News Ticker

„Für mich gibt es keinen typischen Horror“: Der Vincent-Preis

Phantastikon: Schön, dass Ihr Zeit für uns habt. Hochsaison bei Euch?

Urkunde VP 2015 blankElmar: Die haben wir nun hinter uns. Und danke nochmal, dass du uns die Zeit auch zugestanden hast. Aber ja, man kann schon sagen, dass von Januar, wenn die ersten Stimmen für die Nominierungsrunde eintreffen, bis Ende April, wenn die Verleihung stattfindet, von Fleißarbeit geprägt ist. Mails sichten, Stimmen zählen, Listen abgleichen. Am Ende die Urkunden erstellen und drucken lassen. Die Verleihung in Marburg und die glücklichen Gesichter der Preisträger, bzw. die Anerkennung, die wir dort auch ernten sind dann der Lohn für die ganze Arbeit.

Phantastikon: Alles hat seine Geschichte. Welche ureigene erzählt der Vincent-Preis?

Elmar: Aus der Taufe gehoben hat den VP Michael Schmidt, der die Idee hatte, einen Horrorpreis, ohne Fantasy, SF, Romantasy, Urban Fantasy und was sonst noch alles, ins Leben zu rufen, unter anderem, um den deutschen Horror zu fördern.

Markus: Dann ist erst Elmar dazugekommen. Später sind dann Eric und ich noch dazugestoßen, weil gerade das Sammeln der einzelnen Horrorbücher mehr Aufwand bedeutet als man meint. Michael Schmidt wollte sich dann wieder mehr auf seine eigenen Projekte konzentrieren, daher machen wir drei das nun seit gut zwei Jahren ohne den Gründer weiter.

Phantastikon: Worauf genau begründet sich die Idee, einen solchen Preis ins Leben zu rufen? Hattet ihr es einfach nur satt, dass uns der englischsprachige Raum auch da eine Nase dreht, oder wart ihr wirklich davon überzeugt, dass es auch bei uns preiswürdige Arbeiten gibt?

teatroElmar: Ich denke überzeugt sind die Beteiligten davon schon lange. Mich persönlich haben die Angloamerikaner zu der Zeit, als ich den deutschen Horror für mich entdeckt habe, überwiegend gelangweilt. Und was ich da zu Anfang in die Hände bekam – sehr früh Malte S. Sembten und Markus K. Korb – hat mich vom Fleck weg überzeugt. Nach und nach habe ich gemerkt, dass es da eine ganze Szene gibt, die ähnlich denkt.

Markus: Es gab vor zehn Jahren einfach keinen Preis für deutsche Horrorliteratur. Es gab zwar damals schon einige Phantastikpreise, aber da hatten Horrorsachen kaum Chancen, weil – machen wir uns da nichts vor – Fantasy- und, mit Abstrichen, Science-Fiction-Literatur haben wohl mehr Fans als Horrorliteratur.

Phantastikon: Als Euer Ziel nennt Ihr die Förderung deutschsprachiger Werke des Horror-Genres und der unheimlichen Phantastik. Das klingt nach gewaltigem Anspruch. Wie weit seid Ihr bis dato gekommen?

Keine MenschenseeleElmar: Ich sage mal, die Förderung ist idealistischer Natur. Wenn ich nach inzwischen neun Jahren VP dann sehe, dass der Preis in den Autorenvitae auch namhafter Autoren auftaucht, dass Verlage damit werben, dass wir für Interviews angefragt werden – dann haben wir schon etwas erreicht.

Phantastikon: Gutes verdient Förderung. Begabung vorausgesetzt. Die haben aber viele nicht. Sollte der Markt mal gründlich aufgeklärt und anschließend ausgemistet werden?

Elmar: Vor einigen Jahren kam diese Diskussion wieder hoch angesichts der vielen Self-Publisher, die alles Mögliche über den damals neuen Dienst Amazon CreateSpace herausgehauen haben. Inzwischen lässt sich beobachten, dass dies weniger wird, sich der Markt also ganz alleine wieder gesund schrumpft. Solcherlei reguliert sich m.E. von selbst.

barkerMarkus: Das sehe ich genauso. Schaut man sich die Horrorlisten in unserem Blog an, ist ein Abwärtstrend bei der Quantität deutlich zu erkennen. Vor ein oder zwei Jahren wurden deutlich mehr Horrorromane und -kurzgeschichten veröffentlicht. Das lag an den Self-Publishern. Aber mittlerweile haben die auch bemerkt, dass das Publikum nicht jeden Scheiß kauft, nur weil Horror draufsteht. Wobei ich jetzt nicht sagen möchte, dass alles, was aus dem Self-Publisher-Markt gekommen ist, schlecht ist. Auch da gab und gibt es tolle Sachen.

Phantastikon: Hoffnungsvolle Autorenaugen blicken auf Euch. Was bedeutet es in der Szene, nominiert, ausgezeichnet zu werden?

Elmar: Hm. Gute Frage. Es gibt natürlich mehrfach ausgezeichnete Autoren, die sich immer wieder freuen, Newcomer freuen sich meist ganz besonders, das ist immer wieder schön. Doch gibt es auch solche, die sich die Urkunde wohl hinter den Schrank hängen. In diese Köpfe lässt sich schlecht reinschauen. Aber die positiven Rückmeldungen überwiegen.

Phantastikon: Hattet ihr jemals Bedenken, allein das Publikum entscheiden zu lassen und nicht etwa eine „berufene Jury“? Vermutlich wurde doch viel von dem, was bewertet wird, gar nicht gelesen oder ist den meisten sogar unbekannt. Wie repräsentativ ist das Ganze?

constantin-dupien-hrsg-mc3a4ngelexemplare-hauntedElmar: In den ersten Jahren gab es sogar eine Art Jury, deren Stimmen mehr gewichtet wurden als die anderen. Das haben wie aber aufgegeben. Wenn ich mal von mir ausgehe, ich habe gar nicht die Zeit, alles was infrage kommt, zu lesen. Ich denke, das ist für jeden illusorisch. Da es aber ein recht überschaubarer Kreis an Abstimmenden ist und man an den Mails und Stimmen sieht, dass sich diese Leute auch mit dem Genre beschäftigen, halte ich den Preis noch immer für aussagekräftig.

Phantastikon: Gähnende Leere herrscht ja nun nicht auf dem Markt vor, dafür sorgen, – auch -, die unzähligen Eigenveröffentlicher. Wo ist Weizen, wo ist Spreu? Überblick (un-) möglich?

Markus: Wie oben schon erwähnt. Es wird wieder weniger. Und man kann die Self Publisher nicht über einen Kamm scheren. Da gibt es gute und schlechte, wie bei Verlagsautoren auch. Und dann kommt noch dazu, dass jeder Leser andere Vorlieben hat. Den Autoren, den ich schlecht finde, findet jemand anderes wieder gut.

Den Überblick zu behalten, ist natürlich schwierig. Man kann nicht alles lesen. Außerdem ist in vielem, wo Horror auf dem Titel steht, gar kein Horror drin. Und viele Sachen, die von Verlagen als Thriller angepriesen werden, sind in meinen Augen Horrorromane. Nur kann man das im Moment wohl nicht auf das Cover schreiben, weil sich das Label “Horror” gerade nicht verkaufsfördernd auswirkt.

Elmar: Ich will und kann die Eigenveröffentlicher nicht verdammen. Oft genug zeigt die Erfahrung, dass gute, doch unangepasste Autoren es schwer haben, wahrgenommen zu werden. Da bietet das Self-Publishing das Mittel der Wahl. Einige der ersten Stunde haben auch inzwischen den Sprung in einen Verlag geschafft. Wobei ich noch nicht einmal weiß, ob das für einen Schreiber überhaupt noch ein wünschenswertes Ziel ist. Man sollte da nicht pauschalisieren.

Phantastikon: Vor den unzähligen Selfpublishern und Ebooks graust es einen förmlich. Bestehen da überhaupt echte Chancen? Schwer vorstellbar. Wie seht Ihr das?

Elmar: Wie erwähnt glaube ich gerade zu beobachten, dass dieses Angebot wieder schrumpft. Auch haben viele offenbar gemerkt, dass ein ansprechendes Cover und ein Korrektorat/Lektorat einfach dazu gehören. Da die Szene recht rege ist und auch gerne vieles kommentiert kann man sich m.E. schon ein Bild von Spreu und Weizen machen, wenn man das möchte.

Markus: Klar gibt es von Selfpublishern Bücher, vor denen es mir graut. Aber die gab und gibt es auch in der Kleinverlagsszene. Und selbst bei anerkannten Verlagen ist auch nicht immer alles Gold was glänzt. Ich gehe da immer recht unvoreingenommen an die Sache. Mir ist zunächst einmal egal, wie ein Buch erscheint. Für mich ist es wichtig, ob die Qualität stimmt – dann ist es mir egal, ob es bei Suhrkamp oder Festa erscheint, oder es jemand alleine als E-Book bei Amazon auf den Markt wirft.

Phantastikon: Wie definieren sich für Euch wirklich guter Horror und gute Phantastik?

Elmar: Ich stehe total auf Überraschungen, unvorhersehbare Wendungen oder Pointen, die jedoch Sinn machen müssen. Außerdem mag ich Geschichten, in denen die Protagonisten erst unmerklich, dann immer tiefer in einen Ereignisstrudel gezogen werden, ohne dass sie sich wehren können.

Was gar nicht geht sind plumpe Nacherzählungen bekannter Stoffe, Gewalt nur um zu provozieren oder Irgendwas und Zombies.

Markus: Die Genre-Definition. Über das Thema kann man ganze Bücher schreiben. Gerade bei Horror finde ich es besonders schwierig, denn was für den einen ganz fürchterlich ist, lässt den anderen vielleicht vollkommen kalt. Für mich ist Horror etwas, das Schrecken verbreitet, dass mich erschreckt. Und das kann vieles sein.

Phantastikon: Auf dem internationalen literarischen Parkett dürfte mehr (mit-)getanzt werden. Sind wir zu steif dafür? Äffen wir nur ungelenk nach und bringen uns selbst nichts bei?

Markus: Deutsche Literatur hat es generell im Ausland schwer. Cornelia Funke verkauft sich wohl ganz gut, Bernhard Schlink ist in den USA bekannt, seitdem Oprah mal ein Buch von ihm in die Kamera gehalten hat. Sonst fallen mir jetzt auf Anhieb keine internationalen Millionseller ein. Es werden natürlich auch nur diejenigen übersetzt, die sich hierzulande gut verkaufen. Und da sich hierzulande einheimischer Horror gut verkauft, warum sollte er sich dann international vermarkten lassen.

Elmar: Ich denke, das gibt auch der Markt nicht mehr her. Andere Genres sind in Breite gefragt und nur noch vereinzelt erscheint ein Horrorroman in einem Publikumsverlag. Meist die, die sich auch in den Heimatländern gut verkauft haben oder das der Verlag eben bei einem bestimmten Deal mit kaufen musste. („OK du bekommt „Stolz und Vorurteil und Zombies“, wenn du auch noch „Cheerleader gegen Zombies“ nimmst“)

Phantastikon: Typisch deutschen Humor soll es ja geben, wie auch immer der geartet ist. Gibt es auch typisch deutschen Horror? Oder ist alles nur geklaut?

Elmar: Eigentlich sollte es davon viel mehr geben. Deutschland verfügt immerhin über einen nicht unbeträchtlichen Sagenschatz. Der einzige, der das irgendwie konsequent angegangen ist, ist meines Wissens Gunther Arentzen in seiner Christoph Schwarz-Serie. Inzwischen auch die Österreicher mit „Morbus“ und „Omen“.

Ob es eine typisch deutsche Art von Horror gibt, kann ich nicht beantworten. Ich mag z.B. Geschichten, die eine surreale Grundstimmung innehaben, man nicht weiß, wo Realität und Fantasie aufeinander stoßen. Das gibt es gar nicht so selten bei deutschen Autoren. Doch mglw. auch bei anderen, die nur nie nach Deutschland gekommen sind.

Markus: Nein. Für mich gibt es keinen typischen Horror, also erst recht keinen typisch deutschen Horror.

Phantastikon: Wie muss eine Idee sein, die nicht im Schauer-Eintopf landet, weil sie ein eigenes Rezept verdient und wirklich kein bisschen nach Zombie & Co. schmeckt?

Elmar: Ich weiß nicht, ob es da ein Patentrezept gibt. Es sollten schon mal keine Zombies vorkommen J. Nein Spaß beiseite. Wenn es überraschend und passend eingesetzt ist, auch Zombies von mir aus. Für mich gilt hauptsächlich: Nur nicht vorhersehbar

Markus: Das ist schwierig. Irgendwie hat man ja das Gefühl, dass alles schon einmal da gewesen ist. Bis dann wieder mit einer Sache um die Ecke kommt, wo man denkt. Wow! Das kenne ich so noch gar nicht. Wenn ich da ein Rezept hätte, würde ich selbst einen Bestseller schreiben. Und das, wo ich haargenau weiß, dass ich überhaupt kein Talent für Fiktion besitze.

Phantastikon: Und wie muss eine Schreibe sein, die so verdammt gut ist, dass man liest und liest und darüber glatt vergisst, dass man neidisch werden könnte?

Elmar: Auch das kann wohl jeder nur für sich selbst beantworten. Ich mag es gerne etwas antiquiert. Es darf auch gekünstelt sein. Wenn es aber trotzdem flüssig ist, gut zu lesen und man raus merkt, dass sich der Autor trotzdem selbst nicht allzu ernst nimmt, das ist perfekt. Natürlich muss es aber zum Inhalt passen.

Markus: Ganz einfach: So wie die Schreibe von Stephen King. 😉

Phantastikon: Literarische Wetterprognose: Wie kalt oder heiß wird’s morgen in der Dunkelheit?

Elmar: In der Szene hat der Horror in den letzten Jahren schon einen kleinen Boom erlebt. Mit den Self-Publishern, von denen sich nicht wenige etabliert haben. Außerdem wurden mehr Verlage gegründet als gestorben sind, ich möchte hier den Luzifer Verlag, Voodoo-Press, den Verlag Torsten Low, den Amrun Verlag, den Art Skript Phantastik Verlag nennen, und viele weitere, die alle Qualität abliefern, so dass an ein Schrumpfen des Genres nicht zu denken ist. Die Prognose also eher heiß und jeder wird die passende Lektüre finden.

Markus: Ich sehe es nicht ganz so optimistisch wie Elmar. Luzifer und Voodoo Press haben wohl gemerkt, dass sich internationale Autoren besser verkaufen lassen als deutsche – wie auch Festa schon vorher. Die Publikumsverlage haben es in den letzten Jahren versucht (Heyne: “Berlin Requiem” von Peter Huth, Bastei VP-Gewinnerin Issa Grimm mit “Klammroth”), aber wohl nicht viel verkauft. Und die kleineren Verlage haben ihre Fans, aber außerhalb einer kleinen Szene läuft da auch nicht viel. Also wird es vorerst wohl noch beim Dämmerlicht bleiben – auch wenn ich mich gerne vom Gegenteil überzeugen lasse.

Phantastikon: Der 23. April war Euer Tag. Mit Lampenfieber und Gala-Outfit?

Elmar: Lampenfieber klar. Doch ist die Verleihung inzwischen recht familiär, so dass das gar nicht notwendig ist. Und man ist ja nicht alleine „auf der Bühne“. Und bequem sollte es sein.

Markus: Ich hasse es, vor mehreren Leuten zu reden. Aber irgendwie gewöhnt man sich an alles. So habe ich auch diesmal die Preisverleihung hinter mich gebracht.

Phantastikon: So soll es sein. Dankeschön an Euch.

Elmar: Danke auch dir, Karin für die tollen Fragen.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


Um einen Kommentar zu verfassen, müssen Sie mit den Datenschutzbedingungen einverstanden sein.

*