Harry Potter (und die phantastischen Tierwesen)

Ein sensationeller Erfolg

Warner Bros. Entertainment; Severus Snape (Alan Rickman) ist nach einer Umfrage der beliebteste Charakter der Harry Potter-Reihe

Auch wenn bei einer Abstimmung über die beliebtesten Charaktere in J. K. Rowlins berühmter Serie, die von dem Verlag Bloomsbury durchgeführt wurde, Serverus Snape vor Hermine Granger als eindeutiger Gewinner hervorging, darf das nicht darüber hinweg täuschen, dass Herry Potter selbst zu einer der größten fiktionalen Popikonen aller Zeiten gezählt werden kann. Die Abstimmung – bei der er nur den vierten Platz belegte – zeigt aber eines: Wenn man von dieser unglaublichen Erfolgsgeschichte in Buch und Film spricht, dann ist das bei Weitem nicht Harry allein zu verdanken. Dumbledore, Ron Weasley, Sirius Black, Dobby – all diese Figuren bilden den Brunnen, aus dem eine jener Figuren erwuchs, die wie wenige andere die Popkultur veränderte.

Am Montag, den 26. Juni 1997, veröffentlichte Bloomsbury Children’s Books das Buch einer unbekannten alleinerziehenden Mutter aus Edinburgh – ein Manuskript, das zuvor von acht anderen Verlagen als zu lang abgelehnt worden war – das erste in der von der Autorin erhofften Serie von insgesamt sieben Büchern. Mit einer Zahlung von 2.500 Pfund und einem kleinen Ratschlag (kündigen Sie nicht Ihren regulären Job, Sie werden Ihren Lebensunterhalt nie mit Schreiben von Kinderbüchern verdienen) war der Grundstein dafür gelegt, dass Joanne K. Rowling reicher wurde als die Königin von England. Ihr Buch – Harry Potter und der Stein der Weisen – wurde eines der beliebtesten und einflussreichsten der letzten 100 Jahre. Dieses Buch und die sechs, die noch folgen sollten, haben eine Generation geprägt und unsere Kultur auf unzählige Weise verändert.

Die Serie lehrte die Erwachsenenwelt, dass Alter in der Literatur nur eine Zahl ist, dass man als Erwachsener auch Bücher, die für Kinder geschrieben wurden, lesen und lieben kann, dass daran nicht das geringste peinlich ist.

Sie lehrte die Verleger, dass, solange die Bücher gut sind, Kinder sie lesen werden, egal wie lang sie sind. Vor „Harry Potter und der Feuerkelch“ galt es als undenkbar, ein Kinderbuch mit 700 Seiten auf den Markt zu bringen. Mittlerweile findet man fast keines mehr, das unter 300 Seiten hat und nicht mit mindestens 3 – 6 Fortsetzungen aufwartet.

Die Harry Potter-Serie war der Grund dafür, dass die New York Times eine eigene Bestsellerliste für Kinderbücher einführte. Zu dieser Entscheidung kam es, weil die ersten drei Potter-Bücher mehr als ein Jahr lang die ersten drei Plätze der eigentlichen Bestsellerliste der New York Times anführten. Kein Buch für Erwachsene konnte da auch nur ansatzweise mithalten.

Harry Potter machte die Buchkultur zur Popkultur. Seit Dickens „Der Raritätenladen“ (1840) hatte kein Buch mehr ein solches kulturelles Ereignis ausgelöst, wie es im Jahre 2007, als der letzte Band erschien, zu beobachten war. In diesem Jahr bevölkerten ganze Scharen die Buchläden, die den „Mitternachtsbuchhandel“ mitmachten. Überall gab es Harry Potter-Partys.

Phantastische Tierwesen

Monster und mythische Tiere spielen in J. K. Rowlings Werk eine große Rolle. Sie verleihen symbolische und psychologische Tiefe und erinnern uns daran, dass wir einen magischen Ort besuchen. Rowling ist sowohl Erfinderin als auch Archivarin fantastischer Tiere und bevölkert ihr Universum mit einer Mischung aus klassischen Monstern (Trolle, Zentauren, Wassergeschöpfe) und solchen aus der Folklore (Bowtruckle, Erklinge), neben ihren eigenen Erfindungen (Dementoren).

Einige dieser gesammelten Monster sind weitaus bekannter als andere: Der Grindeloh und der Irrwicht zum Beispiel haben ihren Ursprung in der keltischen und englischen Folklore, sind aber kaum bekannte Namen (im Original Grindylow und Boggart). Diese relativ kleinen Kreaturen haben oft eine wenig fantastische Hintergrundgeschichte: Grindylows leben im flachen Wasser und drohen, Kinder mit ihren grünen, schilfartigen Armen zu ergreifen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass diese Wesen viel mit Wasserpflanzen gemein haben, und in den Erzählungen eine Warnung mitschwingt, sich von dieser möglichen Gefahr fernzuhalten.

Aber die überwiegende Mehrheit von Rowlings Kreaturen hat sich von der Antike in ihre moderne, magische Welt geschlichen. Fawkes der Phönix ist nicht nur ein fantastisches Tier, das zur automatischen Regeneration fähig ist, er ist auch ein historisches Wesen. Seine Färbung – rot und gold – ist die gleiche wie die der Phönixe, die Herodot in seinen Geschichten aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. erwähnt. Herodot ist bekannt als „Vater der Geschichtsschreibung“ und gab das wieder, was ihm von Menschen erzählt wurde, die er auf seinen Reisen traf. In diesem Fall erfuhr er, dass Phönixe in Ägypten leben, fügt allerdings hinzu, dass er die Wundervögel nicht selbst gesehen hat.

Der Phönix, den Dumbledore in seinem Büro in Hogwarts aufbewahrt, kann auf alte Mythen zurückgeführt werden und taucht in den Geschichten von Tacitus und Herodot auf (Rechte: Warner Bros. Entertainment).

Ein weiteres Harry Potter-Tier, das die Zeiten überlebt hat, ist der mehrköpfige Hund. Cerberus, der im griechischen Mythos den Eingang zur Unterwelt bewacht, ist ein Hund mit vielen Talenten, aber keiner festen Anzahl von Köpfen. Der Dichter Hesiod hielt ihn für ein 50-köpfiges Tier, Pindar war sogar noch ehrgeiziger und schlug hundert Köpfe vor. Spätere griechische und römische Schriftsteller einigten sich dann auf drei. Fluffy, der dreiköpfige Hund im ersten Potter-Roman hat mit dem mythologischen Tier zumindest gemein, dass er durch Musik hypnotisiert werden kann. Allerdings gelingt das bei Cerberus nur, wenn kein geringerer als Orpheus die Leier spielt, während Fluffy bereits von einer verzauberten Harfe in den Schlaf getragen werden kann.

In Anlehnung an den Zerberusmythos setzt Rowling Fluffy als Wachhund ein, der auf der Falltür liegt, die Harry, Ron und Hermine auf der Suche nach dem Stein der Weisen passieren müssen. Stehen die Kinder hier vor den Toren der Hölle? Zumindest durchlaufen sie Prüfungen, die auch in die Unterwelt der griechischen Mythologie passen würden: quälende Rätsel, körperliche Gefahr, emotionales Trauma.

Universelle Mythen

Der Stein der Weisen selbst hat seine Wurzeln sowohl im Mythos als auch in der Geschichte: Dumbledores Freund und Hersteller des Steins, Nicolas Flamel, war ein historischer Schreiber, der im 14. Jahrhundert in Paris lebte. Viele Jahre nach Flamels Tod wurde gesagt, er habe das Geheimnis des ewigen Lebens entdeckt. Spätere Schriftsteller schrieben ihm alchemistische Fähigkeiten zu, aber es gibt keinen Beweis dafür, dass er diese tatsächlich besaß. Dennoch wurde in Paris eine Straße nach ihm benannt, was gewissermaßen eine Art Unsterblichkeit ist.

Auch der Basilisk, der sich in der Kammer des Schreckens befindet, hat seinen Namen von den Griechen und geht auf eine Niedlichkeitsform zurück, die „kleiner König“ bedeutet. Rowling behielt den Teil des Basiliskenmythos, der ihn in der Lage sieht, mit seiner giftigen Kraft alles auf seinem Weg zu zerstören. Glücklicherweise hat sie für ihre Leser jene Überlieferung von Plinius dem Älteren aufgegeben, die besagt, dass der Basilisk durch den bloßen Geruch eines Wiesels getötet werden kann.

Harry erledigt den Basilisken (Rechte: Warner Bros. Entertainment)

Die vielleicht rätselhaftesten Kreaturen in Hogwarts sind die Zentauren, die im Verbotenen Wald leben. Sie scheinen direkte Nachkommen der Zentauren zu sein, die auf dem Berg Pilion in Thessalien (Zentralgriechenland) gelebt haben sollen. Rowlings Zentauren hingegen bevorzugten eine waldreiche Heimat. Der edle Firenze ist ganz ähnlich dem berühmten Zentauren Chiron mit seiner Leidenschaft für Astrologie und Erziehung nachgebildet, der Achilles, Theseus und anderen griechischen Helden als Lehrer zur Seite stand. Im archäologischen Museum in Neapel befindet sich ein wunderschönes Fresko aus Herkulaneum, das Chiron zeigt, wie er Achilles das Lyraspielen beibringt. Es ist eine schöne Erinnerung daran, dass Menschen sich schon sehr lange mit mythischen Tiere beschäftigen.

Magie und Metapher

In der Folklore kommt es häufig vor, dass Kreaturen aus zwei unterschiedlichen Spezies bestehen – Zentauren, Wassergeschöpfe – sind ein häufiger Bestandteil dieser Erzählungen. Manchmal aber kommt es zu noch komplexeren Vermischungen. Der Hippogreif ist eine Kreation, die auf ein italienisches Gedicht aus dem frühen 16. Jahrhundert zurückgeht. Quellen dieser Vermischung aus einem Greif (der selbst eine Kombination aus Adler und Löwe ist) mit einem Pferd lassen sich aber noch weiter zurückführen. In seinen „Eklogen“ beschreibt Virgil eine Szene, in der die üblichen Regeln nicht mehr gelten: Greife paaren sich hier mit Stuten, und ängstliche Rehe trinken neben Hunden. Die bloße Existenz eines Hippogreifs wird als Unmöglichkeit dargestellt. Nicht wegen seiner fantastischen Natur, sondern wegen der – für Virgils Publikum – bekannten Feindschaft, die zwischen Pferden und Greifen bestand.

Der Hippogreif als eine alte Buchillustration von Henri Charles Antoine

Ein interessanter Punkt ist die Betrachtung jener Monster und Bestien, die Rowling ausdrücklich nicht benutzt hat, vor allem sind das Satyren und Nymphen, die so prominent im griechischen Mythos auftauchen. Harrys Welt – und das ist eigentlich überraschend für eine mit Teenagern gefüllte Welt – ist weitgehend frei von Sex. Es gibt einige Küsse, aber das war es auch schon. Sogar das Mädchen Nymphadora Tonks teilt außer ihrer Fähigkeit, das Aussehen ändern zu können, wenig mit ihren Namensgeberinnen aus der griechischen Mythologie.

Auch andere Kreaturen dienen nur allegorischen Zwecken: Elfen etwa werden in anderen Werken viel mächtiger dargestellt (denken wir nur an die Überlegenheit der Elfen in Tolkiens Werk). Rowlings Hauselfen hingegen sind eine klarer Hinweis auf Sklaverei und Knechtschaft. Ebenso leiden Zentauren und Riesen unter Umbridges‘ Herrschaft über Hogwarts.

Erwähnenswert ist, dass, obwohl Drachen und Basilisken Harry und seine Freunde in körperliche Gefahr bringen, die furchterregendsten Kreaturen im Potter-Universum die Dementoren sind – Kreaturen, die Rowling selbst erfunden hat. Diese können eine gewisse physische Ähnlichkeit mit den Nazgûl  in Der Herr der Ringe nicht verleugnen, aber der psychologische und emotionale Schaden, den sie verursachen, ist ein eigener. Rowling hat sie mit ihrer eigenen depressiven Erfahrung verknüpft und uns daran erinnert (wenn solche Erinnerungen notwendig sind), dass die dunkelsten Monster, denen die meisten von uns gegenüberstehen, diejenigen in unserem eigenen Kopf sind.

Karl Marco

Karl Marco

Karl Marco wurde 1978 im Schwarzwald geboren. Er absolvierte ein Studium, arbeitet aber hauptsächlich als Förster. Er findet sein Glück in der Pokultur genauso wie bei Shakespeare, wobei er ein bisschen mehr Glück dann doch in der Popkultur erfährt. Da er das Phantastikon für das beste Magazin überhaupt hält ist es klar, dass er ab und zu daran mitarbeitet.

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