindest ich persönlich als Horror bezeichnen würde.

For in the darkest depths, we find the shiny treasures.

Karin Elisabeth

Aus den dunkelkatholischen Sümpfen Westfalens mitten ins Herz von St. Pauli führte die Pilgerreise von Karin Elisabeth. Im Alter von neun Jahren bekannte sie sich im Kommunionsunterricht offiziell zu Luzifer und betätigt sich seither mehr oder weniger erfolgreich in den Schwarzen Künsten. Ergebnisse wurden u.a. in Magazinen und Anthologien wie „Visionarium“, „Zwielicht Classic“ und „Macabre“ veröffentlicht, in Kürze erscheint bei Amrûn ihr Debüt „Dark Sights“ – eine Sammlung unheimlicher Erzählungen zwischen Horror, Schwarzer Romantik und zeitgenössischer Dark Fiction mit expliziten Lyrics.

Karin Elisabeth zeichnet mitverantwortlich für die Lesereihen Unheimliche Literatur auf Absinth und Acid Horror in Hamburg und ist frenetisches Gründungsmitglied des Künstlerkollektivs Abweg.