News Ticker

Herzblut

(Titelbild: The Entrance, 2006, copyright: Jove Pictures, Sleeping Giant Entertainment)

Es ist eine dieser Geschichten, die man ungern den wirklich Bösen erzählt, weil sie zwar durchaus furchtbar ist, aber doch tragisch genug, um ein wenig Mitgefühl zu verdienen. Die Bösen leiden selten mit und nur in absoluter Dunkelheit. Könnte sein, es demaskiert sie, könnte sein, es würde sie ernüchtern. Trösten gar, was sie verärgern würde, weil sie keine Umarmungen wollen. Man erzählt sie auch nicht den richtig Guten, sie ist dann doch zu schrecklich, um diese gewisse Sehnsucht in ihr zu erkennen, die uns alle in der Nacht an einen Tisch bringen würde. Die Nacht ist schön und schwarz. Manchmal wunderbar gefährlich. Mehr muss nicht sein.

Es war einer dieser Kompromisse, die Mann und Frau eingehen, die nicht unbedingt sein müssen, die aber alles ändern. Sie wünschten sich beide etwas anderes. Es war ein ganz normaler Tag. Sie waren ein Liebespaar mit ganz normalen Vorstellungen. Vernünftigen. Vermutlich. Niklas war konkret. Er kannte seine Richtung. Er konnte sie wortgewandt begründen. Und doch hätte er nicht erklären können, warum ausgerechnet er, der große blonde Junge mit seiner längst erwachsen und steif, fast befangen gewordenen Phantasie, wie es ihm schien, urplötzlich diese Lust, diesen Drang verspürte, ein Bild malen zu müssen. Er wusste, dass ihn diese Idee nicht wieder loslassen würde, mehr noch, dass er es irgendwem auf absurde Art schuldig war, sie in die Tat umzusetzen. Hätte Niklas geahnt…und doch, wie wäre er dagegen angegangen?

Ihre Sicht war in dem Moment, als sie beide eng umschlungen vor diesem großen verschnörkelten Bilderrahmen standen, deutlich klarer. Vanessa dachte daran, einen Spiegel hineinsetzen zu lassen, den sie über das purpurrote Ledersofa hängen würde, sodass man direkt hineinsehen könnte von der Terrassentür aus. Er würde sich großartig machen auf dem Lindgrün der Wohnzimmertapete neben den beiden bunten Masken aus Ton, die sie liebte, weil sie dezent waren und trotzdem exotisch genug, um das ewige Kleinbürgerliche in ihr nicht auch noch an die Wand hängen zu müssen. Die Masken waren ein Geschenk ihrer Schwester Viola, Mitbringsel aus einem ihrer seltsamen Urlaube, die sie Selbstfindungstrips nannte, ohne dabei zu vergessen, irgendeinen Kerl anzuschleppen. Wenigstens eine kleine Geschlechtskrankheit, um zu beweisen, dass da etwas Unverantwortliches gewesen war, über das man sich zumindest empören konnte.

Das Bild in dem Rahmen fand Vanessa grauenvoll. Wenn man von einem Bild sprechen wollte…es war mehr eine größere Skizze im rechten unteren Viertel einer ansonsten noch unberührten weißen Leinwand, ein in ihren Augen absurdes Fragment eines Höllenszenarios, letztendlich nicht mehr wohl als der verworfene Gedanke, etwas Furchteinflössendes zu zeichnen, wenn auch mit offensichtlich erstaunlichem Talent. Sie konzentrierte sich kurz auf die wenigen Details, – Totenschädel, flüchtig sortiert wie die einzelnen Perlen an einer zerrissenen Kette, gleichsam wie einzementiert im grauen Gestein, dahinter ein gesichtsloser Kuttenträger mit knochigen Fingern, ein fetter widerlicher Wurm ohne erkennbaren Kopf am Boden – , nickte unmerklich und schüttelte sich. Dann lachte sie: “Gruselig. Wer macht denn sowas? Aber den Rahmen muss ich haben, Niklas. Unbedingt. Der Preis stimmt auch. Was sagst du? Niklas?”

Was ist mit mir, was steh ich hier? Ich seh mir das an, seh mir das an, was will ich…muss ich…muss. Ich muss. Muss, dachte Niklas und war selbst völlig fassungslos von dem wirren Gestammel im Kopf. In seinem Kopf. Akademikerkopf, kluger Kopf. Arschloch, du, was willst du jetzt machen? Du musst..musst. Musst. Dieses Bild. Malen. Fertig malen. Sackgesicht, Penner, du, das kannst du nicht. Dochdoch. Kann ich. Kann ich. Niklas hatte das Gefühl, der Boden würde unter ihm weggleiten. Aber er schwankte nicht. Er stand nur da wie fest gefroren, sah hin, sah genau hin, und irgendwie kam es ihm so vor, als wäre da nicht nur seine eigene Stimme, die tief in seinem Schädel steckte. Er keuchte.

Vanessa griff nach seiner Hand, drückte sie, sah an ihm hoch, fragend, bittend, nichtsdestotrotz durchaus entschlossen, suchte seinen Blick, runzelte die Stirn. “Du hörst mir gar nicht zu.” Niklas rührte sich nicht, er starrte nur. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine Mundwinkel zuckten, als würde er etwas sagen wollen, aber er stöhnte nur kurz auf, warf ihr dann doch einen einzigen flüchtigen Blick zu, sah wieder auf die Leinwand mit der abscheulichen Zeichnung in der Bildecke, krächzte schließlich: “Oh, Vanessa.” Dann kicherte er leise. “Ach, Vanessa. Meine Vanessa.”
Ich kann dir nichts erklären, verzeih mir. Alles.

Waswaswas Vanessa, dachte sie, atmete tief durch, sprach betont ruhig.”Was ist denn, Niklas? Du machst mich ganz nervös. Ist dir nicht gut?” Er kicherte wieder. Starrte. Stand dort ganz ruhig und scheinbar völlig weg von ihr. Versank erneut in seiner befremdlichen Betrachtung. Schwieg. Starrte.”

Vanessa war klein, etwas rundlich, ein sommersprossiges Puppengesicht mit vollen Lippen und leicht abstehenden Ohren, die sie unter dunklen Locken versteckte. Es war ein angenehm warmer Herbsttag, sie trug den rosafarbenen Blouson und die neuen hellen Wildlederstiefeletten, Kleidungsstücke, die sie bei Regenwetter auf keinen Fall angezogen hätte, und sie genoss es, bei klarem Himmel Arm in Arm mit Niklas über den Trödelmarkt auf dem Kirchplatz zu schlendern. Niklas war ein recht gut aussehender Mann von kräftiger Statur. Lehramtsanwärter. Mathematik und Sport. Randlose Brille. Auffällig blaue Augen. Kein wirklicher Beau, aber allemal attraktiv genug, um ein Auge auf ihn zu haben. Wesentliches war diesbezüglich geschafft. Sie hatten vor einem Monat geheiratet. Er gehörte ihr. Sie hatten die gemeinsame Wohnung. Die Terrasse. Die grüne Wand. Die rote Couch. Ein Spiegel fehlte. Einer in genau diesem Rahmen. “Niklas? Träumst du? Oder spinnst du jetzt? Ich werde…”

Niklas stand immer noch wie hypnotisiert neben ihr und sah auf das, was sie nicht verstand.

“Erschrecken Sie ihn nicht, schöne Frau. Er denkt nach.” Vanessa warf einen irritierten Blick auf den älteren Mann, den sie zwar bereits bemerkt, aber noch nicht wirklich wahrgenommen hatte. Er saß neben einem altmodischen Sekretär auf einem Klappstuhl, hatte die Beine übereinandergeschlagen und lächelte sie freundlich an. Dann stand er auf, – er war sehr groß, sehr dünn, fast dürr – , und rückte seine Mütze zurecht. Eine blau karierte Schiebermütze. Er räusperte sich, kam einen Schritt auf sie zu und streckte ihr seine Rechte entgegen. Sie griff automatisch danach und zog ihre Hand fast verlegen hastig zurück. Ich kenn den doch gar nicht, dachte sie, was will der denn? Und wieso nachdenken? Niklas? Der kennt den doch auch nicht. Oder doch?

“Anton Schiergen. Mein Name.” Er lächelte und deutete auf den Rahmen, den er auf einer Art Podest vor der hohen Kastanie, unter der sich seine weiteren Schätze, – ein Grammophon, Schellackplatten, Bücher, Porzellanfiguren – , befanden, platziert hatte. “Ich sehe, was Ihnen gefällt. Und ich sehe, was Ihren Mann beschäftigt.”
“Ach ja? Was denn?” Das kam patzig, Vanessa errötete leicht und zuckte entschuldigend mit den Schultern. “Ich meine nur…” – “Unwichtig. Er hat sich bereits entschieden.” Anton Schiergen drehte ihr den Rücken zu, streckte sich, setzte sich wieder auf seinen Stuhl, griff nach der blank polierten hölzernen Pfeife, die auf dem Sekretär lag, musterte sie aufmerksam, zündete sie aber nicht an, legte die Pfeife seufzend wieder zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Jetzt erst registrierte sie verblüfft, dass er tatsächlich Knickerbocker mit Kniestrümpfen trug, dazu einen Pullunder mit Rautenmuster, ein salopp gebundenes weißes Halstuch. Seide wohl. Komischer Vogel, dachte Vanessa, sieht aus wie einem Stummfilm entsprungen. Irgendwie.

“Sie mögen wohl die 20er?” Das rutschte ihr trotz ihres Unmuts heraus, grundsätzlich interessierte der Mann sie nicht. Er grinste breit und zwinkerte ihr amüsiert zu, sie sah ihn direkt an und erschrak insgeheim, weil sie ihn abstoßend und grotesk fand. Sie hasste ihn. Einen Menschen, den sie gar nicht kannte und über den ein derartiges Urteil zu fällen sie sich erlaubte. Das war nicht ihre Art. Sie schluckte, lächelte verkrampft. “Ich meine nur, Ihre Kleidung…” Er bleckte die Zähne. “Ich habe mich wohl im Jahrhundert geirrt.”

Er langte wieder nach seiner Pfeife. “Ihr Mann weiß längst, was er will. Was ist mit Ihnen?” Das klang streng. Schulmeisterhaft. Vanessa sah ihn böse an. Unmöglicher Typ, dachte Vanessa, am liebsten würde ich…nein. Ich will den Rahmen. Und Niklas…

“Dieses Bild. Vanessa, es ist…ich bin total begeistert. Es ist großartig. Was für eine Kunst. Wäre es vollendet, welch ein Bild.” Niklas sprach. Wahrhaftig sprach er, deutlich und mit fester Stimme, und immerhin das beruhigte Vanessa ein wenig, wenn auch ihr so ungewöhnlich enthusiastischer Ehemann sie empfindlich verstörte. “Ich werde das weiter malen, Vanessa. Ich weiß genau, wie ich das mache. Ich muss das haben. Fertig malen. Ich muss das einfach machen. Herrgott, mein Bild.” Er strahlte sie an, dann wandte er seinen Blick wieder ab und widmete sich seinem…

Mein Bild?, dachte Vanessa, und Herrgott? Der wohl eher nicht. Ich glaube, ich… “Du kannst doch gar nicht malen. Was soll denn das werden? Außerdem ist es ganz fürchterlich, dieses Bisschen, das da schon ist. Krank ist das. Du findest sowas schön? Na danke.”

Niklas winkte heiser lachend ab. Merkwürdig, wie gekünstelt er lachen kann, dachte sie.”Ich weiß es nicht besser. Ja. Es ist schön. Es ist wunderschön. Vertrau mir einfach. Ich bin davon überzeugt, dass das meine Berufung ist. Wirst sehen. Wirst staunen, Teuerste. Und in diesem prachtvollen Rahmen…” Berufung? Teuerste? Vanessa schnappte hörbar nach Luft. “Auf keinen Fall bleibt der Fetzen in dem Rahmen. Da kommt ein Spiegel hinein. Solch eine hässliche Schmiererei hängt sich niemand ins Wohnzimmer. N-i-e-m-a-n-d! Vor allem nicht, wenn du da weiter wild herumkritzelst. Bei aller Liebe, Niklas, bitte: Du-kannst-nicht-malen! Wie kommst du überhaupt auf solch eine Idee? Bist du besessen?”

“Eine törichte Frage.” Vanessa blickte verdutzt zur Seite, ihre Wangen waren gerötet, sie war zutiefst zornig und fühlte sich gleichsam hilflos und unsagbar traurig. Ihr erster Streit. Der erste Ausbruch. Wegen einer Lächerlichkeit. Ja, das ist es, dachte sie, so banal. So verflucht unwichtig. Sie hätte losheulen können, wäre da nicht dieser entsetzliche Anton Schiewen, Schriggen, egal auch, gewesen mit seinem unverschämten Kommentar, der sie noch wütender machte. “Halten Sie mich für dumm, weil ich meine Meinung sage? Was erlauben Sie sich?”
“Nicht doch. Aber die Frage ist grundsätzlich überflüssig. Ihr Mann will dieses Bild, diese bescheidene kleine Skizze auf weißem Papier, um sich inspirieren zu lassen. Gönnen Sie ihm diese Freude. Mag sein, er ist wahrhaftig besessen von seiner Vorstellung, weiter zu malen. Mag sein, es gelingt ihm gut. Oder er scheitert. Aber das denke ich nicht. Er wird es mit Herzblut vollenden. Und Sie werden derweil Ihren Rahmen zum Glaser bringen. Er gehört Ihnen. Nicht wahr?” Er sah Niklas direkt an, der seinen Blick tatsächlich vom Bild gelöst hatte, um Vanessa, die ihm plötzlich so klein, so unbedeutend erschienen war, – und er schämte sich dafür, fürwahr, er schämte sich und doch… – , in den Arm zu nehmen, um ihr zu zeigen, dass…ja, was? “So machen wir es”, flüsterte er ihr ins Ohr, “der Rahmen für dich, das Bild für mich. Und alles ist wieder gut.”

Anton Schiergens letzte mahnende Worte, – “Sie müssen Herzblut hineinlegen. Vergessen Sie das nicht.” – , empfand er als überflüssig. Er wusste instinktiv, dass er damit kein Problem haben würde. Damit nicht. Ihm wurde flau in der Magengrube. Irgendetwas beunruhigte ihn. Gleichzeit war er auf so aufregende Art begeistert, glücklich gar, dass er pfeifend hätte durch Pfützen springen können. Aber es war dieser angenehm warme, trockene Herbsttag. Kein Tropfen in Sicht.

Eine Woche war seitdem vergangen. Vanessa stand an der Terrassentür, trank ihren Kaffee aus einer bauchigen, mit buntem Dekor versehenen Tasse und beobachtete sich im Spiegel. Es war früher Morgen, sie trug ihren alten geblümten Frotteebademantel, der sie bereits durch ihr Studium begleitet hatte und den Niklas gruselig tantig fand. Ihr Haar war unfrisiert, die Locken hatte sie sich achtlos hinter die Ohren geklemmt, und sie war immer noch so unerträglich müde. Seit Tagen ging das so. Da waren diese Alpträume. Und da war Niklas, der auf diese fremde, wilde und schmerzhafte Weise Sex mit ihr hatte. Sie war nicht prüde, sie war auch nicht festgefahren oder unwillig, sich mit ihm gemeinsam auszutesten, aber das, was Niklas so unverhofft zu gefallen schien, stieß sie ab. Es war nichts Zärtliches, nichts Vertrautes, auch nichts wirklich Lustvolles, es war wie ein zwanghafter, schneller, grober Akt, immer wieder, und es gelang ihr nicht, mit ihm darüber zu sprechen. Überhaupt mit ihm zu sprechen.

Er hatte sich am Tag nach dem Besuch des Trödelmarktes eine Staffelei besorgt, schwarze Farbe, Pinsel, ein paar wirklich teure Flaschen Rotwein gekauft, – “Muss das sein? So teuer?” – “Ja. Es muss.” – , und krankschreiben lassen. Seitdem hauste er in seinem Arbeitszimmer, malte abends, dann die Nacht durch und verschlief den Tag. “Du musst essen. Du musst duschen. Hörst du?” Sie konnte sich selbst nicht mehr hören, sie kam sich vor, als würde sie zu einem trotzigen Kind sprechen, aber bereits am zweiten Tag war ihr klar, dass er nichts davon machen würde, würde sie ihn nicht erinnern. Freilich schottete er sich nicht ab oder schloss sich gar ein, eher achselzuckend nahm er hin, wenn sie zu ihm ins Arbeitszimmer kam, um zu sehen, wie weit er mit dem Bild war. Und dabei scheu und bewusst beiläufig zu versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Normal war dieser Zustand nicht, das war ihr klar, aber sie zwang sich, ihn als seltsame Phase zu sehen, die vorübergehen würde. Die Schule stresste ihn, das wusste sie, erschöpft war er länger schon, vielleicht war das Bild ein Ventil. Das richtige für ihn. Hoffentlich. Er würde Luft ablassen, es würde sich alles wieder ändern.

Tatsächlich wurde Vanessa ihm lästig, wenn sie es nicht dabei beließ, nur kurz zu schauen und den Fortschritt zu bewundern. Das fiel ihr schwer, denn obgleich Niklas ganz offensichtlich diese sonderlich phantastische Begabung hatte,- Woher so plötzlich? Er hatte nie etwas gesagt. Sowas kann man doch nicht über Nacht, unmöglich… – , fand sie das Bild grauenvoll, das mit jedem schwarzen Strich zugleich besser und furchtbarer wurde. Niklas wirkte fahrig, nervös, desinteressiert an allem, was sie versuchte, ihm in der kurzen Zeit, die er ihr in seinem Zimmer gönnte, zu erzählen. Offensichtlich hatte Niklas großes Talent. Mehr noch, es war geradezu beeindruckend, was er konnte. Sie war natürlich alles andere als eine Expertin auf dem Gebiet, aber auf faszinierend entsetzliche Weise verschlug es ihr den Atem, wie gut er war.

An diesem denkwürdigen Morgen, der überraschend Böses bringen sollte, setzte Vanessa seufzend die leere Kaffeetasse auf dem Kaminsims ab, zog den Gürtel ihres Bademantels fest, dessen Enden achtlos an ihren Hüften gebaumelt hatten, fuhr sich mit den Fingern durch die Locken und stöhnte innerlich auf, als sie sich erneut im Spiegel sah. So müde, so zerknautscht, so schlampig, dachte sie, aber er sieht mich eh nicht an. Sie zuckte mit den Schultern, ging und drückte die Türklinke zum Arbeitszimmer hinunter.

Niklas schien auf sie gewartet zu haben, stand mittig im Raum, eine Wollmütze auf dem Kopf, die Arme theatralisch ausgebreitet. Rechts in der Hand eine noch halbvolle Weinflasche, links ein auf das Parkett tropfender dicker Pinsel. Im Mundwinkel hing eine krumme selbstgedrehte Zigarette, sein gelbes Shirt war mit schwarzen Farbflecken übersät. Sie starrte ihn an, er posierte, als würde er fotografiert werden wollen, starrte dann auf den Boden, auf die dunklen Tupfer, fasste es nicht. Und doch…wusste er überhaupt…? “Niklas, du ruinierst das Parkett.” Er strahlte sie an, dicke Ringe unter den Augen, graue Stoppeln im Gesicht. Wieso grau?, dachte sie. “Sieh es dir an, Frau.” Frau? “Aber du…” “Schluss jetzt.” Er klang gereizt. “Schau her. Jetzt schau her, Frau. Schau her. Und dann geh wieder.”

Vanessa war fassungslos. So kannte sie ihn nicht. Beim Telefonat mit ihrer Schwester am Vorabend hatte sie bitterlich geweint. “Wenn das so weiter geht, Viola…das ist doch nicht der Mann, den ich erst vor wenigen Wochen geheiratet habe. Du müsstest dieses Bild sehen. Ich frage mich, was er eigentlich damit machen will, wenn es fertig ist. Vielleicht fällt ihm ein, noch eins zu malen. Und noch eins. Vielleicht ist er verrückt geworden. Vielleicht bin ich hier die Verrückte. Verlieren wir alle den Verstand? Ach, Viola, ich kann nicht mehr.”

“Vanessa! Sieh es dir an! Verdammt!” Seine Stimme…so geladen, so aggressiv. Vanessa kämpfte mit ihrer Wut. Ihrer Enttäuschung. Sie schluckte. Wie jetzt reagieren? Dieser verfluchte… Sie riss sich zusammen, ging wortlos hinüber, warf einen trotzigen Blick auf das Bild, versteinerte sich innerlich. Es war fast fertig. Es war furchteinflössend. Diabolisch. Abgrundtief böse. Es war phantastisch.

“Ich…nun…ich bin wirklich beeindruckt. Und du hast vorher nie sowas gemalt? Ähnliches, meine ich.” Vanessa lief es bei ihrer Frage kalt den Rücken hinunter, so gespenstisch schien ihr die Vorstellung, er hätte früher schon….und sie hätte nie geahnt, dass…ja, was? Er brummelte etwas vor sich hin, was sie nicht verstand, hustete kurz, blickte sie flüchtig an, kein Lächeln, nichts, sagte nur: “Mein Großvater hat Küstenlandschaften gemalt.” – “Ach?” – “Sowas vererbt sich.” – “Ja. Vielleicht. Aber du hast nie…” – “Ich male anders.” – “Ja. Sicher. Aber du…” Sie verstummte. Er kniff die Augen zusammen, schüttelte den Kopf. Sein schmales Gesicht glänzte, sein Hals war feuerrot. Er flüsterte: “Etwas fehlt. Was?”

Niklas hatte hinter dem Kuttenträger in der rechten Bildecke einen zweiten mit geballten Fäusten platziert, der triumphierend die Arme in die Höhe streckte. Vor den beiden stand gekrümmt eine jammervolle, weibliche Kreatur, nackt mit verbundenen Augen, die Hände zwischen den Beinen, ihr Hinterteil ausgestreckt, als würde sie etwas ausscheiden wollen. Etwas erwarten? Gierig? Erregt? Das eine Bein ab dem Knie wie eine dicke Wurzel, ein gigantischer Darm, ein Wurm vielleicht, dort ein Kochenmann mit Widderkopf vor einem brodelnden Kessel, die Schwaden mit Fratzen, Totenmasken, ein klaffendes Maul, riesige Augäpfel und Knochen, und allgegenwärtig diese Angst und diese Lust und das Grauen und die Lust, böse, grausame Lust…und Schwärze.

“Düster. Das Ganze.” Vanessa schluckte, wandte sich kurz ab, verspürte eine Übelkeit, die freilich weniger von dem Bild ausging als von Niklas. Ihr schauderte vor ihm, und das war ein Gefühl wie…”Horror”, sagte sie, “es ist Horror. Aber genial gemacht. Es fehlt nichts. Es ist fertig.” – “Da fehlt was.” Niklas, du…”

In dem Moment ging die Hausklingel. Irgendwie ein Bruch. Pause, dachte Vanessa, gut so. “Warte eben, ich seh nach.” Vanessa floh fast aus dem Zimmer und atmete ganz kurz nur erleichtert auf. Da war jemand. Egal wer. Irgendjemand. Wohl ein Mensch. Irgendeiner. Hoffentlich.

Vor der Tür stand Anton Schiergen. Er trug einen eleganten, aber antiquierten Anzug, graue Weste, gestreifte Hose, auf Hochglanz polierte schwarze Lackschuhe, einen steifen Hut mit Krempe. “Sie?” Er verbeugte sich leicht. “Jawohl. Ich.” Er lächelte sie an. Sagte nichts, lächelte nur. Es war ein seltsames Lächeln. Es machte ihr Angst. Sie fühlte sich wie eingefroren, hätte ihm nur allzu gern wortlos die Tür vor der Nase zugeschlagen, aber irgend etwas hielt sie davor zurück. Etwas, das sie niemals hätte beschreiben können. Etwas, das ihr diese ohnmächtige Wut nahm und mit Vorsicht ersetzte. Als sie sich schließlich ohne Umschweife fragen hörte, ob er wegen des Bildes gekommen wäre, wunderte sie sich zwar über die höfliche Bescheidenheit in ihrer Stimme, aber sie wusste, dass es gar nicht anders ging. Es sollte so sein. Eigenartig, dachte sie, dabei ist der Kerl mir widerwärtig.

“Ich vermute, dass es vollbracht ist. Fast. Es fehlt noch Herzblut. Meinen Sie nicht? Ihr Mann braucht mich jetzt.” Er lächelte wieder. Sie nickte nur und lächelte matt zurück. Das ist nicht normal, ich bin nicht normal, ich hasse ihn, hasse ihn, woher weiß der, wo wir wohnen?, dachte sie, wies schweigend auf das Arbeitszimmer, sah ihm nach, sah, dass Niklas bereits im Türrahmen stand, sah, wie die Tür sich hinter Schiergen schloss, und fürchtete sich unsagbar.

Eine gute halbe Stunde verging, – kein vernehmbares Wort war aus dem Zimmer zu ihr vorgedrungen – , bis Niklas nach ihr rief. Laut. Ungeduldig. Beinahe unbeherrscht. Vanessa zuckte zusammen, sprang auf, schlüpfte hastig in ihre Hausschuhe. Sie hatte sich mit einem Glas Wein in der Sofaecke verkrochen, es war viel zu früh am Tag dafür, es war ihr egal, sie war unfrisiert wie zuvor und trug immer noch den schäbigen Bademantel. Egal, egal, dachte sie, schlimmer kann das alles nicht werden.
Sie irrte.

Als sie das Arbeitszimmer betrat, lehnte Niklas mit geschlossenen Augen an der Staffelei und hielt etwas Langes, Silbernes in der Hand. Und während sie noch registrierte, dass es das Große aus dem Messerblock in der Küche war, mit dem sie sich unlängst so schmerzhaft am Daumenballen geschnitten hatte, während sie noch kurz und so überflüssig überlegte, warum ihr Mann dieses Messer bei sich hatte, kam er mit einer einzigen ruckartigen Bewegung auf sie zu, sprach nicht von Liebe, Traurigkeit, Verzeihen, und stieß es ihr direkt in ihr Herz. Kein Schrei. Nur grenzenloses Erstaunen in ihrem Blick. Warum? Sie sackte zusammen. Und in diesem Moment heulte Niklas auf. Ein junger Wolf, der beim Spiel die Mutter seiner Babies gebissen hatte. Kehle durchtrennt. Zerfetzt. Ich wollte das nicht, wollte das nicht, wimmerte es in ihm. Er sank neben ihr auf die Knie, sah in die weit aufgerissenen toten Augen, sah, wie die Röte aus ihrem Gesicht wich und fühlte sich schwindelig. Da war noch was. Er müsste jetzt weinen. Warum? Irritiert registrierte er, dass das Messer aus Vanessas Brust verschwunden war. Es war weg. Habe ich das gemacht? Es herausgezogen? Warum? Warum blutet es nicht? Überall müsste Blut sein. Ich habe sie erstochen. Warum? Schiergen sagte, der Meister braucht Herzblut. Das Bild…es ist doch das Bild. Wer ist der Meister? Ich habe in ihr Herz gestochen. Aber warum? Schiergen sagte das. Ja, so war es. Schiergen..Ich sollte jetzt weinen. Aber warum? Ich bin ein Mörder. Eigentlich nicht. Schiergen…der Meister? Wer?

Niklas war noch nicht wirklich erwacht.

Anton Schiergen, der als stiller Beobachter mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem hölzernen Schemel unter der Fensterbank gesessen hatte, schnalzte mit der Zunge und klopfte seine Pfeife über dem Parkett aus. Er lachte dabei. Es klang wie ein Schnauben. “Das stört wohl nicht. Und nun dürfen Sie es beenden.” Niklas hob den Kopf, richtete sich abrupt wieder auf, taumelte leicht, nickte, schwankte erneut, stakste dann wie aufgezogen zur Staffelei, starrte auf das Bild, krächze. “Wie?” Schiergen stopfte die Pfeife, pfiff durch die Zähne, schnaubte. Lachte? “Sehen Sie genau hin. Was fehlt?” – “Ich weiß es nicht. Weiß es nicht. Herz…Herzblut?” – “Das haben Sie gegeben. Wir sind quitt. Es fehlt die Signatur. Einzig die Signatur. Dann ist es perfekt.” – “Quitt?” – “Ich habe das Bild. Der Meister hat sein Bild. So sollte es sein. Sie haben es gut gemacht, ich habe das erwartet. Im Gegenzug schenken wir Ihnen diese phantastisches Talent. Sie dürfen es behalten.” Niklas blickte ihn verzweifelt, gleichsam verblüfft an. “Talent? Was soll ich damit? Warum habe ich meine Frau getötet? Ich habe sie erstochen. Wofür? Ich habe Vanessa ermordet.” – “Unsinn.”

Schiergen erhob sich gemächlich, steckte die Pfeife in die Westentasche, trat auf Niklas zu und klopfte ihm versöhnlich auf die Schulter. “Sehen Sie Blut? Ein Messer? Die Ärmste hatte einen Herzinfarkt. So simpel. So jung. Aber das passiert. Wir sind alle nicht gefeit. Grämen Sie sich nicht. Malen Sie. Niemand bestraft Sie. Noch nicht.” Er klopfte ihm väterlich mit dem Handrücken über die erhitzte Wange, klemmte sich das Bild unter den Arm, räusperte sich: “So denn.”

Es brannte. Das Feuer war überall. Diese Hitze, diese Glut, ich verglühe, dachte Niklas noch, dachte, er müsste jetzt aufheulen vor Schmerzen, spürte, wie seine Haut Blasen schlug, die Haut verkohlte…aber da war nichts. Wahrhaftig war da nichts, nur dieser Traum. Kein Traum. Dort stand die nackte Staffelei, am Boden lag Vanessas Leiche. Äußerlich unversehrt. Schiergen und das Bild waren fort. Und Niklas schrie. Niklas weinte. Jetzt war er endgültig erwacht. Das Ende? Der Anfang?

Nun…es ist eben eine dieser Geschichten, die man ungern den wirklich Bösen erzählt, weil sie zwar durchaus furchtbar ist, aber doch tragisch genug, um ein wenig Mitgefühl zu verdienen. Man erzählt sie auch nicht den richtig Guten, sie ist dann doch zu schrecklich, um diese gewisse Sehnsucht in ihr zu erkennen, die uns alle in der Nacht an einen Tisch bringen würde.

Es war einer dieser seltsamen Kompromisse, die Mann und Frau eingehen, die manchmal tatsächlich sein müssen. Ein Bild, ein Rahmen. Geteilt. Du und ich. Niklas und Vanessa. Das einsame glückliche Ende: Niklas wurde wahrhaftig ein beneidenswert begabter Buchillustrator. Spezifisches Genre. Dunkle Gestalten. Böse Geschichten. Natürlich. Vanessa wurde feierlich bestattet. Todesursache Herzversagen. Auch ganz natürlich.

So war das eben. Aber alles ist noch nicht erzählt. Sofort nach der Beerdigung, – so feierlich, so furchtbar traurig – , hängte Niklas den Spiegel in diesem prächtig verzierten Rahmen ab und gab ihm einen neuen Platz hinten in der Ecke auf dem Speicher unter dem Dachlukenfenster, durch das tagsüber genug Licht einfiel, um Vanessa sehen zu können. Es zerriss ihn innerlich, sie zu beobachten, aber da war dieser Zwang, sich selbst quälen zu müssen, um nicht zu vergessen, was er getan hatte. Allzu oft zeigte sie sich nicht, nur selten sprach sie mit ihm, und wenn, dann fluchte und spuckte sie und rezitierte Gedichte, von denen er nicht wusste, welch Wahnsinniger sie einst verfasst haben musste. Manchmal ließ sie ihn zusehen, wie sie trank und aß, sie schüttete und stopfte Merkwürdiges in sich hinein, da war Gedärm, Gewürm, brodelndes Blut, und dabei starrte sie ihn an und summte ein altes Kinderlied, das seine Mutter ihm nach dem Nachtgebet vorgesungen hatte. Sie war nie bekleidet, ihr nackter weißer Körper war mit abstrakten roten Symbolen bemalt, und wenn sie kreischend und winselnd ihre Beine für dieses unheimliche Schattenetwas, dieses unerträglich Anzuschauende, Auszusprechende spreizte, immer und immer wieder, kam Niklas der abstruse Gedanke, dass es ihr vielleicht gefallen würde. Im gleichen Moment schalt er sich einen Narren. Einen feigen Hund, der sich selbst trösten wollte, indem er sich einredete, dass es wohl so sein sollte. Das Mögliche. Unmögliche. Egal.

Wenn es dämmerte und schließlich die Nacht einbrach, blieb die Tür zum Speicher verschlossen. Er hätte es nicht gewagt, sie in der Finsternis zu stören, die machte ihn schwach und ängstlich, und ihr Zorn war nicht verraucht. Wie auch? Dorthin, wo sie jetzt war, wäre sie niemals aus freien Stücken gegangen. Sie wäre ein Engel geworden. Vermutlich. Bei diesem Gedanken lächelte Niklas verklärt in sich hinein, kurz nur, dann tauchte vor seinen Augen wieder diese entsetzliche Fratze auf, die ihn am Abend vor der Beisetzung aus dem Spiegel heraus geifernd und sabbernd angeglotzt hatte, ein grotesk bemaltes abscheuliches Gesicht mit kleinen gelben Augen und einem riesigen Maul, aus dem eine dicke braune Masse quoll.

Story erstmalig veröffentlicht in: Dirty Cult, Hrsg. Ulf Ragnar (s. Phantastikon), Idee zur Illustration (Cover) von Daniel Bechthold

Er sah keine Zähne, nur eine fette schwarze Zunge, die Unmengen an Maden von der anderen Seite des Spiegels abzuschlecken schien. Als Niklas panisch und völlig entsetzt von dem, was er sah, – zu sehen glaubte? Eine Vision, nur eine Vision, dachte er – , nach dem schweren Aschenbecher aus Marmor griff, den Vanessa trotz seiner Hässlichkeit nie hatte entsorgen wollen, weil er ihrem Großvater gehört hatte, um ihn in den Spiegel zu werfen, schrie die Fratze gellend auf, funkelte ihn mit ihren kleinen gelben Augen an und sagte: “Wage es nicht, Drecksack. Sonst hole ich dich.”

Es war Vanessas Stimme. Die Fratze verschwand. Er sah ihr Gesicht. Wutverzerrt. Aber es war ihr süßes, geliebtes Gesicht. “Vanessa”, flüsterte er, “wo bist du?” Sie lachte kehlig. “Bei deinem Meister”, sagte sie, “weißt du das nicht? Fühlst du dich noch gut? Ich fühle mich gut. Guuuut.”

Niklas bezweifelte das. Sicher war er sich aber nicht. Und irgendwie beruhigte es ihn auch, dass wohl alles seinen Sinn gehabt hatte. Die ganze seltsame Geschichte. Eine Geschichte, die man erzählen sollte, weil sie es verdient hat. Vielleicht. Vorausgesetzt, wer da lauscht und versteht, ist nicht wirklich böse. Nicht wirklich gut. Dann passt es, weil der Platz am Tisch noch frei ist. Für die Nacht.
Die Nacht ist schön und schwarz. Manchmal wunderbar gefährlich. Mehr muss nicht sein.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

Kommentar verfassen