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Frauenmörder Kroll: Der Kannibale von Duisburg

Freitag der 13., 1980, copyright: Paramount Pictures

Joachim Kroll ist grundsätzlich untauglich für eine dieser denkwürdigen Erzählungen, denen man gebannt lauscht, obgleich oder eben weil sie mit Blut geschrieben wurden. Nicht im Roman, nicht im Film will man ihn sich wirklich vorstellen. Kroll war ein dümmlicher, kleiner, unattraktiver Kerl, der im großen Buch der Nobodies und anderer Nichtigkeiten gelandet wäre, hätte er weiter im Hintergrund gelebt. Irgendwo dort in einer unwichtigen Ecke, wo man geboren wird, um irgendwann ohne Fragen und Antworten zu gehen.

Warum jemand wie Kroll das wird, was er geworden ist, – eine menschliche Bestie, deren Namen mit Abscheu geschrieben, mit Entsetzen geflüstert wird – , bleibt ureigenes Geheimnis der Abarten menschlichen Seins. Wie bei so vielen seines Schlages, deren Gedanken, Gefühle und letztendlich Handlungen uns null Spielraum für Nachvollziehbarkeit bieten.

Joachim Kroll, Archiv-Foto

Der als Kannibale von Duisburg in die Analen deutscher Kriminalgeschichte eingegangene Kroll hat getötet. Vermutlich 20 bis (über?) 30 Mal. Vergewaltigt. Menschenfleisch gegessen. Zwei Jahrzehnte lang. Kroll, 1933 in Ostdeutschland geboren, ein introvertiertes, sehr einfach strukturiertes Einzelkind, der Vater im Krieg geblieben, die Mutter von Existenzschwierigkeiten belastet, kam als 13Jähriger mit seiner Mutter ins Ruhrgebiet. Neun Jahre später begann er, zu morden, von sexuell-sadistischer Perversion getrieben, unfähig, zwischenmenschlich zumindest ansatzweise vernünftig zu agieren, zu reflektieren oder sich mitzuteilen. Kroll war ein Einzelgänger, unauffällig, uninteressant für seine Umwelt. Nachbarn bezeichneten ihn als merkwürdig, aber auf unkomplizierte Art zurückhaltend, höflich und durchweg harmlos wirkend.

Wie grundsätztlich immer in solchen Fällen zeigte man sich zutiefst verstört und fassungslos, als die ganze grausige Wahrheit ans Licht kam: Nachbar Kroll ein Serienkiller, Vergewaltiger, Menschenfleischfresser, Psychopath wirrster Sorte.

Wahnsinn hat einen Namen – Mensch! (Damaris Wieser, Lyrikerin)

In einem Männerwohnhein, in dem Kroll zeitweilig lebte, habe er mit aufblasbaren Puppen Sex gehabt und diese dabei gewürgt, so ein Mitbewohner. Dem Psychiater vertraute Kroll an, sich während einer Schlachterlehre in seiner Jugend an toten Schweinen und Kühen befriedigt zu haben. Allein das Schlachten der Tiere habe ihn derart sexuell erregt, dass er die Kadaver nicht aus seinem Kopf bekommen konnte.

Mehr wesentliche Fakten über ein auf eigene hässliche Art verunstaltetes Leben wären kaum noch zu nennen, das Bild steht und brennt sich ein. Trotzdem will man alles wissen, auch, wenn der Mund trocken wird, der Magen sich unangenehm bemerkbar macht: Was war in seiner Kindheit los? Wie hat der Mann seinen Alltag gestaltet? Wen oder was hat er gemocht? Was und wie gedacht? Gefühlt?

Mopeds reparieren, das würde er gern machen, das könne er gut, sagte er nach seiner Festnahme 1976 im Verhör. Sein schlimmstes Erlebnis? Er nannte den Verlust der Mutter 1955, seiner einzigen Bezugsperson, da war er knapp zweiundzwanzig. Kurz nach ihrem Tod hätte er zum ersten Mal eine Frau ermordet. Die 19jährige Irmard Strehl. Er vergewaltigte und erstach sie in einem Stall bei Lüdinghausen. Es folgte ein 12jähriges Mädchen aus Kirchhellen, das er erwürgte, nachdem er sich an ihm vergangen hatte.

Und es wurden mehr, immer mehr. In Duisburg lebte Kroll von 1957 bis zu seiner Verhaftung. Da hatte der 43Jährige, der kontinuierlich seinem Job als Waschkauenwärter nachgegangen war, längst schon seinen Namen. Menschenfresser. Ripper von der Ruhr. Kannibale von Duisburg.

Kroll selbst gab deutlich mehr Morde zu als die zwölf, die ihm letztendlich nachgewiesen werden konnten. Zu seinen faktisch feststehenden weiblichen Opfer im Alter von grad vier (!) bis einundsechzig Jahren dürften all die Frauen hinzukommen, die zwischen 1956 und 1976 im Rhein-Ruhr-Gebiet vergewaltigt und (meist) durch Erwürgen ihren Tod fanden. Kroll nickte und nannte sie „seine“. Wahrscheinlich. 

Warum er Fleischstücke aus Hüfte und Gesäß seiner Opfer geschnitten hätte? Um zu probieren, wie menschliches Fleisch eigentlich schmecke, erklärte Kroll den Ermittlern. Zudem wäre er neugierig gewesen darauf, zu sehen, wie Menschen von innen aussehen. In Plastiktüten abgepackte Fleischstücke, ordentlich frisch gehalten im Tiefkühlfach, fand man bei der Durchsuchung seiner kleinen Dachgeschosswohnung im Juli 1976 in der Friesenstraße im Duisburger Stadtteil Laar.

Die Inspektion erfolgte, weil ein Nachbar Krolls Polizeibeamten im Rahmen einer Großfahndung nach der kleinen Marion Klettner, die zwei Tage zuvor von einem Spielplatz spurlos verschwunden war, aufgebracht von verstopften Toilettenrohren erzählte. Kroll habe wohl ein Kaninchen ausgenommen und die Innereien abzuspülen versucht.

Eintopf aus Möhren, Kartoffeln und einer Kinderhand

So grotesk das klingt, es war diese banale Sache, die hellhörig machte. Und die zur Verhaftung des schon so lange gesuchten Serienkillers führte. Die Eingeweide im Toilettentopf waren keine tierischen, und auf Krolls Herd kochte ein Eintopf, bestehend aus Möhren, Kartoffeln und einer Kinderhand. Marion, der Kroll Schokolade versprochen hatte, um sie in seine Wohnung zu locken, sie dort zu missbrauchen, zu töten und Teile von ihr zu essen, war sein letztes Opfer.

Den Beamten, die Kroll verhörten, fiel es definitiv nicht leicht, mit dem einsilbigen, denkwürdig unaufgeregt scheinenden Mann irgendwie warm werden zu müssen, um detaillierte Geständnisse von ihm zu bekommen. Aber auf die vertrauliche Tour, – man zeigte sich fast kumpelhaft im Verlauf bei der Gespräche, duzte sich auch, um Krolls Vertrauen zu gewinnen, die Ehefrau eines Polizisten servierte ihm sogar, einzig der Sache dienend, sein Lieblingsgericht: Reibekuchen mit Rübenkraut – , schafften sie es, ihn recht unbekümmert gesprächig zu machen.

Unbekümmert, da sichtlich und hörbar nicht sonderlich betroffen von seinem grauenvollen Treiben. Unzählige Male fuhr man mit Kroll zu den einzelnen Tatorten im Rhein-Ruhr-Gebiet, wo er sich recht detailliert erinnerte und sogar „Szenen“ mit einer freiwilligen Beamtin nachspielte.

Kroll, der wahrhaftig dachte, er könne operiert werden, um „normal“ zu funktionieren, und würde anschließend wieder freigelassen, wurde 1979 vom Landgericht Duisburg zu neunmal lebenslänglich verurteilt. Er starb im Juli 1991 an einem Herzinfarkt.

Während der jahrelangen Suche nach dem Kannibalen von Duisburg gab es drei zusätzliche Tote, die Kroll auf dem Gewissen hat. Gewissen? Nun…nein. Aber juristisch belangen konnte man ihn deswegen zumindest nicht. Die drei Toten waren Männer, die fälschlicherweise zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Fällen als Verdächtige ins Visier genommen worden waren. Sie hatten sich anschließend selbst das Leben genommen.

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