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Herrn Berlinis seltsame Sachen

Das Haus des Herrn Anton Berlini lag in einer kleinen Seitenstraße unweit des belebten Marktplatzes, und wäre es nicht seit gut dreihundert Jahren in Familienbesitz gewesen, so hätte man im Rathaus wohl längst schon in Erwägung gezogen, es abzureißen. Baufällig war es durch und durch, urig zwar, aber hässlich in seiner abstrusen Form und bei allem Wohlwollen für alte Gemäuer als wenig erhaltenswert einzustufen. Berlinis Haus war das letzte Gebäude vor dem schmalen, von Unkraut überwucherten Pfad hinunter zum See, und obgleich es abgeschieden lag, war die Adresse ein Begriff. Berlinis Kuriositätenladen hatte seinen Namen, ernstzunehmende Konkurrenz gab es weitläufig in der gesamten Umgebung nicht, und natürlich hätte man ihm großzügig ein passendes Haus im Geschäftsviertel als Ersatz für sein altes angeboten, das mit Einbruch der Dunkelheit vom Nebel schaurig eingekleidet wurde. Im Rathaus appellierte man an seine Vernunft. „Abends traut sich ja niemand mehr zu Ihnen hin, Herr Berlini, bedenken Sie doch, im Zentrum käme die Kundschaft auch noch um Mitternacht. Rein hypothetisch … wenn Sie es denn so wünschen würden.“ Berlini winkte ab. „Das wünschten meine Ahnen nicht, das wünsche ich nicht. Ich bleib, wo ich bin.“

Berlini liebte sein Elternhaus, und da man ihn als unauffälligen, freundlichen Mann schätzte, eigentümlich zwar, aber stets offen für Höflichkeit, ließ man ihn künftig in Ruhe und wartete einfach ab. Nach Berlinis Tod würde man sich der Sache annehmen, direkte Erben und damit auch Ansprüche gab es keine. Berlini war ganz allein. Immer allein gewesen. Da war nur dieser Bastian. Der junge Sonderling zählte aber wohl nicht, irgendein Zugereister, der sich seit gut einem Jahr bei Berlini herumtrieb. Man würde ihn seines Weges verweisen, wohin der auch führen könnte, nur raus aus der Stadt. Der Bursche war nicht recht normal. Munkelte man, wenn man ihn sah, stets im bodenlangen Staubmantel mit monströsem Schlapphut, stets in Berlinis Begleitung, um die Einkäufe vom Wochenmarkt nach Hause zu tragen. Die beiden verständigten sich in einer Art Zeichensprache, die den misstrauischen Beobachtern nicht geheuer war. Sie hielten den schlaksigen, bleichen Kerl, der förmlich über Nacht wie aus dem Nichts in der Stadt aufgetaucht war, um fortan bei Berlini zu hausen, für bedenklich. Gar bedrohlich. Etwas wohlwollender vermuteten einige, er würde vielleicht an dieser Lichtempfindlichkeit leiden, die es geben sollte, immerhin trüge er auch bei sonnigstem Wetter Handschuhe. Taubstumm könnte er natürlich auch sein. Tragisch aber auch. Das Bedauern hielt sich freilich in Grenzen, sie beäugten ihn wie den unberechenbaren Feind vor den Mauern der Stadt, wie den schwarzen Mann, den niemand in seiner Nähe haben wollte.

Bastian selbst schien die Abneigung egal zu sein, einzig Berlini ärgerte sich. „Dumm sind die Leute. Alles, was seltsam ist, wollen sie nicht. Bist ein guter Junge, Bastian. Und genauso einsam wie ich.“ Er klopfte ihm auf die Schulter, lachte: „Was rede ich? Wir haben uns.“ Bastian lachte mit. Es klang wie ein Gurren. Tatsächlich schien er zu verstehen, und er sprach auch, wenn sie allein waren. Er holte tief Luft, und dann formulierte er langsam eigentümliche Laute, begleitet von einem Zischen und Blubbern, das tief aus seiner Brust hochzusteigen schien. Manchmal, wenn er sich zu hastig, zu aufgeregt mitteilen wollte, verfiel er in einen hohen Singsang, schrill und recht laut, ein vibrierendes Schreien, das nicht für gewöhnliche Ohren gedacht war. Berlini hatte sich längst daran gewöhnt, er wusste, wer Bastian war, und das behielt er kompromisslos für sich. „Bist einmalig, Bastian“, sagte er, „dafür darfst du auch gern den einen oder anderen verspeisen. Ist nicht schade d’rum.“

Berlini war nicht mehr der Jüngste, ein eingeschworener Junggeselle, der bis zu Bastians Einzug seit Ewigkeiten schon zurückgezogen in seinem Haus lebte. Sein dürrer, hochgewachsener Freund hatte in der Dachkammer Tisch und Bett und hielt sich ansonsten hauptsächlich in Berlinis Geschäft auf, das die drei kleinen Räume im Erdgeschoss einnahm. Berlini war Sammler, Käufer und natürlich Anbieter allerlei seltenerer Sachen, die ihre eigenen wundersamen Geschichten hatten. Berlini kannte sie ausnahmslos, wissen Teufel oder der Knabe, woher, zudem besaß er Talent darin, sie phantasievoll auszuschmücken. Nur schwer trennte er sich, aber es musste schließlich auch Geld in die Kasse kommen. Berlini war Händler genug, um diesbezüglich Einsicht zu zeigen, auch, wenn er wusste, dass eben genau das ausgefallene Schmuckstück oder abstruse Gemälde, dieser kunstvoll verzierte Dolch hinter Glas oder jene versiegelte Karaffe mit den goldenen Ornamenten nicht in Hände gelangen würden, die sie wirklich zu schätzen wüssten. Ausnahmslos Banausen, dachte er, wie wunderbar wäre es, all diese seltsamen Sachen behalten zu können. Aber die eine … bleibt meine. Für immer.

Diese eine war Bastian. Auf ihn war er ganz zufällig unten am See gestoßen. Er hockte dort vor einem Jahr neben der Böschung auf dem durchweichten Gras, nagte an einem großen Knochen und sah ihn recht erstaunt an, als er ihn bemerkte. Er knurrte, wohl ängstlich, auch warnend, blickte aber freundlich. Berlini, wahrlich erschrocken von dem Bild, das sich ihm bot, – da saß ein spindeldürrer langer Kerl mit grüner Haut, gekleidet in ein buntes unförmiges Gewand, und kaute auf rosigen Fetzen herum, die sich in seinen spitzen Zähnen verfingen -, wich völlig irritiert und entsetzt zurück, stolperte, fiel nach hinten und dachte beim Sturz, große Güte, es ist aus mit mir, der frisst mich. Und dann, völlig absurd: Hoffentlich breche ich mir nichts. Zugleich schüttelte es ihn. Berlini aß niemals Fleisch. Der Gedanke, Stücke von einem Tier zu verzehren, war ihm widerwärtig, zudem ekelte der Geruch ihn an. Dieser war besonders streng, da die Mahlzeit des grünen Wesens dort am Boden roh und blutig war. Berlini würgte.

Er versuchte mühsam, sich wieder aufzurichten, war noch auf allen Vieren und starrte direkt in die gelben Augen der merkwürdigen Kreatur, die jetzt wimmernd vor ihm kauerte, ihn fragend ansah, den Kopf senkte und leise schnurrte. Wie eine Katze, dachte Berlini, und ließ es mit angehaltenem Atem zu, dass sie ihm die rechte Hand auf das Knie legte. Sie war knöchern, grün und feingliedrig mit gewölbten Krallen, sie lag dort ganz sanft und leicht auf seinem Knie, und behutsam fuhr Berlini mit seinen Fingern über die glatte Haut. Da war nichts Böses, das Berlini entdecken konnte, und eine eigentümliche Wärme überkam ihn, die er niemals hätte vernünftig erklären können. Er verspürte keine Angst, nur Vertrautheit mit doch so gänzlich Unbekanntem, und er kraulte den kalten Nacken und sagte: „Scht, ist ja gut, mein seltsamer Freund.“ Dann erhob er sich vorsichtig, um das Wesen nicht unnötig zu erschrecken, sah es noch einmal liebevoll an und sagte. „Wer du auch bist, du bist selten. So wundervoll seltsam.“ Er kicherte und erntete erneut einen ungläubigen Blick. Berlini winkte erheitert ab. „Scht, ich tu dir nichts. Du mir wohl auch nicht. Dann lass ich dich jetzt mal weiterfressen. Oder aber …“, – einer plötzlichen Eingebung folgend, die so gar nicht seinem prinzipiell ausdrücklichen Wunsch nach immerwährend verschrobenem Alleinsein entsprach, lächelte er ihm aufmunternd zu – , „… du kommst mit mir. Ich werde dich füttern. Und ich nenne dich Bastian. Als Kind hatte ich einen Kater, der so hieß. Er hasste mich. Er fraß rohes Fleisch. Ich liebte ihn, mag ich es glauben oder nicht.“

Berlini spuckte in seine Handflächen und rieb sie aneinander als Zeichen seiner Zufriedenheit. Dann starrte er auf die Überreste von Bastians Mahlzeit. Ein wilder Haufen herausgerissener Eingeweide und zerbrochener Knochen, ein halb zerquetschter Kopf mit leeren Augenhöhlen … die Hornbrille, Gummistiefel, rote Wolljacke. Bauer Horning ist das. Der Gustaf. Sowas. Der muss aber weg. Das muss hier weg. Bastian sprang auf, stieß einen gellenden Pfiff aus und sah ihn erwartungsvoll an. Berlini deutete auf den See. „Da rein, mein Junge. Alles.“ Er bückte sich, griff mit spitzen Fingern nach der blutverschmierten Brille und warf sie in das Wasser. Nahm einen Stiefel, warf ihn hinterher. Sein Junge lernte schnell. Als sie in der Abenddämmerung gemeinsam Berlinis Haus erreichten, verschlang der See Hornings Herz. Das letzte Stück von ihm. Man suchte nach ihm, man fand ihn nie.

Den See, an dem Berlini Bastian getroffen hatte, mieden die Einheimischen im Regelfall, weil er das ganze Jahr hindurch in Nebelschwaden versank und offensichtlich kein bisschen Leben in sich hatte. Noch nie war dort ein Fisch gefangen worden, man hörte keine Frösche, keine Grillen, und die paar Vögel, die sich im Dickicht am Ufer oder im kahlen Geäst verirrten, blieben stumm und zogen rasch weiter. Es war ein unheimlicher Ort, der die jungen Leute zwar zu nächtlichen Mutproben, auch Schäferstündchen lockte, aber die wenigsten gingen tatsächlich hin. Seit Jahrhunderten erzählte man sich, der See würde Menschen verschlucken und sie nie wieder ausspucken, man sagte, dass dort unterirdisch ein Strudel sei, ein tosendes, zerrendes Loch als Tor zur Welt der Anderen. Hässliche, gefräßige Kreaturen, durchaus mit Verstand und alter Kultur, gefährlich für die Unbekümmerten, die dem Wasser zu nahe kommen. Berlini, mit schwarzen Künsten und dem Wissen vom Möglichkeiten durchaus vertraut, hatte das schon als Knabe zweifellos geglaubt. Der See faszinierte ihn. Seine abendlichen Spaziergänge dorthin waren sein persönliches Abenteuer, es war da dieses großartig beklemmende Gefühl, das sein altes Herz packte und ihn frösteln ließ, wenn er näher kam und die Dunstschwaden mit dem Sonnenuntergang tanzten. Und nun das. Bastian. Muss wohl aus dem See kommen, dachte Berlini, Sachen gibt’s. Seltsam aber auch.

Bastian schlich fortan täglich mit Beginn der frühen Morgenstunde in Berlinis Kuriositätenladen umher wie ein braves, wachsames Haustier, wischte mit einem monströsen Staubwedel über die Regale, fegte in den Ecken und polierte geschliffene Gläser, nicht ohne die Eingangstür aus den Augen zu lassen, über der eine kunstvoll verzierte Messingglocke hing. Sie verriet, wenn Kundschaft kam, so war Berlini immer schnell genug zur Stelle, sodass Bastian im Hintergrund verschwinden konnte. Zwar trug er Hemd und Hose und auch tagsüber den monströsen Schlapphut, der sein Gesicht zur Hälfte verdeckte, – Berlini puderte es jeden Morgen kräftig, bis die grüne Haut kaum noch durchschimmerte -, aber sonderlich wirkte er halt trotzdem. Wenn Berlini nach ihm rief, weil er seine Hilfe brauchte, – manchmal sollte er etwas holen, tragen oder einpacken, das verstand und schaffte Bastian durchaus -, streifte er rasch die Handschuhe über und hastete zu ihm und dem Kunden. Der guckte irritiert, sagte aber nichts und lächelte gequält.
Berlini passte auf Bastian mit Argusaugen auf. Es galt, strikt zu vermeiden, dass Bastian sich eigenmächtig eine zusätzliche Mahlzeit aussuchen könnte. Einmal monatlich gab es für ihn Menschenfleisch, das reichte für zwei, manchmal drei Tage, ansonsten musste er mit den Schlachtabfällen vorlieb nehmen, die der Metzger im Nachbarort, der Berlini nur namentlich kannte, ihm misstrauisch einpackte. „Soviel für einen Hund?“ Berlini schüttelte den Kopf. „Es ist nicht nur ein Hund. Es sind die Hunde unten am See. Und sie sind immer hungrig.“ Der Metzger kratzte sich am Kinn. „Hunde am See? Tatsächlich? Wilde Hunde? Warum füttern Sie die?“ „Weil sie uns sonst fressen.“
So ganz gelogen war das nicht, Berlini war sich sehr wohl bewusst, dass es wichtig war, Bastian satt zu halten. Hunger macht anders, dachte Berlini, besser nicht. Angewidert zog er mit seiner vollgestopften Tasche davon, es musste ja sein, er tat es für ihn, seinen seltsamen Freund, und doch: Es grauste ihn. Er transportierte rohes schleimiges Gewürm, das in rosaroter Brühe schwamm. Welch ein schauriges Bild. Wie das stank.

Seinen monatlichen Menschen töten und schlachten durfte der Junge selbst, das war so gar nichts für Berlini, der sich schon beim ersten Schrei diskret in sein kleines Studierzimmer neben Bastians Dachkammer zurückzog. Berlini wählte die Opfer aber persönlich. Natürlich keine Kunden, das war oberstes Gebot. Er suchte dafür den stillgelegten Güterbahnhof auf, dort traf man auf die Vergessenen, die in ausrangierten kaputten Waggons hausten und ihre Namen nicht mehr kannten. Die immermüden Einzelgänger, die niemand vermissen würde, erkannte er sofort. Ihre Augen flackerten nur leicht, wenn man sie unverhofft ansah, die Rücken waren krumm, die Haut schmutziggrau, die Hände stets in den ausgebeulten Hosentaschen versteckt. Berlini bewies Geschick. In den vergangenen zwölf Monaten hatte keiner der von ihm Angesprochenen seine Einladung abgeschlagen, doch mitzukommen für einen Mantel, ein paar Schuhe, eine Mütze. Höflich, mit flüsternder Stimme hatte er sich stets gleich vorgestellt. „Sie erlauben, der Herr? Anton Berlini. Ich habe eine bescheidene Kleiderkammer hinten in meinem Geschäft am Karawankenweg. Altes, aber tadelloses Zeug, das ich nicht verkaufen kann an die feinen Herrschaften. Ich geb es her, dazu einen Teller Suppe und einen Schnaps. Das können Sie wohl gebrauchen. Nichts will ich dafür, nur Ihren freundlichen Dank und etwas Segen von oben.“

Nichts von beidem erhielt Berlini. Nur eine fürchterliche Übelkeit. Das erste Mal hatte er tatsächlich zugesehen, sich fest geschworen: Nie, nie wieder. Kaum hatte sein fremder Begleiter, meist scheu im Wesen und nervös in der Erwartung, die flache Stiege hinunter in den Laden genommen, sprang Bastian hinter der Tür hervor, packte ihn von hinten und riss ihm mit seinen spitzen Krallen die Kehle auf. Noch während sein Blut in einem Strahl hervorschoss und ihm klar wurde, dass nichts mehr zu tun sei außer vielleicht ein kurzes Gebet zu denken, zerfetzte Bastian den Brustkorb und biss große Stücke heraus. Dem immer noch ungnädig Lebenden quollen die Augäpfel aus dem Kopf, und Bastian griff hinein, zog sie heraus und steckte sie sich ins Maul, um sie zu lutschen. Zuviel für Berlini. Selbst der Eintopf schmeckte ihm an diesem Abend nicht. Kohl und Kartoffeln. Knoblauch. Nur eine Spur.

Wer Berlinis Laden betrat, war meist auf der Suche nach einem besonderen Dekorationsstück oder nach einem originellen Geschenk, wollte vielleicht auch nur einmal stöbern oder Berlini selbst etwas zeigen und anbieten, das der im positiven Fall zu schätzen wüsste und zu einem guten Preis weiterverkaufen könnte. Berlinis Kunden waren im Regelfall gut betucht und zögerten nicht lange, wenn ihnen etwas gefiel. Insgeheim schüttelte Berlini desöfteren den Kopf. Er hatte wahrlich feine Sachen, aber darunter war auch nutzloser, normaler Kram, den er mit der Zeit trotzdem los wurde. Was die Leute so alles gebrauchen können, dachte er, studierte die Gesichter, oft blasiert, gelangweilt, uninteressant im Regelfall, und zauberte sich eher nebensächlich ein begeistertes Lächeln auf die Lippen: „Welch ausgefallener, erlesener Geschmack, werter Herr, werte Dame.“

Es geschah am späten Nachmittag vor dem großen Sommerfest, das alljährlich in der pompös ausgebauten Scheune des Landwirts Johann Meierkamp stattfand, eine Tradition, die keine speziellen Wurzeln hatte, man feierte gern, damit war es genug. Meierkamp war ein wohlhabender Mann, vermutlich der reichste in der Gegend, und Berlini hatte nichts Grundsätzliches an ihm auszusetzen, war er doch ein großzügiger und stets freundlicher Mann, der ihn auf dezente Art erheiterte, wenn er sich schnaufend die fünf Stufen hinunter in den Laden wuchtete, sich kopfschüttelnd auf den Lehnstuhl gleich neben der Treppe setzte und sagte: „Ach, mein guter Berlini, wenn Sie wüssten.“ Berlinis Einsatz folgte umgehend: „Ach, verehrter Herr Meierkamp, was ich so alles weiß.“ Beide nickten. Lächelten, begrüßten sich per Handschlag. Bastian, aufmerksam im Hintergrund, zog die Handschuhe über und brachte die bauchige Flasche mit dem dickflüssigen Likör. Berlini zeigte drei Finger, Bastian juchzte laut, kehlig und knurrend, was Meierkamp nicht weiter mit der Wimper zucken ließ, – Berlini hatte ihm gesagt, der Junge hätte keine Zunge -, und holte die Gläser. Er mochte den süßen Likör.

Es lief stets gleich ab, es war ein Ritual, das zwei-, dreimal im Monat exakt so stattfand. Meierkamp war dick, boshaft betrachtet war er unappetitlich fett, und er wedelte ständig mit einem Taschentuch herum, mit dem er sich den Schweiß von der Stirn tupfte. Er war ein feiner Kerl, der gern zum Plaudern kam, wobei er oft auch anschließend das eine oder andere Stück kaufte. Er schätzte die seltene Ware, wie er auch Berlini als jahrelangen lieben Freund schätzte, der gemeinsam mit ihm alt geworden war.

Am Tag des Sommerfestes betrat Meierkamp, stattlich gekleidet für sein Fest, Berlinis Laden und zwinkerte ihm schelmisch zu: „Ach, mein guter Berlini, wenn Sie wüssten.“ Berlini sagte: „Ach, verehrter Herr Meierkamp, was ich so alles weiß.“ Meierkamp holte tief Luft, noch einmal, räusperte sich, setzte sich, atmete ein drittes Mal tief durch. „Was Sie nicht wissen …“ Er strahlte über sein ganzes rundes Gesicht. „… ich habe einen Ring gefunden. Am Weiher lag er im Gras, direkt unter der Linde. Einen ganz und gar eigentümlichen Ring. Den muss ich Ihnen zeigen, Herr Berlini. Sowas haben Sie noch nicht gesehen.“ Er zog einen kleinen Samtbeutel aus seiner Jackentasche, knüpfte das Band auf und fingerte einen breiten, mit einem schwarzweiß gesprenkelten großen Stein und zahlreichen winzigen Rubinen und Saphiren besetzten Ring hervor, den er Berlini andächtig in die geöffnete Hand legte. Berlini sah genau hin. Er erstarrte. „Schauen Sie nur. Auf der Innenseite sind noch merkwürdige Schriftzeichen. Wie alt der wohl ist? Wie kostbar nur? Oh, Berlini, wer mag ihn getragen haben?“

Das wusste Berlini nur zu genau. Er wurde bleich und bleicher, während er ihn betrachtete, zum ersten Mal in seinem Leben war es wahrhaftig das Original, er kannte den Ring nur von längst vergilbten Zeichnungen. Berlini fror, gleichzeitig schien seine Hand zu glühen. Seine Unterlippe zitterte, als er sprach: „Bringen Sie ihn zurück, Meierkamp. In dem Ring steckt das Böse.“

„Zurückbringen? Unsinn. Was faseln Sie denn da?“ Meierkamp war empört. Gleichzeitig enttäuscht. Er hatte eine andere Reaktion erwartet. Begeisterung. Fassungslosigkeit. Bewunderung. Neid. Oh doch, Neid auf ihn, der solch seltsames, einmaliges Juwel gefunden hatte, wohl bereit, ihn eventuell an Berlini zu verkaufen. Eventuell auch nicht. Vorerst fühlte Meierkamp sich gekränkt. Freilich auch verstört. „Warum das Böse? Wie kann das in dem Ring stecken? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Berlini?“

Berlini fixierte den Ring immer noch, dann hielt er ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, raunte Unverständliches, murmelte, ohne aufzusehen: „Mitnichten, Teuerster, mitnichten.“ Und während er fast fiebrig darüber sinnierte, wie er so vernünftig wie möglich dem störrischen Landwirt Johann Meierkamp beibringen könnte, sich umgehend von dem Ring trennen zu müssen, verspürte er den sehnsuchtsvollen Wunsch, ihn selbst zu besitzen. Es war, als würde jemand mit einem Bohrer in sein Gehirn dringen, und bei jeder Drehung, so schmerzhaft, so furchtbar, kam ein Hammerschlag hinzu, bummbummbumm, sei nicht dumm, nimm ihn dir. Seine Gedanken überschlugen sich. Wieder zurückbringen? Meierkamp. Unmöglich. Wie kann ich daran nur denken? Er soll mein sein, muss mein sein. Oh Himmel, er muss weg. Weg. Oh bitte nein. Mein. Mein. Mein? Hilf Hölle, was geht mir Wirres durch den Kopf? Berlini kam es vor, als würde sein ganzer Körper taumeln, sein Kopf, seine Arme, sein Verstand. Er bemühte sich, klar zu sprechen.

„Lieber, guter Herr Meierkamp, so glauben Sie mir doch, ich kenne diesen Ring. Und Sie wollen nicht wissen, wem er gehört. Es ist unaussprechlich. Es ist grauenvoll. Wenn die falsche Person ihn besitzt, wird ihre Seele so finster wie die Alpträume, die uns begleiten. Sie wird …“ Berlinis Stimme klang heiser: „… sie wird eine andere. Entstellt. Abartig. Böse. So böse. Böööse. Jaaa. Und doch … der Ring. Dieser Ring ist wahrlich wunderschön. Magisch schön. So wunderwunderwunderschön.“ Er blickte verklärt, seufzte, wisperte: „Mein Ring.“

Währenddessen wartete Bastian in einer Nische zwischen zwei mit alten Büchern und hölzernen Figuren bepackten Regalen ungeduldig darauf, gerufen zu werden, um die Flasche und drei Gläser zu bringen. Er betrachtete Meierkamp zum wiederholten Male mit einer gewissen Gier im Blick. Er musste sich zügeln, das wusste er, seinen Menschen würde er erst in einer Woche bekommen, und er durfte sich nur den nehmen, den sein Herr und Freund ihm brachte. Der roch dann nach dem Wasser, das sie zu dritt tranken, ein guter Geruch, der auch an Meierkamps Kleidung haftete. Wie saftig er aussah. So fett. So voll mit Fleisch und Speck. Laut wurde Meierkamp jetzt, schlug mit der Faust auf den Tisch, ganz rot war sein Gesicht. So wütend die Stimme. Wild war er. Ein wildes Tier. Bastian sabberte, wischte sich den Schleim vom Mund, horchte, lauerte.

„Ihr Ring? Sie sind ja nicht bei Sinnen, Berlini. Jetzt geben Sie den Ring wieder her. Es reicht mir. Genug mit dem unsäglichen Unfug. Ich werde ihn behalten. Sie bekommen ihn nicht von mir, egal, was Sie bieten.“ Berlini wich zurück und umschloss den Ring mit seiner Hand, streckte Meierkamp die Faust entgegen. „Hier ist er. Hier bleibt er.“
Meierkamp sprang so hektisch und für seine Leibesfülle so flink vom Stuhl, dass dieser mit einem lauten Poltern umfiel. Er packte Berlini, schüttelte ihn und brüllte: „Sie sind ja verrückt. Komplett verrückt. Hilfe. Zu Hilfe. Hört mich denn niemand?“
Das reichte Bastian. Er sah Berlini bedroht, er musste etwas tun. Anfallen und zerfleischen durfte er den dicken kreischenden Mann nicht, das war ihm verboten, also griff er nach einer der schweren Holzfiguren auf dem Regal und schleuderte sie in Meierkamps Gesicht. Der schrie auf, wankte, fasste sich an die Nase, – gebrochen, zerschmettert, ich muss hier raus -, dachte er panisch – , dann an die Stirn. Die Haut war aufgeplatzt, er blutete. Scheinbar völlig unbeteiligt steckte sich Berlini den Ring an den Finger, sah Meierkamp kurz an und zuckte mit den Schultern. „Haben Sie sich selbst zuzuschreiben, mein Guter, was werden Sie auch hysterisch? Sie sind doch gemeingefährlich.“

Und während er sprach und auf Meierkamps Blut starrte, verspürte er diese ihm völlig unbekannte, abartige und zugleich so süße Lust darauf, daran zu schlecken. Es abzulecken. Auszusaugen. Alles. Er blickte auf den fetten Wüterich und stellte sich vor, seine Zähne in ihn hineinzuschlagen und sich triefende Brocken aus ihm herauszuholen, und er empfand weder Abscheu noch Mitleid. Er hatte nur Hunger. Vage erinnerte er sich, dass er nie, niemals Fleisch anrühren, schmecken, schlucken wollte, dass das so gar nicht zu ihm passte, hier zu stehen und zu gieren, im abstrusen Begriff, einen Menschen zu verspeisen. Der Ring. Das ist der Ring. Weh mir. Ich … Er wusste, er hätte ihn nur abstreifen, fortwerfen, vernichten müssen, aber tatsächlich hätte ihm jemand die Hand abhacken müssen, um ihn vielleicht, vielleicht nur wirklich begreifen zu lassen. Er stürzte sich auf Meierkamp, warf den angstvoll um sich schlagenden Mann zu Boden, registrierte in Sekundenschnelle, wie lang und dolchartig seine Fingernägel waren, zerfetzte Meierkamps Hals und riss ihm mit nie geahnter Kraft den Kehlkopf heraus. Er stopfte ihn sich in den Mund, und während er kaute, verfiel Bastian in ein ohrenbetäubendes schrilles Schreien und Glucksen, wie Kriegsgebrüll kam es Berlini vor, und er sah ihn an und sah, wie er lachte und sich drehte und freute über die wundersame Wandlung seines geliebten Herrn. Gemeinsam fraßen sie Meierkamp auf, Berlini steckte alles in sich hinein, wie im Rausch war er, und Bastian johlte und kreischte so enthusiastisch und laut, dass man es weit hinunter bis zum See hören konnte. So weit und tief, dass seine Brüder den Nebel teilten und sich auf den Weg machten. Zu Berlinis Haus. In den Ort. Zur Scheune. Natürlich zur Scheune. Dort war Licht. Musik. Leben. Fressen.

Was weiter geschah, ist nur zu erahnen. Es war ein großes Fest. Es war eine seltsame Sache. Und das Haus des Kuriositätenhändlers Anton Berlini steht immer noch.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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