Gut geträumt, Bruder

Der dicke weiße Mann trug einen Zylinder und hatte ein winziges Loch unter der Nase. Er lag in Axels Arbeitszimmer auf dem Teppich und rollte sich umständlich wieder und wieder von einer Seite auf die andere. Der Hut saß erstaunlich fest, er rutschte zur Seite, in den Nacken, vor die Augen, aber er blieb, wo er war. Der Dicke grunzte unfreundlich, offensichtlich ärgerte es ihn, angeglotzt zu werden.

Gregor, der wie ein Pappschild zwischen Bücherregal und Türrahmen an der Wand klebte und vernünftig entschieden hatte, sich vorerst nicht zu rühren, möglichst auch nicht zu atmen, starrte auf den Zylinder und fragte sich unsinnigerweise, warum der Idiot auf Axels Boden sich das verdammte Ding nicht einfach vom Kopf fegte. Stört doch, dachte er, kann man doch gar nichts mit anfangen hier, sieht doch echt Scheiße aus, weg damit, Junge, aber so ohne Arme, geht ja nicht, so ganz ohne irgendwas, sieht alles irgendwie Scheiße aus.

„Siehst du, was hab ich gesagt, was hab ich dir gesagt, das da, das hab ich gemeint, ist das normal jetzt oder was? Und du glaubst mir nicht, bin ja bekifft, oh Mann, klar doch. Sackgesicht, du, sowas von bekifft.“ Axel lachte eine Spur zu laut, ließ für einen kurzen Moment den weißen Mann aus den Augen und sah seinen Bruder so triumphierend an, als hätte er soeben den endgültigen Beweis für die Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen geliefert. „Der da war in meinem Traum. Genau der da.“

„Und wie zum Teufel kommt der in deine Wohnung?“ Gregor deutete angewidert mit dem Finger auf den weißen armlosen Dicken mit dem Zylinder und schüttelte sich. „Abartig. Wieso träumst du so eine Kacke? Was für eine irre Matschbirne hast du eigentlich?“

Der Mann auf Axels Boden grunzte wieder. Gregor fingerte sich eine windschiefe Zigarette aus der zerknüllten Schachtel, die er mit der rechten Hand in seiner Hosentasche achtlos durchgeknetet hatte, bog sie sich scheinbar höchst konzentriert zurecht, betrachtete sie eingehend und warf sie in die Ecke. Nahm sich eine neue, die er sich unbesehen zwischen die Lippen steckte, zündete sie aber nicht an. Er stand nur da, starrte, spuckte die Zigarette aus und stöhnte. „Womit grunzt das Viech denn? Aus dem komischen Loch kommt das nicht. Grunzt das aus dem Arsch?“
„Hat keinen. Guck doch. Maden haben keine Ärsche. Glaub ich.“

Der weiße Mann rollte sich grunzend auf den Bauch, als wollte er anklagend demonstrieren, wie unfertig er tatsächlich war. Rollte sich zurück, der Zylinder bedeckte sein halbes Gesicht. Kein Hintern. Keine Arme. Auch keine Beine, nur diese spitz zulaufende halbtransparente Flosse, aus der wie planlos hinein gepropft, ein männliches Glied ragte, das unnütze kleine Fontänen spuckte. Da war eben nichts wirklich Richtiges, da war nur dieser monströse weiße linsenförmige häßliche Körper mit Kopf, ein unbehaartes fettes Etwas mit Zylinder. Es riss sein Loch weit auf und pfiff.

„Pffft.“

Gregor schnappte hörbar nach Luft. „Hast du gehört? Warum pfeift der? Hast du Spinner geträumt, dass der pfeifen soll? Wieso das denn nun?“
Während die große pfeifende Made sich weiterhin auf dem Teppich wälzte und ejakulierte, ohne sich dabei gezielt in eine erkennbare Richtung zu rollen, schien ihr wütender Blick immer wieder Gregor zu suchen. Axel, der zwei Meter entfernt von seinem Bruder am Schreibtisch lehnte und sich mittlerweile so weit gefangen hatte, dass er sich wieder an den Teqila erinnern konnte, kicherte albern. „Der mag dich wohl nicht. Sieht irgendwie sauer aus.“

Die Augen des dicken weißen Mannes waren kreisrund. Tiefschwarze Halbkugeln ohne Wimpernkränze, die aussahen, als hätte jemand Murmeln mit dem Daumen in ein wächsernes Puppengesicht gedrückt.
„Guck sie dir an, Gregor. Wie die Rosinen bei einem Stutenkerl. Findest du nicht?“ Axels wirkte sichtlich aufgekratzt, griff nach der Flasche Tequila auf dem Schreibtisch, drehte den Schraubverschluss ab, hielt sie ihm aufmunternd entgegen. „Neenee, also echt, sowas, hättest du wohl nicht gedacht, nee, hättest du nicht, weiß ich. Ich sag jetzt erst mal Prost. Auf Hans. Brauchst du ein Glas?“
Echt typisch mein kleiner blöder Bruder, dachte Gregor verärgert, hat an jedem Müll seine kleine blöde beschissene Freude. Er schüttelte wortlos den Kopf, rührte sich aber nicht von der Stelle und wartete, bis Axel ihm mit weit ausgestrecktem Arm die Flasche in die Hand drücken konnte, vorsichtig bemüht, dem Kerl auf dem Teppich nicht zu nahe zu kommen. Ist ja interessant, dachte Gregor, große Schnauze, aber die Hosen voll. Wieso Hans? Egal.

Er nahm einen tiefen Schluck, sah dabei auf seine Armbanduhr, stöhnte auf. „Herrgott, Axel, weißt du, wie spät es ist? Es ist halb fünf. Morgens. Morgens! Kapiert? Halb sieben. Und ich saufe hier Schnaps mit meinem völlig durchgeknallten Bruder, der mich aus dem Bett klingelt und mir lustig erzählt, er hätte einen Alptraum gehabt von einer riesigen grunzenden Made mit einem Zylinder auf dem Kopf, und die läge jetzt in seiner Wohnung rum, und ich denk, klar, Scheiße auch, der hat mal wieder ein paar Drops zuviel reingeworfen, und weil ich, verflucht noch mal, auf den kleinen Wichser aufpassen muss, damit der Junge keinen Blödsinn macht, jaja, versprochen, Mama, großes Indianerwort, Papa, schmeiss ich mich in mein Auto und fahr brav hin, um ihn in seinen süßen Arsch zu treten. Aber dazu komm ich gar nicht, weil da tatsächlich dieser fette weiße Wurm ist, und der grunzt nicht nur, der pfeift auch und glotzt mich an mit seinen, wie war das?, ja, Stutenkerlrosinenaugen, als wenn er mich fressen will, und ich? Ich saufe Tequila, ich bin doch nicht ganz echt.“

Er nahm noch einen Schluck, trank eine Spur zu hastig und musste husten. Axel nickte betroffen, so herrlich betroffen, wie er schon als Dreijähriger hatte nicken können, bewegte sich einen Schritt auf Gregor zu, schön dicht an der Wand entlang, und klopfte ihm auf die Schulter. „Ist ja gut, ich mach das nicht mit Absicht, glaubst du denn, mir gefällt das?“
Gregor sah ihn skeptisch an. Axel grinste.
„Ob dir das gefällt? Aber ja. Offensichtlich ja.“
„Schwachsinn. Der da macht mich auch nervös. Meinst du, wenn ich jetzt einpennen würde, wäre der wieder weg?“
Gregor bekreuzigte sich. „Lieber Gott, lass ihn nicht so völlig doof sterben. Jetzt einpennen. Was hast du vor? Willst du ihn wegschlafen? Also du träumst mal eben kurz, dass der da gar nicht da ist, von dem du vorher geträumt hast, und dann haben wir keine Made mehr in deiner Bude. Ja? Dann mach mal voran, du Großmeister aller Sackgesichter, los. Träum.“

Er steckte sich eine Zigarette an mit der festen Absicht, diese eine tatsächlich zu rauchen, mehr noch, er nahm sich vor, noch mehr Tequila zu trinken, Axel war stets ordentlich eingedeckt, sollten die in der Kanzlei heute ohne ihn fertig werden, er hatte genug mit seinem beknackten Bruder und dessen häßlichen Wurm zu tun. Er inhalierte, stieß den Rauch durch die Nase aus, sah dem hübschen blauen Kringel beinahe verliebt nach, verlor das Interesse an seiner guten Laune und blickte irritiert zu Boden. Auf seinen Schuhspitzen waren feine Tröpfchen. „Ist das von dem da? Spritzt der so weit? Ist doch eklig. Was hast du dir denn überhaupt dabei gedacht? Bei diesem komischen Schwanz da in dem Ding? Warst du im Delirium?. Sowas spinnt sich ein vernünftig schlafender Mensch doch nicht zusammen, du bist echt krank, Axel, ich mach mir wirklich Sorgen.“

Axel verzog gekränkt das Gesicht. „Komm mir bloß nicht auf die Tour. Ich hab den da ja nicht gemacht oder so, das war ein völlig normaler abartiger Traum, andere haben da noch viel beschisseneres Zeug im Hinterstübchen, kann ich denn ahnen, dass ich aufwache und der allen Ernstes bei mir auf dem Teppich herum kugelt? Kann ich wohl nicht. Und was machen wir nun?“

Jetzt nicht aggressiv werden, dachte Gregor, was wir machen, klar doch, was ich mache, meint der wohl. Wie immer. Er zuckte mit den Achseln, vorläufig fiel ihm nichts Klügeres ein, und bot Axel schweigend eine Zigarette an. Der schüttelte den Kopf . „Für mich nicht. Gib doch Hans eine. Mal seh’n, was der mit seinem Loch so alles machen kann. Komm schon, gib ihm eine. Traust dich nicht ran, was?“
„Hör auf mit dem Dreck. Wieso Hans?“

„Pffft!“

Gregor zuckte zusammen.. „Dieses Pfeifen. Grauenvoll. Wieso nennst du das da Hans? Wann hast du ihm denn einen Namen gegeben? Du bist doch total…he!“ Er griff nach dem dünnen Schwanz, der vor seiner Brust baumelte, verfehlte ihn, schüttelte sich, sah den kleinen Affen, zwinkerte kurz, sah ihn nicht mehr, grinste schief und dachte, okay, jetzt ist es auch mit dir soweit In dem Moment hüpfte ihm etwas auf die Schulter und krallte sich dort fest.

„Nichts da, weg mit dir. Wirst du wohl loslassen.“ Axel fuchtelte wild mit den Armen, natürlich lachte der Idiot, ist auch wirklich alles zum Brüllen hier, dachte Gregor. Er schlug nach dem Tier, das sich an seinen Hals klammerte, schlug erneut, diesmal fester, registrierte einen hohen empörten Schrei, dann war er befreit. Der Affe trug eine Strickjacke und winzige Turnschuhe, von denen er einen verlor, als er mit einem weiten Satz durch das Zimmer flog und auf der Gardinenstange landete. Dort blieb er laut schimpfend hocken.
Georg rieb seinen Hals, der Affe hatte ihn gekratzt, da war unverkennbar echtes Blut an seinen Fingerspitzen, da war echter brennender Schmerz, und irgendwie fühlte er sich erleichtert. Zumindest halluzinierst du nicht, dachte er, alter Junge, du bist noch halbwegs frisch da oben.
Er bemühte sich, seine Stimme so beiläufig wie möglich klingen zu lassen. „Wie originell, Axel. Dann leg mal los, ich höre. Was macht der Affe hier? Wieso hat der Klamotten an?“

Axel breitete die Arme aus, zog eine kindliche Schnute, – „Was fragst du denn mich?“ – , griff nach der Flasche, die Gregor auf dem Bücherregal abgestellt hatte, führte sie zum Mund, setzte an, stockte. Stutzte. Schrie. Es klang begeistert. „Natürlich. Der war auch dabei.“ Schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, lachte kurz auf, trank, grinste zufrieden, nahm noch einen Schluck. Rülpste. Lachte. Gregor sah ihm fassungslos zu. „Wobei? Pack die gottverdammte Pulle weg, ich frag dich was. Wobei war der Affe?“
„In meinem Traum. Ich hab von dem geträumt, genauso sah der aus. Witzig, was?“
„Nein. Nicht witzig. Was geschieht mit ihm?“
„Er wird gefressen. Hans frisst ihn auf. Glaub ich. Weiß ich nicht mehr so genau. Ist das so wichtig?“ Axel fingerte sich jetzt doch eine Zigarette aus Gregors Schachtel, musterte sie vergnügt und boxte seinen Bruder in die Seite. „Wieso lädierst du die armen Dinger so? Entspann dich.“

„Was hast du denn noch Schönes geträumt? Ich frag nur mal so.“ Gregor atmete tief durch, steckte betont beiläufig die Hände in die Hosentaschen, ballte sie zu Fäusten. Der Irre soll bloß aufpassen, dachte er, bloß aufpassen. Axel legte seinen Kopf in den Nacken, schien tatsächlich zu überlegen. Dann: „Ich denke, nun, nein. Denke ich. Sonst nichts. Nein. Oder doch. So’n paar Russenärsche mit Kalschnikows haben deine Frau gefickt, Tatsache, Gitta war auch da, ich konnte ihre Muschi riechen..Und dann ist sie wie ein Knallbonbon in zwei Stücke geflogen, überall Gedärmgematsche. Glotz nicht so blöd, was kann ich denn dafür? Billsbeck hab ich auch abgefackelt. Ich denke, dass das unser beschissenes Kaff Billsbeck war. Scheiß was drauf, Scheiß was auf meinen Traum. Mach lieber das Ekelpaket von meinem Teppich weg, ich will den da nicht mehr.“

Axel stieß sich mit einem Bein von der Wand ab, holte Schwung und trat dem dicken weißen Mann dorthin, wo der Bauch sein musste.. Der Mann pfiff durch sein Loch und blinzelte böse mit den Rosinenaugen.

„Pffft.“

Axel bückte sich und rückte den Zylinder grade. Dann spuckte er ihm ins Gesicht. „Böser Junge. Sollst du Laut geben? Nein, sollst du nicht.“

„Bist du jetzt komplett wahnsinnig geworden? Geh weg von dem, sofort gehst du da weg.“ Gregor sprang einen Schritt auf Axel zu, zog ihn am Ärmel seines Pullovers hoch, zerrte ihn zur Seite, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn durch. „Ich glaub das nicht, Axel, ich glaub das einfach nicht. Ich sollte dir die Fresse polieren, wenn du das noch mal machst, hattest du mal Eier, klar?!“

Axel sah ihn amüsiert an und versuchte halbherzig, sich aus dem Griff seines Bruders zu befreien. „Okay, schon gut, alles klar, Mann. Nicht so doll, Mann.“ Gregor reagierte nicht, schüttelte weiter. Axel lief rot an. Für einen Moment schien auch er verärgert zu sein. „He Mann, hör auf damit, mir wird schon ganz schlecht davon, ich kotz dich gleich voll, ich warn dich. Mann, Himmel, reg dich doch nicht so auf, hier passiert doch nichts. Rein gar…was zum Henker?“

„Pffft!“

Das war deutlich lauter als vorher. Beide blickten gleichzeitig auf den Weißen am Boden, der es geschafft hatte, sich näher an sie heran zu rollen, er lag jetzt fast zu ihren Füßen, auf seinem Gesicht turnte der Affe. Gregor hielt Axel immer noch fest, beide japsten nach Luft. Der Affe turnte nicht wirklich, er versuchte, mit sinnlosen Verrenkungen sein Hinterteil aus dem Loch zu ziehen, das jetzt die Größe eines Tennisballs hatte. Die Rosinenaugen waren weit aufgerissen, als die ersten Knochen knackten. Der Affe schien selbst erstaunt zu sein, dass sein ganzer Körper in dieses Loch zu passen schien, er blieb stumm, auch, als ihm klar wurde, dass er nicht wirklich passte. Der Mann mit dem Zylinder schien ihn in sich hinein zu saugen wie eine fette große Frau, die durch ein kleines kaputtes Fenster im Flugzeug verschwindet, so leicht, als wäre sie vorher in einem Mixer gewesen, um mundgerecht gemacht zu werden.
Als nur noch der bereits deformierte Kopf aus dem Loch ragte, war es Axel, der als erster seine Sprache wieder fand. „Hat der den jetzt bei lebendigem Leib pürriert? Hat er das? Wie macht der sowas?“ Gregor nickte, krächzte Undefinierbares, räusperte sich, flüsterte nur. „Scheißegal. Weg hier, Axel.“

„Neeeiiin.“ Gregor zuckte zusammen. Starrte zu Boden. Die Made mit dem Zylinder blinzelte ihm mit einem ihrer Rosinenaugen zu und zog dabei ihr Loch in die Länge. „Neeeiiin.“ Dann klaffte es wie eine durch einen sauberen Schnitt herbeigeführte Wunde weit auseinander, weit genug, um einen Kinderkopf hinein zu stecken. Nicht weit genug für einen ausgewachsenen Mann, natürlich nicht, aber Gregor hatte gelernt, dass nichts so möglich wie das vermeintlich Unmögliche sein kann. Er taumelte zurück, schwankte, fand keinen Halt, stolperte über die eigenen Füße und fiel unsanft gegen Axels schweren Schreibtischstuhl, rappelte sich wieder auf, fiel wieder, schlug mit dem Hinterkopf an die Stuhlkante, hätte gern geschrien, vor Schmerz, vor Entsetzen, versuchte, einen Ton von sich zu geben, irgendeinen verdammten menschlichen Laut. Nichts kam über seine Lippen, nicht einmal das Brüllen, das in seinem Kopf explodierte, als er seinen Bruder sah. Der blickte ungläubig zurück, dann zu Boden, erkannte verblüfft, wo exakt er stand, wo sein rechtes Bein sich mittlerweile befand, hörte das Knacken, ein Grunzen, ein Geräusch, als würde jemand Brause durch einen dicken Strohhalm ziehen. „Gregor.“ Nur der Name. Nichts mehr.

„Gregor?“
Er öffnete die Augen, nur einen kleinen Spalt weit, stöhnte, kniff sie sofort wieder zusammen, öffnete sie vorsichtig erneut, um sie an den Schein der Taschenlampe zu gewöhnen, mit der sein Bruder ihn blendete. Sein Schädel brummte, als hätte jemand mit einer Zange versucht, sein das Gehirn heraus zu kneifen.
„Gregor? Alles in Ordnung?“ Axel hielt ihm die Lampe direkt ins Gesicht, er sah ehrlich besorgt aus. „Mann, mach doch nicht solche Sachen.“
Gregor, der längs gestreckt auf dem Rücken vor Axels Schreibtisch lag, stemmte sich mit den Ellenbogen hoch, kam in Sitzstellung, fasste an seinen Hinterkopf. Warm, nass, klebrig war es dort. „Scheiße, ich blute.“
„War klar. Bei dem Stunt. Hammerhart, wie du hingeknallt bist. Wohl zuviel Tequila, du alter Saftsack, wusste gar nicht, dass mein großer Bruder wie ein Weichei säuft. Ohnmächtig warst du Penner, korrekt ohnmächtig wie so ‘ne Heiteiteifotze im Film, ich dachte schon, du pennst dich gradewegs in die Hölle. Hast du wenigstens was Gutes geträumt?“
„Nein.“ Gregor zögerte kurz, sah Axel mißtrauisch an. Natürlich, wieder mal, der Flachwichser grinste. „Es war nicht gut.“ Er blickte zum Fenster. „Wieviel Uhr?“ – „Halb fünf. Morgens.“ – „Warum ist es schon so hell?“ – „Weil es brennt. Irgendwo brennt es wohl.“ – „Wo denn? Warum? Was brennt denn?“ – „Alles.“ – „Wie jetzt?“ – „Billsbeck.“ – „Die ganze Stadt?“ – „Die ganze beschissene Stadt.“ – „Ich ruf jetzt Gitta an.“ – „Tu das.“
Axel streichelte ihm sanft über das Haar. „Armer Gregor. Ich hol dir einen Lappen für deinen Kopf.“ – „Axel?“ – „Hm.“ – „Warum liegt da ein Zylinder in der Ecke.“ – „Da liegt nichts. Träumst du noch?“ – „Hans?“ – „Hm.“ – „Wie macht die fette weiße Made?“
Axel sah ihn freundlich an. Rosinenaugen.

„Pffft.“

(erschienen in: ABYSSOS – Geschichten aus dem Abgrund, VISIONARIUM, Dr. Nachtstrom (Hrsg.), Bernhard Reicher (Chefredakteur), 2014)

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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2 Kommentare auf "Gut geträumt, Bruder"

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Erik R. Andara
Autor

Diese Geschichte ist mir schon damals im Visionarium aufgefallen, vor allem weil sie eine eigene, absurde Dynamik, sowohl in Sprache als auch Beschreibungen entwickelt, die sich gekonnt weiter- und weiterdreht. Gefällt mir ausgesprochen gut.

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