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Freaks, American Horror Story: Eine Verneigung

Wer nicht Tod Browning meint, wenn er Freaks als genial bezeichnet, denkt vermutlich zuerst einmal an Jessica Lange, Cathy Bates, Sarah Paulson, Even Peters…allen vorweg (wenn man’s weiß) an Brad Falchuk und Ryan Murphy, die Macher von American Horror Story.

So großartig wie erwartet: Jessica Lange als Zirkuschefin Elsa Mars mit düsterem Geheimnis

So großartig wie erwartet: Jessica Lange als Zirkuschefin Elsa Mars mit düsterem Geheimnis

Das ist nur bedingt befremdlich, da es tatsächlich Leute gibt, – nicht aus unserer Welt! -, die vom Film, geschweige denn von diesem Browning nichts wissen. Die nörgeln was von Steinzeit, Uralt-Schinken und eh nur oll schwarzweiß. Oder, gönnerhafter, dass man das ja auch mal gucken könnte.

Soll schließlich ähnlich sein.

Ist es natürlich nicht. Aber was Falchuk und Murphy in ihrer vierten Staffel der amerikanischen Horror-Serie zeigen, ist nicht nur eine wirklich gute Schauermär, sondern gleichwohl eine Hommage an den ehemals so arg missbilligten und verkannten Leinwandklassiker. Das Entsetzen, die Empörung, gleichwohl Abscheu sind längst schon Faszination, Verständnis eh und absoluter Begeisterung gewichen. Normalität wird anders definiert. Besser. Näher. Ehrlicher.

Keine Show ohne Clown: Twisty (John Carrol Lynch)

Keine Show ohne Clown: Twisty (John Carrol Lynch)

Freakshow (AHS, 2015) erzählt die Geschichte einer Kuriositäten-Zirkustruppe im Jahr 1952 , die in der Stadt Jupiter in Florida ihre Zelte aufschlägt. Die kleine Mannschaft rund um Direktorin Elsa Mars, grandios wie gehabt: Jessica Lange, gehört zu den letzten umherreisenden Ensembles mit ungewöhnlichen Akteuren und, – das auch durch Rivale Fernsehen aus der Mode kommend -, mit Existenzschwierigkeiten.

Diese Shows galten lange Zeit als Familienstätten für Außenseiter, missgebildete Menschen, die gemeinsam lebten, reisten und als Künstler mit ihren jeweiligen Fähigkeiten, teils auch nur aufgrund ihrer besonderen Optik auftraten. Dort draußen wollte sie niemand, der Zirkus war ihre Heimat. Eine mit Zaun. Der war Schutz und Abschirmung, der wurde nicht überklettert.

Und was sich im Privaten dahinter abspielte…ging niemand etwas an, wollte so konkret angeschubst auch grundsätzlich keiner wissen. Bis auf all diejenigen, die Freaks von Browning lieben. Grad deswegen. Weil wir gucken und staunen und erfahren dürfen. Uns gruseln sowieso. Und eben das ermöglicht die Frakshow ebenso in jeder möglichen bizarren Farbe, Facette und Furcht.

Hervorragend gemacht. Alles.

Überragend in memoriam Browning: Diese Szene.
Der hinterhältige Stanley, der sich als Gönner einschleicht und tatsächlich die Freaks am liebsten allesamt in Gläsern konserviert an ein Museum verkaufen würde, – für die Beschaffung skuriller Ausstellungsstücke geht er (natürlich) über Leichen -, wird von der „Familie“ für seinen Verrat bestraft. Er wird gejagt, unter einen Wohnwagen gehetzt, krass zur Brust genommen und endet gackernd in einem Schaukasten, versteckt in einer Ecke, den Dandy Mott, ein Erste-Klasse-Psychopath, zu seinem Entzücken entdeckt.

Auf Stanley wird dem Zuschauer nur dieser kurze Blick gewährt. Genügt. Ein Bild, eine Vorstellung: Olga Baclanova (Cleopatra) in Freaks. Denis O’Hare(Stanley) in der Freakshow. Damit verneigen sich Brad Falchuk und Ryan Murphy vor ihrem großen Kollegen, da wird einem gleichzeitig eiskalt und ganz warm ums Herz. So soll das sein. Perfekt.
Dementsprechend zufrieden äußert sich Produzent Tim Minea:

„Es ist die beste Staffel bisher. Und das meine ich so. Es ist anders.“

Anders. Eben.

Die phantastische Cathy Bates: Viel Bart, viel Herz

Die phantastische Cathy Bates: Viel Bart, viel Herz

Die Story selbst ist altbewährt famos düster, bizarr und herrlich spannend durchdacht, Morde, dunkle Vergangenheiten, Geheimnisse und Gefühle, böse hässliche schöne Kerle, böse schöne hässliche Frauen, die ganze Palette ist vertreten. Natürlich sind auch vertraute alte dabei: Die Frau mit Bart, der lebende Torso, die Zwerge, die siamesischen Zwillinge, sogar „Koo-Koo“ (hier: Meep) und „Schlitzie“. Wahrheit oder Show, egal, kolossal bleibt’s.

Furchterregend auch. Cathy Bates sagte nach einer (endlich wohl) langen, durchgeschlafenen und (alp-)traumlosen Nacht:

„And that was without drugs, I swear to God. I think Ryan Murphy scares the shit out of me.“ (Und das ohne Drogen, ich schwöre zu Gott. Ryan Murphy bringt mich dazu, vor Angst fast in die Hosen zu machen.)

Bates spielt Ethel Darling, die bärtige Mutter des „Hummerhand-Jungen“ Jimmy (Evan Peters), Angela Bassett die „Mannfrau“ Desiree Dupret, einen Hermaphroditen mit drei Brüsten, und Michael Chiklis den „Dell Toledo“, Muskelmann mit Macho-Defizit.

"Ma Petite" nimmt ein unschönes Ende: Die Rache folgt fies und sauber

“Ma Petite” nimmt ein unschönes Ende: Die Rache folgt fies und sauber

Finn Wittrock gibt den völlig durchgeknallten Luxus-Inzest-Schönling Dandy, der gern in Blut badet, und John Carrlo Lynch den durch einen Selbstmorderversuch im Gesicht völlig entstellten Clown Twisty, der für Alpträume sorgt. Neil Patrick Harris, umschwärmter Beau in „How I met your Mother“, übernimmt die Rolle des arg verstörten Zauberkünstlers Chester Creb, der mit seiner Puppe Marjorie (Jamie Brewer) kuschelt und Kollegin Emma Roberts (die Wahrsagerin Maggie Esmeralda) zersägt.

Zirkuschefin Elsa (Lange) wurden, – das wird in Rückblenden gezeigt -, beim Dreh eines Snuff-Films im Kriegs-Deutschland die Beine abgetrennt, sie trägt Wunder-Prothesen, hält das geheim, zählt aber halt auch direkt zu ihnen: Zu ihren Freaks.

Naomi Grossmann...

Naomi Grossmann…

Naomi Grossmann, zivil verblüffend anders, verkörpert eine einmalige Pepper („Schlitzie“), wie bereits in der zweiten Staffel, hier macht’s die Wahnsinns-Maske, und Sarah Paulsen, die mit zum AHS-Inventar gehört, spielt mit den zwei Köpfen von Bette und Dot Tattler, an denen teilweise 22 Personen gleichzeitig herum fingerten, um sie gekonnt wie eben gewollt in Szene zu setzen.

...und Naomi "Pepper" Grossmann

…und Naomi “Pepper” Grossmann

Echt ist (logisch) die süße „Ma Petite“, gespielt von der 23jährigen Jyoti Amge aus Indien, die mit einer Körpergröße von 62,8 cm als die kleinste Frau der Welt gilt. Sie hat Achondroplasie, einen Gendeffekt, der das Wachstum stark hemmt.

Echt ist auch „Amazon Eve“, eine langbeinige Schöne mit dem Über-Gardemaß von 2,02 Meter, das der 37jährigen Erika Ervin den Titel des größten Models der Welt einbrachte. Ervin, sozial und politisch aktiv, wurde als Junge geboren und hatte 2004 eine Geschlechtsumwandlung. Bei AHS die Amazone, ein nach eigenem Bekunden zu ihr passender Charakter, spielen zu dürfen war ihr ein Vergnügen, nachdem sie sich immer wieder darüber ärgern musste, dass man ihr im Vorfeld aufgrund ihrer Länge gern Alien- und Monster-Rollen anbot.

Rose Siggins ist in Freaks die „Legless Suzi“. Die mit nur 43 Jahren im Dezember 2015 nach einer Nieren-OP verstorbene Schauspielerin, verheiratet und Mutter von zwei Kindern, wurde mit einer Fehlbildung des Rumpfes geboren. Ihr mussten als Kleinkind beide Beine amputiert worden. Sie bewegte sich stets auf einem Skateboard fort, Versuche mit Beinprothesen scheiterten.

Das Rad dreht sich...mit Paul (Mat Fraser)

Das Rad dreht sich…mit Paul (Mat Fraser)

Ben Woolf, 1,32 m groß, der schon in der ersten Staffel von AHS dabei war, ist als kleiner, harmloser Meep zu sehen, der abgerissene Hühnerköpfe mag. Meep, von kindlichem Gemüt, nachempfundem dem „Vogelmädchen“ bei Browning, wird unschuldig verhaftet und getötet. Woolf, Lehrer in einer Vorschule und „nur aus Freude“ Schauspieler, starb Ende des vergangenen Jahres bei einem Verkehrsunfall.

Matt Fraser, Tatoo-Paul in der Serie, kam 1962 in England mit einer Fehlbildung der Arme zur Welt. Er ist Musiker und spielt in einer Theatergruppe speziell für behinderte Menschen. 2012 trat Fraser als Drummer gemeinsam mit Coldplay bei der Schlussfeier der Paralympischen Spielen auf. Er hat den schwarzen Gürtel in Karate und lebt mit Ehefrau Julie Atlas Muz, einer Performancekünstlerin, in London.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

1 Kommentar zu Freaks, American Horror Story: Eine Verneigung

  1. Hab alle vier Staffeln gesehen und kann nicht mal sagen, welche die beste ist. Immer wieder überwältigend und großartig gemacht, führt von einer Überraschung in die nächste. Wie auch die Morde. Einfach genial!

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