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Hexen: Stell dir vor, du müsstest Angst haben

(c) Concorde Filmverleih

Stell dir vor, du seist eine Hexe. Keine echte, das wäre zu einfach. Stell dir also vor, als grundsätzlich normale und recht vernünftige Frau Hexe genannt zu werden. Würdest du lachen über all die seltsamen Leute, die so etwas Dummes über dich behaupten? Oder hättest du Angst?

Stell dir vor, wir schreiben das 17. Jahrhundert. Du wohnst allein etwas außerhalb der Stadt. Fremde Männer klopfen an deine Tür. Sie nehmen dich fest und fragen dich mit gewichtiger Mine nach dem Teufel. Du weißt vermutlich, was das bedeutet. Und du hättest eine wahnsinnige Angst.

Plötzlich verschwunden

 

(c) Universum Film

Weil du dich erinnerst, was mit der alten Witwe passiert ist, die dich auf dem Markt immer so freundlich gegrüßt hat. Plötzlich war sie verschwunden. Sie erzählten, sie sei am Hexensabbat einen Pakt mit Satan eingegangen. Habe ihren Bruder aus Habgier vom Blitz erschlagen lassen. Das Vieh des Nachbarn krank gemacht. Dessen Frau die Babys noch im Mutterleib genommen. Zwei Totgeburten. Sie hätte die Seelen gefressen, sagten sie, spukten aus und bekreuzigten sich. Unfassbar, hast du gedacht, die doch nicht. Aber gestanden haben soll sie. Warum bloß? Und verbrannt wurde sie. Kein böses Märchen. Du ahnst, wie ernst das alles ist. Wie wahr. Und wie grotesk das alles scheint.

Grotesk und grausam. Die Fuldaer Hexenprozesse sind dir vermutlich nicht bekannt. Oder ist die furchtbare Kunde bis in dein kleines Dorf gedrungen? Es war zu Beginn deines eigenen düsteren Jahrhunderts. Merga Bien war eine von mehr als 200 der Hexerei beschuldigten Frauen, die verurteilt und hingerichtet wurden. Die Unglückliche kehrte nach jahrelanger Sesshaftigkeit in einer anderen Stadt ausgerechnet zu einer Zeit in ihren Heimatort Fulda zurück, in dem exzessiv „gejagt“ wurde. Fürstabt Balthasar von Dernbach hatte unzählige Anwohnerinnen als angebliche Unheilstifterinnen zu Hexen-Freiwild deklariert. Die Bevölkerung war völlig eingeschüchtert und verängstigt.

Schwanger vom Teufel

Die schwangere Merga Bien wurde von der Stelle weg inhaftiert, ohne sich irgendeiner Schuld bewusst zu sein. Da war niemand, der ihr helfen konnte. Ihr Ehemann war tot. Und weil sie während ihrer vierzehnjährigen Ehe kinderlos geblieben war, schlussfolgerte man, dass das ungeborene Kind von Satan sei. Völlig absurd? Merga Bien wurde der Peinlichen Befragung unterzogen. Und gestand letztendlich unter Qualen und vielleicht auch im Wahn ohne wirklichen Sinn, dass das stimme: Sie habe sich freiwillig und gern vom Teufel verführen lassen, er sei der Vater. Ihren Mann und auch die Kinder eines Angestellten habe sie umgebracht und selbstverständlich am Hexensabbat teilgenommen. Man verbrannte sie auf dem Scheiterhaufen.

(c) Forgotten Film Entertainment

Die Geschichte behagt dir nicht. Du bist gottesfürchtig. Das war Marga auch. Du verstehst das nicht? Sei dir bewusst, dass dein Gemüt schlicht ist. Du bist keine gebildete Frau. Von schwarzer Magie hast du nur verschwörerisch munkeln hören, du weißt gar nicht so recht, was das ist. Da sind welche, die sich auskennen. Sie sprechen von den Irrgläubigen. Gotteslästerern. Ketzern. Von Leuten, die sich mit den Mächtigen der Hölle verbinden, um selbst Macht zu erhalten. Um Übles tun zu können in finsterer Nacht und selbst bei Tageslicht.

Sie sagen, dass die Pest im 14. Jahrhundert auf das Konto der Häretiker geht. Damit habe es angefangen. Was denn genau?, denkst du. Denn noch ist dir nicht bewusst, dass du bereits mitten drin steckst im Entsetzens-Szenario. Du bist Opfer der Hexenjagd.

Schwarzer Tod

(c) Forgotten Film Entertainment

Die begann, als der Schwarze Tod gewütet hatte. Für eine derartige Katastrophe suchte man Verantwortliche, denen man vorwerfen konnte, durch ihre spezielle Gesinnung und die Abkehr von gesellschaftlich allgemein gültigen religiösen Gesetzen die Strafe Gottes heraufbeschworen zu haben. Als „geeignete“ Opfer, sprich, Sündenböcke waren zunächst die Juden im Visier, dann konzentrierte man sich mehr und mehr auf die Vorstellung vom Hexensabbat, der als Quell allen Übels mittlerweile selbst Kirchenrepräsentanten als „Wahrheit“ zusagte, die ursprünglich eher recht kritisch auf Distanz gegangen waren.

Das Problem: Spiritistisches Wissen war Männersache. So zählten zu den Personen, denen in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Nekromantie (Totenbeschwörung) vorgeworfen wurde, – ein populärer Glaube im Mittelalter – , so gut wie keine Frauen. Denn die konnten im Regelfall weder lesen noch schreiben, geschweige denn kannten oder verstanden sie lateinische Texte mit entsprechenden Zauberformeln. Freilich bereitete das kaum Kopfzerbrechen.

Es war so völlig simpel, selbst den einfachsten Frauen ohne irgendeine Ausbildung erstaunliche und große magische Fähigkeiten und Kräfte unterstellen und, – mit Nachdruck per Folter – , „nachweisen“ zu können, sofern man von einem Teufelspakt ausging. Heißt: Der Teufel galt als Lehrmeister, die Frau war seine Schülerin und als solche in der Lage, eine spiritistische Meisterin zu werden.

Malleus Maleficarum

Meinte man. Behauptete man. Die Hexenprozesse sollten exakt diesen Pakt bestätigen. Wer zugab, mit dem Teufel zu verkehren, erklärte damit, zumindest rein theoretisch zu allem erdenkbar Schlechtem in der Lage zu sein. Grund genug, sterben zu müssen. Nach 1420 stieg die Zahl der Anschuldigungen explosionsartig, Hunderte wurden hingerichtet. Panik, Misstrauen und eine unfassbare Furcht vor dem jederzeit Möglichen machte sich breit. Man denunzierte, um nicht selbst denunziert zu werden. Und redete sich ein, dass die Hexe tatsächlich nebenan wohnt. Wo sonst? Man selbst war ja keine. Nie und nimmer. Hoffentlich. Und bitte nicht.

 

Die Frau als „böse Hexe“ fand ihre endgültige Bestätigung, als 1472 Heinrich Kramers „Malleus Maleficarum“ (Hexenhammer) erschien: Gutenbergs Buchdruck verschaffte dem schaurigen Werk, vortrefflich hässlich illustriert, enorme Resonanz. Haupttenor: Es sei die Ur-Natur der Frau, anfällig für des Teufels Wollen, Begehren und Versprechen zu sein. Man las. Man nickte. Die Scheiterhaufen brannten.

(c) Concorde Filmverleih

Du bist selbst eine Frau. Stell dir vor, du befindest dich im Gerichtssaal. Ungeheuerliches wird dir vorgeworfen. Du seist mit der Hexenkunst vertraut. Man habe dich gehört. Man habe dich gesehen. An der Feuerstelle im Wald. Im Hofgehege bei den Ziegen. Gemeinsam mit ihm. Mit IHM! Unfassbar für dich, so etwas zugeben zu sollen. Und doch…sie setzen die Daumenschraube an. Drohen mit der Streckbank. Suchen deinen nackten Körper nach verräterischen Malen ab. Mahnen dich, zu bekennen, das würde unnötiges Leid ersparen. Hältst du diesen Irrsinn durch?

Blut ausgesaugt

Der Prozess gegen Walpurga Hausmännin, hingerichtet 1587 in Dillingen, Bayern, wegen Hexerei, Vampirismus und Kindesmord, ist ein entsetzliches Beispiel dafür, welch furchtbare, unglaubliche, gleichwohl völlig absurde Dinge Menschen letztendlich zugeben, wenn sie körperlich und psychisch extrem unter Druck gesetzt werden. Die betagte Witwe muss abscheulich gefoltert worden sein, bis sie wirklich jede Tat gestand, die ihr vorgeworfen wurde.
Dass sie nach dem Tod ihres Mannes mit einem Dämon namens Federlin geschlafen, Satan anschließend die Treue geschworen habe und mit einer Mistgabel zu ihm geflogen sei, um mit ihm geröstete Babys zu verzehren und auch mit ihm Sex zu haben. Dass sie während ihrer zwanzigjährigen Tätigkeit als Hebamme mindestens vierzig noch nicht getaufte Säuglinge ermordet hätte, um sie gemeinsam mit anderen Hexen zu essen. Dass das Blut der Kinder von ihr ausgesaugt worden sei. Dass sie von Federlin ein Balsam bekommen habe, mit dem sie Menschen geschädigt und Ernten vernichtet hätte.

Walpurga Hausmännin wurde von der Kirche und vom Kaiserlichen Gericht für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Man trieb sie durch die Stadt bis zum Hinrichtungsplatz, wo ihr vor der Exekution der Arm abgehackt wurde, mit dem sie ehemals ihren Eid als Hebamme abgelegt hatte.

So steht sie geschrieben. Eine Geschichte. Deine nicht. Glückssache wohl.

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