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Harry Dresden – Sturmnacht

Jim Butchers „Die dunklen Fälle des Harry Dresden“ gehören gegenwärtig zu den beliebtesten Urban Fantasy–Büchern. Es liegt in der Natur der Dinge, dass Jim Butcher in den englischsprachigen Ländern einen wesentlich größeren Respekt genießt als bei uns, denn ob man es nun glauben mag oder nicht: wir sind in solchen Sachen oft Lichtjahre hinterher. Außerdem funktioniert der englischsprachige Fantasy-Raum vollkommen anders als bei uns, wo das Phantastische nach wie vor eine stiefmütterliche Behandlung erfährt.
Die Serie um Harry Dresden (The Dresden Files) begann im Jahre 200o mit dem Titel „Sturmfront“. Und heute kann man sich fragen, warum erst Jim Butcher auf die Idee kam, den Hardboiled-Noir-Thriller mit einem Magier zu besetzen. Es gibt mittlerweile unzählige Nachahmer dieser unglaublich erfolgreichen Reihe, aber Harry war derjenige, der das Pulp-Genre wieder lebendig werden ließ.

Mein Name ist Harry Blackstone Copperfield Dresden. Beschwören Sie ihn auf eigene Gefahr. Ich bin Magier. Ich arbeite in einem Büro im Zentrum von Chicago. Meines Wissens bin ich der einzige offen praktizierende professionelle Magier im Land. Sie finden mich in den Gelben Seiten unter „Magier“. Ob Sie es glauben oder nicht, ich bin der Einzige, den Sie dort finden.

Mit diesen Worten stellt Harry sich der Welt vor. Ein Magier also. Ja. Aber auch ein privater Ermittler in bester Hardboiled-Tradition. Wir begegnen Harry während einer etwas mageren Phase. Er ist mit seiner Miete im Rückstand und Fälle sind nicht in Sicht. Außerdem hat er noch ein paar andere Probleme. Der Weiße Rat, so etwas wie die „Regierung“ der Magier, hat ein Auge auf Harry geworfen, weil er seinen Lehrer tötete. Das erste Gesetz der Magie verbietet Magiern ihre Kräfte für einen Mord zu verwenden. Normalerweise folgt darauf das Todesurteil. Aber Harry hatte sich nur selbst verteidigt, und so befindet er sich auf Bewährung, während das Damoklesschwert über ihm schwebt.

Tja, warum auch nicht?

Der vorliegende Fall beginnt wie so oft mit einer Frau. Besser gesagt, mit zwei Frauen. Butchers Fähigkeit, Handlungen ineinander zu stapeln, gewährt uns auf der einen Seite die traditionelle Dame in Not – Monica Sells, die Harry damit beauftragen möchte ihren Ehemann ausfindig zu machen – und auf der anderen seinen Job für das Police Departement, speziell aber für Karrin Murphy, der Ermittlerin des Morddezernats von Chicago. Und dort kümmert sie sich um die harten Fälle. Harrys Beziehung zu Murphy ist etwas ruppig, aber respektvoll.

Hier handelt es sich um einen Doppelmord. Ein Paar, dem während des Aktes das Herz aus dem Brustkorb heraus explodierte. Durch Magie. Wie schon gesagt, ist es Magiern verboten, ihre Fähigkeiten für einen Mord einzusetzen. Es deutet also alles auf den Einsatz schwarzer Magie hin. Für Harry macht das die Sache kompliziert, denn eben weil über Harry ein Damoklesschwert hängt, wird es für ihn bereits gefährlich, überhaupt herauszufinden, wie diese Art von Magie überhaupt funktioniert.

Auf dem Weg zurück zu seinem Büro, wird er von Johnny Marcone abgefangen, dem uneingeschränkten Herrscher der Chicagoer Unterwelt. Der möchte, dass Harry die Ermittlungen an diesem Doppelmord sein lässt. Harry aber lehnt ab. Im Büro angekommen, trifft er sich mit Monica Sells, die ihm erzählt, dass ihr Mann sich mit Zauberei beschäftigte, bevor er verschwand.

Die Handlung entfaltet sich und natürlich kommen die beiden zunächst separat behandelten Ebenen zusammen. Um so mehr die Geheimnisse gelöst werden, desto mehr erfahren wir über die wundersame Welt, die Jim Butcher hier kreiert hat. Urban Fantasy ist kaum besser zu machen. Wir begegnen auch hier den typischen Vertretern einer phantastischen Welt: Vampire, Elfen – aber Butcher bedient hier keine Klischees, sondern gestaltet alles erfrischend anders, und das, obwohl das Buch eine einzige Liebeserklärung an alle Bücher, Filme und Comics ist, mit denen er aufwuchs. Das schlägt die Brücke zu dem, was Quentin Tarantino tut. Originalität ist dabei Butchers Sache nicht, aber das weiß er selbst und bringt durch seinen Mix sämtlicher Außenseiterkulturen dennoch etwas hervor, das einfach nur höllischen Spaß macht. Denn einfach nur alles zusammenzuwerfen hätte nicht zu einer der stilprägendsten Fantasy-Serien überhaupt geführt.

Harry findet schnell heraus, dass Victor Sells, der vermisste Ehemann, hinter den Morden steckt, welches vom Sonderkommando um Murphy untersucht wird. Er nutzt Sexorgien und die Macht der Stürme für seine Magie. Außerdem ist er es, der den Markt mit der Droge „ThreeEye“ versorgt, die normalen Menschen für kurze Zeit die Sichtweise eines Magiers verleiht. Dabei muss Harry Sells magischen Attacken standhalten, mit Marcone verhandeln, die Vampirin Bianca überleben und dem Weißen Rat beweisen, dass er unschuldig an diesen Morden ist. Am Ende gelingt es Harry, den zwar starken, aber untrainierten Magier Sells zur Strecke zu bringen und seine Weste rein zu waschen.

Dieser erste Teil der Dresden-Reihe ist noch nicht der stärkste. Die Bücher werden erst in der Folge stärker und stärker, bis sie ihre ganze Wucht entfalten, und doch ist die Welt, mit der uns Butcher hier konfrontiert, völlig packend. Ein paranormaler Detektiv ist nichts neues in der Urban Fantasy, aber so wie hier haben wir ihn noch nie serviert bekommen. Völlig interessant sind hierbei der Weiße Rat und die Gesetze der Magie, das Niemalsland, dem Land der Zauberei schlechthin – und auch der Elfen in Person, so wie Toot, gerade mal 15 Zentimeter groß, mit einem Heißhunger auf Pizza, die Harry zum Dank (sehr zur Verwunderung des Pizzadienstes) für Toots Hilfe am Straßenrand abstellt.

Nehmen wir einmal das fast schon burleske 13. Kapitel. Harry erwacht zu Hause – er lebt dort fast ohne Elektrizität, weil diese in seiner Gegenwart immer den Geist aufgibt -, nachdem er sich halbwegs von einer Gehirnerschütterung und anderen Blessuren erholt hat. Ein mächtiges Gewitter tobt, es klopft an der Tür und die Reporterin Susan, die Harry unbedingt ein paar Geheimnisse entlocken will, steht davor. Harry lässt sie ein und geht erst einmal duschen, weil er stinkt wie ein Pferd und eigentlich noch jemand anderen erwartet (er bringt seine Verabredungen schon mal durcheinander), als es erneut klopft. Harry hetzt, nur mit einem Handtuch um die Lenden, aus der Dusche, weil Susan sich anschickt, die Tür zu öffnen. Er vermutet nämlich, dass Linda davorsteht und will diese peinliche Situation vermeiden. Es ist jedoch – ein unförmiger, an eine Kröte erinnernder Dämon, der sogleich beginnt, Harry mit zersetzender Spucke zu attackieren und dabei sein halbes Mobiliar auflöst. Harry dirigiert Susan in sein Labor im Keller. Dort befinden sich die beiden Zaubertränke, die Harry vor kurzem gemeinsam mit dem sprechenden Schädel Bob zusammengebraut hat. Er will, dass Susan mithilfe des Fluchtelixiers dieser tödlichen Situation entkommt, aber sie erwischt aus Versehen das Liebeselixier, auf dem der stark versaute Bob bestand. Harry wundert sich noch, warum der Trank nicht funktioniert und flüchtet sich jetzt ebenfalls in den Keller, denn dem Dämon ist nicht beizukommen. Mittlerweile hat er auch noch sein Handtuch eingebüßt. Man ahnt bereits, wie sich das alles zuspitzt. Harry zieht Susan zu sich in einen Schutzkreis und verkündet ihr, dass sie nun 10 Stunden dort stehen bleiben müssten, solange eben, bis die Sonne wieder aufgeht. Dann nämlich müsse der Dämon verschwinden. Derweil wirkt bei Susan der Liebestrank …

Dieses Setting ist es, das sofort seine sarkastische und dennoch düstere Stimmung entfaltet. Und dann ist da Harry selbst. Wie schon gesagt, ist er ein Typ wie ihn die klassische Hardboiled-Tradition um Chandlers Philipp Marlowe hervorbrachte. Andauernd bringt er sich selbst in Schwierigkeiten und rutscht tiefer und tiefer in den Schlamassel. Trotzdem besitzt er alle Zutaten eines Helden. Butcher selbst hat ihn in Interviews mit Spider-Man verglichen, und das ist ein trefflicher Vergleich. Harry wird geschlagen, ihm werden die Knochen gebrochen, er wird gefürchtet und geächtet, und doch gibt er niemals auf. Er kämpft nur noch härter. Sicher hat er auch etwas Störrisches, aber das macht ihn noch interessanter.

Ein guter Start zu einer der interessantesten Fantasy-Serien, die es da draußen zu finden gibt. Und wie schon gesagt: die Dinge wachsen, die Bücher werden noch stärker.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

5 Kommentare zu Harry Dresden – Sturmnacht

  1. Ich bin gerade bei Band 3 – und es wird deutlich stärker, man merkt, wie er mit seiner Geschichte ausbrechen möchte von gängigen Klischees und bereits Anlauf nimmt – sich aber noch nicht ganz traut! Ich bin schon sehr gespannt, was noch kommmt.

    • Michael PerkampusMichael Perkampus // 22. April 2017 um 19:37 // Antworten

      Also die Sachen spitzen sich erheblich zu. Hier merkt man, dass Butcher etwas los werden wollte, aber keine Ahnung davon hatte, was sein “Magier” für eine Bedeutung erlangen würde. Er wurde ja förmlich überrollt von dem überraschenden Erfolg. Und ab Band 3 zeigt Butcher, dass er das Multiplotting hervorragend beherrscht. Seine Exkurse in Magie sind – wie der geile Humor – auch nicht zu verachten.

      • Erik R. AndaraErik R. Andara // 22. April 2017 um 19:41 //

        Ich habe nur die leise Befürchtung, dass die deutsche Übersetzung, die ich gerade lese, ein bisschen dem Original nachhinkt. Manche Sachen nehmen sich in der Diktion einfach nur seltsam aus. Bessert sich hoffentlich noch.

      • Michael PerkampusMichael Perkampus // 22. April 2017 um 19:53 //

        Das ist das übliche Problem: ich habe auch schon ein paar Fehler in der Übersetzung entdeckt. Mir liegt das Original zwar nicht vor, aber ich habe das im Gespür, wenn etwas eher nach “denglisch” klingt.

      • Erik R. AndaraErik R. Andara // 22. April 2017 um 19:54 //

        Ja und manche Metaphern machen auf Deutsch einfach keinen Sinn, da wurde sicher zu Wortbedeutungskorrekt übersetzt.

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