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Herodots Höllenzwang

Story erstmalig veröffentlicht in: Dirty Cult, Hrsg. Ulf Ragnar (s. Phantastikon), Idee zur Illustration (Cover) von Daniel Bechthold

Weit draußen, vor den Toren der Stadt, steht ein halb zerfallener Gutshof. Die Zäune, Ställe und Nebengebäude sind längst eingestürzt, vermodert oder so stark überwuchert, dass man ihre ursprüngliche Form nunmehr erahnen kann. Das einzige Gebäude, das noch übrig ist, ist das Wohnhaus selbst. Aber auch dieses erweckt mehr den Eindruck einer Ruine, als den einer menschlichen Heimstätte. Das Dach ist eingesackt, das Fachwerk morsch, und die Wände so marode und schief, dass man meinen könnte, der nächste Windhauch müsse das Haus vollends zum Einsturz bringen. Den zufällig vorbeikommenden Wanderer dürfte es überraschen, zu erfahren, dass diese Ruine, trotz aller Schäden, noch immer bewohnt ist. Der Bewohner ist ein Greis namens Herodot Bierwagen, der selbst keinen besseren Eindruck macht, als das Haus, und dieses ergänzt, wie das Ei den Eierbecher. Er ist mager, seine fleckige Haut hängt in Falten an den Knochen, seinen ansonsten kahlen Schädel ziert ein verfilztes Haarbüschel, der krumme Rücken wird von einem Buckel bekrönt, und seine windschiefe Nase überschattet den fast zahnlosen Mund. Wenn man ihn so sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass er mal einer der reichsten Bürger der Stadt war. Wie reich er war? Reich genug, um exzentrisch zu sein! Herodot war so reich, dass er keiner direkten Arbeit nachgehen musste, sondern sich einzig auf das Besitzen und Investieren beschränken konnte. Einem solchen Mann steht alle Zeit zur Verfügung, sich mit müßigen Dingen zu befassen, deren Sinn jedem aufs Praktische bedachten Menschen verborgen bleibt. Herodot Bierwagen liebte es, die Mittel, die ihm zu Gebote standen, voll auszuschöpfen, und in allen Genüssen zu schwelgen, die für Geld zu haben waren. Er war ein Liebhaber des Theaters und der Oper, er besuchte Musik- und Tanzveranstaltungen jeglicher Couleur, speiste in den hervorragendsten Restaurants und hielt sich auch die ein oder andere Mätresse, um seinem Geist ein wenig Zerstreuung zu gönnen und die Qual der Langeweile zu vertreiben.

Herodot Bierwagens besonderes Steckenpferd war aber war von früher Jugend an die Welt des Okkulten. Schon als Knabe hatte er die Sagenwelten der Griechen, Römer und Germanen durchforscht. Die Apokryphen und die talmudischen Legenden hatte er als Heranwachsender geradezu verschlungen, ebenso wie die Werke der gelehrten Herren Albertus Magnus, John Dee, Johann Weyer, Paracelsus. Von der Lektüre des Hexenhammers, aus der Feder der Herren Institoris und Sprenger, war er geradezu besessen, und auch Johannes Hartliebs Buch Aller Verbotenen Künste blieb nicht unangetastet. Aus dieser Aufzählung ist bereits ersichtlich, dass es vor allem der verruchte Zweig der Schwarzen Magie war, der Herodot Bierwagen in seinen Bann zog. Wetter- und Bildzauber, Hexerei, Nigromantie und Nekromantie, dämonische Hierarchien und Besessenheit, Teufelsanbetung, Teufelsaustreibung, die Verleumdung Gottes und der christlichen Moral faszinierten ihn weit mehr, als der sonntägliche Gottesdienst und die schönen Künste, zu deren Studium er gezwungen war. Die Beschreibungen der Gräuel des Hexensabbats, wollüstige, nackte Weiber, die im Vollmondschein tanzten und mit Geißböcken und Teufeln buhlten, erregten seine Fantasie und seine Libido. Wenn er Abends allein war, studierte er die mystische Alchemie und Numerologie, die Kabbala und den Aberglauben alter Zeiten. Ganze Nächte brütete er über uralten Manuskripten und Inkunabeln, die er gehortet hatte. Doch so sehr er auch die schwarzen Künste studierte, so war er doch nie in der Lage, die verschiedenen magischen Systeme miteinander in Einklang zu bringen und alles was sich in seinem Verstand festsetzte, war nichts als unreifes Halbwissen und Wirrnis.

Das hielt ihn aber nicht davon ab, sich selbst für einen großen Gelehrten und machtvollen Hexenmeister zu halten, der, wenn er nur wollte, über alle Elementargeister und Kreaturen gebieten konnte, die das Reich zwischen Himmel und Hölle bevölkerten. Wer hätte ihn auch eines Besseren belehren sollen, da Herodot doch niemanden kannte, der mehr von der Schwarzen Magie verstand, als er selbst? Selbstverständlich wäre Herodot nie in Versuchung geraten, die Macht, über die er zu verfügen glaubte, zu missbrauchen! Dafür erachtete er sich selbst für zu edel und benevolent. Ihm genügte es, sich mit der theoretischen Seite der Hexenkunst zu befassen und sowohl sein Wissen als auch seine moralische Überlegenheit erfüllten ihn mit Stolz.

Irgendwann jedoch erreichten Herodots Studien eine Flaute, als er feststellen musste, dass es kaum mehr ein Gelehrtenwerk oder Grimoire gab, das er noch nicht gelesen hatte, oder dessen er habhaft werden konnte. Die wenigen ungelesen Bücher, von denen er wusste, gehörten entweder dem Reich der Legenden an, oder waren so selten und kostbar, dass selbst sein Wohlstand nicht ausreichte, sie in seinen Besitz zu bringen. Das war ein bitterer Tropfen für Herodot, der ihn bald trübsinnig und lustlos werden ließ. Die meisten Bücher hatte er bereits zwei- oder gar dreimal gelesen und jeder weitere Versuch nährte nur die Langeweile, die sich in ihm ausbreitete.

An einem verregneten Abend hatte sich Herodot gegen seine Gewohnheit in einer finsteren und verrauchten Stadtschenke niedergelassen, um bei einer Flasche Branntwein Trübsal zu blasen. Hier konnte er zumindest sicher sein, keinem Bekannten zu begegnen, der ihn mit Fragen nach seinem Befinden störte. Deshalb war er nicht nur überrascht, sondern auch verärgert, als sich plötzlich ein Fremder zu ihm setzte. Der Mann war hager, hatte schmale Schultern und sein vom Regen nasses, schwarzes Haar, hing ihm wie ein Vorhang ins Gesicht. Herodot lehrte sein Glas in einem Zug und knallte es auf den Tisch.

„Was willst du, Halunke?“, raunzte er den Fremden an.

„Ihr seid Meister Bierwagen, nicht wahr?“, fragte der Fremde.

„Der bin ich wohl! Was willst du, Halunke?“, wiederholte Herodot.

„Ich werde euch etwas verkaufen“, kündigte der Andere an und griff bereits in seinen vor Schmutz starrenden Mantel.

„Ich bin nicht interessiert!“

„Wenn ihr der Herodot Bierwagen seid, von dem ich gehört habe, dann seid ihr interessiert!“, erwiderte der Mann mit einem Grinsen.

„Was habt ihr?“, knurrte Herodot unwillig.

Der Mann nickte ihm zu und legte ein großes, in brüchiges Leder und mit Metallbeschlägen versehenes Buch vor sich auf den Tisch. Herodot wollte danach greifen, doch der Fremde war schneller, zog es zu sich heran und beugte sich nach vorn.

„Es ist ein Höllenzwang“, flüsterte er.

„Welcher?“, fragte Herodot, der sich von dem Flüstern anstecken ließ.

„Dieses Werk trägt den Titel Daimonicon“

„Nie davon gehört“, brummte Herodot.

„Nun, das überrascht mich nicht. Denn, seht ihr, es ist so selten, dass wenige Gelehrter auch nur je davon gehört haben.“

„So selten, oder so falsch?“, zischte Herodot, aber der Fremde achtete nicht darauf.

„Es heißt, es enthalte eine Liste aller Dämonen, die je einem der Höllenfürsten gedient haben und beschreibe aufs Genaueste, was diese vermögen und wie man sie in seine Dienste zwingt. Ihr dürft nun einen Blick hineinwerfen, wenn es euch beliebt.“

Herodot hielt seiner Neugier nur ein paar Sekunden Stand, dann aber griff er nach dem Buch, zog es zu sich heran und inspizierte den Einband. Falls dieses Buch eine Fälschung war, so war es dennoch ein Meisterwerk, befand Herodot. Die Machart des Einbands und sein Zustand ließen ein hohes Alter vermuten. Falls der Deckel je einen Titel getragen hatte, so war davon nichts mehr zu sehen. Das Leder war mit der Zeit schwarz geworden und knarrte, als Herodot wahllos eine Seite aufschlug. Die Blätter bestanden aus Pergament und waren von Hand beschrieben worden. Im schummrigen Licht der Lampe glaubte Herodot zunächst Latein oder Altgriechisch vor sich zu haben, beides Sprachen, die er leidlich verstand. Dann aber erkannte er, dass es das Deutsch seiner eigenen Zeit war.

„Ganz klar eine Fälschung!“, blaffte er erbost und schob das Buch von sich. Der Fremde lächelte nur milde und sprach:

„Das Buch selbst unterliegt einem Zauber. Es passt sich der Sprache seines Lesers an.“

„Haltet ihr mich für so naiv, dass ich …“ Doch der Fremde hob die Hand und rief in den Raum hinein:

„Spricht hier jemand etwas anderes als Deutsch? Als Muttersprache, wenn’s geht!“

Die übrigen Gäste schauten von ihren Krügen auf und glotzten wie Vieh, das von einer neuen Situation überfordert ist. Dann aber gab jemand seinem Nachbarn einen Rippenstoß und der Gestoßene hob zögernd die Hand.

„Ich, Herr! Ich spreche Ungarisch!“

„Guter Mann!“, rief der Fremde, sprang auf und reichte dem Mann das Buch. „Seid so gütig und sagt mir, in welcher Sprache ist dieses Buch geschrieben?“

Der Mann stutzte, schlug aber das Buch auf und begann zu lesen. Doch nach wenigen Zeilen ließ er das Buch sinken und erbleichte.

„Das …, das ist ja eine Teufelsbeschwörung!“, rief er.

„Ja, aber in welcher Sprache?“, fragte der Fremde und nahm das Buch zurück.

„Ungarisch, mein Herr“, stammelte der Mann und ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken.

„Danke! Noch jemand?“

Es war aber nach dieser Szene niemand mehr bereit, der Aufforderung des Fremden nachzukommen. „Ich bin immer noch nicht überzeugt“, vermerkte Herodot, als sich der Fremde wieder zu ihm setzte. „Aber es ist ein Kuriosum, nicht wahr?“, antwortete der Fremde mit einem verschmitztem Lächeln. Herodot dachte einen Augenblick nach. Aber dann holte er seinen Geldbeutel hervor und brummte: „Ach, was soll’s! Um der Kuriosität Willen, werde ich’s euch abkaufen!“ Sie stritten noch eine Weile über den Preis, aber letztendlich konnte Herodot das Daimonicon als neueste Errungenschaft seiner Sammlung seltener und seltsamer Zauberbücher hinzufügen.

Von diesem Tag an sah man Herrn Herodot Bierwagen wieder häufiger bei geselligen Anlässen in der Stadt und jeder, der ihm begegnete, konnte sich von seiner wohlmeinenden und gesprächsfreudigen Laune überzeugen. Den Reden seiner Freunde und Geschäftspartner folgte er scheinbar andächtig mit in die Ferne schweifendem Blick. Wenn er aber selbst das Wort ergriff, so gelang es ihm stets das Gespräch auf sein eigenes Lieblingsthema zu lenken, welches das alte Buch war, in dem er blätterte, wann immer er keinen direkten Anteil am Geschehen nahm. Die meisten seiner Bekannten nahmen das einfach hin, denn schließlich war man ja mit Herodots Schrullen vertraut und freute sich, dass er überhaupt wieder am gesellschaftlichem Leben teilnahm. Doch andere nahmen durchaus Anstoß daran und zögerten auch nicht, ihn darauf hinzuweisen.

So geschah es auch, als Herodot eines Abends tief in seinem Höllenzwang versunken im Salon eines Geschäftsfreundes saß, und sich plötzlich ein Schatten über die Seiten legte. Herodot blickte auf, um zu sehen, wessen Schatten und Stimme es wagten, seine Lektüre so jäh zu unterbrechen. Er kannte den Mann nicht und es gab auch wenig zu erkennen, denn er hatte dem Licht den Rücken zugekehrt, sodass sein Gesicht im Schatten lag.

„Wie meinen, der Herr?“, fragte Herodot.

„Ich fragte, was es da Wichtiges zu lesen gibt, dass ihr es euch erlauben könnt, eure Mitmenschen mit Missachtung zu strafen!“

„Oh, es liegt mir fern, euch ignorieren zu wollen!“, versicherte Herodot. „Es ist nur so, dass mich dieses Buch wesentlich mehr zu interessieren vermag, als es einem Gespräch mit euch je möglich wäre.“

Diese Unverfrorenheit erzürnte den Fremden nur noch mehr und er versuchte Herodot das Buch wegzureißen, doch der klappte es rasch zu und legte schützend die Hand auf den Deckel.

„Also? Was habt ihr da!“, knurrte der fremde Mann.

„Oh, nichts weiter als einen Höllenzwang, einen Leitfaden zur Praxis der Dämonenbeschwörung“, erklärte Herodot mit gespielter Gelassenheit. Er wusste, was ihm normalerweise auf einen solchen Hinweis blühte und wurde auch diesmal nicht enttäuscht.

„Das ist doch nicht euer Ernst! Soll das ein Witz sein?“, und weitere Phrasen dieser Art stürzten auf Herodot ein, der das über sich ergehen ließ, während sich sein Gegenüber in seine Wut hineinsteigerte.

„Wozu, um alles in der Welt, befasst ihr euch überhaupt mit diesem Mumpitz!“, beendete der Fremde schließlich seine Tirade.

„Ich halte dieses Thema keineswegs für Mumpitz, mein Herr!“, erwiderte Herodot. „Die gesamte Schöpfung wird von transzendentalen Mächten beherrscht, die den Lauf der Welt im Gang halten wie ein Uhrwerk und uns physische Wesen mit denen der spirituellen Sphäre verbinden! Die Gelehrten aller antiken Hochkulturen haben dies wieder und wieder bewiesen und selbst die niedersten Plebejer wussten davon. Wir wären Narren, wenn wir nicht das alte Wissen studierten, und versuchten dieses Zusammenwirken zu ergründen und uns die spirituellen Wesen dienstbar zu machen!“

„Ihr glaubt also tatsächlich an diesen Unsinn?“, hakte der Fremde nach.

„Mein Herr, es ist meine feste Überzeugung, dass zwischen Gott und uns noch andere höhere Wesen existieren, die der Laie gemeinhin und in abergläubiger Furcht als Dämonen bezeichnet, und deren Wissen und Künste wir uns zu Nutzen machen können, wenn man sie nur zwingt …“

„Habt ihr denn je einen dieser Dämonen zu irgendetwas gezwungen?“, unterbrach ihn der Fremde.

„Nein, natürlich nicht! Ich beschäftige mich nur mit der edlen Theorie!“, verteidigte sich Herodot.

„Dann halte ich euch für nichts weiter als einen Quacksalber!“, ätzte der Fremde.

„Mein Herr, ich …“

„Ich wette mit euch, dass es euch trotz aller Gelehrsamkeit und der Hilfe eures Buchs, nicht gelingen wird, auch nur einen einzigen Dämon herbeizuzitieren!“

„Abgemacht!“

© Ulf Ragnar

Als er wieder in seiner Bibliothek saß, bedauerte es Herodot sich so leichtfertig mit dem Fremden auf eine Wette eingelassen zu haben. Derartig profane Dinge waren normalerweise nicht seine Art, aber die Respektlosigkeit des unbekannten Herrn hatte ihn jede Beherrschung und Bedachtsamkeit verlieren lassen. Der Wetteinsatz von 200 Gulden war für Herodot kaum der Rede wert, wenn man außer Acht ließ, dass auch sein Ruf und seine Ehre auf dem Spiel standen. Seine Freunde waren nicht minder verwundert über diesen jugendlichen Leichtsinn. So sehr sie Herodot auch schätzten, hatte niemand je geglaubt, dass an seinen Spinnereien etwas dran sein könnte, weshalb es als ausgemachte Sache galt, dass er die Wette verlieren musste. Um die drohende Schmach für Herodot zu lindern, hatten sie die Wettenden dazu überredet, aus der Angelegenheit ein gesellschaftliches Ereignis zu machen, das zum allgemeinen Vergnügen und aus reiner Experimentierfreude stattfinden sollte. Man wollte ein Schauspiel daraus machen und sich anschließend, auf Kosten des generösen Verlierers, also Herodots, betrinken. Herodot und der Fremde, von dem er annahm, dass er der Geschäftsfreund eines Geschäftsfreundes war, hatten den genauen Ablauf schriftlich festgehalten, sich auf einen Tag und eine Zeit geeinigt und den Keller unter Herodots Landhaus zum Ort des Geschehens bestimmt. Danach hatten sie einander die Hände geschüttelt und waren ohne ein weiteres Wort ihrer Wege gegangen.

Jetzt da er allein war, kam ihm der Fremde noch seltsamer vor, als während der eigentlichen Begegnung. Er hatte sich als Monsieur le Brin vorgestellt, aber seine Stimme wies nicht den Hauch eines französischen Akzents auf und er sah auch nicht wie ein Franzose aus. Und genau da lag der Hase im Pfeffer! Er wusste überhaupt nicht mehr, wie der Mann ausgesehen hatte! Kein einziges Merkmal, kein einziger Gesichtszug, weder die Größe, noch die Farbe und Beschaffenheit seines Haars oder seiner Kleidung waren ihm im Gedächtnis geblieben. Er war sich nur sicher, dass er Haare hatte und dunkel gekleidet war, aber alles andere war wie ausgelöscht. Alles, bis auf die Stimme, die jedes Wort schneidend und kalt klingen ließ; eine solche Stimme konnte man nicht vergessen. Für einen Augenblick war Herodot der Panik nahe, als er sich fragte, ob er vielleicht behext worden sei und es mit einem Meister der Schwarzen Kunst oder gar dem Teufel selbst zu tun hatte. Dann aber besann er sich. Er würde zuallererst ein Schutzamulett für sich anfertigen und dann galt es, den Raum für die Beschwörung vorzubereiten. Da er viele seiner liebsten Freunde und Geschäftspartner als Zuschauer erwartete, konnte er sich nicht einfach auf das Wesentliche beschränken. Er wusste, was er seinem Publikum schuldig war und er war entschlossen dem Schauspiel eine angemessene Bühne zu bereiten.

Wenige Wochen später war es so weit. In Herodots Keller hatten sich 39 Männer, Frauen und sogar einige Kinder versammelt, die im Festtagsgewand stehend oder auf Stühlen, Fässern und Kisten sitzend der Darbietung harrten. Herodot hatte einen Bereich in der Mitte freiräumen lassen, in dem die Beschwörung stattfinden sollte. Dort war ein eiserner Kessel über glühenden Kohlen aufgestellt, den jemand mit einem kopfstehenden Drudenfuß verziert hatte, um deutlich zu machen, dass es sich auch wirklich um einen Hexenkessel handelte. Ein kleinwüchsiger Diener, der eine grobe Robe und eine Geißbockmaske trug, hatte daran Stellung bezogen und rührte in dem bestialisch stinkenden Gebräu. Allein dieser Teil des Schauspiels hatte Herodot Unsummen gekostet, da er eigens dafür einen Verbindungsschacht zum Schornstein hatte einbauen lassen, damit der Rauch nach oben abziehen konnte, anstatt den ganzen Keller auszuräuchern. Der Keller war tief ins Erdreich hineingegraben und wesentlich älter als der Rest des Hauses. Die Wände waren aus rohem, unbehauenen Gestein gemauert, das mit einer Schicht aus Lehm verputzt war. Der Boden bestand nur aus gestampfter Erde und die Decke wurde von unregelmäßig geformten Stützpfeilern getragen, die unter ihrer Lehmschicht Erdsäulen glichen. Es gab nur wenig Licht, das von spärlich verteilten Kerzen und Ölfunzeln stammte. Man hätte glauben können, sich in der mythischen Unterwelt aufzuhalten, wenn auch nicht in der Hölle, denn dazu war es zu kalt. Deshalb nahmen die meisten Gäste nur zu gern die Roben entgegen, die ihnen von zwei weiteren verkleideten Dienern gereicht wurden, damit auch sie sich dem Anlass entsprechend kostümieren konnten. Neben einem der Stützpfeiler war ein Tisch platziert worden, auf dem allerhand Utensilien bereit lagen, die Herodot zu nutzen gedachte.

Der Herr des Hauses hatte sich ebenfalls in eine Robe gehüllt, die in seinem Fall mit alchemistischen Symbolen bestickt war. Um den Hals trug er das Amulett, welches ihm Schutz vor den Einflüsterungen des Teufels gewähren sollte.

Der letzte, der den Weg in den Keller fand, war Monsieur le Brin. Niemand hatte sein Kommen bemerkt, er trat einfach aus der Menge heraus und ging nonchalant auf Herodot zu, der ihm entgegen trat, um ihm die Hand zu reichen. Wundersamerweise fiel es ihm nun nicht weiter schwer, den Mann wiederzuerkennen, obgleich es im Halbdunkel nicht viel von ihm zu sehen gab.

„Es freut mich, dass ihr uns nicht mit eurer Abwesenheit enttäuscht, Monsieur!“, ergriff Herodot das Wort zugleich mit der Hand seines Gegenübers.

„Ich würde es mir nie versagen, meinen eigenen Sieg mitzuerleben, obgleich mir nicht klar war, wie eilig ihr es mit eurer Niederlage habt,“ erwiderte Monsieur le Brin mit steifer Miene. „Nun los, zögert nicht länger! Lasst uns beginnen, damit das Volk seinem Hedonismus frönen kann!“

„Nun gut, wie es euch beliebt!“, sagte Herodot, wandte sich ab und schritt zum Tisch. Dort nahm er das Daimonicon zur Hand und wandte sich erneut zu Monsieur le Brin.

„Damit ihr seht, dass ich keine regelwidrigen Vorkehrungen getroffen habe, möchte ich es euch überlassen, den zu beschwörenden Dämon zu wählen. Schlagt einfach das Buch auf einer beliebigen Seite auf und legt den Finger an eine zufällige Stelle. Den Dämon, den ihr erwählt, werde ich rufen!“

Le Brin nahm das Buch an sich, blätterte darin herum und ließ die Seiten an seiner Daumenkuppe vorbeigleiten, bis er unvermittelt anhielt, das Buch weit aufschlug und den Zeigefinger auf eine Seite niederfahren ließ. Ein Diener hielt eine Öllampe hoch, und Le Brin verkündete den Namen: „Hiepacth!“

Durch die Menge ging ein Raunen. Man schien erstaunt, verwundert, aber auch begeistert zu sein, obgleich doch niemand wusste, was es mit dem Geist namens Hiepacth auf sich hatte.

„Hiepacth also?“, seufzte Herodot. Monsieur le Brin nickte.

„Nun beginnt mit der Evokation, Hexenmeister!“, spottete er, als er ihm das Daimonicon zurückreichte.

„Hiepacth“, dozierte Herodot, nachdem er einen Blick ins Buch geworfen hatte, „ist der elfte Vasall des infernalischen Großherzogs Syrach, welcher selbst allein Luzifer unterstellt ist! Er kann dem Magier, der ihn beschworen hat, jegliche Person, wo immer sie auch sei, in Windeseile herbeiführen. Doch zunächst gilt es, ihn selbst herbeizuführen!“
Herodot nahm wortlos ein Stück Kreide zur Hand und begann damit, einen Drudenfuß auf den Boden zu zeichnen, den er mit einem Doppelkreis aus Salz umrahmte. Zur gleichen Zeit hatte auch der Diener mit der Geißbockmaske ein Salzsäckchen hervorgeholt, mit dessen Inhalt er ein gleichschenkliges Dreieck um die Feuerstelle zeichnete. Als die geometrischen Figuren zu seiner Zufriedenheit ausgeführt waren, füllte Herodot die Zwischenräume mit obskuren Zeichen, Siegeln und Symbolen. Ein weiterer Diener platzierte Kupferschalen auf den fünf Spitzen des Drudenfußes, in denen Weihrauch entfacht wurde. Während der gesamten Prozedur hatte Herodot unablässig einen unverständlichen Singsang von sich gegeben, der dem Laien wie reinstes Kauderwelsch und dem Gebildeten wie ein wildes Gemisch aus Hebräisch, Latein und Altgriechisch vorkam.

Als alles fertig war, trat Herodot ins Zentrum des Kreises und gab seinem Diener ein Zeichen. Dieser zog eine wild fauchende schwarze Katze aus einer Korbtruhe hervor, die er am Nacken gepackt seinem Herrn reichte, der das Tier mit sichtlichem Widerstreben entgegennahm.

„Oh Herr der Fliegen und des Abgrunds“, intonierte er. „Vater aller Lügen und Meister aller Künste! Nimm dies Opfer, das zu deinen Ehren sterben wird und lass den Knecht deines Vasallen Syrach in meine Dienste treten!“

Mit diesen Worten schlitzte er die Katze von der Kehle bis zur Blase auf. Das Kreischen des Tieres war grauenerregend. Die Gedärme quollen aus dem Schnitt hervor und hingen wie ein abscheuliches Banner herab. Die Katze hinterließ eine weit geschwungene Blutspur auf dem Boden, als sie von dem Diener entgegengenommen und in den Hexenkessel geworfen wurde, worin das Fleisch ungewöhnlich rasch zerkochte. Aus dem Publikum waren Würgegeräusche zu hören und jemand übergab sich. Herodot fuhr dessen ungeachtet fort:

„Oh, stolzer Großherzog Syrach, folge dem Befehl deines Herrn und schicke mir deinen Knecht Hiepacth, auf dass er meines Willens untertan sei, bis ich ihn wieder freigebe!“

Dabei schwang er den blutverschmierten Dolch wie einen Weihwasserwedel umher, während seine linke Hand das Schutzamulett umklammert hielt.

„Oh Hiepacth, ich rufe dich im Namen deiner Herrscher Luzifer und Syrach! Ich befehle dir im Namen Gottes, bei Jahwe und Elohim, komm ohne Zorn und ohne Zaudern! Ich befehle dir bei Schemhamphorasch und Tetragrammaton, komm ohne List und ohne Lüge! Ich befehle dir im Namen unseres Herrn Jesus Christus und der heiligen Mutter Gottes, verhülle deine Abscheulichkeit und erscheine in einer Gestalt, die dem Auge wohlgefällig sei! Die Heerscharen des Himmels bezwingen dich, die Erzengel binden dich, das Lamm Gottes richtet dich, beugst du dich nicht meinem Willen und Begehr! Erscheine hier in diesem Pfuhle, den ich dir bereitet zwischen den Winkeln aus dem Staub der Toten! Hiepacth! Erscheine!“

Monsieur le Brin konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, während er dieser Litanei lauschte. Doch das Grinsen schwand schnell, als das Gebräu im Kessel plötzlich aufbrodelte, überkochte und eine dicke Dampfsäule daraus emporwuchs. Sowohl die Diener als auch das Publikum wichen vom Kessel zurück, während sich die Dampfsäule zur Decke wand und dabei immer dichter und dunkler wurde, bis sie fast schwarz war. Der Dampf waberte und wogte und allmählich schienen sich darin Gesichter zu formen, die wahren Totenfratzen glichen. Wer nicht vor Schreck erstarrte, ließ sich zu ängstlichem Geflüster verleiten. Auch Herodot hatte es die Sprache verschlagen, als habe er nicht mit diesem Resultat gerechnet. Doch schließlich fasste er sich und wiederholte die Worte: „Hiepacth! Erscheine!“

Ein Schrei gellte aus dem Publikum. Direkt unter der Decke hatten sich im schwarzen Dampf zwei riesige Augäpfel manifestiert.

„Hiepacth!“, schrie Herodot noch einmal. Da zog sich der Dampf plötzlich in den Kessel zurück und war mit einem Mal gänzlich verschwunden. Im Keller breitete sich unheimliche Stille aus. Selbst das Gebräu im Kessel hatte aufgehört zu brodeln und zeigte eine spiegelglatte Oberfläche.

„War es das schon?“, fragte endlich eine zaghafte Stimme aus dem Publikum.

„Eine schöne Gaukelei!“, bemerkte Le Brin. „Bei Gelegenheit müsst ihr mir unbedingt verraten, wie sie funktioniert.“

„Das war keine Gaukelei!“, rief Herodot aufgebracht. „Ich habe genau das Ritual befolgt, wie es …“

„Schade um die Katze!“, schnitt ihm Le Brin das Wort ab. Herodot wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, da fuhr ihm jemand erneut dazwischen:

„Herr Bierwagen, Monsieur le Brin, schauen sie!“

Hinter einem der Stützpfeiler war eine Gestalt hervorgetreten. Auf den ersten Blick schien es sich um eine alte Frau zu handeln, die nackt und hager vor ihnen stand. Ihre Augen waren mit einem schmutzigen Fetzen verbunden und ihr schlohweißes Haar hing in langen, verfilzten Strähnen herab. Ihre drallen Brüste standen im krassen Gegensatz zum Rest des verwelkten Leibes und wirkten deshalb geradezu obszön. Die Gestalt näherte sich mit ruckhaften, taumelnden Bewegungen. Herodot, der nicht minder überrascht war, als jeder andere, führte das zunächst auf das Alter der Frau zurück oder darauf, dass sie blind war. Doch dann stellte er mit Entsetzen fest, dass die Beine der Frau zusammengewachsen waren. Und wo ihre Füße hätten sein sollen, wuchsen dicke Wurzelstränge aus ihr heraus, die sich zu den Seiten abspreizten und ihre Enden irgendwo im Finstern verbargen. Herodot wich instinktiv zurück und die übrigen folgten seinem Beispiel.

„Wer ist es, der mich in dieses Loch gerufen hat?“, greinte die Alte mit heiserer Stimme. „Sprich und sag, was du von mir willst!“

„Hiepacth?“, murmelte Herodot ungläubig.

„Das da ist Hiepacth?“, flüsterte Monsieur le Brin in Herodots Ohr und zeigte auf das Weib.

„Der bin ich, doch wer bist du und was willst du von mir!“, schrie das Wesen mit steigender Ungeduld.

„Ich bin …, ich bin Herodot Friedrich Bierwagen, ich habe dich gerufen!“, antwortete Herodot zögerlich.

„Dann sag was du willst!“, keifte Hiepacth.

„Wieso bist du nicht im Dreieck erschienen? Du hättest innerhalb des Dreieck erscheinen sollen! Und warum hast du keine angenehmere Gestalt gewählt?“, fragte Herodot statt zu befehlen.

„Warum bist du nicht im Dreieck erschienen?“, äffte Hiepacth Herodot nach. „Ja, warum nur? Und wo überhaupt? In dieser Brühe etwa? Warum bist du denn nicht in deinem Kreis geblieben?“

Erst jetzt fiel Herodot auf, dass er nicht nur den schützenden Kreis verlassen, sondern auch völlig vergessen hatte, ähnliche Schutzmaßnahmen für seine Gäste zu ergreifen. Das Wissen um die Tragweite dieses Fehlers, brachte ihn der Panik nahe, doch jetzt ließ sich das nicht mehr ändern.

„Und was meine Gestalt betrifft, hätte ich noch wesentlich ungnädiger sein können, mein kleiner Herr Bierwagen!“, fuhr Hiepacth fort.

Trotz der Kälte begann Herodot zu schwitzen. Er merkte, dass ihm die Kontrolle entglitt, wenn er sie nicht schon verloren hatte.

„Aber du stehst unter meinem Befehl!“, schrie er dem Dämon entgegen.

„Ja, möglicherweise“, räumte Hiepacth ein. „Also? Wen darf ich dir bringen? Dazu hast du mich doch bestimmt gerufen, nicht wahr? Das ist meine Spezialität! Also wen soll ich dir bringen, mein Meisterlein?“ , fragte der Dämon.

„Also, eigentlich, …“ murmelte Herodot. „Möchte ich gar nicht, dass du jemanden verschleppst.“

„Nicht?“, rief Hiepacth erzürnt. „Soll ich dir etwa zu Reichtum verhelfen oder die Liebe eines Weibes erzwingen, dir die Zukunft weisen oder deine Feinde vernichten? Dafür hättest du genau so gut einen anderen Geist belästigen können!“

„Nein, ich brauche keinen der genannten Dienste! Ich möchte mich nicht durch dich versündigen!“, rief Herodot.

„Du hast dich bereits versündigt, indem du mich gerufen hast!“, kreischte der Dämon mit seiner heiseren Stimme. Doch Herodot schüttelte leugnend den Kopf. „Ich habe dich nur gerufen, um zu beweisen, dass du kommen wirst!“

„Um zu beweisen, dass ich kommen werde? Um zu beweisen …!“, brüllte Hiepacth voller Wut.

„Und jetzt, da ich den Beweis habe, möchte ich, dass du wieder verschwindest!“, befahl Herodot.

„Ach, verschwinden soll ich? Einfach so? Was glaubst du, was ich bin, Menschenmade? Du kannst mich nicht einfach herbestellen und fortschicken, wie eine Dienstmagd!“

Wie um Hiepacths Worten Hohn zu sprechen, begann Herodot laut die Bannformel abzulesen, die er aus dem Daimonicon notiert hatte. Hiepacth überschüttete ihn mit Schimpf- und Schandnamen, die jedes bibeltreue Christenherz erzittern ließen und geiferte wie eine ganze Meute wilder Hunde. Im Publikum hielt man sich die Ohren zu und viele bekreuzigten sich, oder stimmten Gebete an. Aber niemand vermochte sich von der Stelle zu rühren, so tief waren sie in den Bann des Spektakels geraten. Herodot ließ sich durch nichts, was um ihn herum geschah, ablenken. Selbst, als ihn der Dämon mit einem seiner wurzelartigen Auswüchse zu Fall brachte, hörte er nicht auf die Bannformel zu sprechen. Da warf sich der Dämon mit seinem ganzen Leib auf den Beschwörer. Doch bevor er ihn erreichte, hatte sich die Gestalt mit dem letzten Wort der Formel in heißen Dampf verwandelt und wurde zum Kaminschacht empor gesogen. Aus dem Publikum ertönten Rufe der Erleichterung, da man den Dämon für bezwungen erachtete. Nur Herodot schaute wie erstarrt auf die Stelle, wo der Dämon eben noch gestanden hatte. Erst als die Menschen hinter ihm aufschrien, wurde Herodot aus seiner Lethargie gerissen. Die Dampfwolke war in den Keller zurückgesunken und sauste als langgezogener Schweif um die Stützpfeiler herum, bis sie schließlich direkt über Herodot bedrohlich wabernd in der Luft hängen blieb. Dort verdunkelte sie sich und wurde zu einem Knäuel ständig wechselnder Fratzen und tierhafter Glieder.

Herodot ahnte, dass der Dämon versuchte sich in einer neuen, schrecklicheren Gestalt zu manifestieren. Hastig blätterte er im Daimonicon nach einer anderen Bannformel und wählte eine aufs Geratewohl, mit der er den Dämon endgültig in die Hölle zurückzuschicken hoffte. Doch als er den letzten Vers hinausgeschrien hatte, löste sich die Wolke nicht auf, sondern fuhr zu seinem Entsetzen auf die verschreckte Schar der Zuschauer hernieder, wo sie im Schlund eines kleinen Mädchens verschwand. Die Eltern des Kindes, die beim Herabstürzen der Wolke, auseinandergestoben waren, eilten fast sofort zu ihm zurück. Als sie es aber an sich drücken wollten, wurden sie mit Macht fortgeschleudert, und rissen zahlreiche andere Zuschauer um. Das Mädchen stand still da und schaute zu Herodot hinüber. Doch ehe Herodot etwas sagen konnte, brach das Mädchen in gackerndes Gelächter aus:

„Stümper! Einfältiger Scheißhaufen einer sich mit Eseln paarenden Hure! Du kannst keine Teufel bannen, wenn du die Formel falsch daher nuschelst!“

„Jedes Wort habe ich buchstabengetreu abgelesen, du Scheusal!“, platzte es aus Herodot heraus. Der Dämon lachte nur noch lauter.

„Ja, abgelesen statt aus dem Herzen gesprochen, noch dazu falsch intoniert und dann war es noch nicht einmal die richtige Formel! Nun sieh zu, wie du mich aus diesem Fleisch löst, ohne einen Mord zu begehen!“

Und während er noch lachte, erloschen mit einem Schlag alle Öllichter und Kerzen. Als plötzliche Finsternis den Keller erfüllte, wurden die Menschen von Panik ergriffen. Alles rannte und stolperte wild durch- und übereinander auf der Suche nach dem Ausgang, den man schließlich zum allgemeinen Schrecken verschlossen vorfand. Herodot versuchte, seine Gäste und Diener zur Ruhe zu bringen, doch all sein Rufen und Schreien ging unter in dem um ihn herrschenden Tumult. Während er herumlief, gegen Menschen prallte und auf Leiber trat, hörte er das Lachen des Dämons. Herodot wurde von etwas gerammt und gegen die Wand geschleudert. Er hörte Knochen brechen, Schmerzensschreie und verzweifelte Gebete. Irgendetwas wütete hier unten und richtete ein Massaker an, das er sich kaum ausmalen, und erst recht nicht erklären konnte. Zweifellos war es das Werk des Dämons, aber wie er das fertigbrachte, blieb ein Rätsel. Seine edle Absicht wieder Herr der Lage zu werden und seine Freunde zu retten, war mit einem Mal zunichte. Er wollte, nein, er konnte nur noch sich selbst retten. Er tastete sich an der Wand entlang, bis er die Stelle erreichte, an der er den nächsten Lichtschacht vermutete. Mit einiger Anstrengung gelang es ihm schließlich, an der rauen Wand hochzuklettern und sich in den Lichtschacht hineinzuzwängen. Dort musste Herodot ausharren und dem Gelächter des Dämons und den Schreien seiner Gäste lauschen, bis auch der letzte verstummt war.

Was man am nächsten Tag in Herodots Keller vorfand, wurde von der Obrigkeit als Folge einer Massenhysterie erklärt. Die 39 Männer, Frauen und Kinder, die in jener Nacht im Keller unter Herodots Landhaus weilten, hatten sich in ihrer Angst offenbar gegenseitig den Gar ausgemacht. Bis auf Herodot hatte niemand die Nacht überlebt und obwohl man ihn keines Verbrechens überführen konnte, war man allgemein davon überzeugt, dass ihm allein die Schuld an der Tragödie zuzuschreiben war. Um sein Gewissen zu beruhigen, zahlte Herodot hohe Entschädigungssummen an die Familien seiner toten Freunde und Diener, was ihn schließlich in den Ruin trieb, zumal niemand mehr, weder geschäftlich noch auf andere Art, mit ihm zu tun haben wollte. Von Monsieur le Brin und dem Daimonicon fehlte allerdings jede Spur. Er war nicht unter den Toten gewesen und niemand wusste zu sagen, von wo er gekommen und was aus ihm geworden war. Herodot musste natürlich annehmen, dass er den Keller mit dem gestohlenen Höllenzwang vorzeitig verlassen und verriegelt, und somit die Katastrophe erst möglich gemacht hatte. Aber davon wollte niemand etwas hören. Als er es schließlich aufgegeben hatte, nach ihm zu suchen, erhielt er jedoch einen Brief, der nichts weiter enthielt, als ein paar Banknoten im Wert von 200 Gulden und ein Kärtchen mit dem handschriftlichen Vermerk:

Es war mir ein Vergnügen!
Euer ergebener Diener F. le Brin

Herodot lebt seither einsam und geächtet auf seinem zerfallenen Gutshof. Wenn man ihn heute dort aufsucht, wird man ihn wahrscheinlich zwischen den traurigen Resten seiner okkulten Bibliothek vorfinden, wo er in alten, schimmligen Folianten noch immer nach der richtigen Formel sucht, um sich vom Gelächter des Dämons zu befreien.

Ulf Ragnar Berlin

Ulf Ragnar Berlin aka Ulrabi ist ein frei schaffender Kunstmaler, Illustrator, Autor und Hobbykabarettist, der sich hauptsächlich den Sujets des Makabren und Absurden widmet. Er wurde 1982 in Duisburg geboren und wuchs im Westerwald auf. Nach dem Abschluss seiner Lehre zum Glas- und Porzellanmaler zog er 2006 nach Darmstadt, um ein Studium des Fachs Kommunikationsdesign zu beginnen, das er 2013 mit Erlangen des Diploms abschloss. Noch während des Studiums schloss er sich dem White Train an, für den er seit 2010 als Autor, Illustrator, Co-Redakteur, Layouter und Mitherausgeber tätig ist. Einmal alle zwei Monate tritt er in der Rolle des verrückten Wissenschaftlers “Der Unglaubliche Ulf” in der Early Late Night Show im Darmstädter Schlosskeller auf. Bei szenischen Lesungen verkörpert er mit Vorliebe Figuren aus seinen eigenen Geschichten oder denkt sich passend zum Thema der Lesung einen neuen Erzähler-Charakter aus. Seine Gemälde und Zeichnungen sind im Netz am leichtesten unter seinem bürgerlichen Namen, sowie dem Pseudonym Ulrabi bzw. Ulrabiart zu finden.

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