Kategorie: Fantasy und Science Fiction

Die Welt bei Kerzenschein

Folklore und Legenden sind Teil eines Vermächtnisses unserer ursprünglichen Ängste, die in der Morgendämmerung der Menschheit ihren Ursprung haben, als die Welt noch vom Übernatürlichen dominiert war: Wälder, Hügel, Berge und Flüsse waren der Lebensraum von alten, unsichtbaren Dingen. Leben bedeutete, im Schatten dieser Geheimnisse zu leben. Kerzen drückten die tiefe Angst des Menschen aus, nur in einem kleinen Lichtkreis inmitten einer riesigen, dunklen Welt zu leben.

Dieses Motiv ist eine Konstante in fast jedem Mythos. Hrothgar, der König der Dänen, erbaute eine große Festhalle in den wilden Mooren Dänemarks und brachte damit das Licht und das Lachen der Menschen in die dunkle Landschaft seines Reiches. Grendel, einer der drei Gegenspieler des Beowulf, zahlt es den Eindringlingen in sein Gebiet heim, indem er sich nachts in die Halle schleicht und alle Anwesenden ermordet. Die goldenen Tapeten sind abgerissen, die Lichter der Halle erloschen, und das Moor liegt wieder still und leise da.

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Fantasy ist das Spiel des Geistes

Fantasy verhält sich zur Literatur wie Liebe zum Leben. Anders: Fantasy ist lebensnotwendig. Das sind in der Tat starke Worte; der eine Satz stammt von einem Autor, der andere von einem Psychoanalytiker. Die besten Werke der Phantastischen Literatur wurden in der Sprache der Träume verfasst, sagt George R.R. Martin, und er sagt weiter:

Fantasy ist Silber und Scharlachrot, Indigo und Azurblau, ein Obsidian, durchzogen von Adern aus Gold und Lapislazuli. Realität hingegen ist schlammbraunes Sperrholz, olivfarbenes Plastik. Der Geschmack der Fantasy erinnert an würzigen Pfeffer, an Honig, an Zimt und Nelken, an vorzügliches rotes Fleisch und an Weine, süß wie der Sommer. Realität ist Bohnen und Tofu mit einem Aschegeschmack. Realität ist das Einkaufszentrum von Burbank, die Schornsteine von Cleveland, eine Tiefgarage in Newark. Fantasy steckt in den Türmen von Minas Tirith, in den alten Steinen von Gormenghast, in den Hallen von Camelot. Fantasy fliegt mit den Flügeln des Ikarus, Realität mit Southwest Airlines. Warum sehen unsere Träume so klein aus, wenn sie endlich wahr geworden sind?

Wir lesen Fantasy, um die Farben wiederzufinden, denke ich. Um starke Gewürze zu schmecken, und um die Lieder zu hören, die die Sirenen sangen. Es gibt da etwas altes und wahres innerhalb der Fantasy, das mit etwas, das tief in uns verborgen liegt, kommuniziert; dieses Etwas, das als Kind davon träumte, eines Tages durch die Wälder der Nacht zu jagen, um ein Fest in den Höhlen des Merlin zu feiern, um eine Liebe südlich von Oz zu finden oder nördlich von Shangri La.

Sie können ihren Himmel behalten. Wenn ich sterbe, will ich nach Mittelerde.

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Conan (Der Barbar als Verteidiger der Literatur)

Festa

Conan hat stets im Unterbewusstsein der Popkultur gelauert, er ist von dort nicht mehr wegzudenken. Manch einer wird – zum Leidwesen vieler Conan-Fans unweigerlich das Bild von Arnold Schwarzenegger vor Augen haben. Manche mögen Arnold in dieser Rolle sogar, aber das zeigt im Grunde nur, dass Conan eine der unterschätzten Figuren der amerikanischen Literatur ist (dicht gefolgt von Lederstrumpf). Schwarzeneggers Conan-Darstellung mag spaßig sein, aber es fehlt ihr eindeutig an jener Tiefe, die Howards literarische Figur tatsächlich hat.

Wenn es um die Darstellung unreflektierter trivialer Kunst geht, braucht man sich nur die Meinung der Allgemeinheit über Conan anzusehen. Fragen wir jemanden auf der Straße nach Conan, wird er wohl oder übel Geschichten über Lust und Gewalt im Sinn haben. Conan wird einige halbnackte Mädchen aus den Klauen tollwütiger Bestien befreien, die dann ohnmächtig zu seinen Füßen liegen. Tatsächlich gibt es nicht wenige Persiflagen, die genau auf dieser einfachen Formel beruhen. Das Problem mit solchen Darstellungen ist, dass sie nicht richtig sind. Gibt es denn solche Geschichten im Conan-Werk etwa nicht? Doch, aber es gibt dort auch Geschichten von erstaunlicher visionärer Kraft.

Wie bei den meisten Autoren spiegeln Robert E. Howards Schriften seine eigenen Gedanken, Erfahrungen, und nicht zuletzt seine Bildung. Das Schreiben spiegelt den ästhetischen Geschmack des Autors oder sein Verständnis von dem, was ein von ihm bedientes Publikum lesen möchte. Das Bedürfnis, etwas wieder und wieder lesen zu wollen, entsteht durch die Befriedigung unterbewusster Triebe, wenn diese mit etwas angereichert werden, das den Leser zum Nachdenken anregt. Und Howard ist da keine Ausnahme. Tatsächlich wird man in der (chronologisch) ersten Conan-Geschichte “Im Zeichen des Phönix” (1932) eine Anspielung über den Wert der Literatur und ihre Rolle in der Gesellschaft finden können.

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Dorothy Gale (Wir sind nicht länger in Kansas)

Ob man nun durch das originale Kinderbuch von L. Frank Baum aus dem Jahr 1900 oder durch die Verfilmung mit Judy Garland aus dem Jahr 1939 zur Geschichte kam, Der Zauberer von Oz ist Teil eines gemeinsamen emotionalen Eigentums geworden, das sich tief in der kollektiven persönlichen und kulturellen Psyche verankert hat. Jüngst haben Filmwissenschaftler aus einer groß angelegten Studie die Erkenntnis gewonnen, dass besagter Film der einflussreichste aller Zeiten ist. Das mag das deutsche Publikum etwas staunen lassen, denn hierzulande kennt man Dorothy Gale zwar auch, hält das Phänomen aber wohl für ein rein amerikanisches. Und das stimmt eben nicht. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben unvergessliche Verbindungen zu dieser Erzählung voller Wunder, Gefahren, Freundschaft und Gegenspieler. Natürlich sind das Erfahrungen, die oft durch die nostalgische Linse der Kindheit verstärkt werden, aber nur wenige Geschichten wurden mythologisiert wie Oz. Nein, selbst Mittelerde nicht.

Natürlich konnte Baum nicht vorhersehen, wie die Massenmedien eines Tages den Einfluss von „The Wonderful Wizard of Oz“, so der Originaltitel, vervielfachen würden. Und wie auch? Als das Buch erschien, steckten bewegte Bilder noch in den Kinderschuhen. Aber unabhängig davon, welches Phänomen daraus noch entstehen sollte, war Baums unmittelbarer Einfluss auf die amerikanische Imagination bereits damals von Bedeutung.

Von Anfang an schien Baum zu spüren, dass er hier etwas Besonderes in den Händen hielt.

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Schwert und Zauberei (Sword & Sorcery)

Genre- und Subgenre-Labels gibt es aus gutem Grund – um die Leser mit der Art von Literatur zu verbinden, die ihnen gefällt. Zumindest heutzutage obliegt eine solche Kategorisierung eher den Vermarktern und Buchhändlern als einer tatsächlichen Unterscheidung durch Fans oder Autoren. Aber das war 1961 definitiv nicht der Fall, als Mitglieder der Robert E. Howard-Fangruppe, der Hyborian League, erkannten, dass sie einen Namen für jene besondere Art von Geschichten brauchten, die sie gerne lasen und schrieben. Die Frage, wie genau man diese Geschichten nennen sollte, stellte der junge Aufsteiger Michael Moorcock, und beantwortete der erfahrene Schriftsteller Fritz Leiber:

“Ich bin mir mehr denn je sicher, dass dieses Feld Schwert und Zauberei genannt werden sollte. Dies beschreibt die Punkte des kulturellen und übernatürlichen Elements genau und unterscheidet es auch sofort von Mantel und Degen (historischen Abenteuergeschichten) – und (ganz nebenbei) auch von den Mantel und Dolch (internationale Spionage)-Geschichten!”

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