Hexen: Sie haben alle ihre eigene Geschichte

Abertausende Menschen wurden in der frühen Neuzeit im europäischen Raum als Hexen vor Gericht gestellt und hingerichtet. Sie alle waren Opfer eines Zeitgeistes, der geprägt war von gesellschaftlicher, politischer und speziell religiöser Orientierungssuche vor strengster und finsterster Kulisse. Seine schaurige Präsenz fand er in Fanatismus und Wahnvorstellungen, absurden Anklagen, grotesken Beweisführungen und endgültigen Urteilen.

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Jedes dieser Opfer, die der Hexenwahn unmittelbar die entsetzliche Konsequenz fataler menschlicher Fehlbarkeit hat spüren lassen, könnte seine eigene Geschichte erzählen. Aber sie erklären? Sich selbst erklären? Vielleicht könnten viele die Worte nicht finden, die auch uns immer noch suchen lassen.

Die wenigsten von den Unzähligen, die damals sterben mussten, weil ihre Wahrheit als Lüge galt und die andere große Lüge ihre Berechtigung im Irrglauben hatte, sind uns bekannt. Sie alle sind vor langer Zeit gestorben, und was wir über sie wissen, ist festgehalten in einem Bild, das grenzenlose Qual und unglaubliches Unrecht zeigt. Vergessen ist niemand von ihnen. Sie alle haben ihren Gedenkstein auf dem Papier, das uns überliefert wurde. Und einige von ihnen sind uns auch bekannt.

Nüchterne Notiz?!

Manche als Notiz, als Zahl, was nüchtern klingt und umso schwerer wiegt.

1563: In dem kleinen protestantischen Ort Wiesensteig, Süddeutschland, werden 63 Frauen als Hexen hingerichtet.

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1626 – 1631, die Hexenprozesse von Würzburg: 157 Menschen sterben auf dem Scheiterhaufen, insgesamt 900 Exekutionen von vermeintlich mit dem Teufel Verbündeten werden im gesamten Fürstbistum gezählt

1611 – 1618, die kleine katholische Stadt Ellwangen im Südwesten Deutschlands: 400 Menschen werden wegen Hexerei hingerichtet ohne Einberufung eines höheren Gerichtshofes

2500: Die Anzahl der in Schottland als Hexen und Hexer per Gerichtsurteil Getöteten

1478 bis 1834, spanische Inquisition: Sie trifft Andersgläubige, sexuell „falsch“ Orientierte, Verfasser von unerwünschter Literatur, der Hexerei „Kundige“. Allein in Kastilien waren es 12.000 Todesopfer

Furcht und Hass

Manche als Geschichte. Und das ist dann diese eine große Geschichte eines Menschen, der Hexe(r) genannt wurde. Wie wir wissen: In den absolut meisten Fällen war es eine Frau, die mit Misstrauen, Intoleranz, Furcht, Abscheu und Hass, sehr wohl auch Neid und Missgunst gebrandmarkt wurde.

Eine Frau, die als teuflisch böse galt, von Gott verlassen und dem Unheil, der Unmoral verfallen. Und die letztendlich, wenn keine Chance auf eine Wende bestand, Ungeheuerliches, nie Gesagtes, nie Gemachtes zugab, weil kompromisslos erwartet wurde, dass dieser Name Hexe richtig war. Auch wenn er unter Höllenqual heraus gebrüllt wurde.

1324, Kilkenny: Die Dienstmagd Petronella de Meath war die erste Frau, die in Irland als Hexe auf dem Scheiterhaufen sterben musste. Vorangegangen waren Ermittlungen gegen ihre Herrin Alice Kyteler wegen Gotteslästerung, Mord, Zauberei und sexuellen Beziehungen mit Dämonen. Kytler wurde zwar verurteilt, hatte aber im Gegensatz zu den meisten wegen schwarzer Magie angeklagten Frauen einflussreiche Kontakte, die ihr zur Flucht nach England verhalfen. Sie entkam der Todesstrafe. Nicht so ihre völlig auf sich allein stehende Magd, der jegliches Leugnen und Weinen nichts nützte. Petronella gab nach schwerster Folter zu, die treue, willige und kundige Handlangerin einer Hexe gewesen zu sein und starb grausam für ihr Geständnis.

Zielscheiben des Wahns

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Toulouse, 1275: Die Französin Angéle de la Barthe wurde verbrannt, weil man sie für schuldig befunden hatte, mit dem Teufel sexuell zu verkehren und von ihm ein Kind mit Wolfskopf und Schlangenschwanz zur Welt gebracht zu haben, zudem noch, sich selbst und ihr Monsterbaby von Neugeborenen zu ernähren. Angéle, Anhängerin der Katharer, die damals als Häretiker verfolgt wurden, gestand alles, nachdem man sie gefoltert hatte. Ihre Sektenzugehörigkeit war wohl mit ausschlaggebend für die Anklage religiöser Eiferer wie Inquisitor Hugo de Benoils, der nach geeigneten Zielscheiben suchte.

1628: Von Wahn und Übereifer angesteckte Nachbarn denunzierten die ahnungslose 80jährige Witwe Anna Koppers aus Recklinghausen. Anna, die vergebens um Aufklärung des haltlosen Vorwurfs flehte, wurde wegen Hexerei vor Gericht gestellt, gefoltert und nach ihrem erpressten Geständnis auf dem Scheiterhaufen verbrant. Mehr ist über die arme Seele nicht in Erfahrung zu bringen, deren einziges „Verbrechen“ mutmasslich darin bestand, verräterisch alt und aus irgendwelchen Gründen unerwüscht zu sein. Sie gehörte damit zu den vielen vor allem alten Frauen, die Opfer der Verfolgung in ganz Europa wurden. Diese Frauen waren oft bereits recht gebrechlich, völlig auf sich allein gestellt und konnten keine Hilfe von außen erwarten, wenn Ankläger sich gegen sie wandten. Das Bild der greisen, hässlichen Hexe, wie sie in überlieferten Erzählungen dargestellt wurde, war als eine der großen „Wahrheiten“ verankert in den Köpfen der Menschen. Die Inquision hatte in dem Zusammenhang relativ leichtes Spiel, ohne viel Aufwand irgendwelche x-beliebigen, einsam lebende, alten Frauen als exemplarische Täterinnen vorzuführen.

Kinder verhext

Anna Ebeler, eine Amme aus Augsburg: Ihr wurde 1669 vorgeworfen, ihre im Wochenbett liegende Herrin mit vergifteter Suppe umgebracht zu haben. Die Anklage veranlasste weitere Frauen, die mit Annas Hilfe entbunden hatten, schwere Anschuldigungen gegen sie zu erheben: Ein Baby sei ausgetrocknet, eins mit Pusteln übersät gewesen, und der siebenjährige Sohn einer der Mütter leide unter Krämpfen und Schreckensvisionen seit Annas Erscheinen im Haus. Beim sechsten Verhör gestand sie, die Kinder verhext zu haben. Ihr Todesurteil.

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Elizabeth Francis, Chelmsford, England: Die Witwe gestand, einen Hausgeist in Gestalt einer Katze zu besitzen, der ihr einen Liebhaber besorgt und diesen umgebracht hätte, als der sie nicht heiraten wollte. Das Vieh der Nachbarn, Mastschweine, eine Kuh und Gänse, habe die Katze getötet, und sie selbst hätte ihrem verstorbenen Mann den Tod und einem anderen Mann Unglück angehext. Für dieses sonderliche Bekenntnis, unter welchen erschwerenden Bedingungen es auch zustande kam, wurde Elizabeth Francis 1566 gehängt, im gleichen Jahr wie auch die Engländerin Agnes Waterhouse.

Agnes Waterhouse besass laut Anklage einen Kater namens Satan, der andere Tiere tötete und sich aufgrund ihrer schwarzen Magie in eine sprechende Kröte und in einen schwarzen Hund mit Hörnern auf dem Kopf verwandeln konnte. Die Nachbarstochter sagte aus, sie habe aus Hungersnot die Kröte von Waterhouse um Hilfe gebeten, und diese habe als Gegenleistung ihre Seele gefordert und sie in Gestalt des Hundes gejagt. Mit einem Messer hätte der Hund sie auch bedroht. Wie Agnes Waterhouse selbst, die sehr wohl bekannt dafür gewesen ist, mit angeblichen Zauberkräften zu prahlen, vor Gericht mit diesen Anschuldigungen umgegangen ist, mag etwas befremdlich gewesen sein. Allein, sie brachten ihr den Tod: Zwei Tage nach der Urtelsverkündung wurde sie als Hexe hingerichtet.

Die Schottin Isobel Gowdie, 1662 als Hexe angeklagt, gab angeblich freimütig zu, tatsächlich eine zu sein: Eine, die mit dem Teufel schlief, auf Pferden flog, Menschen mit Elfenpfeilen tötete und sich in einen Vogel verwandeln konnte. Ihre Taufe widerrief sie, und sie verriet, nachdem sie auch den Vorwurf des Ausgrabens von Kinderleichen bestätigt hatte, 41 Personen aus dem Hexenzirkel von Auldearn, die allesamt umgehend verhaftet wurden. Sie war wohl eine einfache und ungebildete, gleichwohl recht phantasievolle Frau, wie Zeitgenossen meinten. Freilich galt ihr Wort. Und gleichsam angeblich soll Isobel auch nicht gefoltert worden sein. Sie erzählte ganz ohne Druck. Was sie angetrieben hat, – Furcht vor Schmerzen, Lust auf Verrat oder blanker Irrsinn – , mag dahin gestellt bleiben. Gestorben ist sie höchstwahrscheinlich wie alle schottischen Hexen vor Ende des 17. Jahrhunderts: Gehängt, dann verbrannt.

Auf Wasser laufen

1668, Märet Jonsdotter, Älvdalen, Schweden: Die zwölfjährige Gertrud Svensdotter, die angeblich auf Wasser laufen konnte, erklärte vor Gericht, Märet, eine Verbündete des Teufels, hätte ihr diese Kunst beigebracht. Die derart Beschuldigte wies diese irrsinnige Behauptung weit von sich, kam aber nicht umhin, sich zahlreichen Verhören aussetzen zu müssen, um schließlich im Kerker zu landen. Sie blieb eisern dabei, eine völlig normale Frau zu sein. Ohne Geständnis konnte sie nicht hingerichtet werden, gleichwohl, ein Geständnis wollte man partout. Während Märets Gefangenschaft, – ihre Geschichte zog weite Kreise – , breitete sich in Schweden eine regelrechte Panik vor dem höllisch Bösen aus: Die Hexen-Jagd, genannt „Das große Unwesen“ (1668 – 1676), wütete, und letztendlich wurde auch Märet, kurzerhand widerspruchslos für schuldig befunden, gemeinsam mit 33 weiteren Angeklagten als Hexe hingerichtet.

Salem, Massachusetts

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1692, Sarah Good, eines der ersten Opfer der Hexenprozesse von Salem, Massachusetts: Sie war eine der drei Frauen, die von Abigail Williams und Betty Parris, zwei Mädchen aus der streng puritanischen Gemeinde Salem, beschuldigt worden waren, sie verhext zu haben. Seitdem Sarah Good einen Fluch gegen sie ausgestossen hätte, würden sie von Krampfanfällen geplagt. Das Verfahren gegen Sarah artete in eine regelrechte Hexen-Hysterie aus, die Gemeindemitglieder führten sich auf wie im Tollhaus, als die beiden Mädchen sich augenblicklich, – und wohl abgesprochen – , beim Anblick der Angeklagten auf den Boden warfen und wild zuckten. Als dann auch Sarahs eigener Ehemann das Muttermal (= Hexenmal) auf ihrem Rücken betonte und die eigene Tochter aussagte, von einer Schlange der Mutter gebissen worden zu sein, war die Sache für alle Beteiligten klar: Sarah Good wurde als Hexe verurteilt und gehängt.

Es war der Anfang. 200 Menschen insgesamt wurden in Salem und den umliegenden kleinen Gemeinden wegen Hexerei vor Gericht gestellt,150 inhaftiert, 20 hingerichtet, 55 unter Folter zu Falschaussagen gezwungen. Bis dahin hatten Hexenverfolgungen in den nordamerikanischen Kolonien, anders als im europäischen Raum, nur sehr selten stattgefunden. 1957 verfilmte die DEFA „Die Hexen von Salem“, ein auf den Prozessen basierendes Theaterstück von Arthur Miller; 1996 gab es eine Neuverfilmung unter dem Titel “Hexenjagd” (The Crucible).

Moral gegen Aberglauben

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Was in Salem geschah und warum es geschah, – Frömmigkeit, Fleiß und Moral, aber auch Not und Überlebenskampf treffen auf den Aberglauben und damit verbunden auf rein menschlich gesehen völlig inakzeptable teuflische Mächte und Handlungen – , wird absolut atmosphärisch in dem Film “The Witch” verdeutlicht. Hier spielt die Handlung um 1630, zehn Jahre nach der Gründung der ersten bekannten puritanischen Gemeinde Plymoth durch die Pilgerväter in Neueengland.

The Witch ordnet sich zwar in der Konsequenz dem Horror-Genre zu, aber der historische Background, höchst gewissenhaft recherchiert von Regisseur Robert Eggers, macht ihn zu einem direkten Porträt einer Zeit, die sich verständlich machen muss. Sonst bleiben wir ratlos zurück, weil eben diese Zeit die alten Geschichten geschrieben hat. Mit eigener Schrift und Tinte. Fremd? Fremd bleibt es.

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