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Furchtbar…zu wissen, wie furchtbar der Mensch ist

Selig die Unwissenden. Oder kompromisslos unselig. Das käme wohl auf die Perspektive an. Manchmal komm ich mir so verflucht scheinheilig vor. Ich schreibe, spüre, sehe Horror. Ich denke ihn. Und liebe ihn, weil ich ihn schmecken und fressen und ohne Magenschmerzen wieder ausspucken kann. Er fügt mir, dir, euch keinen Schaden zu, er unterhält. Hält Luft an. Lockt. Lauert. Lacht. Schreit. Schweigt. Inspiriert. Vielleicht aus das, es bleibt im Kopf und auf dem Papier. Soweit ist das gut. Es ist richtig. Was ich nicht und niemals mache: Horror zu atmen und zu leben. Er ist furchtbar. Ich wäre furchtbar. Viel zu human. Viel zu böse.

“Die Menschen müssen begreifen, dass sie das gefährlichste Ungeziefer sind, das je die Erde bevölkert hat.” (Friedrich Hundertwasser)

Ich genieße meine Phantasie. Ihre Schatten. Ihre Spinnweben, dunklen Ecken, tiefe Gräben, Klauen aus dem Nichts. Und finde doch gleichzeitig alles entsetzlich, was mit Vorstellungskraft, mit Denken, Sagen und Handeln zu tun hat, das nur eins verbindet: Das Menschliche. Das Reelle. Und damit das unbegrenzt Furchtbare. Das Wissen davon. Das Begreifen und die Fassungslosigkeit. Ist das tatsächlich scheinheilig? Oder muss das so sein, um den Wahnsinnigen abzuschwören, die nicht Geistesbrüder, sondern Schlächter sind?

Da sind die Bilder, die ich kenne. Unerfreuliche, unfreundliche Bilder, an denen man, wie in einer echten Galerie, vorbeischlendern kann, um einen flüchtigen Blick darauf zu werfen. Dann blieben sie ein kurzer Spuk, der verblasst und verschwindet. Man kann auch verweilen, staunen, starren, schlucken. Speichern. Weiterziehen. Davon wachbleiben und trotzdem träumen. Wirklich schlecht träumen.

“Je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie.” (Otto von Bismarck)

Wenn ich nachdenke, richtig nachdenke, wünsche ich mir Nächte des Vergessens. Dann schüttle ich barsch den Kopf. Das geht gar nicht. Vergessen. Verdrängen. Weit, weit wegschieben. Es wird immer weiter getreten, geschlagen, gequält. Folter ist keine Gruselmär. Sadismus keine Philosophie. Und das Mittelalter ist ewig. Unendliche Schande.

“Je mehr jemand sich schämt, desto anständiger ist er.” (George Bernard Shaw)

Ich bin kein wirklich guter Mensch. Was ist das überhaupt? Mitleid empfinden zu können, das ist, denke ich, viel. Verdammt viel. Und ja, das zumindest kann ich. Aber feige bin ich. Und oberflächlich. Es macht mich zornig. Alles. Immerhin.

“Weh dem Menschen, wenn nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt.” (Christian Morgenstern)

Auch das unterschreibe ich trotzig. Kraule meinen Hund und denke, das muss genug sein. Ist es nicht. Es ist lächerlich. So hilflos. So traurig. So klein.

“Zu den Steinen hat einer gesagt: “Seid menschlich.” – Die Steine haben gesagt: “Wir sind noch nicht hart genug.” (Erich Fried)

Ich will nicht hart sein. Ich will Horror schreiben. Und danach ein Eis essen und in die Sonne sehen.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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