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Gottes kalte Gabe

Es war einer dieser trägen, trockenen Tage, die nicht wirklich glücklich sind. Du nimmst sie hin wie einen langen lästigen Spuk, der Deinen Körper nass und salzig macht, willst Dich bewegen, wenn Deine Nase juckt, bist aber zu faul, um sie zu kratzen. Am Abend des 19. Augusts 1983 feierte ganz Pitzbach mittelalterliches Sauerfest in Humperdinks ausgebauter Scheune. Am Nachmittag holte mich Theresa, um bei mir zu sein, bis sie über den Verbleib meiner Seele entscheiden darf. Es ist Gottes Geschenk an sie.
Ich war sehr dick in diesem Sommer 1983, ein dickes sommersprossiges Mädchen in hellblauen Baumwollshorts mit zu kurz geschnittenem Stirnhaar und hüftlangen Zöpfen. Theresa gefiel es, dass ich unförmig und müde war. Sie liebte es, mit meiner Trägheit zu spielen, neckte mich lauernd, damit ich ihr folge wie ein Welpe, der erstaunt den ersten Schnee schmeckt, drehte sich wie eine Spitzentänzerin auf einem Bein im Kreis, das andere angewinkelt, die Arme ausgestreckt, sprang mit gerafftem Rock über die Gräber, ließ mich hinter ihr her keuchen und sie niemals kriegen. „Scht, fettes Kind. Schtscht. Fang mich doch.“ Theresa Ernestine Reitzenstein hätte wohl gern von meinem Speck gekostet, manchmal, wenn ihre grauen, fast wimpernlosen Augen einen unstillbaren Hunger verrieten, ließ ihn aber nur einmal zwischen Daumen und Zeigefinger rollen, als ich ihr unvorbereitet zu nahe gekommen war, kniff hinein, strahlte. Sagte: „Scht, süßes Kind. Schtscht. Wir sind schließlich Freunde.“
Die Mittagssonne verbrannte mir an diesem Tag im August 1983 in Pitzbach das Gesicht, auch die Knie, auf denen angeschmuddelte Pflaster klebten, sinnloses Indiz für den Versuch, über Tante Eddis Gartenzaun zu hüpfen. Ich fühlte mich einmal mehr wie ein plumpes Etwas, das durch den Sommer stolperte und hinfiel und wieder aufstand, um Tante Eddi pusten und streicheln zu lassen. Eine Dreizehnjährige, der die triefende Nase noch geputzt werden musste. Fast trotzig, ließ es mir gern gefallen, tröstete mich damit, erwachsen werden zu können, wenn ich erst einmal vernünftige Brüste haben und bluten würde. Der Hund schützte meinen weißen Bauch, der weich und viel zu kuschelig war, um ihn nicht hassen zu müssen. Er war heiß von Tinkas Körperwärme, ihr goldbraunes langes Fell saugte sich fest an meiner Haut, aber ich ertrug es und liebte sie für ihre kehligen Seufzer, denn sie war dick wie ich. Tinka hatte sich auf mich gequetscht, schnarchte und knurrte im Schlaf, während ihre Pfoten strampelten, als würde sie ihre hoffnungsvollen Tagträume jagen und erwischen, um sie glücklich zu zerbeißen. Tante Eddi, die sich auf ihr letztes Sauerfest in Humperdinks Scheune freute, schimpfte zärtlich und verlangte von mir, in den Schatten zu gehen. Ich blieb auf ihrer geblümten Liege, ohne mich zu rühren, zog an meinem Strohhalm und pustete Luft in das Glas, ließ Bläschen steigen und zerstach sie mit meinem rechten kleinen Fingernagel, weil er mein schönster war. Ein langer rot lackierter Nagel, die anderen kaute ich weg. Tante Eddis selbstgemachte Limonade war süß und dickflüssig wie Beerenauslese, die ich viele Jahre später schmeckte, um mich zu entschließen, sie nie wieder trinken zu wollen. Weil sie an meinen Eingeweiden nagte wie die Erinnerung an Theresa, die mich in diesem Sommer 1983 allerbeste Freundin nannte. Die auf dem Grabstein ihrer Eltern Pirouetten drehte und Schmetterlingen die Flügel herausriss, um sie zu schlucken wie die Erde auf ihrer eigenen Gruft. Ich sehe mich dort stehen in meinen verwaschenen Shorts, ich trage rote Sandalen, in denen sich winzige Steinchen verirren, und meine Hände greifen nach meinen Zopfenden, um sie zu kneten. Meine Augen sind grün, die gelben Sprenkel darin, die ich von Großvater Konrad habe, tanzen nicht. Ich höre mich flüstern, leise genug, um keinen zu wecken: „Warum tust Du das?“ Und wieder und wieder summt sie ihr Lied, hebt den langen gerüschten Rock, wippt mit den Füßen, die in schwarzen Schnürschuhen stecken, wiegt sich und lacht. Zupft an den honigblonden Locken, breitet die Arme aus, immer wieder macht sie das, wirft mir Luftküsse zu, sagt: „Gottes Gabe.“
Die Sommerferien verbrachte ich 1983, zwei Monate vor dem großen Feuer, bei der unverheirateten Schwester meines Vaters, Edeltraud Magdalene Großjohann, die am Dorfrand von Pitzbach in einem urigen Häuschen mit Hund Tinka und Haushälterin Anneli lebte. Tante Eddi war keineswegs vermögend, sie arbeitete als Pflegerin im Elisabeth-Seniorenstift, und manchmal schimpfte Papa, obwohl es ihn nichts anging: „Möchte nur wissen, wovon die alte Juffer ihr Personal bezahlt.“ Heute denke ich, dass Anneliese Kenkhoff mehr war als nur die gute Seele, die backte und kochte und putzte, um sich ein gemütliches Zuhause bei ihrer Eddi zu verdienen. Fragen kann ich nicht mehr. Das Haus brannte ab im November des Jahres, das mich erwachsen werden ließ. Eddi und Anneli kamen dabei um, wurden in Tante Edeltrauds riesigem Bauernbett entdeckt und diskret getrennt entsorgt. Gemeinsam schlafen sie jetzt nicht mehr. Es sei denn, Theresa hat sie herausgelassen, irgendwann, jetzt, morgen vielleicht, damit das Unerträgliche sich aus meiner Brust reißt, das mir die Leichtigkeit verwehrt hat, die ich nie erfahren durfte.
Am frühen Nachmittag des 19. Augusts 1983, unmittelbar vor meiner Begegnung mit der grausamen Toten, der ich in der Nacht vor meiner Heimreise nach Frankfurt unverdient meine Tränen geschenkt hatte, schaffte Tante Eddi es doch noch, mich von der geblümten Liege zu locken. Anneli und sie hängten im Garten Wäsche auf, kicherten und neckten sich, indem sie sich gegenseitig mit den feuchten Tüchern die nackten Oberarme kühlten. Der Geruch von Lavendelseife und frisch gemähtem Gras steckt immer noch irgendwo in meiner Nase, und sie versprachen mir Arme Ritter, Weißbrot in Eigelb und Zucker getränkt, gebraten, dampfend, gezaubert, um mich glücklich sein zu lassen. Mich, das dicke, faule Kind. „Ab mit Euch in den Wald. Dann gibt’s was Feines.“
Das galt uns, den beiden Fetten. Der Gedanke, für einen kleinen Spaziergang mit einem Hund, der meine Trägheit so gottergeben teilte, süß und gut belohnt zu werden, erschien mir weitaus angenehmer als die Vorstellung, den beiden die hölzernen Wäscheklammern reichen zu müssen, die in einem eierschalfarbenen Stoffbeutelchen an der Leine baumelten. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht half, aber ich war dankbar für meine Aufgabe, die mich wichtig mmachte. Mein Ausflug würde kurz sein, wie immer, wenn ich mir die Leine griff und über Feldkamps Wiese stapfte, hoch bis zur Wegkreuzung, wo es links nach Kornbach ging und rechts zum Pitzbacher Friedhof mit der Marienkapelle, wo der mannhohe Farn längst schon den Blick auf kunstvoll bemalte Butzenscheiben versperrt hatte. Meist ruhten Tinka und ich uns auf der Bank am Ortsausgangsschild kurz aus, blickten gemeinsam ins Tal auf die roten Kornhauser Ziegeldächer und schworen uns, sie nie mögen zu wollen. Unnötig, einen Fuß dorthin zu setzen. Der Wind trug den Geruch von gekochtem Kohl bis hinauf zum Moosbänkchen, das ich so nannte, weil das feuchte grüne Holz grundsätzlich nicht zum Hinsetzen einlud. Mir waren die hässlichen Flecken im Stoff ziemlich egal, weil ich aus meinen alten Shorts herausgewachsen sein würde, bevor die ersten Kastanien fallen sollten. Ich war gut dreizehn in diesem Sommer bei Tante Eddi in Pitzbach, vier Zentimeter länger als noch im Frühjahr, und ich sehnte mich danach, über Nacht ordentlich in die Höhe zu schießen, um groß und schlank zu sein wie Anneli. Meine schweren Zöpfe stören mich, und ich nahm mir vor, auch die anderen neun Fingernägel wachsen zu lassen, weil ich eine junge, hübsche Frau sein wollte. Später. Bald schon. Aber ich wurde nicht wirklich jung. Mein Kopf war alt, bevor ich ihn wie einen bunten Luftballon hätte steigen lassen können.
Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich Theresa tanzen, sehe, wie die ausgefärbte Spitze an ihren dünnen Ärmchen flattert, wie die Schleifenbänder an ihren Locken sich zu lösen scheinen, um dort zu bleiben, wo sie sind, immerfort an den gleichen Stellen über den weißen Ohren, an denen die Aquamarine hängen, ein Geschenk ihrer Mutter zu ihrem 14. Geburtstag am 17. Mai 1865, sechs Tage vor der Geschichte, die sie mehr als hundert Jahre später noch wirbeln und singen ließ mit ihrer hohen, klirrenden Stimme. „Scht, süßes Kind, schtscht. Scht, süße Tess, schtscht.“
Der Kohl stieg mir an diesem Nachmittag im Sommer 1983 auf der Moosbank am Pitzbacher Ortsausgangsschild wie frisch Erbrochenes in die Nase, derart intensiv, dass ich mir vorstellte, er würde in allen 133 Kornbacher Küchen seit Wochen auf dem Herd stehen, um ausgespuckt und wieder gegessen zu werden, und ich schüttelte mich und hustete Speichel auf die Ameisen zwischen meinen Füßen, um sie tauchen zu lassen. Manchmal denke ich, dass dieser Gestank gar nicht reell gewesen ist, nur ein dummer Streich meiner Phantasie, aber dann zweifle ich wieder, weil ich auch in dieser ersten Nacht nach meiner Begegnung mit Theresa gedacht, erträumt hatte, dass sie nicht wirklich dort gestanden hat neben meiner Bank in ihrem samtroten Kleid mit der vergilbten Spitze an ihrem Hals und an den Handgelenken, ein Kleid wie einem alten Bild entsprungen. Ich sollte ihr oft genug wieder begegnen, um nicht mehr länger vor mir selbst leugnen zu können, dass sie lebte. Irgendwie lebte, dabei leichtfüßiger als es ein Mensch wohl tatsächlich vermag über den Betten der Toten auf dem Pitzbacher Friedhof schwebte, ein böses, armes Mädchen, das seinen Eltern dort unter der Erde nicht vergeben wollte, die nach Barmherzigkeit schrien, gefangen in einem schwarzen Raum ohne Fenster, ohne Türen, ohne Theresas Gott.
Heute noch, wenn Dunkelheit mich schützt vor fragenden Blicken, bewege ich fast lautlos meine Lippen, ziehe mich auf wie eine Spieluhr, lausche der immer wiederkehrenden monotonen Melodie, singe leise, ganz leise, und warte mit Furcht darauf, dass der Wind ihre Stimme zu mir trägt, um mir zuzuflüstern, dass es nicht vorbei ist. „Scht, süßes Kind. Schtscht. Schlafe endlich.“
An diesem trockenen Sommertag 1983 am Ortsausgangsschild von Pitzbach, wo Tante Eddi und Anneliese Kenkoff am Abend Sauerfest feierten und im Herbst des gleichen Jahres in ihrer sauberen blau-weiß karierten Baumwollbettwäsche brennen sollten, stand Theresa Ernestine Reitzenstein wie aus dem Nichts aufgetaucht vor mir und riss mit ihren Zähnen blutige Fleischfetzen aus einem Fellbündel, kaute, ohne ihren Blick von mir abzuwenden, und schluckte die entsetzlichen Brocken, ohne ihre Lippen zu schließen. Den Rest warf sie Tinka vor die ausgestreckten Pfoten, auf denen ihr kleiner runder Kopf ruhte, unfähig, zu verstehen. So schien es mir damals. Aber vermutlich hatte sie sofort begriffen. Sie versteckte sich aufjaulend hinter meinen nackten zerstochenen Waden, zutiefst verstört von dem unerwarteten Mahl, das diese schreckliche Person ihr hatte schenken wollen, knurrte zögernd, kurz nur, um es dann aufzugeben, tapfer zu sein. Ich selbst hockte wie gelähmt auf meiner feuchten grünen Bank, starrte auf den rot durchtränkten Fellklumpen, starrte das fremde Mädchen an und zwinkerte mit den Lidern, nervös, wie ich es immer tat, um wieder aufzuwachen. „Katze.“ Sie sagte es gleichgültig, wischte sich den Mund mit dem Ärmel ihres Samtkleides ab, blickte weg ins wolkenlose Blau, seufzte, lachte. „Junge Katze. Der Hund ist zu alt, zu zäh. Scht, süßes Kind. Schtscht. Tu ihm nichts. Fresse ihn nicht. Fresse dich nicht. Spiel mit mir.“
Das war alles. Spiel mit mir, spiel mit ihr. Als wäre alles so herrlich leicht, so wunderbar selbstverständlich. Dieser Moment, der nicht zu mir gehörte, genügte, um alles in mir, was sich sträubte, ekelte, ängstigte, zu verschlingen, als hätte ich niemals etwas anderes getan als mit ihr zu gehen, dorthin, wo sie seit 118 Jahren tanzte zu einer Musik, die nur die Stillen dort unten hören. Die August-Hermann Reitzenstein, seine Frau Katharina und sein Bruder Friedwart, die in ewiger Nacht heulen, ohne Erbarmen immer noch hören müssen, weil sie nicht weg fliegen dürfen. „Gottes Gabe.“ Mehr erfuhr ich von Theresa nicht. Besser vielleicht, Anneli hätte niemals gesagt, was mich fragen ließ.
Ich hielt meine täglichen Verabredungen mit Theresa gewissenhaft ein, zur Freude von Tante Eddi, die glaubte, ich hätte Gefallen an den regelmäßigen Spaziergängen mit Tinka gefunden, die ich vorschob, um nichts erzählen zu müssen, das ich selbst nicht begriff. Tinka mied Theresas Nähe, legte sich unter das schmiedeeiserne Kreuz, das über dem verrosteten Pitzbacher Friedhofstor hing, und wartete auf mich mit spitzen Ohren, wohl allzeit bereit, das Weite zu suchen. Alles ist viel zu schwer, viel zu schwarz, um erklären zu können, warum ich Theresa so widerspruchslos gehorchte, warum ich mich nach ihr sehnte wie ein Kind, das Glasmurmeln mit dem anderen tauscht und in Unschuld ruht, solange es nicht nachdenken muss. Ich beobachtete sie angewidert und doch so merkwürdig fort von allem dabei, wie sie ziellosen Ratten auf dem Pitzbacher Friedhof die Kehle durchbiss, um sie auszusaugen und an ihnen zu knabbern. Warum ich ihr nachlief, ihr wortlos meine Aufmerksamkeit schenkte und süßen, gar boshaften Schauer verspürte, wenn sie die Toten verhöhnte, auf die Grabsteine spuckte und Knospen zertrat, um ihnen die Jugend nicht zu gönnen, die sie selbst auch nicht gehabt hat…ich weiß es nicht. Ich denke einfach, Theresa hatte etwas an sich, das jeglichen vernünftigen Gedanken in mir ausschalten konnte. Bis zu diesem letzten Tag vor meiner Abreise nach Frankfurt.
Anneliese Kenkoff, verwurzelt mit Pitzbach seit fünf, sechs Generationen, hatte von Kottermanns Steffen, einem braven einfältigen Schusterssohn aus Kornbach, erfahren, dass er „die kleine Frankfurterin“ zwei-, dreimal auf dem Pitzbacher Friedhof gesehen habe, ganz allein sei sie dort herumgelaufen und hätte wohl Grabinschriften studiert. Kottermanns Steffen muss sichtlich verstört gewesen sein, dachte aber wohl, das sei eine merkwürdige Marotte der Großstädter, die ihm nicht geheuer waren. Ich fühlte mich ertappt, gleichzeitig reizte es mich, jetzt, wo mir eh nur noch ein Tag blieb, Theresa zu erwähnen, wie man beiläufig erwähnt, sich ausruhen zu wollen. Anneli wusste von ihr. „Lange her. Armes kleines Ding.“
Theresa Ernestine Reitzenstein wurde kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag im Mai 1865 im Kornbacher Wäldchen, das an Ruprecht Hillfelds Kartoffelacker grenzte, vom eigenen Vater, August Hermann Reitzenstein, tot aufgefunden. Sie war wohl geschändet, dann erwürgt worden, wie Anneli es nüchtern formulierte, wissend, dass sie mich erschreckte. Nicht ahnend, dass sie mich lockte, die Wahrheit zu finden. Vergewaltigt. Getötet. Ruhelos und böse.
Meine kalte Freundin tobte, als ich ihr vorsichtig erzählte, was ich wusste. Sprang, wie ich es kannte, über die Grabsteine, die Namen nannten, die niemand wirklich rührten. Zertrat mit ihren schwarzen Halbstiefeln vertrocknete Eriken, Überbleibsel der vergangenen Weihnacht, schnappte nach Mücken und spuckte sie auf die Familiengruft, stopfte den Torf der Reitzensteins in den Mund und fraß ihn, ohne mein Würgen zu teilen. „Fette Freundin hat geschnüffelt. Unartig, unartig ist sie. Hat geschnüffelt.“ Sie kreiselte, tanzte, drehte sich, ging zu Boden und schaufelte die alte Erde tief in sich hinein, schluckte sie und blieb reglos liegen, Arme und Beine weit weg vom Körper, als würde sie an einem Kreuz hängen, das ich niemals angebetet hätte. Dann sprach sie, ruckartig und schnell, fast zu hastig, zu unwirklich, um sofort zu begreifen. „Onkel Friedwart. Friddel-Diddel. Haben nichts gesagt, nichts getan. Friddel-Diddel spielt mit mir, hebt den Rock, leckt Tessi-Kessi, süßes Kind. Scht, brave Tessi-Kessi. Schtscht. Haben gewußt. Nichts gesagt. Nichts getan. Süßes Kind. Scht. Wir sind Freunde. Schtscht. Hat mir wehgetan. Friddel-Diddel, tust mir weh. Scht. Kleines Mädchen. Schtscht. Tust mir weh, Onkel Friedwart, will nicht. Beißt mich, saugt mich, stößt mir Baum in mein Blut. Schrei nicht, Tessi-Kessi, nicht schreien. Stinkt auf mir, reißt mein Herz heraus. Schtscht. Kann nicht mehr atmen, keine Luft. Scht. Jetzt ist es gut.“
Sie atmete schwer, vielleicht so wie Untote atmen, wenn ihre Seele schreit. Ich weiß es nicht. Wusste es nicht. Weiß nur, dass ich mit hängenden Schultern dort unter der Trauerweide stand und mir vorstellte, an Worten ersticken zu müssen, die nicht die eigenen sind. „Liegen tief, kein Morgen, kommen nicht rauf. Kann sie holen, hol sie nicht. Süße Tess, schtscht, gute Tess.“ Ich war dumme dreizehn und hatte Schwierigkeiten, mich selbst zu erkennen. Aber das hier verstand ich. Theresa ließ ihre Eltern und Onkel Friddel-Diddel nicht heraus aus ihrem Grab. Ich verstand, dass sie da unten verfaulten und zerbrachen, von Selbstmitleid und Würmern zerfressen, dass sie jammerten und um Gnade winselten, dass der Wind über ihrem Grab flüsterte und das kleine Lied der toten Theresa mit sich trug, dessen Melodie sich durch die Erde bohrte und bohrt, immer wieder. Sie brüllten nach ihr. Ich stand dort an der Gruft, bewegungslos, atemlos, konnte sie hören, als ich die Augen schloss, um kurz nur bei ihnen zu sein, durchlebte ihre Schuld, ihre Trauer, ihre Angst, sah die anderen, die schweben dürfen, irgendwo im hoffnungsvollen Nichts, das ihnen doch noch irgendwann, vielleicht, voller Gnade Verheißung verspricht. Sah die, die für ihre Taten brennen müssen, ein immer wieder neu entfachtes Feuer, bevor sie das Vergessen bettet, um sie unschuldig wiederkommen zu lassen. Sah die, die rein und glücklich sind, denen nicht vergeben werden muss. „Laß sie frei, Theresa. Gott wird sie richten.“ Meine Stimme war in dem Moment, in dem ich das sagte, so alt, uralt und grau, so wissend und fremd. Ich war ein dreizehnjähriges Mädchen mit hüftlangen Zöpfen, so dick, so jung, so unerfahren, und doch war ich es, die wie eine Greisin sprach, die alles geträumt hat, was Gott und der Teufel einem Menschenleben an Träumen schenken können. Theresa sah mich an, ihre Augen waren dunkler, als ich sie in Erinnerung hatte, ihre Mundwinkel zuckten, und ich betete zum Himmel, dass er sie weinen lässt, endlich, nach so vielen Jahren. Ungläubig starrte sie auf mich, ihre fette kleine Freundin, die sie bat, ihre Familie zu erlösen, um sie einer anderen, starken Macht zu überlassen, vielleicht einer noch unbarmherzigeren, vielleicht aber auch einer, die endliche Qualen verspricht, die irgendwann loslässt für die neue Chance, die wir alle ersehnen. Und die ich mir auch für Theresa wünschte, die den Frieden finden würde, den sie nicht vermisste, weil sie ihn nie kennengelernt hatte. „Scht, süße Kinder. Schtscht. Tut nicht weh. Lass euch nicht raus, kann das, darf das, ist Gottes Gabe, sieht nur zu, sagt, süße Tess, gute Tess, spiel mit ihnen, wussten alles, nichts getan. Nicht verdient, nichts verdient. Rufe nach Mutter und Vater, halten sich die Ohren zu, werfen mich in die Grube, küssen Friddel-Diddels Kummer weg. Lassen ihn leben, lassen mich verrotten. Hurenpack. Teufelsbrut. Kotz Euch zu, verflucht, ihr alle. Hatte Zeit, habe Zeit. Schlafen jetzt nie, schtscht, leise, leise, schlafen aber nicht.“
Ich rannte davon, blind vor Tränen, ließ sie dort liegen, kehrte nicht um, blickte nicht zurück, während ihre Worte mich verfolgten, in meinen Kopf trommelten. „Geh nicht, fette Freundin, süße Freundin, geh nicht.“ Ich reiste am nächsten Tag ab, stieg in den Zug und schwor mir, mich vergessen zu lassen. Es sollte mir nie wirklich gelingen. In ungeteilter, schlafloser Dunkelheit höre ich sie wieder und wieder nach mir schreien, sehe sie zornig tanzen und empfange ihre düsteren Gebete, sehe sie heute noch dort stehen an meinem Bett in Frankfurt, kurz vor dem Feuer, lausche atemlos und voller Furcht. „Scht, fettes Kind, schtscht. Hast mich verlassen. Nehm mir Deine Brut. Nehm Dein Herz.“
Ich weigerte mich, meine Eltern zu begleiten, als Tante Eddi und Anneli begraben wurden. War nie wieder dort in Pitzbach, habe Angst, es doch noch einmal, ein letztes Mal aufzusuchen, jetzt, so viele Jahre später. Habe Angst, ihre Schreie zu hören, weil Theresa sie gefangen hält wie Friddel-Diddel und ihre Eltern. Manchmal tröste ich mich damit, dass Gott ihr mit Sicherheit nicht die Erlaubnis erteilt hat, über Eddi und Anneli zu entscheiden. Aber warum sah er weg, als sie brannten? Kann mich nicht lösen von dem Gedanken, dass Theresa sie hat sterben lassen. So grausam. So unnötig. Fürchte mich vor meinem Ende. Mag sein, sie holt auch mich. Lässt mich in der Erde, nimmt mich vielleicht mit. Nicht, um fliegen zu dürfen. Vielleicht auch nur, um mit mir zu tanzen, weiter und weiter, ohne Pause, ohne Gnade, weil Gott sein kaltes Geschenk nicht zurückfordert. Theresa wacht über mich, wartet auf mich. „Scht, süßes Kind, schtscht. Spiel mit mir.“

3980933636-280-172„Gottes kalte Gabe“ aus:
„Gottes kalte Gabe“, Kurzgeschichten, Karin Reddemann: Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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