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Sembten-Maskenhandlungen_150(Gute Horrorautoren sind dünn gesät. Gute deutschsprachige Horrorautoren gleichen der sprichwörtlichen Stecknadel im Heuhaufen. Malte S. Sembten ist eine Klasse für sich. (Golkonda)

Das Phantastikon hat die Ehre, die Eröffnungsgeschichte aus dem von Hardy Kettlitz herausgegebenen Band Maskenhandlungen, erschienen Golkonda-Verlag, präsentieren zu dürfen. In unserem Malte S. Sembten-Doppel-Feature schließt das morgige Interview mit dem außergewöhnlich guten Erzähler an.) – Phantastikon

(1993/2013)

»Hör mal«, sagte Tina. »Ich muss dir etwas Wichtiges sagen …«
Kleiber horchte auf. Was ihn stutzig machte, war nicht Tinas Ankündigung, sondern ihre Stimme. Der pathetische Tonfall, mit dem sie sprach.
Tina hatte den Kopf in seine Richtung gedreht. Sie lächelte. Ihre Augen strahlten. Und sie blickte so … zärtlich auf ihn.
Kleiber fröstelte. Er fand es angenehm, die ›Zigarette danach‹ entspannt und schweigend zu genießen. Aber Frauen fingen genau dann an zu labern. Schon die ganz jungen folgten diesem Drang.
Doch diesmal, das spürte Kleiber deutlich, würde es schlimmer werden als sonst.
Er blies blauen Qualm zur Zimmerdecke empor. Wie ein Kessel, dachte er, der im Voraus Dampf ablässt.
»Sieh mich an!«, verlangte Tina.
Kleiber drückte die Kippe an der Bettkante aus und ließ sie auf den Teppich fallen. Er drehte sich zu Tina um und strich mit den Fingerspitzen über die Linie ihres Beckens, wölbte die Handfläche auf der Rundung ihres Pos.
Tina rollte sich auf den Rücken, sodass seine Hand sich in der warmen Bucht zwischen ihren Schenkeln wiederfand. Er ließ seine Finger ihren Bauch hochkrabbeln und sanft auf ihren Brüsten kreisen.
»Also?« Er blickte auf ihre Mädchenbrüste, deren Spitzen sich unter seiner Berührung versteiften.
Sie schob seine Hand weg. »Mich sollst du anseh’n!«
Kleiber neigte sich nach vorn und kitzelte eine Brustspitze mit der Zunge.
Mit einem energischen Ruck stemmte Tina sich in eine sitzende Position und zog das Bettlaken über die angewinkelten Knie bis ans Kinn: »Guck nicht so belämmert! Es geht um unsere Zukunft!«
Autsch!, dachte Kleiber. Wie ging der Spruch nochmal? Erstens kommt es schlimmer, und zweitens als man denkt.
»Nun denn.« Er lehnte sich ins Kissen zurück. »Schone den alten Mann nicht«, murmelte er und schloss die Augen.

Vier Monate lang war die Sache wunderbar gelaufen. Die kleine Tina mit ihrem glatten Alabasterarsch, dem milchfarbenen Backfischgesicht, den geröteten Wangen und den blonden Locken war eine jener Früchte, die man pflücken musste, ehe sie zur vollen Reife gelangten. Man benötigte allerdings den richtigen Gusto und genügend Schneid, um zum rechten Zeitpunkt zuzugreifen. Tina war süße sechzehn und Kleiber ihr Klassenlehrer.
Tina war nicht die erste Schülerin in Kleibers beruflicher Karriere, der er horizontale Nachhilfestunden erteilte. Aber sie war die einzige bisher, die diese speziellen Lektionen nicht in Anspruch nahm, um ihre Noten zu verbessern. Denn Tina war eine der besten Schülerinnen ihrer Jahrgangsstufe.
Was Tina ihrerseits an ihm fand – was all die Teenie-Nymphchen, wie er sich schmeichelte, an ihm zu finden schienen –, war Kleiber nicht ganz klar. Er vermutete, dass junge Mädchen nicht anders waren als ihre Mütter: Sie reagierten auf die Ausdünstung von Leitwölfen. Mochte der Zeitgeist nur immer seine Phrasen dreschen. Softies waren die Verlierer, und wenn erst Hemmungen und Hüllen fielen, unterwarfen neun von zehn weiblichen Wesen sich willig der männlichen Raubtiernatur.
Was nicht ausschloss, dass auch mal ein seelenvoller Blick oder eine Prise Süßholzgeraspel zum Ziel führen konnten.
An den Moment, als Cupidos Pfeil ihm die Eier durchbohrt hatte, erinnerte Kleiber sich genau. Er hatte benotete Deutschaufsätze ausgeteilt. Tina durfte ihre Einser-Arbeit vorlesen. Siegesbewusst, aber mit genau dem richtigen Maß an kokettem Lampenfieber war sie nach vorn ans Lehrerpult getreten. Sie hatte auf Kleibers Stuhl Platz genommen und das Heft aufgeschlagen.
Dann hatte sie die Brille abgesetzt und sich mit einer Kopfbewegung das Haar über die Schulter geworfen. Kleiber war zumute gewesen, als würde ihm im selben Moment eine Brille auf die Nase geschoben.
Eine Zauberbrille, die ihn schlagartig von einem Blinden in einen Sehenden verwandelte.
Erstmals sah er Tinas Gesicht ohne die Gläser, dick wie Flaschenböden, und ohne das unförmige Plastikgestell. Und plötzlich stellte er sich ihren Körper ohne die schlabbrigen Klamotten vor.
Wie die Begutachtung ausgefallen war, verriet das Lächeln, das er ihr schenkte, als sie sich wieder mit der Streber-Brille tarnte und zu ihrem Platz zurückging.
Später, an einem privateren Ort, hatte sie ihren mit dem Ablegen der Brille begonnenen Entkleidungsakt zu Abschluss gebracht. Der BH war gefallen und das Höschen auf dem Teppich gelandet. Die mollige Musterschülerin hatte sich gehäutet – und heraus gekommen war Kleibers feuchtester Traum.

Kleiber blinzelte. »Hast du was gesagt?«
Tina ließ das Laken, mit dem sie sich bedeckte, los und fasste nach Kleibers Hand. Sie legte sie auf ihren warmen, schweißklammen Bauch und hielt sie dort fest.
»Ich bin schwanger«, wiederholte sie.
Kleiber entriss ihr die Hand.
Als hätte man sie geohrfeigt, drang ein kleiner, verletzter Schrei aus Tinas Mund.
»Hast du erwartet, dass ich in Jubel ausbreche?«, knurrte Kleiber. »Scheiße.« Er suchte nach seinen Zigaretten. Schließlich fand er die zerknitterte Packung in den Falten des Bettlakens. »Bist du sicher?«
Fahrig fingerte er eine neue Zigarette aus der Packung. Während er den Filter zwischen seine Lippen schob, sah er aus dem Augenwinkel zu Tina hinüber.
Mein Gott, die sieht ja plötzlich aus wie ihre eigene Mutter, dachte er angewidert. Um Jahre gealtert. Sein Wegwerffeuerzeug weigerte sich anzuspringen.
»Ich war beim Arzt«, antwortete Tina mit ausdrucksloser Stimme.
»Scheiße!«, wiederholte Kleiber.
Die hervorspringende Flamme versengte Kleibers Daumenkuppe.
»Verdammte Scheiße!«
Er schnaubte Nikotinwolken aus den Nasenlöchern.
»Hast du rumgevögelt?«
»Nur mit dir!«, schniefte sie, gegen die Tränen ankämpfend. »Ich l-i-e-b-e dich!«
Die Tränen siegten und rannen ihr über das schmerzlich verzogene Gesicht. Jetzt wirkte sie nicht nur alt, sondern auch noch hässlich.
Kleiber wandte den Blick ab. Wie war es nur möglich gewesen, dass er sich dermaßen hatte reinlegen lassen? Eingedenk seiner Erfahrungen hätte er niemals geargwöhnt, dass in modernen Großstadt-Habitaten und von der Wissenschaft bisher unentdeckt eine solche Spezies existierte: Schulgören, die, kaum fickgeil geworden, Schwangerschaft, Kindersegen und Familienglück begehrten.
»Gratuliere«, sagte Kleiber. »Ich hab dir vertraut. Und du hast mich lehrbuchmäßig rangekriegt.«
»Was soll das heißen?« Tina hatte sich schneller gefasst, als er ihr zugetraut hatte. Von den Tränen zeugten nur noch glitzernde Spuren. Schneckenschleim, dachte Kleiber. Sie schluckte gequält, als wären die Schnecken ihr über die Wangen in den Rachen gekrochen: »Du hast schließlich auf ›ohne Gummi‹ bestanden!«
»Du hast behauptet, du nimmst die Pille.«
»Hab ich ja getan.«
»Dann hättest du auch die Gebrauchsanweisung lesen sollen.«
Tina legte die Stirn auf die angezogenen Knie und begann wieder zu weinen.
Kleiber rauchte die Zigarette zu Ende. Dann sagte er ruhig: »Es war ja wohl kaum zu erwarten, dass ich einen Freudentanz aufführe und dir auf Knien einen Antrag mache. Ich bin ein verheirateter Mann. Meine Frau erwartet unser zweites Kind. Meine Beförderung zum Oberstudienrat steht in Aussicht …«
Tina hielt weiterhin die Arme um die Waden geschlungen und den Kopf gesenkt. Ihre Schultern bebten.
Kleiber stand auf. »Du wist das Balg wegmachen, verstehst du mich?«, sagte er und verschwand auf der Toilette.
Als er wieder zurückkam, hatte Tina ihre Haltung nicht verändert. Aber ihre Schultern waren zur Ruhe gekommen.
Kleiber ließ sich neben ihr auf der Bettkante nieder. Er streichelte ihr über das Haar. »Ich suche einen Arzt aus, der keine Fragen stellt«, sprach er besänftigend. »Hinterher erscheint uns alles wie ein böser Traum.«
Zusammengekrümmt, die Stirn auf die angezogenen Knie gesenkt, flüsterte Tina, als redete sie zu ihrem Schoß und ihrem Bauch: »Nein. Ich werde das Kind bekommen.«
Er fuhr fort, ihr übers Haar zu streichen. Kein Mensch wusste etwas von seiner intimen Beziehung zu dem Gör. Niemand wusste von dem Autobahnmotel. Sie beide hatten zu Hause von Anfang an glaubwürdige Vorwände für die Ausflüge genannt. Auch sonst hatten sie auf Heimlichkeit geachtet. Tina trampte jedes Mal zu einer Autobahnauffahrt, wo er sie auflas. In die Gästebücher der Motels schrieben sie sich unter falschen Namen ein. Er hatte immer außer Sicht geparkt, damit niemand sich an seinen Wagen erinnerte.
Er streichelte noch immer ihr Haar. Tina wandte ihm das Gesicht zu. Es war jetzt bleich. Vom Weinen gerötet waren nur noch Nasenflügel und Augenlider. Ihre feuchten Augen glitzerten dunkel.
Er strich ihr das wirre Haar aus der Stirn.
Sie zog den Rotz hoch. »Ich werde zu meinen Eltern gehen und alles erzählen. Und das Kind bekommen.«
Seine Hand glitt auf ihre Wange, und sein Daumen wischte Tränenspuren fort. Er fuhr an ihrem Kinn entlang, spürte das Pochen ihrer Halsschlagader.
Nicht doch, Kleines. Alles wird gut. Du weißt ja, dass du einen gefühlsduseligen Esel an der Angel hast, der alt genug ist, um dir den Babyarsch zu versohlen, und närrisch genug, um wegen einer frühreifen Lolita seine Karriere und seine Familie aufzugeben …
Er legte alle fünf Finger um ihren Hals und drückte mit der geballten Kraft seiner Muskeln zu. Auch die zweite Hand schloss sich um Tinas Gurgel. In den ersten Sekunden musste er regelrecht kämpfen, um ihren sich aufbäumenden Körper in die Kissen zu pressen.
Als er schließlich losließ, war ihr Gesicht dunkelviolett angelaufen, und ihre vorquellenden Augen wirkten größer, als selbst die dicksten Brillengläser es jemals bewirken könnten.
Schwer atmend stand Kleiber neben dem Motelbett und knetete seine schmerzenden Armmuskeln. Trotz der entstellten Züge entdeckte er zu seiner Verwunderung etwas ungemein Erotisierendes in dem weißen, leblos hingestreckten Mädchenkörper. Zum vierten Mal in sieben Stunden spürte er, wie das Verlangen in ihm aufstieg. Er formte eine Faust um sein Geschlecht. Besaß er eine pathologische Veranlagung? Nein, das war abwegig! Schließlich hatte er, während er der Kleinen die Luft abdrückte, noch keine Erektion gehabt.

Noch nie hatte Kleiber sich derartig bieder an die Geschwindigkeitsbegrenzungen gehalten. Die Autobahn füllte sich bereits. Fahrig streifte er seine Zigarette am aufgeklappten Aschenbecher ab und merkte nicht, dass eine Wolke verbrannten Tabaks auf die Mittelkonsole rieselte.
Tina fuhr im Kofferraum mit. Er hatte versucht, den schlaffen Körper in ihre Klamotten zu zwängen, aber erfolglos. Stattdessen hatte er die Leiche einfach mit Tinas Anorak bedeckt. Noch vor Tagesanbruch hatte er sein Auto mit ausgeschalteten Lichtern auf den Motelparkplatz gefahren und die Tote dem Reserverad beigesellt. Anschließend war er in das gemietete Zimmer zurückgekehrt und hatte Tinas Sachen zusammengeklaubt. Den Kleiderhaufen, die Toilettenartikel, die Brille und die Armbanduhr hatte er in ihren mit Reflektoren beklebten Rucksack gestopft. Tinas Sneaker hatten noch in seine Sporttasche gepasst. Zum Schluss hatte er sich auf die Bettkante gehockt und eine halbe Schachtel HB aufgeraucht. Als er endlich losfuhr, graute schon der Morgen.
Obwohl Kleiber die Geschehnisse vor seinem geistigen Auge wieder und wieder abspulte, konnte er auch im Nachhinein keinen Fallstrick entdecken. Falls weiterhin alles so glatt ablief wie bisher, würde die kleine Tina bald zu den glücklich bestandenen Abenteuern seines Lebens gehören. Selbst wenn es so weit kommen sollte, dass seine Affäre mit Tina aufflog, würde man ihm nicht nachweisen können, etwas mit ihrem Verschwinden zu tun zu haben. Seine Aussage wäre unwiderlegbar: Er habe die Nacht mit dem Mädchen verbracht und es hinterher wie immer bis zur Autobahnauffahrt mitgenommen, damit es den Rest des Heimwegs per Anhalter zurücklegen konnte. Er würde Anteilnahme bekunden und die Befürchtung äußern, dass ausgerechnet dieses eine Mal der Falsche angehalten habe. Er selbst habe das Mädchen immer wieder vor den Gefahren des Trampens gewarnt. Aber Tina habe zu jenen sorglos-lebenshungrigen jungen Dingern gehört, die alle Warnungen in der Überzeugung verwarfen, ihnen könne niemals etwas Böses begegnen …
Kleiber verlor nun doch die Geduld mit dem Tempo, das auf der Kriechspur herrschte. Er hatte das Heck des Schwertransporters jetzt lange genug bewundert. Er scherte links aus. Doch genau im diesem Moment setzte ein leichtes Gefälle ein, und der Schwertransporter zog ebenfalls auf die Überholspur. Kleber bremste. Jetzt zockelte er wieder mit 80 km/h dahin, die blöde Aufschrift vor der Nase: FRITZ FABER & SÖHNE – DIE SPEDITION MIT SPEEEED.
Ruhe bewahren!, mahnte er sich. Wo war er mit seinen Überlegungen stehen geblieben?
Das Böse …!
Verkörperte er selbst jenes Böse, das sorglosen jungen Dingern begegnete? Kam dieser Frage philosophische Bedeutung zu? Er erinnerte sich an den Satz aus einem Horrorfilm, den er sich aus irgendeinem Grund gemerkt hatte: Was wissen die Guten? Doch nur das, was sie das Böse durch seine Exzesse lehrt!
Soweit es Tinas Schicksal betraf, sollten die Guten am besten unwissend bleiben. Daher überlegte Kleiber fieberhaft, welche Möglichkeiten es gab, Tinas Leiche auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen.
Er dachte nach und passte nicht auf.
Plötzlich starrten ihn zwei rote Augen ins Gesicht. Die Bremsleuchten des Schwertransporters. Pressluftbremsen kreischten und eine Stahlwand schoss heran.
Er trat aufs Bremspedal, aber es war zu spät.
Kleiber kniff die Augen zu.
Doch auf der Innenseite seiner Lider lief ein Film ab, ohne Ton und in pathetischer Zeitlupe: Der über den Asphalt schlitternde Lastzug knickte in der Mitte durch und wälzte sich wie ein waidwundes Riesentier langsam auf die Seite. Der Schnauze des Audis küsste die lotrecht aufragende Stoßstange des Lasters, und das Blech der Motorhaube kräuselte sich wie Lippen, die etwas Saures schmecken.
Kleiber sah den Tod.
Er riss die Augen wieder auf.
Sein Auto war unbeschädigt! Alles war nur eine Halluzination gewesen …
Im letzten Sekundenbruchteil musste er den Wagen um den Laster herumgelenkt haben. Eine Reflexreaktion, die sich unterhalb der Bewusstseinsebene abgespielt hatte.
Sein Herz bockte noch immer wie ein Wildpferd, und eine Adrenalin-Zunami überschwemmte seinen Körper. Erst allmählich lockerten sich seine ums Lenkrad gekrampften Finger, und die Haut über seinen Knöcheln nahm wieder Farbe an. Er sah in den Rückspiegel. Hinter ihm war die Autobahn wie leergefegt. Mit zitternden Fingern fasste er nach dem Drehknopf des Radios. Beinahe hätte er den Blechsarg mit Tina geteilt. Sicherlich würde der Verkehrsfunk Einzelheiten über den Unfall bringen, dem er eben um Haaresbreite entronnen war.
Er ließ die Radionadel über sämtliche Frequenzen wandern. Dennoch erwischte er nur schrille Pfeiflaute und ein knisterndes Geräusch, das sich wie abbrennende Wunderkerzen anhörte. Kleiber wollte schon aufgeben (seine Dachantenne musste bei dem Ausweichmanöver etwas abbekommen haben), als ihm eine Gänsehaut über den Leib kroch. Aus dem Lautsprecher erklangen die schaurigsten Geräusche, die er je gehört hatte. Es war ein schrilles Kreischen und Heulen, ein vielstimmiger Diskant der Gefolterten. Unfähig, die entsetzlichen Klänge zu ertragen, drehte er den Frequenzregler weiter. Nun wurden die Marter-Arien von einem majestätischen Choral überlagert, als würden Tausende und Abertausende von Engelsstimmen in einer gigantischen Kathedrale und in einer überirdischen Sprache gregorianische Gesänge intonieren. Andere Sender waren nicht erreichbar. Mit bebender Hand schaltete Kleiber das Radio aus.
Er konnte sich keinen Sender dieser Welt vorstellen, der solche Musik spielte. Es hatte etwas Unwirkliches. Etwas Albtraumhaftes.
Plötzlich fühlte Kleiber sich schrecklich elend. Seine Nerven streikten – was ja kein Wunder war. Er benötigte dringend eine Erfrischung.
Doch die Autobahnabfahrt, die er nehmen musste, konnte jetzt jede Minute auftauchen. Daher würde sich zu einem Raststätten-Halt keine Gelegenheit mehr ergeben. Er zündete sich eine weitere Zigarette an. Der Kaffee hingegen – ungesüßt und schwarz wie die Seele eines Mörders – würde warten müssen.
Zwanzig Minuten später war die Autobahnausfahrt noch immer nicht in Sicht. Kleiber warf einen Blick auf die Benzinuhr. Seine Karre war ziemlich gefräßig, und bei der Abfahrt vom Motel war der Tank höchstens halbvoll gewesen. Aber der Zeiger hatte sich seither keinen Millimeter nach unten bewegt. Offenbar hatte nicht nur das Autoradio, sondern auch die Kraftstoffanzeige eine Macke.
Als wenig später die Raststätte vor Kleiber auftauchte, wusste er, dass er die Abfahrt verpasst hatte. Kein Wunder: Mittlerweile fühlte er sich nicht nur elend, sondern regelrecht ausgekotzt. Er hatte eine Pause nötiger denn je.
Der Rasthof lag wie ausgestorben da. Kleiber hatte freie Stellplatzwahl. Er vergewisserte sich, dass der Kofferraum abgeschlossen war, und ging ins Restaurant.
Der einzige Mensch, den er dort antraf, war die Kassiererin am Büfett. Obwohl er noch nicht gefrühstückt hatte, verspürte er keinerlei Appetit. Die angebotenen Speisen waren nicht geeignet, dies zu ändern. Sie wirkten irgendwie … künstlich. Wie gute, aber nicht perfekte Plastikimitationen abgestandener, schaler Esswaren.
Kleiber zapfte sich seinen Kaffee, zahlte und wählte einen Fensterplatz, von dem aus er sein Auto mit der heiklen Fracht im Auge behalten konnte. Eine Sekunde lang stellte er sich vor, Tina sei in ihrer Blechgruft erwacht und hämmere von innen gegen den Kofferraumdeckel. Doch nachdem er sich den Mund mit einem großen Schluck aus der Tasse verbrannt und sich eine Zigarette angesteckt hatte, fühlte er sich bereits besser.
Zu seinem Gefühl, wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren, trug auch bei, dass der Parkplatz vor dem Rasthof immer voller wurde. Ständig trafen neue Autos ein. Sogar ein Reisebus rollte auf den Parkplatz. Menschen betraten das Restaurant. Wochenendurlauber … Rentner … Familien … die Reisegruppe aus dem Bus. Hunger schien niemand zu verspüren. Auf den Tabletts, die zu den Tischen getragen wurden, standen nur Getränke. Viele Neuankömmlinge folgten direkt dem Hinweispfeil zu den Toiletten. Sie erfreuten sich eines glücklichen Vorsprungs. Denn auch die Leute an den Tischen ließen bald Tassen und Becher stehen und verursachten einen Ansturm auf die Notdurfträume.
Kleibers Blase drückte ebenfalls. Aber er wollte nicht vor den Urinalen anstehen und beschloss zu warten.
In diesen Augenblick dröhnte ein tiefes Dieselbrummen vom Parkplatz herüber. Kleiber sah auf und beobachtete, wie ein riesiger Achtachser schwerfällig auf den Parkplatz rollte und schnaubend zum Stehen kam.
Fast hätte Kleiber sich eingenässt. Seine Finger fingen an zu zittern und hielten nur mit Mühe die Kaffeetasse fest.
DIE SPEDITION MIT SPEEEED. Kleiber hätte seine Seele verwettet, dass er denselben Lastzug sah, der den Unfall ausgelöst hatte, dem er um Haaresbreite entronnen war. Gott sei Dank war niemand zugegen, der die Wette hätte annehmen können. Denn das Ungetüm, dessen Motorgeräusch wenige Meter entfernt grollend erstarb, zeigte nicht die Spur einer Beschädigung.
Die Tür der Zugmaschine schwang auf, und der Wagenführer kletterte aus der Fahrerkabine. Er blieb stehen und zerrte unterhalb seines vorgewölbten Bauchs am Hosenbund. Dabei blickte er in die Richtung, in der Kleibers Wagen stand.
Plötzlich sackte der Kiefer des Fernfahrers nach unten und die Augen traten ihm aus den Höhlen.
Kleiber richtete den Blick ebenfalls auf den Audi. Die Kofferraumklappe stand offen. Er sah, wie Tina aus dem Kofferraum kletterte. Lebendig, nackt und völlig ungeniert. Sie bewegte sich auf das Restaurant zu und trat ein.
Tina selbst schien ihrer eigenen Blöße keine Beachtung zu schenken. Doch eine Frau, die mit Mann und Kindern an einem Tisch neben dem Eingang Platz genommen hatte, stand auf, streifte ihre Jacke ab und legte das Kleidungsstück um Tinas Schultern.
Auf Kleibers Stirn stand kalter Schweiß. Tina hatte ihn noch nicht bemerkt. Wie gebannt verfolgte er jede ihrer Bewegungen.
Die Samariterin hielt Tina den Becher, der vor ihr auf dem Tisch gestanden hatte, an die Lippen. Tina umschloss das Gefäß mit den Händen und trank es ohne abzusetzen aus. Anschließend schlug sie im Gefolge eines Rentner-Pärchens den Weg zum WC ein.
Kleiber sprang auf. Ohne überhaupt zu merken, dass er seine Tasse umwarf und den Kaffeerest auf seiner Hose verspritzte, setzte er dem Trio nach.
Auf der abwärts führenden Treppe wäre er beinahe gestrauchelt und kopfüber auf der untersten Stufe gelandet. Doch er fing sich und erreichte das Treppenende eben noch rechtzeitig, um zu sehen, wie die Tür mit dem ›H‹ auf dem Emailleschild hinter Tina zuschwang.
Kleiber drückte die Klinke, um ebenfalls einzutreten. Doch die Tür bewegte sich nicht. Er rüttelte daran, er stemmte sich gegen das Türblatt – vergebens.
»Entschuldigen Sie bitte, mein Herr …«
Kleiber wandte sich um. Die Samariterin, die Tina die Jacke übergeworfen hatte, lächelte ihn um Verzeihung heischend an. Neben ihr wartete ihr Gatte, beide hielten jeweils ein Kind an jeder Hand.
»Entschuldigung …«, wiederholte sie. »Würden Sie uns bitte vorbeilassen?«
Kleiber trat zurück.
»Danke sehr!«
Die Frau drückte die Tür auf, und die gesamte Familie verschwand auf dem Männerklo.
Ehe die Tür ins Schloss fiel, stoppte Kleiber sie reaktionsschnell mit dem Fuß. Er schickte sich an, durch den Spalt zu schlüpfen. Im selben Moment trat eine dicke Frau in die Öffnung und versperrte Kleiber den Zugang.
Sie musterte ihn abweisend. Kleiber starrte zurück. Graue Haarsträhnen hingen unter dem Tuch hervor, das um ihren Knopf geknotet war. Über ihrem gewaltigen Busen spannte sich eine ausgeblichene Schürze. Ihre Füße steckten in fadenscheinigen Pantoffeln, um ihre Waden schlängelten sich Krampfadern wie zerrissene blaue Netzstrümpfe. Ihre Ärmel waren hochgekrempelt, und sie hatte die Hände in die breiten Hüften gestemmt.
»Für Sie ist hier kein Zugang«, beschied sie Kleiber brüsk.
Kleiber begehrte auf: »Das ist doch die Herrentoilette, nicht wahr? ›H‹ wie ›Herren‹. Ich …«
»Sie irren sich«, wurde er unterbrochen. »Hier ist ›H‹ wie ›Himmel‹. Sie sind falsch.« Ein von Putzmittel geröteter Finger wies über Kleibers Schulter hinweg: »Dort sind Sie richtig. Und jetzt nehmen Sie, bitte schön, Ihren Schuh weg!«
Kleiber gehorchte völlig perplex. Die Tür knallte zu. Er starrte auf ihre steril-weiße Oberfläche. Genau der Farbton, an den er sich würde gewöhnen müssen, wenn sie ihn in die Klapsmühle sperrten.
Er beschloss, einfach abzuwarten. Zu warten, bis Tina wieder herauskam und er sich davon überzeugen konnte, dass sie nur ein Phantom seiner überreizten Einbildung war. Oder bis er von alleine aus diesem Albtraum erwachte.
Aber Kleiber wartete umsonst. Ein, zwei Leute gingen zwar durch die Tür hinein, doch keiner kam wieder heraus. Er kniff sich in den Arm – doch ohne aufzuwachen.
Fing es denn nicht immer mit Halluzinationen an? Der Mörder begegnete seinem Opfer an vertrauten Orten. Im Büro. Im Wartezimmer. An der Bushaltestelle. Im Autobahnrestaurant. Auf dem Scheißhaus. Und schließlich, zum Abschied, in der Gummizelle.
Er würde jetzt nach oben zu seinem Auto gehen. Er würde den Kofferraum aufschließen. Er würde Tinas Leiche erblicken. Und wenn er sie berührte, würde er nur die fortschreitende Totenstarre fühlen.
Aber vorher brauchte er noch einen Guss kalten Wassers ins Gesicht. Und seine Blase stand kurz vor der Kapitulation.
Kleiber ging zur zweiten Tür. Normalerweise entstanden die Staus ja vor den Damen-Toiletten. Warum benötigte man hier zwei Herrenklos? Das ›H‹ war wie mit einem Brandeisen in das Holz der Tür gesengt. Einen Augenblick lang gaukelten seine Augen ihm vor, es glühe noch.
Jemand tippte Kleiber auf die Schulter. »Entschuldigen Sie bitte …«
Er wandte sich um. Eine Frau stand hinter ihm. Sie sah aus wie ein zweitklassiges Double von Maggie Thatcher.
Kleiber machte ihr Platz.
»Danke, sehr freundlich!« Sie entblößte ihre Zähne zu einem Lächeln. »Aber ich möchte Ihnen den Vortritt nicht nehmen. Bitte nach Ihnen!«
Diesmal ging die Tür fast von selbst auf.
Kleiber befand sich im Toiletten-Vorraum. Er sah Waschbecken, Seifenspender, Händetrockner und einen Kondomautomaten. Alles war blitzsauber, was sich zweifellos dem Eifer der Klofrau verdankte. Sie saß an einem Klapptisch neben der Tür und las ein Magazin. Auf dem Tisch stand eine Untertasse, in der ein paar Kupfermünzen lagen.
Kleiber trat an ein Waschbecken und drehte den Kaltwasserhahn auf. Aus dem Spiegel starrte ihm ein Gespenst entgegen. Oder, zeitgemäßer, ein Zombie. Er formte mit den hohlen Händen einen Kelch und schöpfte sich kaltes Wasser ins Gesicht.
Es half nichts. Seine Augen waren rotgeädert und brannten, als hätte er eine volle Woche nicht geschlafen. Seine Haut war weiß wie Kalk. Er verspürte einen dumpf pochenden Kopfschmerz. Wahrscheinlich bekam er Fieber.
Die Putze neben der Tür hatte noch kein einziges Mal aufgeblickt. Vertieft in ihr Schmuddelheft, dachte Kleiber.
Was sollten Frauen, die den ganzen Tag auf Männerklos verbrachten, auch lesen außer Schmuddelheften. ›Coupé‹ vielleicht, oder ›Wochenend‹. Wochenend und Sonnenschei-heiiin, was brauchst du mehr zum Glücklichsei-heiiin. Kleiber grinste. Es sah zum Fürchten aus.
Eigentlich war die Frau viel zu jung für diesen Frührentnerjob. Kleiber taxierte sie auf Mitte zwanzig. Zu alt für mich, dachte er, wagte aber nicht noch einmal zu grinsen. Sie war auch sonst nicht sein Typ mit ihrem ungepflegten Punk-Look, den Ringelstrumpfhosen, dem knallengen Ledermini und der zerschlissenen Strickjacke. Dazu der rasierte Schädel und das morbid geschminkte Gesicht. Aber am Schlimmsten war das Schmatzen, mit dem sie ihren Kaugummi im Mund umherwälzte!
Kleibers Blase verlangte jetzt ultimativ nach Entleerung. Also wischte er sich das Wasser aus dem Gesicht und öffnete die nächste Tür.
Was ihn augenblicklich würgen ließ, war der Geruch, der ihm entgegenschlug. In öffentlichen Bedürfnisanstalten war gewöhnlich das Odeur von Urin und Duftsteinen bestimmend. Der Geruch, der hier vorherrschte, war unsagbar intensiver und ekelerregender.
Abstoßend waren auch die Graffiti an den gekachelten Wänden. Kleiber hatte so manchen Klospruch und manch eine geschmacklose Wandschmiererei zu Gesicht bekommen. Doch was er hier sah, war furchteinflößend. Die Kacheln sahen aus, als hätte eine Kindergartengruppe versucht, mit roter Fingerfarbe pornographische Fotos voller Sadismus und Sodomie abzumalen.
Nur dass es keine rote Fingerfarbe war. Sondern Blut. Frisches Blut.
Die Waschbecken waren zu weit entfernt. Kleiber übergab sich gleich ins nächste Pissoir.
Hinter ihm ertönte das Rauschen der Toilettenspülung, dann noch einmal und nach einer kurzen Pause ein drittes Mal.
Kleiber hörte das Klacken der Verriegelung. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Dann wandte er sich um.
Er sah einen Neger in Gummistiefeln und einem roten Arbeitsoverall, der aus einer der Kabinen kam. Das heißt, zuerst hatte er den Mann für einen Neger gehalten. Auf den zweiten Blick erkannte er, dass die dunkle Hautfarbe auf Tätowierungen zurückging, die der Mann am ganzen Körper trug. Und der Overall war auch nicht wirklich rot. Sondern steif vor Blut, das den Stoff durchtränkte. Auch die muskelstrotzenden Unterarme waren bis zu den aufgekrempelten Ärmeln in dunkles Rot getaucht.
Seine spärlichen, ergrauenden Haare hatte der Mann zu einem fettigen Entenschwanz gebündelt. An seinen Ohrläppchen baumelten Rasierklingen. In der Faust hielt er eine bluttriefende Klobürste.
»Willkommen!«, sagte der Mann, als er Kleibers ansichtig wurde, und vollführte einen Schwenk mit der Klobürste, der alles – die Urinale, die Klokabinen, die blutgetünchten Kachelwände, die verstreuten Kleidungsstücke, die den Boden bedeckten – einschloss. »Viel ist heute leider nicht zu tun. Zwar haben wir einige Extrafuhren hereinbekommen. Doch für mich sind Sie erst der vierte Kunde des Tages!«
Wortlos taumelte Kleiber einen Schritt zurück. Dann noch einen und noch einen, wie eine Marionette, deren Fäden einer nach dem anderen reißen. Halt suchend wischte seine Hand über die blutverschmierten Kacheln. Doch bevor seine Beine unter ihm wegknicken konnten, riss er sich mit Gewalt zusammen. Er wandte sich von seinem Gegenüber ab und stürzte schwankend aus dem Raum.
Seine Flucht endete an der zweiten Tür. Obwohl er wie besessen an der Klinke rüttelte und sich mit der Schulter gegen die Füllung warf, dass sie ächzte, gab sie keinen Millimeter nach. Die junge Frau an dem Klapptisch lächelte freundlich zu ihm auf, und einen Augenblick lang dachte er: Man hat ihr alle Zähne ausgeschlagen. Bis auf diesen Schneidezahn. Aber was er für einen Schneidezahn gehalten hatte, war ein Kaugummiklumpen, der auf der oberen von zwei Reihen glitzernder Stahlnägel aufgespießt war, die aus ihrem Zahnfleisch ragten.
Der Mann im Overall war Kleiber gefolgt. Er nickte der Frau zu, die bei den Waschbecken stand, wo sie ihr Make-up aufgefrischt hatte. Kleiber bemerkte sie erst jetzt. Es war die Dame, die ihm draußen vor der Tür den Vortritt eingeräumt hatte. Sie musterte den Mann im Overall von unten bis oben. Aus ihrem Blick sprach Missbilligung. »Ich hab mir das etwas anders vorgestellt. Offen gestanden, fühle ich mich getäuscht«, sagte sie indigniert.
Der Mann im Overall verzog die Lippen zu einem Grinsen, das vom einen Ohrgehänge bis zum andern reichte. Er verneigte sich. »Bitte üben Sie Geduld! Sie kennen noch nicht alles!«
»Was wollen Sie von mir?«, wimmerte Kleiber.
»Na hör mal, Freundchen! Weißt du denn nicht, wo du hier bist?«
Kleiber kicherte hysterisch. »Lassen Sie mich raten!« Das Kichern ließ sich gar nicht mehr bändigen. »In … in der Hölle?«
Der Mann im Overall schmunzelte. »Warm!«
»Noch … noch nicht in der Hölle? … Im Fegefeuer, eh?«
Der Mann im Overall nickte anerkennend. »Noch wärmer! Fast schon … heiß!«
»Aber ich bin nicht tot«, schluchzte Kleiber.
»Erinnern Sie sich denn nicht an den schrecklichen Unfall?«, ergriff die junge Frau mitfühlend das Wort. »Außer Ihnen starben achtundzwanzig Menschen, und viele weitere werden ihre Verletzungen nicht überleben.«
Wasser und Rotz troffen von Kleibers Wangen und von seinem Kinn herab. Er schüttelte mechanisch den Kopf. Nein-nein-nein-nein-nein-nei– Doch der Mann im Overall packte Kleibers Arm. »Die Höllenfahrt durch den Vulkankrater gibt es nur in alten Büchern und angestaubten Bühnenstücken. Die Realität ist weit prosaischer.«
Wie ein kraftloser Invalide wurde Kleiber in den Raum mit den Blutgraffiti zurückgeführt. Der Mann im Overall zwang ihn, sich nackt auszuziehen. Dann stieß er ihn in eine der Toilettenkabinen. Der Gestank nach Blut wurde überwältigend. Kleiber spürte, wie spröde Lippen über seine Ohrmuschel strichen. »Eine höchst intime Verrichtung,« flüsterte der Mann im Overall. »Sogar eine der intimsten …«
Mit diesen Worten zog er die Toilettentür hinter sich und seinem Gefangenen zu.
Die Verriegelung knirschte.
Der Mann im Overall führte die freie Hand zum Mund. Es sah aus, als wollte er an den Nägeln kauen. Doch stattdessen zog er mit den Zähnen eine lange Kralle aus jedem seiner Finger, bis im Licht der Leuchtstoffröhren fünf scharf gewetzte Sensen blitzten.
»Verstopfte Rohre«, sagte der Mann im Overall, »können wir uns nicht leisten.«
Das Mädchen im Toilettenvorraum sah von seinem Magazin hoch und lauschte. Die Klosettspülung begann zu gurgeln. Einmal. Zweimal. Sie zählte lautlos mit. Nach dem zwölften Mal war Schluss.
Sie nickte der Dame zu: »Sie sind dran!«
Dann klebte sie ihren Kaugummi unter die Tischplatte und blätterte die nächste Seite auf.

© Malte S. Sembten
(http://www.mssembten.de)
(Malte S. Sembten auf Facebook)
Erstveröffentlicht in:
Orgasmic Nightmare Nr. 4 (1993)
Malte S. Sembten
Über Malte S. Sembten (1 Artikel)
Malte S. Sembten, geb. 1965 in Marburg/Lahn, Studium der Werbegrafik in Braunschweig. An der Uni Typografie, Fotografie, Marketing, Konsumpsychologie und Konzeption. Privat zahlreiche Illustrationen für die damaligen Fanzines. Zugleich Fortsetzung früher Schreibversuche. Erste professionelle Publikation im Heyne-Taschenbuch Isaac Asimovs Science Fiction, 50. Folge mit der Kurzgeschichte „Blind Date“ (Kurd Lasswitz Preis 1997). Seither zahlreiche weitere Storyveröffentlichugen in Magazinen, Anthologien und Storykollektionen – aber nur noch sehr vereinzelte Produkte des Pinsels und der Tuschefeder. Malte S. Sembten verstarb am 22. April 2016. Das Phantastikon hat ihm hier einen Nachruf hinterlassen: https://phantastikon.de/gegen-das-verblassen-zum-tod-von-malte-s-sembten/
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