Harry Dresden – Erlkönig

In einer der coolsten Szenen aller bisherigen Bände animiert Harry das Skelett eines Dinosauriers, auf dem er schließlich zum Showdown reitet. Wer das für Kitsch hält, hat die große und faszinierende Welt des Harry Dresden nicht wirklich verstanden oder ist vielleicht des Genusses großartiger Abenteuer unfähig.

Am Anfang dieses Buches kämpft Harry kraftlos und verkrüppelt mit den Nachwirkungen, die seine Begegnung mit Mavra, der Vampirin des Schwarzen Hofes, bei ihm hinterließen. Und jetzt ist Mavra zurück und dürstet nach Rache. Außerdem lebt der Inkubus Thomas, der sich als Harry Halbbruder offenbarte, bei ihm im Exil, nachdem er von der Raith-Familie verstoßen wurde, und richtet ein regelrechtes Chaos an. Aufgrund seiner Natur als Vampir des Weißen Hofes unfähig, irgendeinen Job zu behalten, weil sich ihm Frauen reihenweise an den Hals werfen, kommt es auch gleich zu Spannungen. Doch das sind alltägliche Probleme. Schwierig wird es, als Mavra Harry erpresst.

Er erhält ein Paket mit Bildern von Murphy in einer komprimitierenden Situation und außerdem eine Haarlocke von ihr, mit der Mavra sie unter ihren Bann zwingen könnte. Bei einem Treffen an seinem Grab teilt sie ihm mit, was sie von ihm will: Kemmlers Wort (was auch immer das ist). Sollte er es nicht finden oder gar nicht erst suchen, bringt sie die Sache mit Murphy zu Ende. Wieder einmal hat Harry keine andere Wahl, was in seinem Leben ncht gerade selten vorkommt.

Harry zieht Bob, den Schädel zurate, und der bezeichnet Kemmler als bösartigen Magier. Eigentlich als einen bösartiger Nekromanten, der auch für den Ersten Weltkrieg verantwortlich war. Selbst also für Bob, der die moralische Unterscheidung zwischen Gut und Böse nicht verstehen kann, war Kemmler ein Unding. 1961 wurde Kemmler vom Weißen Rat (und zwar von allen Mitgliedern) gejagt und getötet.

Eine der Schlüsselszenen des Buches ist die Vergangenheit Bobs, von der wir bisher nur sehr wenig erfahren haben. Bob erklärt, dass Kemmler ihn dazu gebracht hat, schlechte Dinge zu tun, und Bob war gezwungen, seine Erinnerungen an diese Zeit zu verschließen. Harry befiehlt Bob, sich zu erinnern, und Bob erklärt, dass Kemmlers Wort die nekromantischen Lehren von Kemmler enthält. Dann verfällt Bob selbst in sein böses Ich und bringt Harry dabei fast um. Harry kann nur überleben, weil er Bobs Erinnerungen vorher an ihr Gespräch gebunden hat. Indem er das Gespräch beendet, kehrt Bob zur Normalität zurück. Bob entschuldigt sich und Harry befiehlt ihm, die Erinnerungen für immer zu vergessen. Am Ende ist klar, dass es da draußen ein Buch mit Kemmlers Lehren zu geben scheint und dass es wahrscheinlich etwas mit Halloween zu tun hat, das vor der Tür steht.

So weit, so gut. In diesen Büchern geht es aber nicht nur um die Auflösung, sondern auch um die Mittel, die spannende Reise zum Ziel. Wenn es bei Bluthunger um Familien und Beziehungen ging, dann geht es hier um Wiedergeburt. Das muss auch so sein, denn Erlkönig scheint selbst für Harry an einem gewissen Tiefpunkt zu beginnen. Hier finden wir einen dunkleren, bitteren Harry, wie wir ihn bisher noch nicht gelesen haben. Die Sprüche sind so gut wie immer, aber es ist klar, dass er sich manchmal kaum zusammenhalten kann. Einige der Ereignisse in diesem Buch bringen Harry an den Rand dessen, was er aushalten kann, was zu seinem Drama beiträgt, da er leidet, während er anderen hilft.

Allerdings kann man einen guten Zauberer nicht unterkriegen, und am Ende des Romans ist Harry stärker und weiser. Dieses Buch ist komplexer als die bisherigen. Es gibt Momente, da scheint es, als habe Butcher all seine Fähigkeit in die Handlung geworfen, und das macht natürlich eine Menge Spaß. Wir haben Vampire, Werwölfe, Ghouls, das Halloween-Treiben, den Weißen Rat, das Niemalsland (oder zumindest einige seiner Bewohner), die alle gleichzeitig jongliert werden. Folglich ist der Showdown am Ende ein großer Nervenkitzel, konkurriert aber um Aufmerksamkeit mit der Aufregung, die überhaupt erst dazu führt.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Serie den Schwung beibehalten hat, und dieses Buch ist erneut eine Tour-de-Force-Performance, die das Dresden-Universum erweitert und vertieft. Dieses Buch zeigt, dass die Serie noch viel Leben und Kraft für zukünftige Ereignisse bereit hält.

Verbindungen:

Ärger im Rat: Im Weißen Rat scheint es Verräter zu geben und sie scheinen mit dem Roten Hof zusammenzuarbeiten.

Der Krieg: Erlkönig setzt den Krieg mit dem Roten Hof fort, und ab hier beginnen wir, die steigende Zahl der Toten zu sehen. Viele Wächter wurden getötet, so dass sich der Rat gezwungen sieht, Harry einzuziehen. Und jetzt ist Harry selbst Wächter, mit all der Verantwortung, die das mit sich bringt. Harry begann als Rebell, jetzt ist er der Polizist.

Lasciel: Wir wussten, dass Lasciel irgendwann auftauchen würde, besonders nachdem ihr Zeichen auf Harrys verbrannter Hand erschien. Aber jetzt sehen wir ein Echo von diesem gefallenen Engel in Harrys Kopf. Und dass sie seine Wahrnehmungen bis zu einem gewissen Grad kontrollieren kann, ihn denken lässt, dass jemand da ist, obwohl es nicht so ist. Harry widersteht dieser Macht so lange er kann, aber er akzeptiert sie auch, wenn er sie braucht, um Unschuldige zu retten. Ob er es kontrollieren kann, ob er Lasciel in Schach halten kann, bleibt abzuwarten. Harry stand schon immer am Rande einer dunklen Straße – hier sehen wir, wie er sie hinuntergeht. Wie man so schön sagt: der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

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