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Griselda Blanco

Sind schöne Menschen die besseren Killer? Im Leben ist das nicht so, – die Massenmörderin Griselda Blanco war ein kleines, dickes Scheusal mit zerknautschtem Gesicht und Doppelkinn – , im Film dürfen Beauties wie Jennifer Lopez und Catherine Zeta-Jones ihre Rolle übernehmen.

Patin, Ma Baker, Schwarze Witwe: Griselda Blanco

Irgendwie abartig: Da wird uns unbedarften Zuschauern die Geschichte einer Frau erzählt, auf deren Konto hunderte von Leichen gehen, und was uns zuerst angenehm ins Auge sticht sind Grazie, Glamour und Kurven der Hollywood-Diven. Passt natürlich so gar nicht. Wirkt aber netter, wenn die Lopez gut Ausschnitt zeigt und abdrückt. Vorweg lächelt sie lieb und sagt:

“I’ve been fascinated by the life of this corrupt and complicated woman for many years.”

Man staunt immer wieder, was recht normale Leute heutzutage so alles fasziniert: Bier. Brahms. Bitterböses Pack. Letztgenanntes appeliert natürlich immer an unsere Moral. Verfluchtes Gewissen aber immer wieder auch. Über abgrundtiefe Schlechtigkeit zu plaudern kann halt hier und da so völlig falsch anecken, gilt also, ein gewisses Interesse an Blutorgien stets vorsichtig zu formulieren.

Hier freilich nicht. Wir können gut sehen in der Finsternis. Wir erkennen, wer die Wahrheit verkraften und richtig beurteilen kann. Wir wissen, dass Frauen wie Griselda Blanco, La Madrina (Patin), die Ma Baker der “Cocaine Cowboys”, auch Viuda Negra (Schwarze Witwe) genannt, Frauen wie Delphine LaLaurie oder Elisabeth Báthory und eben auch, ungleich weniger aktiv,  Aileen Wuornos oder  Bonnie Parker, diese sehnsuchtsvollen, verdorbenen Mädchen, keine fiktiven Kriegerinnen sind, deren Abenteuer uns Appetit auf Popcorn machen. Sie sind Mörderinnen. Und in der gierigen, gefühlskalten Baronin des kolumbianischen Medellín-Kartells in den USA in den 1970er und 1980er Jahren zeigt sich eine der schlimmsten und mitleidlosesten.

Ma Baker Blanco, die durch Rauschgiftschmuggel zur Milliardärin wurde, – bis zu acht Millionen US-Dollar “erwirtschaftete” ihre Gruppe monatlich – , hat schon als Jugendliche getötet: Sie entführte einen elfjährigen Jungen und brachte ihn um, weil das Lösegeld nicht gezahlt wurde.

Diese Kaltschnäuzigkeit prägte das Charakterbild: Einer Schwangeren schoss sie in den Unterleib, den von ihr verschuldeten gewaltsamenTod des zweijährigen Sohnes eines Auftragskillers nahm sie mit Genugtuung zur Kenntnis. Der Zeitzeuge Max Mermelstein:

“Sie prahlte damit und freute sich, weil es seinen Vater aus der Fassung bringen würde.”

Griselda Blanco, geboren 1949 in Cartagena, aufgewachsen in einem schonungslosen, kriminellen Umfeld, das sie tauschte gegen einige Jahre der Prostitution in New York, bis sie so immens groß und so (endgültig!) grausam im Drogengeschäft wurde, kannte kein Mitgefühl. Unschuldig oder schuldig in ihren Augen war kein wesentliches Kriterium bei ihrer Opferwahl, wer im Weg stand, wurde ausgelöscht. Während der Kokainkriege zwischen rivalisierenden kolumbianischen und kubanischen Drogendealern herrschte in Florida die rohe Gewalt. Und Blancos Engagement diesbezüglich war beispiellos.
Sie hatte ihre eigenen Scharfschützen, die “Cocaine-Cowboys”, eine Söldnertruppe, die vom Motorrad aus tötete. Über 250 Menschen ließ sie in Florida, New York und Kolumbien von ihren Killer-Bikern hinrichten, unbarmherzig und gezielt. Wer ihren Unmut auf sich zog, – eine kleine, unbedachte Beleidigung konnte da durchaus reichen -, stand auf der Todesliste. Drogenhändler, Ex-Liebhaber, Konkurrentinnen…wer es sich mit der Patin verscherzte, musste mit dem Ende rechnen. Oft sadistisch, bestialisch: Wer wie starb, war ihr letztendlich egal.

Hinter vorgehaltener Hand sagte man Cara de Patata (Kartoffelgesicht) zu ihr, wohl ein Todesurteil für jeden, den die selbstgefällige, eitle 1,50-Meter-Frau hätte hören können. Besser und gesünder, man huldigte ihr, verschloss die Augen oder war selbst vom eiskalten Fach, um mit ihr am Tisch sitzen zu können. Immerhin war sie es, die das komplette Drogen-Netzwerk zwischen Miami, New York, Los Angeles und Kolumbien
dirigierte.

Pablo Escobar, “Der Pate”

Schwerreich geworden durch ihre Skrupellosigkeit gönnte sich Griselda Blanco, mehrfach verheiratet, Mutter von vier Söhnen, jeden erdenklichen Luxus. Sie trank Tee aus einem Service der Queen und trug den Ring von Eva Perón. In ihrer Penthouse-Halle stand eine Bronzeskultur von ihr, von der sie behauptete, es würde Glück bringen, wenn man deren Nase reiben würde. An dieses Glück soll auch “El Patrón” Pablo Escobar, berüchtigter Drogenschmuggler und späterer Kartell-Chef, geglaubt haben. Zumindest, bis er seine Besuche bei “La Madrina” einstellte aufgrund unüberbrückbarer Differenzen. Wie man so sagt.

1975 tötete Blanco ihren Ehemann Alberto Bravo, – sie erschoss ihn nach einem Streit auf einem Parkplatz in Medellín – , zwei weitere Ehemänner verstarben plötzlich und eher ungewöhnlich. Die Morde an ihnen waren der “Schwarzen Witwe” auf jeden Fall nicht mehr als ein Achselzucken wert.

Zu zwanzig Jahren Gefängnis wurde sie verurteilt, dann erfolgte die Abschiebung

1985 waren Gold- und Blutregen vorbei: Griselda Blanco wurde in Kalifornien von DEA-Ermittlern (Drug Enforcement Administration) aufgespürt, verhaftet, verurteilt und kam hinter Gitter. 2004 wurde sie freigelassen und direkt nach Kolumbien abgeschoben. Kurz darauf ermordeten Rächer aus der Szene ihre ebenfalls ins “Geschäft” eingebundenen Söhne Dixon, Uber und Osvaldo. Einzig überlebt hat Michael Corleone, dessen Name davon zeugt, welch großer Fan vom “Paten” die Mutter war. Die lebte in den Folgejahren recht zurückgezogen bis zu ihrer eigenen Ermordung im September 2012. Die  69jährige wurde vor einer Metzgerei niedergeschossen, und tatsächlich war man einfach nur erstaunt, dass ihre Exekution nicht viel früher stattgefunden hatte. Da gab es so unendlich viele, die Gründe genug kannten, ihr nicht das geringste Gutes zu wünschen.

Blancos Killer töteten sie vom Motorrad aus, ergo auf die gleiche Art, von der sie zu Lebzeiten so gern und oft Gebrauch gemacht hatte.
Der Drogenfahnder Bob Palombo, der Blanco damals gemeinsam mit seinem Kollegen Sascha Sparens aufgespürt hatte, sagte in einem Interview:

“Ich glaube nicht, dass ihr gewalttätiges Verhalten irgendetwas damit zu tun hatte, dass sie sich als starke Frau beweisen wollte. Sie war einfach nur ein gewalttätiger Mensch.”

Zweifellos war sie das. Gewalttätig, unbarmerzig, kalt und krank. Und hässlich war sie auch noch. Aber das können J.Lo und Zeta-Jones ausbügeln. Im Film. Wenigstens das.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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