Harry Dresden – Schuldig

Das achte Buch der Dresden-Reihe führt Hary zu einer Horror-Convention. Wer bis dahin mitgelesen hat, weiss, dass sich in Harrys Welt neue Feinde und Versuchungen offenbart haben. Die Dinge um den Magier herum werden nicht einfacher, obwohl er von Anfang an auf des Messers Schneide tanzte. Obwohl die Dinge hier vorangetrieben werden, ist die eigentliche Handlung nicht so stark wie in den vergangenen Bänden. Es mag widersprüchlich klingen, aber das spielt hier gar keine große Rolle. Es ist vielmehr so, dass man langsam bemerkt, wie sich eine gewisse Ernsthaftigkeit in die Serie einschleicht, vielleicht auch eine Reife, die nicht ausschließlich mit einem atemlos vorwärts krachenden Plot abgegolten wird. Dennoch ist das ein typischer Dresden; hier lauert ein Geheimnis, das sich über den Rest des Buches erstreckt, es gibt Popkultur-Referenzen, Humor – und natürlich wird Harry in viele brenzlige Situationen geraten, in denen Butcher beweist, dass er sich nicht scheut, seine Figuren auch in wirklich harte Zeiten zu stoßen.

Harry selbst hat sich während der gesamten Serie entwickelt, er ist zynischer und ganz anders als wir ihm zum ersten Mal in Sturmnacht begegneten. Diese Entwicklung gilt jedoch auch für die anderen Figuren. Oft kranken Serien genau an diesem Problem: ihre Autoren sind nicht fähig, die psychologische Tiefe zu variieren. Oder eben anders herum: sie verändern die Charaktere bis zur Unkenntlichkeit. Das alles ist hier nicht der Fall.

Harry bleibt in der Position eines Wächters des Weißen Rates, obwohl er sich schwer mit seiner Rolle tut, wie wir in der Eröffnungsszene sehen können, wo ein Junge, der das vierte Gesetz der Magie gebrochen hat, hingerichtet wird. Diese Hinrichtung korrespondiert mit der Schlußszene, der wahrscheinlich größten Veränderung in Harrys Leben, als er die Verantwortung für Molly übernimmt, der Tochter von Michael und Charity. Molly ist insofern interessant, als dass sie ihre magische Laufbahn wie Harry selbst beginnt: mit dem Damoklesfluch über sich. Wer hätte am Anfang gedacht, dass Harry jemanden ausbilden würde? Das alles ist von Butcher hervorragend inszeniert und an die richtige Stelle gesetzt (bedenken wir, dass wir uns genau in der Hälfte der Reihe befinden).

Hier sehen wir zum ersten Mal die direkten Ergebnisse, die in Feenzorn eingeleitet wurden. Harry hat das Wohlwollen von Fix und Lily, Dame und Ritter des Sommers,  gewonnen, aber es ist offensichtlich, dass Titania, die Sommerkönigin einen Groll hegt. Und was in aller Welt ist mit dem Winterhof los? Jemand hatte deren Reich massiv angegriffen, jemand, der Zugang zum Höllenfeuer hatte. Gefallene Engel? Die Denarier? Und warum? Und vor allem: was ist mit Mab los? Harry schuldet ihr noch zwei Gefallen. Ist sie wirklich verrückt?

Was uns direkt zum „Schwarzen Rat“ bringt. In diesem Roman gibt Harry den schattenhaften Machern im Hintergrund  diesen Namen. Es scheint klar zu sein, dass sie im Weißen Rat präsent sind, dass es dort Verräter gibt. Harry vermutet auch, dass dieser Schwarze Rat für die Ereignisse, denen wir in dieser Serie folgen,  bis heute verantwortlich gewesen sein könnte – von Victor Sells über die Gürtel der Werwölfe in Wolfsjagd bis hin zum Alptraum und der Macht der Vampire des Roten Hofes. Dies ist der erste konkrete Hinweis darauf, dass alle diese Handlungen trotz Harrys maßgeblicher Beteiligung einen Zusammenhang haben könnten. Und wenn der Schwarze Rat etwas Episches erreichen will, dann ist Harrys Geschichte genau das Gegenteil davon.

Als Folge davon, dass Murphy sich frei nimmt, um Harry zu helfen, wird sie degradiert und ist nicht mehr Leutnant, sondern nur noch Sergeant. Es hatte in den letzten Bänden zwar so ausgesehen, als könnten sie zusammen finden, aber das hat sich gegenwärtig erst einmal nicht erfüllt. Dennoch ist es glaubhaft, dass dies der besten Weg ist, um die Spannung zwischen diesen beiden aufrecht zu halten. Die Entwicklung ihrer Beziehung ist einer der interessantesten Teile der ganzen Serie und sollte auch nicht so schnell geopfert werden.

Es gibt eine nette kleine Erklärung von Bob, dem Schädel über Zeitmagie und Zeitreisen. Dennoch spielt es in der Geschichte keine große Rolle. Möglicherweise ist das nur eine kurze Episode, um die Gesetze der Magie weiter auszuarbeiten. Es könnte aber auch sein, dass Bobs Erklärung eine Bedeutung hat, auf die erst später Bezug genommen wird. Butcher neigt dazu, Dinge einzustreuen, die auf den ersten Blick keine Relevanz haben, an die man sich später aber erinnern wird.

Der Krieg geht weiter. Der größte Teil der Aktion liegt diesmal außerhalb der dargestellten Geschichte, obwohl jener Teil, in dem Harry gegen Arctis Tor ins Niemalsland zieht, dem Rat gegen die Vampire des Roten Hofes hilft (was er aber zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt, weil er nur darauf aus ist, Molly zu retten). Abgesehen davon gibt es ein neues Lager, in dem der Rat Wächter ausbildet. Auch gibt es zwei Organisationen, die dem Rat gegen die Vampire helfen. Die Bruderschaft des heiligen Ägidius kennen wir schon durch Susan Rodriguez, aber das Venatori Umbrorum ist noch weitgehend unbekannt.

Nicht das beste Buch der Reihe, aber ein wichtiges.

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