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Der Mann mit den blauen Kreisen: Fred Vargas: Es geht noch ein Zug von der Garre du Nord

Es geht noch ein Zug von der Garre du Nord ist der erste Roman, in dem der berühmte Kommissar Adamsberg 1991 auftauchte. Im Original deutet der Titel bereits auf das Thema hin: L’homme aux cercles bleus (Der Mann mit den blauen Kreisen). Wie so oft bei Übersetzungen ist kaum nachvollziehbar, warum man hier etwas völlig anderes aus dem Ärmel zieht, auch wenn der Übersetzer sich hier zumindest auf die poetische Seite des Buches verlagert hat, nämlich auf Adamsbergs merkwürdige Beziehung zu Camille, die er am Ende des Romans für zwei Stunden im Zug von der Garre du Nord nach Lille noch einmal wieder sieht. Zu behaupten, das hätte mit der Handlung des Romans gar nichts zu tun, stimmt nur insofern, wenn man ausklammert, dass Adamsbergs ganzes Wesen durchaus von Camilles Abwesenheit entscheidend mitgeprägt wird.

Fred Vargas und Jean-Baptiste Adamsberg

Jean-Baptiste Adamsberg ist ein nonchalanter, seltsam verträumter und scheinbar ungeordneter Mann, der sich auf den ersten Blick durch einen Mangel an Methode auszeichnet; er ist unfähig, eine längeren Beweiskette zu analysieren oder überhaupt erst aufzustellen. Dennoch erzielt er dank seiner Intuition und vor allem dank seiner großen Sensibilität, die anderen nicht immer geheuer ist, spektakuläre Ergebnisse. Letztere erlaubt es ihm, sich in die Lage der Menschen zu versetzen, auch wenn er manchmal ziemlich weit von ihnen entfernt ist. Als visuelles Vorbild schwebte Fred Vargas der Zeichner Edmond Baudoin vor, und es schadet nicht, sich den Mann einmal anzuschauen, um sich mit den ungewöhnlichen Beschreibungen, die Vargas für ihn findet, vertraut zu machen. Wenn der Winter des Commissario Richiardi ein durch und durch italienischer Roman ist, dann trifft das hier aus französischer Warte zu. Es lässt sich nicht verbergen, dass Vargas, die mit bürgerlichem Namen Frédérique Audoin-Rouzeau heißt, die Tochter von Philippe Audoin ist, der zum surrealistischen Kreis um Andrè Breton gehörte und später einige wissenschaftliche Texte über diese Bewegung verfasste (sowie eine Biografie über Breton selbst). Es ist völlig verständlich, dass eine wie auch immer geartete Begegnung mit dem Surrealismus nie wieder verschwinden wird (wie ich aus eigener Erfahrung weiß). Doch das darf man nicht falsch verstehen, Vargas bedient sich keineswegs der Techniken jener Zeit, sondern liefert hier den Erstling einer der originellsten Kriminalromane nicht nur der 90er Jahre ab (auch wenn sie selbst den Roman nicht für besonders gut hält), der das Unterbewusstsein herausfordert.

Bevor er zur Polizei geht, ist Adamsberg fast ein Wolfskind, das barfuß durch die Pyrenäen streift, bevor er seine Berufung bei der Polizei findet, ein wahrer Außenseiter, dem Wald mehr verbunden als irgendeiner Stadt. Aber schlussendlich landet er aufgrund seiner spektakulären Erfolge als Kommissar in Paris, einer Stadt aus Stein. Aber Adamsberg weiß, dass auch die mineralische Existenz in ihm ein Tor zu öffnen vermag.

Als Archäologin fasziniert die Autorin das Auffinden von Wahrheiten, und das ist im Grunde das, was auch das Handwerk des Kriminalschriftstellers erfordert. Mythen, Märchen und Legenden werden dann auch später in der Reihe eine große Rolle spielen. Bei all der dargebotenen Melancholie, die diese Buchreihe so besonders macht, ist es nicht zuletzt aber auch der Humor, der die Autorin berühmt gemacht hat. Es ist ein besonderer Humor, der kein Interesse daran hat, albern oder lächerlich zu sein und er entsteht aus den Kontrasten innerer und äußerer Ansichten, unterschiedlicher Wahrnehmungen und gedanklicher Freiheiten. Tatsächlich ist einer von Adamsbergs Inspektoren, Danglard – ein organisierter und enzyklopädischer Mensch immer wieder überrascht von Adamsbergs intuitiven Fähigkeiten, was manchmal nicht nach seinem Geschmack ist, weil er diesen Vorgang nicht versteht und ihm auch nicht vertraut. Vargas steigt dabei tief in ihre Figuren hinein, und das hat nicht selten etwas philosophisches, das aber nie zur wissenschaftlichen Musterung verkommt. Danglard ist manchmal erschüttert von Adamsbergs Gleichgültigkeit gegenüber seinen Nächsten, die er als Grausamkeit bezeichnet, die aber gar nicht da ist, weil Adamsberg auch der Grausamkeit gegenüber kein Interesse hegt. Er denkt über das nach, was in ihm ist, und selbst das ist, wie er oft genug sagt, eigentlich nichts. So ist er ein großes Mysterium, das sich selbst nicht zu erklären weiß, wie folgendes Beispiel zeigt:

“Also setzte er sich ins Café, zog ein Notizbuch heraus und wartete. Er überwachte die Gedanken, die sich in seinem Kopf bewegten. Sie schienen ihm schon eine Mitte zu haben, aber weder Anfang noch Ende. Wie also sie niederschreiben? Unwillig, aber noch immer gelassen, schrieb er nach einer Stunde: Ich habe nichts zu denken gefunden.”

Der Mann mit den blauen Kreisen

Seit vier Monaten zeichnet ein mysteriöses Individuum in den Straßen von Paris blaue Kreise auf den Bürgersteig. Dreiundsechzig, um genau zu sein. Diese mit Kreide gezeichneten Kreise umgeben immer ein Objekt, ohne dass sich daraus eine Hypothese ableiten ließe, da die Liste dieser Objekte völlig willkürlich ist; und immer steht ein Kommentar in diesem Kreis: “Victor, sieh dich vor, was treibst du jetzt noch vor dem Tor?” Aber Kreise um verlorene oder unbedeutende Gegenstände zu ziehen, ist kein Verbrechen, sie mit einem Sinnspruch zu versehen, ebenfalls nicht.

Doch parallel zu einer eher klassischen Strafverfolgung interessiert sich unser Kommissar aus irgendeinem Grund für diesen Mann, der die blauen Kreise zieht. Eines Tages kommt dann die große Überraschung. Plötzlich befindet sich eine Leiche mit durchgeschnittener Kehle in einem dieser Kreise. Von diesem Zeitpunkt an erlebt der Leser den Rausch der Ereignisse, die durch Adamsberg hindurchwandern und wie er die Wahrheit quasi erschnüffelt, um alles um sich herum zu sondieren. Danglard gehorcht seinen Befehlen fast mit Bedauern, denn er versteht sie einfach nicht. Abgesehen davon, dass es ihn ärgert, dass Adamsberg verkündet, was geschehen wird, ärgert es ihn noch mehr, wenn diese Ereignisse auch eintreten.

Die Geschichte ist komplex, und auch wenn wir ständig daran zweifeln, dass der Mörder überhaupt gefunden wird, lassen wir uns von dem skurrilen und speziellen Kommissar mitreißen, auch wenn wir nie wissen, wohin Adamsberg uns führt. Sein Vorgehen verwirrt Danglar und den Leser gleichermaßen. Besonders herauszuheben sind auch die Dialoge, die sich durch ein wahrlich hohes Niveau auszeichnen. Man kennt sie auch aus guten französischen Filmen, wenn sie sich zufällig einmal nicht in bloßer Masse erschöpfen.

Auch die anderen Charaktere sind hervorragend gezeichnet, ob es nun der blinde Zyniker Charles Reyer ist, die seltsame Mathilde Forestier oder eben der rätselhafte Mann mit den blauen Kreisen selbst. Vargas setzt sie ein, um durch sie hindurch ein Porträt von Paris zu malen, wo nach Einbruch der Nacht alles möglich ist.

Kurz gesagt, dieses erste Buch der Reihe ist ein wahres Wunderwerk, sowohl in Bezug auf Handlung und Spannung als auch in Bezug auf den Stil und die Charaktere.

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