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Harry Dresden – Silberlinge

Das fünfte Buch der Dresden-Serie eröffnet ein neues Kapitel in Harrys Leben. Manche Ereignisse aus den vorangehenden Büchern werden auf den Tisch gelegt und neu strukturiert. Daneben bekommt es Harry mit einer Gruppe neuer mächtiger Feinde zu tun, während er den Diebstahl einer heiligen Reliquie untersucht. Butcher hat den Raum, seine Handlungsstränge zu entwickeln, redlich genutzt, ruht sich darauf aber nicht aus und findet immer neue Kniffe, einen weiteren Superlativ einzufügen.

Zu Beginn treffen wir Harry in einer Talkshow an. Er ist natürlich immer noch Pleite und hat seine Teilnahme als Experte des Übersinnlichen zugesagt, um zumindest ein wenig Geld zu bekommen. Weitere Gäste sind Mortimer Lindquist, der Ektomane, der mit den Toten sprechen kann, Vater Vincent, ein Priester des Vatikans, und Professor Paolo Ortega, der allerdings ein Kriegsherr des roten Hofes der Vampire ist.

Mort erzählt Harry, dass er Susans (Harrys Ex) Aufenthalt in Peru festgestellt hat, einem Hot Spot der Vampire des roten Hofes. Ortega erklärt ihm, dass Harry den Krieg der Vampire gegen den Weißen Rat durch ein Duell mit ihm beenden kann – er ihn aber so oder so töten wird. Harry willigt unter der Voraussetzung ein, dass alles in einem Dokument festgehalten wird. Und schließlich will Vater Vincent Harry anheuern, das gestohlene Grabtuch von Turin wiederzubeschaffen. Harry ist zwar kein gläubiger Mensch, weiß aber, dass diese heilige Reliquie ein außerordentliches magisches Objekt ist. Vorher werden die beiden jedoch von Marcones Killern angegriffen (die zuletzt in Wolfsjagd auftraten), und entkommen.

Kaum zuhause, wartet überraschend Susan auf ihn. Harry ist zunächst vorsichtig, denn zumindest teilweise ist Susan bereits eine Vampirin. Harry entspannt sich jedoch, als Susan die Schwelle seines Hauses übertreten kann, was ihn davon überzeugt, dass Susan noch nicht ganz verloren ist. Sofort flammt seine Leidenschaft auf, aber als er bei einem Kuss etwas Vampirspeichel abbekommt, der wie eine Droge wirkt, lassen beide lieber wieder voneinander ab. Susan warnt Harry vor Ortega; er sei nur ein Teil einer Fraktion, die Harrys Tod will. Eine andere Fraktion will, dass Harry überlebt, damit der Krieg weiter gehen kann und sie so die Möglichkeit haben, alle Magier ein für allemal zu vernichten. Sie werden unterbrochen von Martin, der Susan abholen kommt, und Harry denkt zunächst, dass dies Susans neuer Lebensgefährte sei und ist reichlich eifersüchtig. Dann bekommt er einen Anruf von Murphy.

Gemeinsam besuchen sie die Leichenhalle, wo Murphy ihm den Pathologen Waldo Butters, ein Fan von Plüschpantoffeln und Polka, vorstellt. Butters zeigt ihm eine Leiche, die scheinbar an allen erdenklichen Krankheiten starb. Und zwar wirklich an allen. Der Leiche fehlt der Kopf und die Hände, vermutlich, um die Identifizierung unmöglich zu machen. Allerdings vermutet Harry da schon, dass dies alles mit dem gestohlenen Grabtuch zu tun haben könnte.

Als er das Leichenhaus verlässt, wird er von einem bärenartigen Monster mit vier Augen, sechs Beinen und Widderhörner angegriffen. Was tut ein Magier in diesem Fall? Richtig, er rennt um sein Leben. Jedoch entkommt der dem Monster nicht, und unterwegs versucht er noch, einen jungen und einen alten Mann aus dem Weg zu stoßen, die sich allerdings als seine Lebensretter erweisen. Es sind nämlich die beiden anderen Ritter vom Kreuz, Shiro und Sanya, die sich mit ihren Schwertern der Kreatur stellen. Doch erst als Michael Carpenter ebenfalls eingreift, gelingt der tödliche Streich. Als das Wesen, Ursiel, stirbt, hinterlässt es eine Silbermünze, die Michael sehr vorsichtig mithilfe eines Tuchs an sich nimmt. Die Ritter warnen Harry, dass es noch 29 weitere Münzenträger gibt, und dass sie vermutlich alle hinter Harry her sind.

Bei Vater Forthill fordert Michael von Harry, den Fall aufzugeben. Er erklärt ihm, dass Ursiel einer von 30 Gefallenen war, die den Orden des schwarzen Denarius angehören. Normalerweise können gefallene Engel diese Art von Macht nicht gegenüber Menschen ausüben, aber ihre Strategie ist die Verführung durch die Silbertaler. Und so rekrutieren sie ihre Handlanger, die dann die Arbeit des Tötens übernehmen. Michael warnt Harry davor, dass ihm das auch passieren könnte, aber Harry hört wie gewöhnlich nicht zu.

Als nächstes informiert Harry Bob von dem bevorstehenden Duell mit Ortega und Bob bittet ihn, vorsichtig zu sein. Als Harry die Denarier erwähnt, bekommt es Bob mit der Angst zu tun. Er informiert Harry darüber, dass er als Geist des Intellekts die Dinge des Glaubens nicht wirklich verstehen kann, stellt aber einen Kontakt mit einer Loa her, die ihm vielleicht weiterhelfen kann. Sie materialisiert sich in einer Puppe und sagt Harry, wo das Grabtuch ist. Weiter erklärt sie Harry, dass die Ritter des Kreuzes von Harry wollen, dass er den Fall ruhen lassen soll, weil sie im Besitz einer unvollständigen Prophezeiung sind, die besagt, dass Harry sterben wird, wenn er es nicht tut. Die Loa teilt ihm den zweiten Teil der Prophezeiung mit, und so sieht sie am Stück aus: Lässt Harry den Fall nicht ruhen, wird er sterben; lässt er den Fall aber ruhen, werden all seine Freunde sterben und die Stadt Chicago mit ihnen.

Jim Butcher hangelt sich in seiner Serie von einem Höhepunkt zum nächsten. Dies hier ist sein bisher bestes Ergebnis, einerseits was die verschiedenen Handlungsabläufe und deren reibungslose Verschmelzung betrifft, die starken Charakterzeichnungen und den respektlosen Humor. In der Vergangenheit waren die Extremsituationen noch etwas wackelig und nervös, hier aber stimmt die Balance von der ersten Zeile an, die Erzählräume sind richtig vermessen. Das liegt auch daran, weil Butcher die furiosen Momente immer wieder in ein ruhiges Fahrwasser bewegen kann. Das Buch atmet ein und aus. Außerdem vergisst er niemals die verletzliche und menschliche Seite seiner Protagonisten zu zeigen (selbst, wenn sie nicht menschlich sind). Zwischen dem Abenteuer, das mächtig Arsch tritt und dem übernatürlichen Feuerwerk geht es vor allem um Loyalität, Liebe, Glaube und Verlust.

Obwohl die Dresden-Bücher auch als Einzelwerke gelesen werden können, versteht es sich von selbst, dass eine größere Geschichte am Werk ist, die Stück für Stück – und kongenial – aufgebaut wird. Da gibt es den laufenden Krieg zwischen den Vampiren und den Magiern, Harrys bittersüße Beziehung zu Susan, das nicht beanspruchte Schwert eines Ritters und einen interessanten Hinweis auf Harrys Mutter (es könnte nämlich sein, dass Harry gar kein Einzelkind ist, wie er immer geglaubt hatte). Am Ende gibt es das dunkle Angebot, das Harry vom schrecklichsten der Denarier in Form einer Münze empfängt. Am Ende des Buches vergräbt Harry diese, aber es dürfte klar sein, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

 

Michael Perkampus
Über Michael Perkampus (129 Artikel)
Michael E. Perkampus ist Kulturanthropologe und der ehemalige Moderator der Literatursendung "Seitenwind" bei Radio Stadtfilter, Winterthur. Er ist Übersetzer, Hörbuchsprecher und Sammler von Phantastik. 2014 schuf er mit dem Phantastikon einen Ort im Netz, auf dem sich Erzählungen, Artikel, Interviews und Rezensionen rund um das Thema finden. Er lebt derzeit in Kempten, Allgäu und schreibt kurze Erzählungen, die sich um den Mythenkreis "Schwarzenhammer" drehen.

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