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Für eine Handvoll Dollar

Als Leones Per un Pugno di Dollari in das deutschen Kino kam, starb im Lichtspieltheater nebenan der Häuptling der Apachen.

1965 sah man man Winnetou III mit Pierre Brice und Lex Barker, Luis de Funés in Fantomas gegen Interpol, Heidi mit Almöhi Gustav Knuth, Der Unheimliche Mönch von Edgar Wallace und Jane Fonda als Cat Ballou (Hängen sollst du in Wyoming). Und man sah in Für eine Handvoll Dollar diesen schweigsamen, athletischen, unrasierten 1,93-Meter-Mann mit Poncho und schwarzem Zigarillo im Mundwinkel das Dörfchen San Miguel aufmischen. Das machte er verdammt ureigen-heroisch gut. Seine unehrbaren Absichten, – Dollarnoten anti Skrupel, Gold anti Moral – , sehen wir ihm bis heute als Fair-Play für das eigene Ego nach, – für was auch sonst?-, weil … nun, weil das im Italo-Western so ist. Sein soll. Sein muss. Exakt seit diesem Film.

Soweit, so normal. Filme unterschiedlichster Couleur werden Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt gedreht, sie geraten in Vergessenheit, bleiben mal in liebevoller, mal in schlechter Erinnerung. Oder sie zählen irgendwann zu den Epochebereitenden. Zu den begnadet Unsterblichen. Dass Für eine Handvoll Dollar (Arbeitsstitel: Il Magnificio Straniero), 1964 hauptsächlich in der zerklüfteten Landschaft der spanischen Provinz Almería bei gleißendem Sonnenlicht und lästigen Budget-Engpässen gedreht, ein ganzes Genre prägen würde, hat vermutlich alle Beteiligten verblüfft, die am Set über fehlende Toiletten in den Wohnwagen maulten. Und die mit schiefem Grinsen im Gesicht achselzuckend einfach inmitten rauster, gleichwohl schönster Urnatur weitermachten, weil erst gar keine Wohnwagen gestellt wurden. Geschweige denn, dass Elektrizität vorhanden war.

Egal. Entscheidend war, wie Leone sein Team bei Laune hielt: Mit Gelassenheit, Einfallsreichtum, viel Improvisationsgeschick, professionellem Überblick und der Prophezeiung, etwas phantastisch Einmaliges auf die Leinwand zu bringen. Mit einem Hauptdarsteller, der so unverwechselbar faszinierend sein sollte wie der in Samt und Seide gekleidete, goldgelockte Prinz im Märchen. Nur anders. Ganz anders.

(Fast) menschenleeres San Miguel: Duell mit Ramon Rojo in der Sonne

Fest stand vor Drehbeginn: Ein US-Schauspieler sollte Joe, den geheimnisvollen Reiter, spielen, das war Bedingung der Geldgeber. Die waren eh misstrauisch. Die Story war ihnen zu banal. Hatte man irgendwie bereits, kannte man schon. So oder ähnlich: Irgendein Unbekannter kommt ins Wüstenkaff San Miguel, in dem zwei verfeindete Familien, die Rojos und die Baxters, das Sagen haben. Beide haben Dreck am Stecken. Die einen wollen der mexikanischen Regierung Geld stehlen, die anderen verkaufen Waffen an aufständische Indianer. Der Fremde wittert auf beiden Seiten rasch zu verdienende Dollars, spielt ergo falsch, wird entdeckt, böse verprügelt, es fließt Blut, fliegen Fetzen, fallen viele, viele Schüsse, und am Ende reitet der Unbekannte, dessen Vornamen man nun kennt, – eben Joe -, ein zufriedenes Stück reicher davon. Zwischendurch zeigt der harte Kerl ein bisschen Herz und rettet die misshandelte Marisol (gespielt von Marianne Koch) und deren kleinen Sohn.

Viel Raues und eben auch Herz: Der Fremde hilft der schönen Marisol (Marianne Koch)

Gut. Die Rahmenhandlung haute nicht unbedingt um. Andererseits erweckte diese mitleidlose Brutalität, die thematisiert werden sollte, durchaus gönnerhaftes Interesse. Und trotzdem: Ein Western, der sich laut Bekunden von Sergio Leone an einem Samuraifilm (Yojimbo, 1961: Regie: Akira Kurosawa) orientierte? Ein italienischer(!) Western, gedreht von irgendeinem Italiener mit höchst eigenwilliger Musik irgendwo in den spanischen Pampas? Da sollten zumindest die Namen international klingen: Leone wurde (vorübergehend) zu Bob Robertson, Komponist Morricone zu Dan Savio, Kameramann Massimo Dallamo zu Jack Dalmas, Schauspieler Gian Maria Volonté (im Film: Ramón Rojo) zu John Wells und die Produzenten Arrigo Colombo und Giorgio Papi zu Harry Colombo und George Papi.

Für die Rolle des Fremden hätte Leone ursprünglich gern Henry Fonda oder Charles Bronson gehabt. Die lehnten beide ab. James Coburn verlangte mit 250.000 Dollar eine zu saftige Gage und behauptete später, er habe noch nie ein derart schlechtes Drehbuch vorgesetzt bekommen. Richard Harrison bedauerte, terminlich nicht abkömmlich zu sein, schlug aber den jungen Eastwood vor, der in der Westernserie Tausend Meilen Staub (Originaltitel: Rawhide, 1959 – 1965) den Cowboy Rowdy Yates spielte. Keine wirklich tragende Rolle, aber immerhin ermöglichte sie dem gutaussehenden Blonden aus San Francisco einen größeren Bekanntheitsgrad und damit verbunden die Aussicht, nicht irgendwann wieder als Schwimmlehrer arbeiten zu müssen. Musste er nach Für ein paar Dollar mehr auch nicht.

Eastwood nahm das Angebot umso lieber an, weil er gern nach Spanien und Italien reisen wollte, zudem konnte er natürlich die 150.000 Dollar gut gebrauchen, die ihm das Engagement brachte. Bei seiner Ankunft am Set hatte er Stiefel und Revolvergurt aus Tausend Meilen Staub im Gepäck, – Leone gab nicht unnötig Geld aus für Sachen, die man getrost borgen konnte, eine Tugend, die Eastwood auch in seiner eigenen späteren Karriere als Regisseur beibehielt -, und er war bereits typisch ausstaffiert: Gebleichte Jeans, ärmellose Schaffelljacke, Cowboyhut, Poncho. Tabak in der Hosentasche. Zweifellos gefiel er Leone. Ungefähr so hatte er, dieser so spezielle Wild-West-Geschichtenerzähler, das Bild seiner Figur in seinem Kopf gezeichnet.

Für Leones Geschmack war Joe aber immer noch etwas zu gelackt, zu brav, zu intellektuell. Zu jung. Zuviel kalifornischer Sonnyboy. Er verpasste ihm den Dreitagebart, orderte schwarze Zigarillos als Must Have und ließ ihn ansonsten unitalienisch wenig reden. Über diese von seinen südländischen Kollegen neugierig und leicht skeptisch beäugte Schweigsamkeit nebst Ruhe und cooler Gelassenheit in der Person sagte Eastwood später:

„Italienische Schauspieler tendieren samt und sonders zum Bombast. Ich schätze, sie dachten alle, dass ich überhaupt nicht schauspiele. Alle, außer Leone, der genau wusste, was ich vorhatte.“

Zwei Glorreiche: Ennio Morricone und Sergio Leone

Und der es exakt so wollte. Weg vom verherrlichenden Wildwest-Mythos mit seinen Gut-Böse-Klischees war es das Mysteriöse, das hier packen sollte. Es musste ein Western mit X-Faktor werden, einer anderen Dimension zugehörig. Und das klappte perfekt. Allein schon der Vorspann ist kolossal gut, kolossal neu: Schwarz-Weiß-Rot, Silhouetten der Akteure, Pferde im Galopp, immer wieder Schüsse, dazu die einzigartige Morricone-Musik, alles zusammen ein Machwerk, das der Kunst, der Kreativität, der Phantasie huldigt. Und dann taucht der Fremde auf, der wie hineingemalt genauso in die menschenleere Landschaft passt wie in das Pueblo, in das er reitet : Markantes, von der Sonne gegerbtes Gesicht, Bartstoppeln, in denen der Wüstensand hängt, schmutzige Kleidung, aber kein Teil von der ehemals gewohnten Cowboy-Stange.

„Der Anblick von Eastwood  – unrasiert, einen Zigarillo-Stumpen im Mundwinkel, in einen Poncho gewandet und auf einem Maultier daherreitend – löste einen Schock aus. Sollte das wirklich der Held des Films sein?“

So erinnert der Schriftsteller David Nichols an den ersten Publikums-Eindruck von Für eine Handvoll Dollar („Sight and Sound“, 1980). Und, oh ja, er sollte. Ein Held von fast unheimlicher, bedrohlicher Aura, sonderbar, durchweg spannend abgedreht. Ennio Morricone, bis dahin noch relativ unbekannt als Komponist, liefert dazu einen Soundtrack, der die symphonischen US-Westernmelodien ins Kloster jagte. Mit Kojotengeheul, Pfiffen, Schreien, knallenden Peitschen, donnernden Schüssen, Glocken und Eulenrufen bastelte er seine eigene grandiose Sprache. Die Sprache von Leones Helden: Seltsame Edellumpen wie Joe auf staubigem Ritt aus dem Irgendwo ins Irgendwo, ein Motiv, auf das Eastwood später im eigenen Regiestück Pale Rider – Der namenlose Reiter (1985) zurückgreift.

Als Per un pugno di Dollari in den Lichtspieltheater anlief, waren anfangs weder Filmvorführer noch Kritiker begeistert. 1964 zeigte man ihn erstmalig ganz vorsichtig in einem Hinterhofkino in Florenz … und wurde erschlagen vom Besucher-Run. Die Leute standen Schlange. Europaweiter Italo-Western-Boom. Bei der Premiere in Paris wurde Eastwood enthusiastisch empfangen, der schweigsame Fremde war Superstar, man jubelte und schrie nach mehr. Mehr! Amerika erreichte die neue phantastische Welle erst 1967, wurde mit Skepsis in New York erwartet und wieder in die Welt gelassen als spektakuläres Glanzstück der Filmgeschichte. Und Leone setzte (natürlich!) noch einen drauf. Und noch einen. Und noch einen …

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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