Gegen das Verblassen – Zum Tod von Malte S. Sembten

Malte S. Sembten ist nun schon seit zwei Wochen tot, und die Meldungen und persönlichen Beileidsbekundungen klingen langsam ab. Ist er damit schon vergessen?
Dass er das nicht ist, habe ich heute gemerkt, als ich auf meiner Facebook-Seite einen Literatur-Beitrag postete und plötzlich die Lücke realisierte, die er hinterlässt. Mir ist bewusst geworden, dass ich bei jedem literarischen Posting auf Facebook insbesondere auf einen Kommentar von Malte wartete – nun vergeblich. Es ist merkwürdig, dass er jetzt meine Beiträge nicht mehr kommentiert und durch seine intelligenten und wertvollen Ergänzungen bereichert. Er war derart belesen und beeindruckend kritisch, ja, außergewöhnlich autark im Denken, dass mir seine Einschätzungen immer am meisten bedeuteten. Die persönlichen Nachrichten, die er mir zu diversen literarischen Themen schrieb, könnte man, so wie sie sind, veröffentlichen, so kenntnisreich und perfekt geschrieben sind sie. Das war Malte.

Waren wir enge Freunde, wie es bei derartigen Geschehnissen vielen plötzlich wieder einfällt? Nein. Aber wir kannten uns schon als junge Erwachsene und haben über sehr viele Jahre gelernt, uns gegenseitig zu respektieren.
Es ist ein gutes Gefühl, sich an die Schrägheiten eines Menschen zu erinnern. Als Malte und ich uns kennenlernten, waren wir sehr jung, und keine Begegnung, kein Brief gingen ohne Gezeter von statten. Es waren Kleinigkeiten, die mich zur Weißglut treiben konnten. So hatte ich beispielsweise Malte damals für die einmalige Magira-Horror-Sondernummer eine Novelle mit dem Titel „Die Wörter an der Wand“ eingereicht. Gedruckt hieß sie dann allerdings „Wörter an der Wand“, was mich damals halb wahnsinnig vor Wut gemacht hatte. Bis heute bin ich fest davon überzeugt, dass er das extra gemacht hatte, um mich zu ärgern. Was ihm auch bestens gelungen ist.

Kennengelernt haben wir uns in den frühen 1990ern. Malte, Uwe Voehl, Uwe Sommerlad und ich beschlossen, bei einem gemeinsamen Treffen in Hannover, nach dem schleichenden Tod von Nachtschatten – damals dem Horror-Magazin schlechthin – etwas Neues, Ehrgeiziges dieser Art aus der Taufe zu heben. Die erste Hürde war der Name. Er sollte kosmopolitisch klingen und eindeutig als Horror-Magazin identifizierbar sein. So wurde innerhalb von Minuten aus Necronomicon und Cosmopolitan das heute legendäre Necropolitan.

Bereits nach der Null-Nummer des Magazins stieg ich im Guten aus, um mich mit dandelion (die erste Print-Variante) zu neuen Ufern zu begeben. Necropolitan wandelte sich unter Maltes Schirmherrschaft (Layout, Lektorat, eigene Beiträge, Illustrationen etc.) zu einem wahrlich beeindruckenden Magazin.
Irgendwann gegen Ende der 1990er hatte ich dann andere Prioritäten im Leben und zog mich wegen Zeitmangel aus der Literaturszene zurück. Damit versiegte auch mein Kontakt zu Malte.

Doch als ich vor drei Jahren mit dandelion | abseitige Literatur wieder heimkehrte und via Facebook all meine alten Literatur-Kontakte wiederbelebte, war natürlich auch Malte dabei. In den frühen Jahren unserer Bekanntschaft konnten wir uns wegen der kleinsten Kleinigkeiten zanken wie auf einem Basar, denn Malte war ein Lästerer vor dem Herrn. Ich allerdings auch. Bei all diesen jungblütigen Sticheleien hatten wir aber immer Respekt voreinander, und das ist für mich heute die beste Erinnerung an ihn.
Als wir 2013 wieder in Kontakt traten war das alles wie weggewischt. Ich glaube, wir haben beide intuitiv gespürt, dass die Zeit für diesen Quatsch einfach vorbei war.

Eine der größten Ängste vor dem Sterben ist für viele die, einfach zu verblassen, letztlich völlig zu verschwinden, als hätte man nie existiert. Gegen das Vergessen Maltes sprechen seine bewunderten Bände mit Horror-Erzählungen, die viele zum Besten zählen, was die deutsche phantastische Literatur in den letzten Jahren hervorgebracht hat.
Persönlich traurig stimmt mich, dass zwei gemeinsame Vorhaben, die Malte und ich geplant hatten, nicht mehr zur Ausführung kamen. So hatte Malte fest zugesagt, einen Beitrag zu meiner dandelion-Reihe „Die liebsten Liebesgeschichten“ beizusteuern. Die Bücher, die er besprechen wollte, sind Manon Lescaut von François Prévost, Krieg und Frieden von Lew Tolstoi und Kenelm Chillingly von Edward Bulwer-Lytton.
Ebenfalls spruchreif war eine Wiederveröffentlichung seiner exzellenten Rezensionen aus Necropolitan hier im Phantastikon. Die Planungen waren bereits konkret, und wir waren uns einig geworden, den Charme der alten Texte zu belassen und lediglich Fehler zu korrigieren. Eine Entscheidung, die dem Perfektionisten Malte S. Sembten mit Sicherheit nicht ganz leicht gefallen ist.

Auf seinen Internet-Plattformen ist Malte S. Sembten immer noch präsent als wäre nichts geschehen.
Ich hoffe inständig, dass niemand die Passwörter zu seinen Facebook-Accounts und seiner Homepage kennt, so dass wir ihn weiterhin dort besuchen können, wohin er all seine Motivation und Kraft fließen ließ.

Frank Duwald

1965 in Hagen-Haspe geboren. Verehrer abseitiger, zu Unrecht vergessener Literatur. Mitarbeit u.a. bei Printmagazinen wie “Nachtschatten” und “Das Heyne Science Fiction Jahr”. Seit 2013 Betreiber der Seite „dandelion | abseitige Literatur”