Guardia Tempera

GRAFIK ZUR STORY
© Gaby Hylla

1-DL-3-CARPENTER-pdark65Seine Finger fühlten sich wie Eis auf ihrer Haut an und ließen sie erschauern. Dabei wusste Vanity, dass ihr gegenwärtiger Gespiele alles andere als kalt war. Doch ihre Hitze vermochte er nicht zu erlangen. Vanitys Körper glühte – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Jeder Stoß seines Speeres in ihre Mitte schürte das Feuer weiter, das auf dem Gipfel ihrer Lust seinen eigenen Höhepunkt finden und ihre Flamme zünden würde. Besessen von ihrem sich windenden Leib, der ihm bislang ungekannte Genüsse bereitete, spürte der Mann nicht, wie sich seine Haut bereits rötete und an einigen Stellen sogar Blasen warf. Auch den Geruch des Lakens unter ihnen, das bereits kokelte, nahm er nicht wahr.
Er war so vollkommen gefangen in diesem Spiel der Leidenschaft, dass nichts mehr für ihn existierte als nackte Wollust. Sein Denken und Handeln war reduziert auf das sehnsuchtsvolle Pochen seiner Männlichkeit, die in Vanitys Schoß immer stärker anzuschwellen schien. Sie schürte sein Verlangen, indem sie ihr Becken schneller und schneller kreisen ließ und spitze Schreie der Lust ausstieß, während er ihre Brüste mit seinen kundigen Händen knetete und ihre Nippel hart wie Stein wurden.
Als er sich mit einem kehligen Schrei in sie ergoss, verloschen Zeit und Raum für ihn. In Bruchteilen einer Sekunde umfing ihn die Flamme der Guardia Tempera, die so heiß brannte, dass sie alles in blendendes Weiß tauchte.
Erschöpft blieb Vanity Sepultura einen Moment liegen. Ihr Liebhaber, der ihr ekstatische Stunden geschenkt hatte, lag nun wie weicher Puder auf ihr, der sie ein letztes Mal liebkoste, um dann, als sie sich erhob, von ihrer glatten Haut herabzurieseln, um einen kleinen Kegel zu ihren Füßen zu bilden.
Was von ihm geblieben war, glich einer Art Asche – der Sand der Zeit – und diesen hier würde Vanity nun dem Kreislauf zurückgeben.
Wie alle Dinge auf der Welt, ist auch die Lebenszeit der Menschheit begrenzt. In ihrer reinsten Form entspricht sie einem Sediment, so feinkörnig und rein wie Götterstaub. Aufbewahrt wird es in den Sanduhren der Ewigkeit, vermindert sich mit jeder Geburt und mehrt sich mit jedem Todesfall. Die Guardia Tempera wachen darüber, dass die Uhren niemals leerlaufen und der Kreislauf von Leben und Tod stets ausgewogen bleibt.
Zwei Dinge waren es jedoch, die dieses empfindliche Gleichgewicht inzwischen nachhaltig störten. Zum einen die Gier der Menschen nach Unsterblichkeit, die sie dazu trieb, das Altern mit allen Mitteln aufhalten zu wollen, um den Tod so lange wie möglich hinauszuzögern. In den letzten Jahren stieg die Zahl der Menschen ständig an und die Lebenszeit wurde knapp, weshalb die Zeitwächterinnen begonnen hatten, aktiv in die Zyklen einzugreifen, um dafür zu sorgen, dass immer genug Sand in den Uhren war. Vanity hatte dabei eine besonders angenehme Art und Weise gefunden, ihre Pflichten zu erfüllen, indem sie sich mit den potenziell Todgeweihten vergnügte, ehe ihre Flamme sie verschlang. Ein schlechtes Gewissen überkam sie dabei nicht, denn was konnte es schöneres geben, als auf dem Gipfel sexueller Ekstase aus dem Leben zu scheiden?
Der zweite Störfaktor für den Kreislauf der Lebenszeit waren die Praedo. Sie entsprachen praktisch dem Gegenstück der Guardia Tempera. Statt die Lebenszeit im ewigen Kreislauf zu halten, stahlen sie diese, denn nur so konnten sie überleben. Dabei minderten sie die Asche der Zeit mit jedem Raub. Gottlob gab es nicht allzu viele von ihnen, und die Curari – die höchste Instanz in der Gilde der Zeitwächter – machte beständig Jagd auf diese Diebe, um die gestohlene Lebenszeit zurückzuholen und diese frevelhaften Existenzen auszulöschen.
Vanity hatte noch nie einen Curari gesehen, doch sie wusste – wie jede Zeitwächterin – dass mit ihnen nicht gut Kirschen essen war. Sie kontrollierten die Zeitgläser und die Wächterinnen. Ahndeten jede Verfehlung ohne Mitleid. Schon so manche Guardia Tempera, die ihren Pflichten nicht nachgekommen war, hatte die Konsequenzen tragen müssen und war selbst zu einem Häufchen Asche geworden, das die Uhren der Ewigkeit durchlief. Die Vorstellung jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Sie schüttelte den Kopf und beeilte sich, die gewonnene Lebenszeit aufzusammeln, um sie zügig in den Kreislauf zurückzubringen.

*

Mit der Asche, die sie in einen kleinen Beutel gefüllt hatte, kam Vanity wenig später in ihrem Zuhause an. Dort öffnete sie die verborgene Kammer, in der sich eine der Sanduhren befand. Dabei wurde sie von ihrem Hausgenossen Saki, einer weißen Ratte, beobachtet, die eifrig hinter ihr herlief, um die heutige Ausbeute zu begutachten.
Vanity hob die obere Abdeckung und ließ das weiße Pulver ins Glas rieseln. Mit gerunzelter Stirn ging sie in die Hocke und betrachtete den unteren Teil der Sanduhr. Der Sand türmte sich lediglich zu einem kleinen Hügel, während der Krater oben immer tiefer wurde, trotz der neuen Beigabe. Es schien, als käme nur ein Teil dessen, was durch die schmale Verbindungsöffnung rieselte, wirklich an. Die Diskrepanz zwischen den beiden Hälften wuchs mit jeder Umdrehung des Glases und mit jedem Sprung, den das aus grünem Fels geschliffene Rad der Ewigkeit tat.
Saki hielt seine rosa Nase an das Glas und schnupperte, ehe er das feine Gesicht verzog. »Lange wird das nicht reichen. Du solltest dich am besten sofort wieder auf die Suche nach einem weiteren Delinquenten machen, den man dem Kreislauf zurückgeben kann.«
Vanity erhob sich mit einem Seufzer und kehrte der Uhr den Rücken. Egal wie sehr sie sich bemühte, es war nie genug.
Ihre schlanke Gestalt wiegte sich beim Laufen grazil, um ihre schwarz geschminkten Lippen spielte ein zynisches Lächeln. Es war ja nicht so, dass sie diese Tatsache aus tiefstem Herzen bedauert hätte. Immerhin ergab sich so die Notwendigkeit eines weiteren erotischen Ausflugs, und derer wurde sie nie überdrüssig. Dennoch sorgte es sie, dass ihr Bemühen so wenig sichtbare Erfolge zeigte.
»Es wird immer schwieriger, Saki. Und so langsam frag ich mich, warum wir es nicht einfach drauf ankommen lassen und die Menschheit dem Aussterben zuführen. Verdient hätte sie es.«
An dem Tag, an dem die Zeitgläser leerliefen, würden sie zerspringen und ihr Staub in einer riesigen Wolke die Sonne verdunkeln. Das Ende allen Lebens auf diesem Planeten. So stand es in den Prophezeiungen. Aber Vanity machte sich weniger Gedanken um das Armageddon, als vielmehr um ihr Outfit für den nächsten Beutezug.
Ihr schwarzes Kleid war so kurz, dass man den Spitzenslip sehen konnte, während sie sich vorbeugte und in einer Schublade nach ihrem Schleier suchte.
Saki ließ ein anzügliches Lachen vernehmen. »Das würdest du nie tun. Dafür bist du viel zu süchtig nach den Vergnügungen, die sie dir bereiten.«
Im Aufrichten strich sich Vanity über die durchsichtige Spitze, die ihre Taille betonte, und rückte das ebenfalls transparente Dekolleté zurecht, das gerade so die dunklen Monde ihrer Brüste verbarg. Sie zog einen Schmollmund.
»Willst du etwa behaupten, ich sei lüstern?«
Saki richtete sich auf seine Hinterbeine auf und kräuselte die Nase. »Nymphoman trifft es eher.«
Vanity fuhr herum und schlug mit ihrer grazilen Hand nach der weißen Ratte, verfehlte sie aber ob der Halbherzigkeit, mit der sie diese Geste ausführte, um Haaresbreite.
»He! Was soll das?«, empörte sich Saki.
»Sei nicht so frech«, zischte Vanity. »Ich bin durchaus wählerisch und picke mir nur die wirklich Ergiebigen heraus. Für den Rest lohnt die Mühe kaum.«
Mit Sorgfalt streifte sie die schwarzen Gazestulpen über. Schlüpfte in die roten Strumpfbänder und legte den Gürtel mit der Silberschnalle an. Saki hatte wirklich keine Ahnung. Aber was erwartete sie auch von einer Ratte? Das Paarungsverhalten seiner Gattung hatte weniger mit Lust, denn mit schlichter Vermehrungsgier zu tun. Wie also sollte er das Vergnügen nachvollziehen, das sie empfand?
»Komm, mach dich nützlich«, bat sie Saki versöhnlich. »Mit deiner Hilfe werde ich wie immer unwiderstehlich sein und einen besonders leckeren Happen ergattern.«
Sogleich kam ihr treuer Freund herbeigeeilt, nahm den Halbschleier von ihr entgegen und steckte ihn mit kaum sichtbaren Nadeln in ihrem schwarzen Haar fest. Dabei achtete er darauf, dass die rote Strähne in ihrem Pony gut zur Geltung kam, indem sie unter dem Stoff hervorlugte.
Vanity schloss die Lider, damit er ihre Augen mit schwarzem Lidstrich betonen konnte. Dabei setzte er geschickt seinen langen Rattenschwanz ein. Anschließend zog sie selbst noch einmal den Lippenstift nach und tupfte sich etwas Rouge auf die Wangen.
»Denkst du, ich kann so gehen?« Sie musterte ihr Spiegelbild kritisch.
»Süße kleine Lolita!«, kommentiere Saki.
Grinsend schlüpfte Vanity in ihre weichen Wildlederstiefel. Beim Rausgehen blies sie die Kerzen aus.

*

Auf der Straße dauerte es nicht lang, bis ihr die ersten Kerle nachpfiffen. Sie machte sich einen Spaß daraus, ihre Hüften mit besonderem Schwung zu bewegen und ihnen einen lasziven Augenaufschlag zu schenken. Aber mehr würden sie von ihr nicht bekommen. Sie wollte ein besonderes Exemplar, eines, das die Sanduhr deutlich auffüllte und ihr wieder ein kleines Zeitpolster verschaffte.
Ihr Blick fiel auf eine Leuchtreklame aus Schwarzlicht. ›Seduction‹ – na, wenn das nicht passte. Der Club musste relativ neu sein. Bei ihrem letzten Ausflug in dieses Viertel hatte es ihn noch nicht gegeben. Aber das war auch schon eine Weile her, da sie in letzter Zeit eher am Hafen gejagt hatte, statt im Zentrum.
Neues Terrain war immer interessant. Entschlossen schritt sie auf den Eingang zu.
»He, bist du nicht noch ein wenig zu jung für so was?« Der Türsteher baute sich vor ihr auf und stemmte die Hände in die Hüfte. Innerlich verdrehte Vanity die Augen, äußerlich setzte sie ihr bezauberndstes Lächeln auf und klimperte mit den Wimpern.
Davon bekam der Herkules allerdings nichts mit, da sein Blick ungeniert auf ihrem Busen haftete, den sie daraufhin noch ein bisschen mehr vorstreckte, sodass der dünne Stoff verrutschte und die dunklen Vorhöfe ihrer Brustwarzen hervorschimmern ließ.
Sie streckte ihr Hand aus, legte ihrem Gegenüber den Zeigefinger unters Kinn und lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihr Gesicht.
»Ich hab dummerweise meinen Ausweis nicht mit. Aber du wirst mich doch nicht hier draußen im Kalten stehen lassen?«
Vanity neigte den Kopf zur Seite und setzte eine Unschuldsmiene auf.
Zu ihrem Glück grinste der Kerl übers ganze Gesicht und gab ihr einen Klaps auf den Po. »Dann immer rein in die gute Stube. Vielleicht trinken wir ja später noch Bruderschaft.«
Sein Lachen erinnerte Vanity an einen Bär.
Der Club verfügte über einen gläsernen Boden hinter dem Eingang, durch den man die Tanzenden eine Etage tiefer sehen konnte. Ein bizarres Gefühl. Vanity wurde schwindlig von den blinkenden Lichtern und zuckenden Leibern, die das Glas verzerrte. Instinktiv stützte sie sich mit der Hand an der Wand ab und schloss die Augen. Dadurch gewannen Geruch und Akustik einen Moment die Oberhand. Sie vernahm wummernde Bässe und elektronische Beats, untermalt von geschrienen Unterhaltungen. Es roch nach süßen Energydrinks, um die Nacht durchzuhalten, und vielerlei Alkohol. Sie verzog die Lippen zu einem zynischen Lächeln. Ein völlig normaler Club eben.
Auch die Stufen der Treppe waren aus Glas, aber milchig. Wärme schlug ihr entgegen, fuhr unter den kurzen Rock und zwischen ihre Schenkel. Vanity ließ den Blick schweifen und fand die Ursache. Am Absatz jeder zweiten Stufe waren kleine Ventilatoren eingebaut. Wohl um für ein wenig Abkühlung und Luftzirkulation zu sorgen. Doch zu dieser Stunde und mit so vielen Menschen wälzten sie nur noch die Hitze um.
Die Tanzfläche war brechend voll, darum entschied sie sich, erst einmal einen Drink an der Bar zu holen. Von dort konnte man sich einen guten Überblick verschaffen, da sie auf einer Empore lag.
Vanity bestellte einen Cosmopolitan und nippte genüsslich an dem süßen Cocktail, während sie sich die Gäste genauer ansah. Alle waren sehr jung. Ihr Jagdrevier. Die Guardia Tempera kamen sich untereinander nicht ins Gehege. Jede Zeitwächterin hatte ihre spezielle Beute, für die sie Verantwortung trug, und somit auch eine eigene Jagdtechnik. Vanity musste zugeben, dass sie das große Los gezogen hatte, denn nicht jede Wächterin konnte ihre Arbeit mit soviel Vergnügen ausführen wie sie.
Während sie sich ihren Drink schmecken ließ, gewann Vanity einen Überblick, welcher von den Typen in Frage käme.
»Eine kleine Naschkatze«, raunte ihr da jemand vertraulich ins Ohr. Gerade laut genug, dass sie es verstand.
Vanity drehte sich lässig um und hatte schon einen passenden, kecken Spruch auf der Zunge, als ihr dieser buchstäblich im Halse stecken blieb, weil ihr gänzlich die Sprache versagte.
Was für ein Mann!
Was da vor ihr stand, war kein Sterblicher, sondern ein Gott! Gut, das vielleicht nicht, aber auf jeden Fall der Inbegriff dessen, was sie sich als einen solchen vorstellte. Keiner in diesem Raum wäre perfekter für sie geschaffen gewesen als er.
Seine Augen hatten die Farbe von sattem Moos, und auch sein Duft erinnerte sie an einen schattigen Bachlauf im Wald, wo das Wasser über moosbewachsene Steine plätschert. Frisch und wild und eine Spur geheimnisvoll. Das dunkle Haar umrahmte in weichen Locken ein gebräuntes Gesicht. Seine Oberarme verrieten tägliches Krafttraining – der Gedanke, von ihnen gehalten zu werden, raubte ihr fast den Atem. Wenn er im unteren Bereich ebenso gut bestückt war … Unwillkürlich biss sie sich auf die Lippen.
Erst sein breites Grinsen machte ihr bewusst, dass sie ihn anstarrte, als begutachte sie einen preisgekrönten Deckbullen. Hastig senkte sie den Blick, nur um seinen muskulösen Brustkorb im lässig offenen Hemd zu bewundern. Ihr Herz schlug schneller, und ihr Hunger erwachte.
»Ich muss mich korrigieren. Eine kleine Naschkatze mit Geschmack.«
Er streckte seine Hand aus und strich Vanity über die Wange. Die Berührung fühlte sich an wie ein warmer Windhauch, der sie erschauern ließ. Sie spürte es sofort: Hier wartete eine große Menge Lebenszeit darauf, für den Kreislauf zurückerobert zu werden. Und dieses Vergnügen wollte sie sich um nichts in der Welt entgehen lassen.
»Ich hab dich hier noch nie gesehen.«
Sie gewann ihre Fassung wieder und setzte ein schelmisches Lächeln auf. »Kein Wunder. Den Club gibt es ja auch noch nicht sehr lange.«
Er zwinkerte ihr zu und gab dem Kellner ein Zeichen, dass er noch zwei Cocktails mixen solle. »Wenn du mir Gesellschaft leistest, lade ich dich ein.«
Sein Charme war entwaffnend, trotz dieser Überheblichkeit. Aber warum sollte ein Mann wie er sich seiner nicht sicher sein? Wer so aussah, konnte jede Frau haben. Und heute wollte er sie! Eine Tatsache, die auf Gegenseitigkeit beruhte.
Eine Stunde später hatten Vanity und ihre Clubbekanntschaft den lauten Tanztempel hinter sich gelassen und saßen in seinem schicken Sportwagen auf dem Weg zu seiner Wohnung. Für ein gewöhnliches Mädchen lebensgefährlich, obwohl sie nicht den Eindruck hatte, dass er Killerinstinkte besaß. Er wollte seinen Spaß mit einer jungen Gespielin. Noch ahnte er nicht, dass diese Nacht womöglich seine letzte war und es keine weiteren Mädchen mehr zu verführen gab. Die Vorfreude auf lustvolle Stunden und eine ordentliche Portion Energie als Sahnehäubchen des Ganzen, entfachten eine zufriedene Wärme in Vanity.
Rick, wie sich der Adonis vorgestellt hatte, bog von der Straße in eine Auffahrt ab, deren eisernes Tor sich wie von Geisterhand öffnete, und parkte den Wagen in einem Rondell zu Füßen einer achtstufigen Steintreppe. Diese führte zu einem doppelflügeligen Eingangstor, welches angesichts des Wohngebäudes geradezu bescheiden wirkte.
»Willkommen in meinem Zuhause«, sagte er mit einem Lächeln, während sich Vanity unwillkürlich fragte, womit der Mann wohl sein Geld verdiente. Es hätte sie nicht gewundert, von einem Butler empfangen zu werden, doch Rick schloss die Tür selbst auf. Die Eingangshalle dahinter lag im Dunkeln – bis er auf den Lichtschalter drückte. Der Luxus, der sich sogleich offenbarte, war überwältigend. Antike Möbel, Kunstgemälde, Kristalllüster. Die Handläufe der Treppengeländer schimmerten in dunklem Mahagoni, die Marmorstufen waren mit einem Perserläufer belegt. Vanity schaute nach oben, erblickte aber neben dem reich verzierten Stuck nur geschlossene Türen.
»Lebst du hier allein?« Der Satz rutschte ihr einfach heraus, ehe sie nachdenken konnte.
Rick lachte nur darüber. »Keine eifersüchtige Ehefrau und keine nörgeligen Kinder. Nur ein paar gute Seelen, die sich um mein Wohlbefinden kümmern. Aber die haben jetzt Feierabend.«
Er legte seine Arme um Vanitys Hüften und zog sie an sich. Der Kuss war der erste dieses Abends. Im Club hatte er sich wie ein Gentleman verhalten, aber mit dem Entschluss, zu ihm nach Hause zu fahren, war klar gewesen, worauf ihre Bekanntschaft hinauslief. Vanity hatte nichts dagegen.
Rick schmeckte genauso wild und aromatisch, wie er duftete. Seine Haut war weich wie frisches Laub, während sich die Muskeln darunter stark wie hundertjährige Eichen anfühlten. Er lockte Vanity mit seiner Zunge, bis sie ihm ihre Lippen öffnete. Kostete, was sich dahinter verbarg. Seine Hände glitten über ihren Po, zogen sie näher an seine Mitte. Vanity schmiegte ihr Becken an seine Lenden, lotete aus, wie viel er versprach. Wie zufällig rutschte ihr Kleid dabei höher, bis seine Finger die Spitze ihres Slips berührten.
Sein Atem kitzelte ihre Wange, als er leise lachte. »Du kannst es kaum erwarten, wie?«
Vanity schnurrte wie eine Katze.
»Ah, ich habe etwas Besonderes, das dir gefallen wird«, raunte er, schob Vanity ein Stück von sich weg und ergriff ihre Hand. Ihren Schmollmund kommentierte er mit einen spitzbübischen Grinsen.
Sie folgte ihm gespielt widerstrebend, insgeheim aber neugierig, was er wohl vorhatte. Sie gingen die Marmortreppe hinunter, vorbei an weiteren Kunstgegenständen, wie modernen Skulpturen und Antiquitäten. Vanity hörte Wasser plätschern und zögerte.
»Was ist? Du wirst doch wohl schwimmen können«, neckte er.
Diesmal schlug Vanitys Herz nicht aus Erregung schneller. Ihre plötzliche Zurückhaltung ließ Rick die Stirn runzeln.
»Ist etwas nicht in Ordnung?«
Sie überlegte, was sie ihm sagen sollte. Wohl kaum, dass sie wirklich ein Problem mit Wasser hatte. Zwar kein ernsthaftes, doch Vanitys Element war das Feuer. Sie brauchte ihre Kraft, wenn sie ihr Ziel erreichen wollte, und das wäre im Wasser nicht möglich.
Aber musste sie ihm seine Seele unbedingt heute Nacht rauben? Die Vorstellung eines sinnlichen Abenteuers, das sich sogar noch einmal wiederholen ließ, war äußerst verlockend. Ihr Verlangen siegte, die Keckheit ihres Lolita-Wesens kehrte zurück. Mit gespielter Unschuld legte sie den Zeigefinger an ihre Unterlippe. »Aber ich habe gar keinen Badeanzug dabei.«
Rick durchschaute ihr Schauspiel sofort, packte sie übermütig und warf sie sich über die Schulter, was Vanity einen spitzen Schrei der Empörung entlockte. Er eilte mit ihr die Stufen hinunter, stieß mit dem Fuß eine Tür auf und Vanity fand sich in einer orientalischen Bäderlandschaft wieder. Sie war sprachlos. Auch noch, als Rick sie wieder absetzte, um sich Hemd und Hose vom Körper zu streifen.
Wie ein Kind drehte sie sich mit offenem Mund um die eigene Achse. Aus einem Whirlpool stieg Dampf auf. Die Wasseroberfläche des großen Beckens war mit Rosenblüten bedeckt, im kleineren daneben war das Wasser weiß wie Milch.
»Vanity?«
Seine Stimme ging ihr durch und durch. Die feuchtwarme Luft ließ sie noch dunkler klingen. Als sie sich umdrehte, stand er nackt vor ihr. Sie biss sich auf die Lippen. Er sah in der Tat aus wie ein Gott. Jeder Muskel perfekt herausgeformt. Stramme Schenkel, zwischen denen sich ein stattlicher Phallus aus einem dunklen Nest in die Höhe reckte. Hypnotisiert ging sie darauf zu, sank vor ihm auf die Knie und konnte nicht widerstehen, dieses appetitliche Prachtstück in ihren Mund zu saugen.
Rick sog heftig die Luft ein.
Sein Fleisch war fest und warm. Wenn er ihr Geheimstes damit ebenso perfekt ausfüllte, wie ihren Mund, lohnte es sich auf jeden Fall, mehr als eine Nacht mit ihm zu teilen.
Er fasste sie sanft bei den Schultern und zog sie wieder hoch. Seine Hand griff unter den Schleier und zog ihn ihr vom Kopf. Dabei lösten sich die Nadeln und ihre dunklen Locken mit der roten Strähne fielen in weichen Wellen über ihren Rücken. Rick öffnete den Reißverschluss ihres Kleides und streifte das hauchdünne Nichts von ihrem Körper, ohne auch nur eine Sekunde den Blickkontakt zu unterbrechen. Erst als es zu Boden fiel, senkte er den Blick auf ihre kleinen, festen Brüste, umkreiste sie zunächst mit seinen Händen und schließlich auch mit seiner Zunge. Er saugte ihre Knospen eine nach der anderen in seinen Mund, neckte sie, knabberte sanft daran. Langsam arbeitete er sich weiter nach unten. Über ihren Rippenbogen hinab zu der kleinen Mulde ihres Nabels und tiefer an den Rand ihres Slips, den er gekonnt von ihren Hüften schob, sodass er ebenfalls zu Boden fiel und sich zu dem Kleid gesellte. Während er die roten Strumpfbänder zusammen mit den schwarzen Netzstrümpfen herunterrollte, hauchte er Küsse auf ihren glatten Venushügel. Kostete den Nektar ihrer Weiblichkeit, der in klaren Tropfen an ihren Labien hing. Vanity gab sich vollends ihrer Lust hin. Das Pochen zwischen ihren Schenkeln breitete sich in ihrem Unterleib aus und von dort in jede Zelle ihres Körpers. Sie zerfloss schier vor Verlangen.
Rick hob sie abermals auf seine Arme, diesmal indem er ihren Rücken und ihre Kniekehlen umschlang. Vanity lehnte ihren Kopf an seine Schulter und ließ sich von ihm zu dem Becken mit dem blubbernd heißen Wasser tragen.
Die Blasen auf der Wasseroberfläche prickelten auf ihrer Haut, steigerten ihre Erregung. Die Glut in ihrem Inneren war noch viel heißer als die Fluten des Whirlpools.
Mit jedem Kuss fühlte sie sich schwächer, wuchs die Sehnsucht, seinen Speer in sich zu spüren, die er ihr nicht erfüllte. Stattdessen kam Vanity in den Genuss seiner Finger, die mal zärtlich, mal fordernd ihr Innerstes erkundeten, sie an die Grenze trugen, aber nicht darüber hinaus. Mit jedem Mal trieb er das Spiel weiter, ohne dass sie Erlösung fand.
Er verstand es, sie mit der Verheißung des Gipfels zu locken, damit sie sich ihm völlig hingab. Mit leidenschaftlichen Küssen erstickte er ihre heiseren Schreie, dabei folgte seine Zunge dem Rhythmus seiner Finger, bis Vanity kaum wusste, was von beidem sie mehr erregte. Wimmernd bog sie ihm ihren Leib entgegen, fasste nach dem harten Phallus, der in ihrer Hand noch zu wachsen schien und eine nie gekannte Gier in ihr weckte, von diesem Pfahl entzweigeteilt zu werden. Schon der Gedanken daran trieb eine neue Flut ihres Nektars aus ihrem Schoß. Das Wasser um sie herum roch süß und schwer nach Moschus.
Endlich zeigte er Erbarmen, rollte sich nach hinten und zog sie mit sich, sodass sie auf seinem Schoß zu sitzen kam. Vanity schnappte nach Luft, als er in sie stieß und sie für einen kurzen Moment das Gefühl hatte, dass er doch zu mächtig für sie war. Aber der Schmerz verlor sich augenblicklich in der Süße der Lust. Rick schob ihr Becken vor und zurück, während er seines im Wasser hob und senkte. Mit jedem Stoß brachte er sie bis an die Wasseroberfläche, wo platzende Wasserblasen ihre Perle reizten und ihr endlich Erlösung schenkten, indem sie einen Höhepunkt nach dem anderen erlebte. Das Zucken ihrer Muskeln ließ ihn praller und praller werden, trieb auch Rick den Schweiß auf die Stirn. Vanity musste sich mit ihren Händen auf seinen Schultern abstützen, um nicht vor wohliger Schwäche von ihm herabzugleiten. Doch diese Sorge war unnötig, denn sein Speer hielt sie in Position, bis auch ihn der Gipfel ereilte und er sich mit einem kehligen Laut in sie ergoss.
Schläfrig sank Vanity auf seine Brust. Sie glaubte sich schwerelos, meinte sich im Wasser aufzulösen und verspürte nicht den leisesten Wunsch, etwas dagegen zu tun.
Ricks Arme hielten sie umschlungen. Sie lauschte seinem Herzschlag und seinem Atem, wie beides allmählich ruhiger wurde. Als sie es schließlich wieder schaffte, sich ein Stück aufzurichten, lag ein strahlendes Lächeln auf seinen Lippen.
»Du bist unbeschreiblich«, flüsterte er und küsste sie sanft. »Bleib bis morgen früh.«
Vanity war versucht, zuzustimmen, aber jetzt, wo die Lust verklungen war, kehrte ihre Vernunft zurück.
»Das geht nicht. Ich muss nach Hause.«
»Was denn?« Er lachte. »Wartet da etwa ein strenger Daddy auf dich?«
Sie verzog die Lippen. »So ungefähr.«
Beim Versuch, sich von ihm herunterzuschieben, musste sie feststellen, dass ihre Muskeln zitterten und sie kaum genug Kraft hatte.
Die Luft außerhalb des Beckens war kühler als das Wasser und belebte ihren Geist. Rick blieb im Wasser zurück, räkelte sich wie eine zufriedene große Katze und beobachtete Vanity dabei, wie sie sich abtrocknete und wieder anzog.
»Sehe ich dich wieder?«, wollte er wissen.
Was für eine Frage. Sie musste ihn wiedersehen. Jemand wie ihn durfte sie sich nicht entgehen lassen. Aber noch einmal kam das Bad nicht infrage. Das nächste Rendezvous würde das letzte werden – für ihn das allerletzte.

*

»Meine Güte, Vanity, wie siehst du denn aus?«, empörte sich Saki, als sie mit letzter Kraft zur Haustür hereinkam. Den Schleier ließ sie im Vorbeigehen auf ihre Kommode gleiten und sank sogleich in ihre weichen Laken.
»Was ist passiert?«
»Nichts.« Vanity winkte ab. »Ich hatte eine wundervolle Nacht, und nun lass mich schlafen.«
Aber Saki dachte gar nicht daran, seine Herrin in Ruhe zu lassen. »Wo bist du gewesen? Was hast du getrieben? Du riechst …«, er rümpfte die Nase. »Gut, dass du es getrieben hast, rieche ich. Aber warum kehrst du geschwächt zurück, statt gestärkt? Und wo ist der Beutel mit der Asche? Hatte der Kerl so wenig Lebensjahre, dass er komplett verpufft ist?«
Sakis Redeschwall wurde von einem Kissen unterbrochen, das ihm entgegen flog. Im letzten Moment rettete er sich mit einem Sprung vom Stuhl auf den Boden.
»He! Lass das! Da mache ich mir Sorgen, und du verübst einen Anschlag auf mein Leben.«
»Saki, bitte! Ich bin müde. Ich erzähle dir alles morgen, ja? Aber jetzt muss ich schlafen.«
Von den nächsten Worten ihrer Ratte bekam Vanity schon nichts mehr mit. Die Erschöpfung forderte ihren Tribut und schickte sie in einen tiefen Schlaf, in dem Rick sie ein weiteres Mal von Gipfel zu Gipfel zu trieb und sie wehrlos und willenlos in seinen Armen lag.

*

Das Erwachen war ein böses in zweifacher Hinsicht. Ihre Glieder waren bleischwer und sie fühlte sich noch immer müde. Doch noch erschreckender erwies sich der Blick in den Spiegel. »Was ist mit meinem Gesicht passiert?«
»Das hab ich ja schon heute früh zu erklären versucht, als du mich mit einem Kissen erschlagen wolltest«, plusterte sich Saki auf und sträubte sein weißes Fell.
»Ich … ich …« Sprachlos fuhr Vanity die feinen Linien in ihrem Gesicht nach. Ihre Haut war nicht mehr so straff wie gestern Abend, und um Augen und Mund zeigten sich kleine Fältchen. Ihre Brüste jedoch waren praller und größer geworden, als hätte jemand sie über Nacht aufgefüllt. »Das kann doch nicht sein.« Es sah fast so aus, als habe Rick sie von der Lolita in eine reife Frau verwandelt. Aber so was passierte doch nicht über Nacht. Schon gar nicht mit einer Zeitwächterin. Sie existierten außerhalb von Zeit und Raum, waren unveränderlich für alle Ewigkeit.
»Erzählst du mir nun, wo du letzte Nacht gewesen bist?«
»Ich bin mit einem Mann gegangen«, erklärte Vanity und betastete weiterhin ihren Körper, um die Veränderungen nachzuvollziehen. »Er ist sehr reich. Aber er hat mich in seine Bäder gelockt, darum konnte ich ihn nicht holen.«
Saki gab einen Laut zwischen Fassungslosigkeit und Wut von sich. »Bist du von Sinnen? Welchen Zweck hatte dein Handeln denn, wenn du den Kerl nicht in die Zeituhr füllen kannst?«
»Es war schön!«, erwiderte Vanity und funkelte Saki zornig an. »Ich habe es genossen und mich nie zuvor so sehr als Frau gefühlt wie letzte Nacht.«
»Das sehe ich!«, war die spitze Antwort.
»Reg dich ab, ich werde ihn ja heute wiedersehen und mir dann holen, was ich gestern versäumt habe.«
»Dann pass nur auf, dass du nicht wieder dabei baden gehst.« Er rannte ununterbrochen hinter ihr her, während sie sich für das Treffen zurechtmachte. »Bist du dir denn gar nicht über das Risiko im Klaren, das du eingehst? Denk an deine Pflichten. Denk an die Curari!«
Vanity versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber allein das Wort Curari ließ sie zittern. Saki hatte unleugbar recht. Wenn ihr so ein Fehler wie letzte Nacht häufiger unterlief … Nein, daran wollte sie nicht denken. Das würde einfach nicht passieren.

*

Rick erwartete sie bereits vor dem Club. Ihr wurden bei seinem Anblick, wie er da an den Sportwagen gelehnt stand, die Knie weich. Die Erinnerung an letzte Nacht kehrte zurück und löste augenblicklich Verlangen in ihr aus, ohne dass er sie auch nur berührt hatte.
Aber sie musste vernünftig sein. Auf keinen Fall würde sie wieder mit ihm in sein Haus fahren. Heute Nacht musste sie sein Leben beenden und da konnte sie das sprudelnde Bad mit den herrlich sinnlichen Wasserblasen … sie schluckte, schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben.
»Hallo, Vanity! Schön, dass du Wort gehalten hast.« Er küsste sie zur Begrüßung auf den Mund, führte sie dann aber sogleich um den Wagen herum und öffnete ihr die Beifahrertür.
»Rick, es tut mir leid. Aber ich denke, wir sollten nicht wieder zu dir fahren«, versuchte sie ihn vorsichtig davon abzubringen.
»Oh, aber das hatte ich gar nicht vor. Zuviel Baden ist nicht gut für die Haut.« Er grinste. »Ich wollte mit dir in die Berge fahren. Von da hat man eine tolle Aussicht.«
Vanity atmete auf. Unter diesen Umständen sprach nichts dagegen. Im Gegenteil, in den Bergen wäre es noch viel einfacher, die Spuren zu verwischen, als hier in der City.
Mit keinem Wort erwähnte Rick ihre Veränderungen. Vielleicht fielen sie ihm nicht auf. Es war immerhin dunkel. Jedes Mal, wenn er sie ansah, spielte ein verliebtes Lächeln um seine Lippen. Manchmal griff er nach ihrer Hand und hielt sie, bis er die nächste Folge von Serpentinen bewältigen musste, wozu er beide Hände am Steuer brauchte.
Sie fuhren sehr weit hinauf. Vanity hatte erwartet, dass sie einen Aussichtspunkt ansteuern und sich dort im Auto lieben würden. Dann hätte sie später nur die Handbremse lösen und das Fahrzeug in den Abgrund schieben müssen. Doch offenbar wollte Rick sehr hoch hinaus.
Die Luft wurde zusehends kühler und die Wolken, welche den Gipfel wie Zuckerwatte umgaben, hüllten auch sie in einen feuchten Mantel, der kleine Tropfen auf ihrer Haut hinterließ, die auf erregende Weise an ihr hinabrannen.
Wind kam auf, verwandelte sich einige Kilometer später in einen leichten Sturm, als sie aus der Wolkenwand wieder herausfuhren und freie Sicht auf einen sternenübersäten Himmel gewannen. Die Landschaft wirkte unirdisch, ein Meer von weißen Wogen unter ihnen und dunkelblauer Samt voll Diamantensplitter darüber.
Aber lange konnte sich Vanity nicht an diesem Anblick erfreuen. Angst kroch in ihr hoch, denn hier oben war der Erfolg ihres Vorhabens ebenso fraglich wie in den Bädern, und darüber hinaus drängte sich ihr die Frage auf, was Rick hier wollte. Zum ersten Mal wich das lustvolle Verlangen nach diesem Mann der Sorge, was eine weitere Nacht in seinen Armen mit ihr anstellen würde, und ob er am Ende gar Übles im Schilde führte. Da war so eine Ahnung, dass er die Orte für ihr Liebesspiel nicht ohne Grund wählte.
Fahrtwind und Wetter zerrten an Vanitys Haaren, rissen ihr den Schleier vom Kopf. Rick lachte nur darüber und versprach, ihr einen neuen zu kaufen.
Selbst als Schnee auf den Hängen um sie herum lag, fuhr er noch weiter. Bis hinauf zur Spitze des Berges. Erst da hielt er an, stieg aus und hielt Vanity die Hand hin.
»Hier? Bist du verrückt?«
»Aber Süße, ich bin ein Mann der Extreme. Extremer Luxus, extreme Leidenschaft …« Dabei funkelten seine Augen selbst in der Dunkelheit noch so intensiv, dass sich Vanitys Puls augenblicklich beschleunigte, wodurch ihr Verlangen wieder die Oberhand gewann. »… und eben auch extreme Orte. Glaub mir, du wirst es lieben.«
Daran zweifelte sie keine Sekunde, dennoch fragte sie sich, wie sie bei diesem Sturm die Kraft ihres Feuers gebrauchen sollte. Man konnte schon froh sein, wenn man nicht weggeweht wurde. Damit erledigte sich die Überlegung, heute Nacht zur Tat zu schreiten von selbst, denn die Asche seiner Lebenszeit würde hier oben unwiederbringlich in alle Welt zerstreut werden. Sie musste eine bessere Gelegenheit abwarten, auch wenn sie jetzt schon Sakis Vorwürfe im Ohr hatte und sich vor dem Anblick ihres Spiegelbildes am nächsten Morgen fürchtete.
Aber all ihre Sorgen verflüchtigten sich mit dem Wind, als Rick sie stürmisch in seine Arme zog, ihren Rock hochschob und sie auf die warme Motorhaube seines Wagens drückte. Er öffnete den Gürtel seiner Jeans, und Vanity zitterte erwartungsvoll. Doch bevor er die Hose öffnete, schlang er zunächst das weiche Leder um ihre Handgelenke und band sie damit an einem der Spiegel fest. Sein sinistres Lächeln jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken, die von der Kühle des Sturmes, der unter ihr Kleid fuhr, noch verstärkt wurde.
Rick zog sie näher an den Rand des Wagens. Der Riemen straffte sich und zerrte ihre Arme schmerzhaft nach oben. Ihr Aufstöhnen verwandelte sich in ein Keuchen, nachdem sich auch ihr Gespiele von seinen Beinkleidern befreit hatte und sie ohne weiteres Vorspiel nahm.
Seine Grobheit bildete einen völligen Kontrast zu der Zärtlichkeit des vergangenen Abends, erregte Vanity aber nicht minder. Sie fühlte sich hilflos und ausgeliefert – ihm und den Naturgewalten. Wobei sie sich mehr als einmal fragte, ob das nicht fast dasselbe war, denn die Art wie er sie nahm, war gewaltig. Die Hitze in ihrem Inneren rang mit der Kälte von außen, raubte ihr die Sinne und zögerte den Gipfel erneut schier endlos hinaus. Als sie beide gemeinsam kamen, glaubte Vanity für einen Moment, dass die Erde unter ihnen bebte, doch es war nur der Wagen, der dem immer stärker werdenden Treiben des Sturmes allmählich zu unterliegen drohte.
Rick löste den Gürtel und brüllte gegen die Lautstärke des Windes, dass sie besser wieder in die Stadt fahren sollten, ehe sie eine Böe über den Abgrund trieb. Vanity erhob keinen Widerspruch. Sie brauchte seine stützenden Arme, um auf ihren Sitz zurückzukehren, so sehr hatte sie der Akt erschöpft. Aber der Genuss war es wert gewesen.
Bei ihrer Rückkehr gab sie Saki, der aufgeregt zwischen ihren Beinen hindurchlief und über ihren Zustand lamentierte, keine Antwort. Kaum, dass sie auf ihr Bett niedergesunken war, schlief sie auch schon ein. Diese Nacht traumlos.

*

Vanity kämpfte sich mühsam aus dem Schlaf, der wie eine zentnerschwere Decke auf ihr lag. Noch einmal durfte sie sich nicht verführen lassen. Die sinnlichen Stunden mit Rick kosteten sie zu viel Kraft und raubten ihr wertvolle Zeit. Sie sah zu dem Stundenglas hinüber. Saki hatte es bereits wieder gedreht, aber die Menge an Asche war erschreckend gering im Vergleich zum Vortag. Apropos Saki. Wo war er? Von der Ratte fehlte jede Spur. Sicher war er beleidigt, weil sie ihn letzte Nacht – oder besser heute Morgen – ignoriert hatte. Aber auf seine Vorhaltungen konnte sie verzichten. Ihr war auch so klar, dass sie den Rahmen bis zum Äußersten ausgereizt hatte und auf jeden Fall heute zum Zuge kommen musste. Das bestätigte auch der Blick in den Spiegel. Waren das etwa Krähenfüße? Schnell griff sie nach der Puderquaste und deckte die Falten und dunklen Augenringe ab. Nicht gänzlich zufrieden mit sich verließ sie schließlich die Wohnung, um Rick ein weiteres Mal vor dem Club zu treffen.

*

Wie schon am Vortag war es in dem Augenblick um sie geschehen, als sie ihn sah. Ihr kam kein Einwand über die Lippen, während sie den Weg zum Strand hinunterfuhren, um dort schöne Stunden zu verbringen und gemeinsam den Sonnenaufgang zu bewundern. Wie konnte man diesem Mann einen solch romantischen Vorschlag ablehnen?
Vanity schlenderte neben Rick am Meer entlang. Ihre Knie waren wacklig, weshalb sie dankbar war, sich an ihm festhalten zu können. Die Worte, die er ihr ins Ohr flüsterte, verstand sie kaum noch. Dafür war das Pochen in ihrem Schoß so lebendig und intensiv wie nie zuvor. Ihr Denken war einzig darauf ausgerichtet, in seinen Armen zu brennen. Davon, ihn mit ihrer Flamme zu verzehren, war keine Rede mehr.
Plötzlich sprang ein Schatten vor ihnen auf den Sand, der aus dem Nichts zu kommen schien. Rick gab einen Laut von sich, der sie an das Knurren eines Hundes erinnerte. Sie selbst brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass irgendjemand sie angriff – oder zumindest stoppte, denn von Angriff konnte gerade keine Rede sein.
»Dein Plan geht nicht auf, Praedo!«, erklang eine eisige Stimme.
Ihr Geliebter ging in Abwehrhaltung, während sie selbst noch verwirrt zwischen ihm und dem Neuankömmling hin und her blickte. Ein blonder Hüne baute sich vor ihnen beiden auf, die Hände in die schmalen Hüften gestemmt, sodass sein Brustkorb noch breiter wirkte. Er fixierte Rick aus zusammengekniffenen Augen, der mit einem gehetzten Ausdruck zurückstarrte.
»Was … was geht hier vor?«, fragte Vanity. Ihre Stimme klang schwach. Ihr war schon wieder schwindlig. Hatte der Blonde gerade Praedo gesagt? Ein eisiger Schauder durchfuhr ihren Leib. Die Erkenntnis überrollte sie wie eine unheilvolle Flut. Mit jeder gemeinsamen Nacht war sie schwächer – und älter – geworden, statt neue Kraft zu schöpfen. Sie hatte es nicht wahrhaben wollen, weil sie süchtig nach den Genüssen war, die Rick ihr verschaffte. Doch solange sie ihre Flamme nicht einsetzen konnte, erlangte sie auch keine neue Energie. Erst das sinnliche Badespiel, dann der windumtoste Gipfel und nun der Strand.
War sie tatsächlich einem Zeiträuber in die Falle gegangen, der sie austrickste, um ihren inneren Speicher anzuzapfen? Aber die wagten sich doch nicht an eine Guardia Tempera heran. Oder doch?
»Dachtest du wirklich, du könntest durch sie Unsterblichkeit erlangen und kämst ungestraft davon?«, fuhr der Unbekannte fort und schritt ohne Eile auf Rick zu, der mit Panik im Blick weiter zurückwich.
»Wie viel Lebenskraft hast du bereits geraubt?« Eine Antwort wartete der Hüne nicht ab. »Zeit, sie zurückzugeben.«
Rick drehte sich um und rannte los. Der Blonde war von einer Sekunde zur anderen verschwunden. Mit einem Blitz tauchte er urplötzlich vor dem Flüchtenden auf und stoppte dessen Lauf. Vanity konnte in der Dunkelheit nicht genau sehen, was vor sich ging, sah nur zwei Schemen miteinander ringen, von denen sich einer schließlich zusammenkrümmte und an dem anderen festhielt. Sie taumelte näher und erkannte, dass der Unterlegene Rick war. Der Fremde stand wie ein Fels da und rührte sich nicht.
Dann sackte Ricks Körper in den Sand. Wie magnetisch davon angezogen kam Vanity noch näher, schon zehn Schritte von ihnen entfernt roch sie das Blut, erkannte gleich darauf die dunkle Stelle im Sand, wo es den Strand tränkte. Rick bewegte sich nicht mehr. Sie ahnte, was sie sehen würde, wenn sie ihm ins Gesicht blickte. Dennoch erschreckten sie die leeren Augenhöhlen – mit der Seele waren auch deren Fenster verschwunden. Zurück blieben blutende Öffnungen und ein leere Hülle.
»Die Flut kommt bald. Sie wird die Spuren fortwaschen. Um den Rest kümmern sich die Fische.«
Es fiel ihr schwer, den Blick von der Leiche zu deren Mörder zu lenken. Auf dessen Gesicht sah sie keine Regung.
»Wer bist du? Was bist du?«, stellte sie die beiden Fragen, die so hell in ihrem Kopf loderten, dass sie jeglichen anderen Gedanken ausschalteten.
»Ich bin ein Curari, dein Curari, um genau zu sein.«
Sie zuckte wie unter einem Schlag zusammen.
»Es ist meine Aufgabe, auf dich Acht zu geben und bei einem Fehltritt zur Verantwortung zu ziehen.«
Vanity schluckte. Sie warf einen Blick auf den toten Körper zu ihrer Rechten und war sich vollkommen darüber im Klaren, dass sie mehr als nur einen Fehltritt begangen hatte. Beinah hätte sie in ihrer Lust alles zum Teufel gehen lassen. Hatte ihre Pflicht und Verantwortung vergessen. Sogar ihr eigenes Wohl ihrer Geilheit untergeordnet, weil sie von diesem Mann besessen war. Und jetzt war er tot. Würde sie die Nächste sein? Aber woher wusste dieser Curari von all dem?
Er berührte sie sanft an der Schulter. »Hast du nie darüber nachgedacht, woher die Curari über die Wächterinnen Bescheid wissen? Warum ihr keinen Schritt tun könnt, ohne dass wir es erfahren?«
Sie starrte ins Leere, in ihrem Inneren trieb die Antwort dahin, nur fassen konnte Vanity sie nicht. Bis der Curari ihr die rote Strähne zurechtschob. Da leuchtete seine Identität hell wie die Sonne vor ihren inneren Augen auf.
Saki!
Nichts an ihm erinnerte mehr an die Ratte, die sie in all den Jahrhunderten begleitet hatte. Sein kurzes blondes Haar stand in wilden Strähnen von seinem Kopf ab. Seine Muskeln spielten bei jeder Bewegung unter seiner Haut, dass sich Vanitys Pulsschlag vom bloßen Anblick beschleunigte. So ungehörig es angesichts der Umstände auch war, sie konnte nicht anders, als ihn immer wieder von Kopf bis Fuß zu bewundern und sich vorzustellen wie dieser Mann sie lieben würde. Es kostete sie alle noch verbliebene Selbstbeherrschung, um nicht die Hände auszustrecken und gierig über seinen Körper wandern zu lassen.
Saki bemerkte es und lächelte sardonisch. Statt sie zu maßregeln, trat er unvermittelt auf sie zu und riss sie in seine Arme. Sein Kuss war mehr grob denn zärtlich, doch er brachte Vanity zum Beben. Sie rang nach Atem, als er sie wieder freigab.
»Was … was geschieht jetzt mit mir?«
Er lächelte weiterhin, schien es zu genießen, sie in dieser Mischung aus Angst und Verlangen schmoren zu lassen, während seine Hand zum Saum ihres Kleides glitt, darunter fuhr und das Zentrum ihrer Lust berührte, was ihr ein erschrockenes Keuchen entlockte. »Fürs Erste suchen wir uns jetzt jemanden, der dich wieder zu Kräften kommen lässt. Und wenn du wieder meine süße, kleine Lolita geworden bist …« Er schürzte die Lippen, als müsse er überlegen. Er zog sie fester in seine Arme, ließ sie spüren, wie sehr ihre Hilflosigkeit ihn erregte. »… tust du alles, was ich will.« Sein Grinsen wirkte mehr lüstern denn gefährlich. »Also stimme mich besser wohlgesonnen … für die nächsten zehn oder zwanzig Äonen.«

Infos zur Story:
Die Story stammt aus
DARK LADIES III – EIN EROTISCHER TRAUM
Alisha Bionda (Hrsg.)
Anthologie / Erotische Phantastikgeschichten
Fabylon
Klappenbroschur, 200 Seiten
ISBN: 978-392707185-8
Juni 2012, 13.50 EUR
Cover- und Innengrafiken: Gaby Hylla

Namhafte AutorInnen verfassten phantastische Erotiktexte zu Grafiken der Künstlerin Gaby Hylla um verführerische und verruchte Frauen.

Tanya Carpenter

Tanya Carpenter

Die Autorin wurde am 17. März 1975 in Mittelhessen geboren und schreibt seit ihrer Kindheit Kurzgeschichten, Gedichte und Romane.
Im Herbst 2007 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Tochter der Dunkelheit“ im Sieben-Verlag als Auftakt der „Ruf des Blutes“-Serie, die auch in mehreren Lizenzen erschien und mittlerweile in Überarbeitung als Hardcover geplant sind.
2011 wirkte Tanya Carpenter auch erstmals als Herausgeberin bei einer Anthologie mit: „Chill & Thrill“ (Fabylon) bietet humorvolle Kurzkrimis mit Lokalcolorit.

Ein Jahr später erschien der humorige Vampir-Krimi „Mit Schuh, Charme und Biss“ in der Reihe SEVEN FANCY im Fabylon-Verlag, dem folgte im Arunya-Verlag ihr erstes Kinderbuch “Die Decoxe”, welches sie gemeinsam mit ihrer Autorenkollegin Tanja Bern schrieb. Zwei Folgebände sind bereits in Planung. Außerdem veröffentlichte sie ihren ersten Hunde-Ratgeber “Die Alchemie der Hundefütterung” als Kindle-ebook.
2014 erschien im Oldigor-Verlag die SOMMERMOND-Vampirdilogie, 2015 bei Bookshouse der Mystery-Thriller “Das Ikarus-Evangelium”, dort ist bereits auch ihre “L.A.-Vampires”-Serie in Arbeit.
Neben ihren zahlreichen Romanen ist Tanya Carpenter in diversen Anthologien vertreten.

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