Gazellenmilch

Der Krankenwagen trudelt ein und wendet ungestüm. Sein blaues Licht verscheucht die Schneeblindheit. Die weißbraune Grütze tropft aus den Radkästen. Beinahe gleichzeitig trifft ein neuer Funkspruch ein und plappert munter in Michels Volkswagen vor sich hin, der quer über der Straße steht. Die Beamten haben aufgehört, sich um die Bergung zu kümmern und diskutieren gebührlich, auf Schaufeln, Besen und Rechen gestützt, mit den Fahrern, die um jeden Preis hier durch wollen – anstatt die B15 zu nehmen – und dabei wild mit den Händen gestikulieren und damit ein neues Alphabet probelaufen lassen. Die meisten von ihnen sind ausgestiegen, heben sich gegen den Horizont ab wie Manschetten, die das Bündchen der Landschaft verschließen, wie Stulpen am Rande der morgendlichen Szenerie, um sich nicht entgehen zu lassen, was sich dann vielleicht im Bekanntenkreis ausschlachten lässt.
Jetzt, denkt Hohenner und schreitet zur Tat. Michels unterhält sich lebhaft mit der Zentrale, die Zeit ist gekommen. Der Arzt beugt sich über Max Schirmer, wirft einen reflexhaften Blick zurück – keiner achtet auf ihn. Bald werde ich Argos sein. Schatzkarten habe ich studiert und bin ihnen gefolgt, um Mist in meine Hände zu nehmen, längst verfallenes Zeugnis unedler Metalle.
Die Augen bleiben stumm, mit Daumen und Zeigefinger zieht er die Lider des Leichnams nach oben, gar nicht so einfach bei dieser Kälte, fährt dann mit einem Löffel, vom Tränenapparat angefangen, in die Augenhöhle und durchtrennt dabei die Augenmuskulatur. Die beiden Augäpfel verstaut er in der Innentasche seines Mantels, hartgefroren, wie Murmeln fühlen sie sich an. Niemand da, der dir die Höhlen mit Gazellenmilch auswäscht. Ein verklärtes Lächeln bemächtigt sich seiner Lippen.

Die Augen bleiben stumm.

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