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Für ein paar Dollar mehr

Stechender Blick, Adlernase, die Gesichtszüge scharf geschnitten. Dunkle Eleganz, Maestro an der blank polierten Waffe. Ein Mann, der lächelt, ohne zu lächeln. Lee van Cleef ist der geheimnisvolle schwarze Ritter, der Edel-Schurke aus Leones Märchentruhe. Erstmalig sehen wir ihn in Für ein paar Dollar mehr (1965) als von Rache getriebenen Excolonel Mortimer, beim nächsten bleihaltigen Rendezvous in Zwei glorreiche Halunken (1966) als “The Bad” ist er bereits Italo-Western-Legende.

Eastwood, die Zweite: Weltstar in spe

Van Cleef ist ein ganz spezieller Typ, der genauso phantastisch in die mit Whisky, Pulverdampf und diesem ganz besonders herben Parfum vermischten Farben der Landschaft passt wie der Newcomer-Klassiker Eastwood mit Poncho, grimmig-genialer Mine und schwarzem Zigarillo zwischen den von der Sonne verbrannten Lippen. Noch perfekter wird er im letzten Teil der Trilogie mit seiner fast mystisch-attraktiven Optik trumpfen: Hier spielt Van Cleef den “Schlechten / Bösen” an der Seite des “Guten”(Eastwood) und des “Hässlichen” (Eli Wallach) so bravourös, als könnte er tatsächlich kein Stückchen sympathisch brav sein. Er ist der düstere Kerl in maßgeschneiderter Montur, der sich stets zu baden und einzuölen scheint, bevor er vier, fünf Leichen hinterlässt.

Zweifellos Idealbesetzung. Und ein Glückstreffer für Regisseur Sergio Leone, der sich, enthusiastisch beeindruckt vom großen Erfolg seines ersten globalen Wurfes, für sein zweites Italo-Sound-Spektakel flugs in den Staaten auf die Suche nach seinem Mortimer begab. Erneut sollte es ein amerikanischer Name sein, wenn möglich, ein bereits großer. Henry Fonda (Spiel mir das Lied vom Tod, 1968, Regie: Leone), der schon bei Für eine Handvoll Dollar abgelehnt hatte, – Eastwood als Fremder und die übrige Welt danken, dafür trotzdem sorry -, konnte oder wollte (noch!) nicht. Ins Visier genommen wurden Lee Marvin (Der Mann, der Liberty Valance erschoss, 1962, Regie: John Ford) und Jack Palance (Il Mercenario, 1968, Regie: Sergio Corbucci), aber das Rennen machte Van Cleef, bis dato eher prädestiniert für passable Nebenrollen und nur unwesentlich deutlicher bekannt als der feige Jack Colby aus Zwölf Uhr mittags mit Gary Cooper und Grace Kelly (1952, Regie: Fred Zinnemann).

Gemeinsame Sache: Mortimer und Monco

Für ein paar Dollar mehr (Originaltitel: Per qualche dollaro in più, englischer Titel: For A Few Dollars More) war für Lee Van Cleef nach langjähriger Durststrecke wie einmal kräftig an der Wunderlampe reiben, ähnlich wie bei Eastwood im Vorgängerfilm: Er wurde zu einem der Prototypen des neuen, von Ennio Morricones magischer Musik einmalig geprägten Westerns, und würde man, – etwas Herumspinnen sei erlaubt – Marionetten für ein Italo-Theater anfertigen, hätten diese eins zu eins Mimik, Gestik und Garderobe derer, die allesamt durch Andalusien (Drehort) galoppierten und sich ballernd den Wüstensand aus den Augenwinkeln blinzelten, von Franco Nero über Luigi Pistilli, Jean Luis Trintignant, Tony Musante und Charles Bronson bis hin zu Klaus Kinski, unserem ureigenen Exzentriker, der mit Wahnsinnsblick oft und vermutlich eher ungern den frühen Filmtod starb.

Streichholzszene mit Kinski

Mit Lee Van Cleef soll er am Set nie warm geworden sein, angeblich aufgrund der im Saloon gedrehten “Streichholzszene”, die Kinski in seiner Rolle als seltsamer buckliger Kauz in seiner empfindsamen Schauspielerehre verletzte, weil er sie als prinzipiell demütigend empfand. Kinskis waschechte Wut, von Leone fast bewundernd erkannt, …

“Er knurrt, faucht und schaut derart finster drein, dass es einen kalt erwischt.”

… verhalf dem Darsteller des genial Verschrobenen, – oder eben dem darstellenden verschrobenen Genie, das sei Sichtweise -, zu mehreren ähnlichen Auftritten in noch folgenden Italo-Western.

Clint Eastwood und Van Cleef kannten sich bereits, sie hatten gemeinsam in der siebten Staffel der amerikanischen Western-Serie Tausend Meilen Staub gespielt. Vor Leones Kamera treffen sie als Excolonel Mortimer, Kopfgeldjäger, und Berufskollege Monco aufeinander, rivalisierende Hunter der Oberliga, einander ebenbürtig, misstrauisch, treffsicher, erbarmungslos in ihrem Job. Beide sind auf der Suche nach dem berüchtigten, kaltblütigen Bandenchef El Indio (Gian Maria Volonté), wobei es Monco ausschließlich um das Kopfgeld von 10.000 Dollar geht, Mortimer indes, wie sich sehr viel später herausstellt, grundsätzlich ein ganz anderes Motiv hat. Für ihn ist es ein Rachefeldzug gegen El Indio, eben den Mann, der aus Eifersucht und verschmähter Liebe Mortimers Schwager umgebracht und dessen Schwester in den Selbstmord getrieben hat.

Die Geschichte, die Leone in Für ein paar Dollar mehr erzählt, ist als Story zweifellos (etwas!) besser, durchaus auch inhaltsreicher als die in Für eine Handvoll Dollar. Das war wohl nicht unbedingt schwierig, denn Ansporn war reichlich da, und letztendlich benötigten Leone und Luciano Vincenzoni für das Original-Drehbuch nur knappe neun Tage. Freilich, ohne den legendären Fremden, der sich als Magnet für ein altes und neues Publikum erwiesen hatte, wäre vermutlich alles etwas anders gelaufen. So wollten die Geldgeber zufrieden und begierig mehr. Das bekamen sie auch.

Italo-perfekt: Andalusien

Die Morricone-Musik begleitet noch intensiver, noch stimmungstragender den Jäger Monco, – gleicher Poncho, gleicher sechsschüssiger Colt, gleiche spanische Landschaft, gleiche skrupellose, brutale, anarchische Welt wie im ersten Dollar-Teil -, und seinen vorübergehenden Verbündeten Mortimer auf ihrem bleihaltigen Weg hin zu einem grandiosen Showdown in der Kleinstadt Agua Caliente. Sie töten die Männer von El Indio, die zuvor die Bank von El Paso gesprengt und ausgeraubt hatten, – Monco hatte sich als Spitzel eingeschleust, um den Plan zu kennen, argwöhnisch beäugt vom Bandenchef – , und im anschließenden Duell besiegt Mortimer El Indio. Der sterbend erkennt, wer tatsächlich sein Henker ist: Der schwarze Rächer, dem er die Schwester genommen hat. Erkennungszeichen ist eine Spieluhr, die Mortimer ihr zur Hochzeit geschenkt hat und die jetzt El Indio bei sich trägt. Mortimer besitzt die gleiche. Ihre Melodie wird zum Todeslied. Und zum phantastischen Klassiker, der nicht mehr aus Sinn und Ohren geht. Morricone eben. Wer sonst? Revolutionär, rebellisch und einfach nur unverkennbar melodisch auf so kreischend-schöne Art. Was sonst?

Am Ende des Films, der so herrlich unkompliziert mit einem fröhlich pfeifenden Reiter, der tot vom Pferd fällt, in die gewünschte Richtung startet, trennen sich Leones Kopfgeldjäger. Monco, dem Mortimer den Großteil der Beute aus dem Bankraub von El Paso und eine Wagenladung erschossener, steckbrieflich gesuchter Banditen, – El Indios Männer -, überlassen hat, macht sich auf den Weg in die nächste Stadt, um die Prämien für die Leichen zu kassieren. Und Mortimer? Zieht an der Pfeife, lächelt spöttisch, ordnet die schwarze Weste, steckt die Spieluhr zurück in die Brusttasche und macht sich bereit: Für The Good, The Bad and The Ugly.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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