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Harry Dresden – Bluthunger

Der sechste Band der Harry-Dresden-Reihe leidet etwas daran, dass Silberlinge ein regelrechtes Superlativ war. Dennoch ist Bluthunger eines der amüsantesten Bücher der ganzen Reihe. Jim Butcher verlässt sich hier möglicherweise etwas zu sehr auf Klischees, um Harry Dresdens Charakter und seine Hintergrundgeschichte zu vertiefen. Sicher ist Butcher ein versierter Schriftsteller, der zu jeder Zeit weiß, was er tut – und er ist sehr geschickt darin, besagte Klischees nicht in Plattitüden abgleiten zu lassen, indem er den Trick der Selbstironie aufbietet. Aber “schockierende Enthüllungen” und vergrabene Geheimnisse, die alles auf den Kopf stellen, an was Harry sein Leben lang festhielt, sind ziemlich abgedroschene Mechanismen, auch wenn in den einzelnen Szenen genug Dramatik mitgeliefert wird. Am Ende sind es Butchers originelle Erzählfähigkeiten, die praktisch in der zeitgenössischen Urban Fanatasy ihresgleichen suchen, die die Geschichte retten.

Wie in allen anderen Bänden beginnt Bluthunger mit einer täuschend einfachen Geschichte, die immer vertrackter und gefährlicher wird, je mehr Hinweise Harry aufdeckt.

Aus Gefälligkeit für den Vampir Thomas, der ihn in der letzten Zeit etwas bei seinen Fällen unterstützt hatte, stimmt Harry zu, herauszufinden, wer Arturo Genosa, den Pornoproduzenten und Kumpel des Vampirs, töten will. Zwei von Arturos weiblichen Angestellten haben bereits melodramatisch dran glauben müssen. Harry arbeitet ab sofort verdeckt als Produktionsassistent an Genosas Set.

Der Fluch, der gegen Arturo und seine kleine Crew eingesetzt wird – und Butchers Darstellung davon, wie einer gegen die bockige kleine Möchtegern-Diva Trixie Vixen eingesetzt wird – ist unglaublich aufwändig und nicht gerade das, was man beiläufig fallen lässt oder sogar alleine ausführen könnte.

Harry vermutet eine Verschwörung, und tatsächlich ist eine Vertreterin den Weißen Hofes, von dem Thomas selbst abstammt, involviert: die unwiderstehliche Succubi Lara, die zufälligerweise eine weitere von Arturos Pornoköniginnen ist. Und die Dinge werden nicht nicht einfacher, dass der furchterregende Schwarze Hof diesen Augenblick gewählt hat, um Harry anzugreifen, was eine Nebenhandlung bedingt, die eine weitere spektakuläre Butcher-Action-Sequenz in einem Obdachlosenheim spielen lässt.

Wir kommen dieses Mal vielen Charakteren näher, vor allem Thomas und Karrin Murphy, der zähen kleinen Polizistin. Butcher neckt uns mit der latenten Anziehungskern zwischen den beiden. Das hat gewisse Ähnlichkeiten mit jener Energie, die in Akte-X zwischen Scully und Mulder hin und her ging. Hier ist es ein Funkenflug zwischen Anspannung und Humor, aber nichts, das man jemals wirklich erleben wollte.

Bluthunger stolpert ein wenig über die bereits oben erwähnten Klischees – besonders die Szene der “schockierende Enthüllung” muss da genannt werden – aber der ultimative Effekt ist dennoch ein absoluter Gewinn für die ganze Serie, da er einigen Schlüsselfiguren eine neue Dimension verleiht und Harrys Motivationen und Loyalitäten verändern wird.

Auf der anderen Seite bekommen wir in dieser Episode einen Erzschurken präsentiert, der schurkiger ist als alles, was man sich vorstellen kann. Er ist von jener Sorte, die ihre Opfer in langatmiger Weise verspottet, statt sie einfach nur zu foltern und zu töten, und irgendwann während des Kampfes kriegt Harry ihn dazu, sein Lager lange genug zu verlassen, damit Harry einen Hinterhalt für seine Rückkehr aufstellen kann. Wieder weiß Butcher, was er tut, wenn er sich daran macht, diese alte Leier erneut zu spielen, und er weicht der aufkommenden Kritik durch die hervorragende Inszenierung Harrys in diesem Kapitel aus. Es bedeutet aber auch, dass dieser Bösewicht, überzeichnet wie er ist, letztlich weniger erschreckend ist als Mavra, die Vampirkönigin des Schwarzen Hofes, die in der Nebenhandlung auftaucht.

Dresden-Fans werden dieses Buch nicht weniger lieben als die anderen. In der Tat wird sich jeder, der die Serie bis dahin verfolgt hat, bereits in einem Stadium der Innigkeit befinden, die gegen etwaige Kritik abschottet. Wie mit allen anderen Dresden-Bücher hat man hier eine verdammt gute Zeit.

Karl Marco

Karl Marco wurde 1978 im Schwarzwald geboren. Er absolvierte ein Studium der Komparatistik, arbeitete aber hauptsächlich als Förster.
Die Autoren, von denen er lernt, sind sämtlich der Phantastik zuzurechnen: Poe, Lovecraft, Borges, Ligotti, Kafka, Schulz. Von ihm selbst gibt es bisher keine Veröffentlichungen, weil er seine Arbeiten noch keinem Verlag angeboten hat.

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