Grabräuber

Anstelle einer Begrüßung, wirft mir Detective Lamont die heutige Morgenzeitung vor die Füße.

Damit kein falsches Bild von meiner Position oder Person entsteht: Ich sitze zurückgelehnt in meinem bequemen alten Ledersessel, die Beine auf den Schreibtisch gelegt. Der Kaffee in der dampfenden Tasse neben mir ist stark und zäh und fast noch zu heiß, um ihn zu trinken, und bis gerade eben war das kein so schlechter Start in den Tag.

„Ärger“, knurrt Lamont, als wüsste ich nicht auch so, dass es von jetzt an nur noch bergab geht.

„Auch Ihnen einen guten Morgen, Detective.“

Ich falte die Hände auf meiner Krawattenspitze und warte mit einem buddhistischen Ausdruck im Gesicht, bis Lamont genervt mit den Augen rollt, brummelnd eine Nettigkeit aus dem Bibelkreis wiederholt, sich erneut die Zeitung schnappt und sie mir noch einmal halbwegs ordentlich reicht.

Ich lächle ihm sonnig zu und sichte die Schlagzeilen.

„Neue Steuer für Hundebesitzer …“

„Darunter.“

„Kung-Fu-Opa schlägt Räuber in die Flucht …“

„Darunter.“

„Ah. Mh-hm. Erneut blutiger Zwischenfall auf dem Suizid-Friedhof …“

„Bingo.“

„Nette Überschrift.“

Ich lese.

Über Beerdigungen, die richtig aus dem Ruder laufen.

Über Männer und Frauen, die sich mit dem Kopf voran gegen einen Grabstein werfen, bis Blut und Zähne nur so durch die Gegend spritzen.

Bis Haut aufplatzt und Knochen brechen.

Von Priestern, Kindern und alten Mütterchen, die sich die Pulsadern an den Scherben zertrümmerter Grablichter oder an den scharfen Kanten rostiger Metallgießkannen aufschlitzen.

„Das muss aufhören“, sagt Detective Lamont bestimmt.

„Man kann keine Beerdigungen verbieten, Detective.“

„Das nicht. Aber ich kann einem mir bekannten Experten für so eine kranke Scheiße raten, seinen Arsch zu diesem Friedhof zu schleppen und sich das mal aus der Nähe anzusehen. Sechs Mal sind wir schon angerückt, weil sich eine Beerdigung auf dem Hügel in einen Gruppenselbstmord verwandelt hat.“

„Hier steht vier Mal.“

Lamont wirft mir einen vielsagenden Blick zu.

Zum Glück bin ich kein Fan von Verschwörungstheorien.

„Die Hälfte meiner Jungs ist schon beim Seelenklempner“, sagt der Detective indes durch zusammengebissene Zähne.

„Also vier weniger als vorher.“

„Witzig, Klugscheißer.“ Lamont fährt sich mit einer unterbewussten Geste durch das lichter werdende Haar. „Zwei Priester. Ein paar Kinder. Eine Mutter im siebten Monat. Das ist ganz übler Scheiß. Und was genauso übel ist: Der Chief hat es satt, dass der Bürgermeister ihn anruft. Also ruft der Chief meinen Captain an. Und wer ist am Ende der Dumme, der sich um den kranken Mist kümmern soll?“

„Der Mann mit dem billigen Anzug, der gerade vor mir steht?“

„Der Mann, der kein Problem damit hat, einen gewissen Jemand für die Sache mit dem Lagerhaus letzten Monat einzubuchten, wenn ihm dieser Jemand jetzt noch ein einziges Mal blöd kommt – oder ihm nicht hilft, obwohl die Sache nach dem Ressort dieses Jemands stinkt. Kapiert, Jemand?“

„Ich würde sagen, die Sache stinkt nach Friedhofserde.“

„Ist das nicht dasselbe?“

Ich zucke mit den Schultern und blättere durch die Zeitung, bis ich Garfield und Calvin und Hobbes gefunden habe.

„Wir haben das Weihwasser in der Kapelle geprüft, weil wir dachten, irgendein Spinner hat vielleicht Drogen reingemischt“, erzählt Lamont. „Die Tests waren negativ.“

Ich nicke abwesend. „Wieso muss ich mir eigentlich noch immer wegen der Lagerhaus-Geschichte Sorgen machen, Detective? Ich habe zwei Ihrer Männer rausgeboxt. Zwei von dreien. Das ist keine schlechte Quote, wenn man es mit einem dämonischen Potenz-Avatar aus dem alten Babylon zu tun hat, den irgendein alter Spinner beschworen hat.“

„Wenn ein Lagerhaus abbrennt, werden trotzdem ein paar unangenehme Fragen gestellt.“

„Ein vertretbarer Kollateralschaden beim Exorzismus eines Dämons – und eines Schwanzes – dieser Größenordnung.“

„Für denjenigen, der den Bericht schreiben muss, ist es ein gottverdammtes Fiasko.“ Lamont blickt mich noch finsterer an als sonst, was für sich schon eine Kunst ist. „Ich komm mir vor wie Don Winslow oder Stephen King, wenn ich meine Berichte schreibe und mir am laufenden Band irgendwelchen Scheiß ausdenke.“

„Hätte Sie nicht für einen Leser gehalten, Detective.“

„Sagt der Mann, der direkt zu den Comics blättert. Wie auch immer. Meine Belesenheit steht hier nicht zur Diskussion. Was ist nun mit dem Friedhof?“

Bei diesen Worten schiebt er sein Jackett auf diese unauffällig-auffällige Weise nach hinten, die man aus Western kennt, sodass ich seinen Gürtel sehen kann.

Ich befürchte schon, er will mir seine Knarre zeigen, was wirklich ein schwerer Schlag für unsere Beziehung wäre.

Doch er gewährt mir, wohl aus Instinkt und Gewohnheit, lediglich einen Blick auf die Marke, die er an dieser Seite seines Hosenbunds trägt  – ein viel zu kleiner Schild gegen die Übel, die in den Schatten dieser Welt und erst recht in denen dahinter lauern.

Ich schnaube, klappe die Zeitung zu und schwinge die Beine vom Tisch.

Dabei werfe ich die Kaffeetasse um, deren Inhalt sich wie eine braune Flut über den Schreibtisch ergießt.

„Es sah nach einem guten Tag aus, bevor Sie hier aufgekreuzt sind“, informiere ich Lamont, während wir beide auf den sich rasch vergrößernden dunklen Fleck starren und ich die Zeitung zum Aufsaugen der kolumbianischen Lauge nehme.

Lamont verzieht keine Miene.

„Um halb elf ist die nächste Beerdigung“, sagt er nur.

***

 Ich lehne an einer riesigen alten Eiche, die schon länger hier ist als der Friedhof, und halte mich ein wenig abseits der Trauernden, die sich in Schwarz und Grau eingefunden haben, um von ihrem geliebten Arthur Abschied zu nehmen, den sie tränenreich den Würmern übergeben.

Gut, dass ich eh meistens schwarze oder graue Anzüge über dem Hemd trage, so falle ich nicht weiter auf.

Die Hände in den Hosentaschen vergraben, lausche ich dem Priester, dem Weinen, dem Schluchzen und dem geflüsterten Gespräch über Cousine Bettys Hintern.

Scheiße, ich gehe echt nicht gern auf Beerdigungen, obwohl Bettys Hintern wirklich ganz okay ist.

Andererseits: Wer geht schon gerne auf Beerdigungen?

Ich bin bloß hier aufgrund der freundlichen Bitte eines höflichen Ordnungshüters, und vielleicht noch wegen meiner Faszination für Poe.

Nicht, dass das jemanden interessiert.

Auch nicht den schlanken, wenn nicht sogar dürren Kerl, der gerade in mein Blickfeld stiefelt, wobei er keineswegs wie ein geprügelter Hund über den Totenacker schleicht, der zu spät zu Arthurs Beisetzung kommt, sondern festen Schrittes auf die Gruppe der Trauernden zuhält.

Der Typ ist mir auf Anhieb nicht geheuer, und woran das liegt, erfordert nicht unbedingt die Deduktionskünste eines Sherlock Holmes: Der Wind scheint den schwarzen Mantel und den Hut des Kerls nicht anrühren zu wollen, während er mir eifrig das Haar zerzaust und wie eine betrunkene Furie an meinem Jackett und meiner Krawatte zerrt.

Verdächtig, oder was meinen Sie, Watson?

Der Hungerhaken mit dem weiten Mantel wird langsamer und gesellt sich wortlos zu der Versammlung am Grab.

Der Priester kommt zum Ende.

Der Sarg wird hinabgelassen.

Das Schniefen und Schluchzen wird lauter.

Und der Wind dreht sich.

Buchstäblich.

Es ist nicht nur das Rascheln in der Baumkrone über mir, das sich verändert. Die Verzweiflung, die schon die ganze Zeit wie eine finstere Wolke über den Trauernden hing, deutlich spürbar und geradezu greifbar, verdichtet sich für das geschulte Auge zusehends, und zwar auf eine ganz und gar unnatürliche, ungute und ungesunde Art und Weise.

Ihren suchenden, aber doch auch leicht verklärten Blicken zufolge sehen sich die ersten Angehörigen schon nach einem schönen festen Grabstein um, damit sie ihre Schädeldecke wie ein Ei öffnen können, oder überlegen, ob sie sich mit dem Schal des Priesters strangulieren sollen.

Ich schreibe das alles dem Neuankömmling zu, der den Kopf in den Nacken gelegt hat und tief einatmet – der die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit einsaugt, dass ich es über den Wind und das Flüstern der Eiche hinweg bis zu meinem Plätzchen im Schatten des Baumes hören kann.

Wieso Detective Lamont und seinen Leuten so ein Typ nicht auffällt, ist mir ein Rätsel.

Okay, sie haben nicht meine … Ausbildung.

Nicht meine Expertise.

Ich marschiere zwischen den Grabreihen hindurch genau auf den Schnüffler zu und tippe ihm forsch auf die Schulter.

Sein Kopf fährt schneller herum, als es gesund sein kann, und er faucht mich wie eine nasse Katze an.

Jetzt, da niemand mehr auf ihn achtet und er sich nicht länger auf seine Tarnung konzentriert, ist seine Haut so fahl und so schuppig wie ein Stück Schimmelkäse. Seine Zähne, von denen er mehr als genug in seinem viel zu großen Mund hat, sind zudem nadelspitz, und seine Augen erinnern an ein Krokodil, das einen gleich in den Fluss reißt.

Beim Anblick der Augen und dem gepeinigten Stöhnen einer älteren Lady neben mir kapier ich’s, macht irgendwas hinter meiner Stirn Klick!.

Den Namen krieg ich nicht mehr auf die Reihe.

Nur die grobe Geschichte.

Die geht in etwa so:

Früher haben Dämonen wie mein hübscher neuer Freund hier viele menschliche Friedhöfe heimgesucht und das Leid der Hinterbliebenen befeuert und sich daran gelabt, bis mutige Priester – mutigere Exemplare als jenes, das sich gleich in das offene Grab stürzt – sie vertrieben haben. Diese Dämonen ernähren sich von Selbstmordgedanken, die sie bei den Trauernden und Verzweifelten hervorrufen, indem sie deren Gefühle verstärken, und wenn sie keiner bei ihrer kranken Nummer stört, kriegen sie die volle Dosis der Energie, die sie brauchen.

Da fällt mir auch der Name wieder ein.

Grabräuber.

So werden sie in den alten Texten genannt.

„Wie wär’s, wenn du dich verpisst, Kumpel?“, sage ich. „Am Besten, puh, keine Ahnung … zurück in das Loch, aus dem du kommst, oder so?“

„Du bist nicht verzweifelt“, erwidert der Dämon mit einer heiseren Stimme wie frisch aus dem Grab. Es klingt anklagend und verwirrt, doch ein Stirnrunzeln kriegt seine fadenscheinige Menschenfassade aus altem Käse nicht hin.

„Dein Charme hat eben keine Wirkung auf mich.“ Ich lasse mich von seinem Reptilien-Starren nicht einschüchtern. „Du haust nicht freiwillig ab, oder?“

„Dies ist mein neues Reich“, sagt der Dämon salbungsvoll. „Viel zu lange habe ich in der Düsternis geschlafen.“

Ich zucke mit den Schultern.

Der Pisser wäre nicht der erste Dämon, der in einer Krypta eingesperrt war und durch Zufall befreit wurde.

„Alles klar“, sage ich, bücke mich und packe entschlossen die Schaufel eines Totengräbers, die neben mir am Boden liegt und auf ihren Einsatz wartet.

Mit so viel Action hat sie bestimmt nicht gerechnet.

Der Dämon sieht interessiert dabei zu, wie ich sie aufhebe, und reagiert auch dann nicht, als ich ihm noch beim Aufstehen die Schaufel mit voller Wucht gegen das Kinn knalle. Dafür prallt er mit einem überraschten Fauchen nach hinten, stolpert über einen Grabstein und geht ungelenk zu Boden.

Endlich fliegt sein blöder Hut davon.

„Da hast du dein Reich, Arschgesicht“, knurre ich, als ich behände hinterherspringe und die nimmermüde, unerbittliche Schaufel der Gerechtigkeit ein weiteres Mal ihr Ziel trifft. „Reichlich Kopfschmerzen!“

Sein Fauchen ignoriere ich weiterhin.

Da bin ich aber der Einzige.

Die Trauergäste, die sich erfreulich schnell von den Anfängen des selbstmörderischen Bannes erholt haben, nehmen unser kleines Handgemenge sehr wohl wahr und fangen an zu schreien und zu kreischen.

Wenigstens ist kein Held dabei, der regelmäßig ins Fitnessstudio geht und dem Dämon in einem Anflug von fehlgeleiteter Zivilcourage zur Hilfe eilt. Auch eine Attacke mit Pfefferspray bleibt aus, wobei ich mich automatisch frage, ob ich nur ein Zyniker bin oder wir wirklich so tief gesunken sind, dass man schon Pfefferspray mit auf Beerdigungen nehmen sollte.

Ob es auch Leute gibt, die Pfefferspray mit auf Kindergeburtstage nehmen?

Die Grübelei hält mich nicht davon ab, weiter auf den Dämon einzudreschen, bis ich mir wünsche, die verdammte Schaufel wäre ein Spaten, damit ich die Sache schneller beenden könnte.

Oder noch besser, eine Spitzhacke.

Oder eine Axt.

Äxte sind prima bei solchen Gelegenheiten.

So könnte das noch ein bisschen dauern.

Aber wenn ich ehrlich bin, macht’s sogar ein bisschen Spaß.

Der Tag ist doch nicht so übel geworden, wie befürchtet.

In der Ferne höre ich Polizeisirenen.

Da hat wohl jemand sein Handy gezückt, und Lamont und seine Jungs waren ganz in der Nähe.

Ich hoffe, der Detective hat sich schon eine Formulierung für seinen Bericht überlegt, damit ich trotz der vielen trauernden Zeugen nicht länger als nötig zwischen den nervösen Dealern in der Arrestzelle schmoren muss.

Beim Gedanken an die dreckverkrustete Kloschüssel in der Ecke der Zelle, in der ich schon zu oft gesessen und über Karma und Ex-Freundinnen nachgedacht habe, schlage ich vielleicht fester zu, als es noch unbedingt nötig wäre.

Ch. Endres

Christian Endres schreibt regelmäßig für den Tagesspiegel, die “Zitty Berlin”, “phantastisch!”, “Geek!” und viele mehr. Außerdem gehört er zum mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichneten Redaktionsteam von www.diezukunft.de. Im Comic-Bereich betreut er als Redakteur die dt. Ausgaben von Spider-Man, Batman, den Avengers, Flash, Conan und anderen. Als Autor wurde er bereits mehrfach mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet, u. a. für seine Storysammlung “Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes”. Seine Kurzgeschichten aus den Bereichen Horror, Krimi, Fantasy und Science Fiction erschienen in zahlreichen Anthologien und Magazinen, Basteis digitalen Thriller-Reihen “Horror Factory” und “Hochspannung”, und in englischsprachigen Publikationen wie “Weird Tales”, dem “Sherlock Holmes Mystery Magazine” und dem berühmt-berüchtigten Comic-Magazin “Heavy Metal”. Zuletzt wurde sein Roman “Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen” veröffentlicht.

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2 Kommentare auf "Grabräuber"

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Karin Reddemann
Webmaster

Chandler-Look, ergo cool.

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