Kategorie: Fantasy und Science Fiction

Karl Edward Wagner: Der Blutstein

Golkonda

Der zweite Roman um Kane ist für viele auch der beste. Golkonda beginnt das Triptychon (der dritte Teil erscheint im Herbst 2016) vielleicht nicht ganz unbegründet mit diesem Buch. Wir begegnen Kane hier voll und ganz mit seiner Schurken-Rolle beschäftigt. Er selbst ist der Schlüssel zur Wiedererweckung einer gigantischen außerirdischen kristallinen Intelligenz, die bis in die Morgendämmerung der Menschheit zurückreicht (dem Blutsein). Was macht er damit? Im Grunde das Gleiche wie in jedem Roman: er will die Welt erobern.

Die er­s‍te Hälfte des Buches beschreibt, wie Kane versucht, den Blutsein zu erreichen, der in der Mitte eines von echsenhaften Kreaturen verseuchten Sumpfes, in der niedergegangenen Stadt Arellarti ver­s‍teckt liegt. Die Protgoni­s‍tin der zweiten Hälfte des Buches ist mehr oder weniger Teres, Tochter des Herrschers einer jener Stadt­s‍taaten der südlichen Länder, die Kane zu manipulieren versucht. Teres ist eine Krieger-Prinzessin mit der scharfen Intelligenz eines Grauen Mauser, der Kampfkraft einer Jirel of Joiry, und dem sexuellen Hunger einer Belit (aus Conan).

Wagner handhabt Teres’ Sexualität auf zweierlei Weise: sensibel und vorsichtig auf der einen Seite, roh und ein wenig albern auf der anderen. Wir lernen Teres zunächst als eindeutige Lesbierin kennen. Wir erfahren das aus einer Szene, in der sie ein Glücksspiel mit ihrem Vater darum spielt, wer denn nun das neue Sklavenmädchen zuerst be­s‍teigen darf. In dieser Szene wie auch in einigen anderen zu Beginn der Geschichte scheint Teres sämtlichen Stereotypen zuwiderzulaufen. In den er­s‍ten Kane-Büchern waren die weiblichen Figuren nur als Schmuckwerk vorhanden, Weibchen in Not oder Köder für eine mögliche Vergewaltigung. Aus diesem Grunde wirkt Teres genau wie das Gegenteil aller von Wagner gewohnten weiblichen Protagonisten. Bis Wagner diese Figur (im Roman) weiterzuentwickeln gedenkt, erscheint sie jedoch wie eine Karikatur.

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Eine Mythologie für England: J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe

Klett-Cotta

Es gibt sogar unter den gebildeten Leuten (oder gerade dort) die nie versiegenden Stimmen, die raunen, Tolkien habe sich bei seinem epochemachenden Werk vom zweiten Weltkrieg inspirieren lassen; dann kam John Garth und erklärte der Welt, es handle sich um den ersten Weltkrieg, den Tolkien da verarbeite. Tolkien selbst waren diese Verweise schon zu Lebzeiten suspekt – und das zu recht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Analyse eines Literaturwissenschaftlers mehr über den Analytiker aussagt als über das eigentliche Werk. Das ist das eine. Das andere ist die Tatsache, dass man sich in Mainstream-Kreisen den Erfolg eines Fantasy-Werkes irgendwie erklären muss, um sich ihm bedenkenlos widmen zu können, und sei es, dass man zunächst einmal einen Tunnel zwischen Traum und eingebildeter Wirklichkeit graben muss, um nicht an der Imaginationskraft zu ersticken, die in einer zweckorientierten Hölle, die wir „unsere Welt“ nennen zum Letzten gehört, dem sich ein anständiger Mensch widmen sollte, solange er noch von anderen Heuchlern als seinesgleichen erkannt werden will. Selbstverständlich war Tolkien als Autor von Ideen inspiriert, die aus unserer Welt stammen, aber das ist eine Binsenweisheit, die nirgendwohin führt.

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Tim Powers: Die Tore zu Anubis Reich

Piper

Tim Powers’ vierter Roman wurde von David Pringle in die Liste der besten 100 modernen Fantasyromane aufgenommen, ist aber ebenfalls in Jones & Newmans Publikation über die besten Horrorromane zu finden. 1984 gewann das Buch den Philip K. Dick Memorial Award und wurde nicht zuletzt durch hervorragende Mundpropaganda so erfolgreich.

In diesem Roman treffen wir einen Witwer mittleren Alters namens Brendan Doyle, einen Experten für Samuel Taylor Coleridge und den (fiktiven) Dichter William Ashbless. Doyle wird von einem exzentrischen Millionär, der sich ein Zeitreisegerät ausgedacht hat, gebeten, in das Jahr 1810 zurück nach London zu reisen, um an einer Coleridge-Vorlesung mit einer Gruppe wohlhabender Chrono-Touristen teilzunehmen. Doyle stimmt vorsichtig zu und wird – um es kurz zu machen – in der Vergangenheit ausgesetzt, wo er bald in die Machenschaften ägyptischer Zauberer verwickelt wird, die versuchen, England zu zerstören. Powers’ ausweglose Handlung schafft es irgendwie, das gehirngewaschene Ich von Lord Byron, einen von Körper zu Körper wandernden Werwolf, eine unterirdisch operierende kriminelle Gesellschaft, angeführt von einem verkrüppelten Clown auf Stelzen, eine mutige junge rachsüchtige Frau, verkleidet als Mann, ägyptische Götter, löffelgroße Jungs, Feuer- und Wind-Elemente, das Mamelucken-Schlachten von 1811, eine Menagerie von Freaks, die Beatles (!) und noch vieles mehr miteinander zu verschmelzen. (mehr …)

Geschichten in Geschichten in Scott Lynchs Gentelman-Bastard-Serie

Heyne

Geschichten in Geschichten. Dies ist eine der ältesten Strukturen des Geschichtenerzählens, die bis ins alte Ägypten reichen. Allein der westliche Kanon hat – beginnend bei den Canterbury-Erzählungen über Hamlet bis zu Italo Calvons Unsichtbaren Städten – eine Fülle namhafter Werke hervorgebracht, die dem Reiz, Narrative ineinander zu schachteln, nicht widerstehen konnten. Autoren spekulativer Literatur wie Margarete Atwood oder Neil Gaiman sind ebenfalls in der Lage, diese Disziplin anzuwenden und dadurch mit einer wunderbaren Wirkung zu versehen.

Scott Lynch mag noch nicht ganz in dieser Elitegruppe mitwirken, aber es mangelt ihm weder an Talent noch an Ambitionen. Seine Gentleman Bastard-Serie (Die Lügen des Locke Lamora; 2006, Sturm über roten Wassern; 2007, Die Republik der Diebe; 2013 – und vier weitere geplanten Romane) besteht aus umfangreichen Büchern. In ihnen leben ein Gauner namens Locke Lamora und sein bester Freund, der Trickbetrüger Jean Tannen, in der flirrenden Metropole Camorr, die stark an das mittelalterliche Venedig erinnert. In dieser Hinsicht unterscheidet sich dieses Werk nicht von anderer zeitgenössischer Epic Fantasy, die George R. R. Martin oder Joe Abercrombie schreiben. Aber Lynch bringt in Die Republik der Diebe eine weitere Dimension in sein witziges, freches, pikareskes Epos ein: eben jene Geschichte in einer Geschichte, die mit Eleganz und Komplexität vorgetragen wird. (mehr …)

Der dunkle Turm 4: Der Einfluss der theoretischen Physik: Stephen King: Glas

Heyne

Der vierte Band in Stephen Kings Saga vom Dunklen Turm bietet einen Abstecher in die Vergangenheit Rolands von Gilead und erzählt, wie er wurde, was er ist. Seit dem ersten Band haben wir immer wieder kleine Einblicke in die Vergangenheit des letzten Revolvermannes bekommen, aber hier widmet sich quasi das ganze Buch seiner Geschichte.

Da mag es fast schon beiläufig scheinen, dass sich in Wizard and Glass (dt. Glas) die Kosmogonie dramatisch verschiebt und alle Werke Kings unter den Fittichen des Turms vereint. Sechs Jahre hat es gedauert, bis der Cliffhanger des vorigen Bandes – The Waste Lands – seine Fortsetzung erfuhr, aber 1997 stand dieser entscheidende Band endlich in den Regalen.

In der zwischen den Romanen liegenden Zeitspanne erschütterte Edward Witten das Gebiet der theoretischen Physik, indem er behauptete, dass unsere Existenz elf Dimensionen enthalte, wobei er sich auf John Schwarz und Michael Greenes früheres Konzept der Stringtheorie stützte. Diese Extradimensionen sind ineinander gefaltet und in einer sehr interessanten Struktur ineinander verflochten. Der Raum, den wir alle bewohnen, wäre damit präsenter als allgemein angenommen und somit ein eigener Körper.

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