George R. R. Martin – Armageddon Rock

 

armageddon-rockEin unvergessliches Erlebnis ist der Roman Armageddon Rock von George R. R. Martin, den man als Rockmusikliebhaber nicht so schnell vergessen wird. Um es gleich zu sagen, für den heute typischen Discogänger, der sich an einer von den Medien vorgeschriebenen Modewelle erfreuen kann, wird dieser Roman nichts sein. Jeder jedoch, der auch nur ein bisschen den alten Hippie in sich hat, wird dieses Buch lieben.
Hauptfigur des Roman ist der unbelehrbare Reporter Sandy Blair, in den Sechziger Jahren einst ein wahrer Hippie, jetzt ein wohlhabender Schriftsteller mit einem vorgeschriebenen Lebensweg. Dieser soll sich jedoch schwer ändern, als er den Auftrag bekommt, für eine Zeitung über den Ritualmord an einen berühmten Rockpromoter zu berichten.
Sandy macht sich auf den Weg, der für ihn ein Trip in eine bessere und sinnvollere Vergangenheit wird. Hauptthema seiner Ermittlungen, die ihn durch halb Amerika führen, sind die Ex-Musiker der Rockband Nazgûl, dessen Manager der Ermordete war. Die Nazgûl waren in den Sechziger Jahren eine führende Band der Hippiebewegung, die rund um die Vietnamkriegsproteste entstanden war.

Der Band wurde jedoch ein frühes Ende beschert, als auf dem riesigen Open-Air-Festival in West Mesa, der Nazgûl-Sänger Hobbins auf offener Bühne während des Songs “Armageddon Rag“ erschossen wurde. Die Band brach auseinander.
Seine Ermittlungen führen Blair zu jedem einzelnen Bandmitglied, und er ist bestürzt, zu sehen, was aus diesen einstigen Hippies geworden ist: einer leitet einen Tanzclub, der andere spielt völlig frustriert in einer jämmerlichen Barband, und der Letzte ist ein biederer Familienvater geworden.
Langsam verhärten sich jedoch die Gerüchte um eine Reunion der Nazgûl, die mit der Ermordung des Promoters zusammenzuhängen scheint. Hindernis einer Reunion war stets der fehlende charismatische Leadsänger Hobbins, der als unersetzbar gilt.
Je weiter Blair forscht, desto tiefer wird er mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Wie ein schlüpfender Schmetterling legt er unaufhörlich seine so verhasste Gegenwart ab und wird, ohne dass er selbst darüber nachdenkt, zu jenem Hippie, der er einst war.
Die Nazgûl-Reunion scheint jedoch ganz im Zeichen einer übernatürlichen Macht zu stehen, und es verhärtet sich der Verdacht, dass die Reunion einer Apokalypse dienen soll, auf dass sie die alten Zeiten wiederbringe.
Was Martin hier beschreibt, ist so intensiv, dass der Roman einen nicht mehr los lässt. Er ist geprägt nach der Suche einer Zeit, in der die Kids noch versucht haben, sich eine bessere Zukunft zu schaffen. Er ist somit ein ernstzunehmender Schlag gegen eine uninteressierte Jugend, die auf die Geschäftemachereien der großen Medien und der Plattenfirmen hereinfällt und somit Mythen unterstützt (man denke nur an all die heutigen Popstars), die lediglich aus Geldgier erfunden wurden.
Martin stellt diesen Modepüppchen eine imaginäre Rockband, die Nazgûl, entgegen, bei der es offensichtlich ist, dass sie nur (!) aus Begeisterung spielt, welche Martin in imaginären Bühnenauftritten eindringlich beschreibt. Tatsächlich imponiert diese Gruppe so sehr, dass ich, gäbe es sie wirklich, sofort in den nächsten Plattenladen rennen würde, um ihre Scheiben zu kaufen.
Trotz allem ist Armageddon Rock auch ein Horrorroman, obgleich die übernatürlichen Elemente sehr sparsam, aber dafür überzeugender gesetzt wurden.
Zu loben ist auch die deutsche Übersetzung des Hamburger Keyboarders einer Rockband, Peter Robert, durch die sich der Roman auch im Deutschen zum Teil lesen lässt wie ein fachkundiger Artikel in einer guten Musikzeitschrift. Erstaunlich ist auch die Tatsache, dass sich der Autor George R. R. Martin in erster Linie durch überladene SF/Fantasy-Fluchtliteratur einen Namen machte.

Originalausgabe: The Armageddon Rag, 1983

Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Cryptolog, Nr. 3, September 1987

 

Frank Duwald

Frank Duwald

1965 in Hagen-Haspe geboren. Verehrer abseitiger, zu Unrecht vergessener Literatur. Mitarbeit u.a. bei Printmagazinen wie “Nachtschatten” und “Das Heyne Science Fiction Jahr”. Seit 2013 Betreiber der Seite "dandelion | abseitige Literatur”

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