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Fantasy und Rockmusik

(c) Pentakill

Vor einiger Zeit hatte Michael Schmidt einen Artikel (A Night at the Opera) hier im Phantastikon geschrieben, der sich mit phantastischer Literatur und Rockmusik auseinandersetzt. Damals entstand die Idee, etwas öfter auf diese sehr produktive Verbindung einzugehen. Jedoch kamen immer wieder andere Themen dazwischen. Heute aber wollen wir unser Anliegen noch einmal in Erinnerung rufen.

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Fantasy-Autoren die Rockwelt prägen und geprägt haben. Ein prominentes Beispiel ist Michael Moorcock, der für seinen Ewigen-Helden-Zyklus bekannt ist, dessen SciFi-Lyrics aber auch einige der berühmtesten Rocksongs der 70er zieren. Seine fruchtbarste Zusammenarbeit war die mit der Spacerock-Band Hawkwind (ja, es ist dieselbe, in der sich der unsterbliche Lemmy von Motörhead seine (fast) ersten Sporen verdiente). J. R. R. Tolkien ist innerhalb der Rockmusik ebenfalls eine einflussreiche Figur. Seine Kreationen inspirierten Alben, Songs, Künstler- und Bandnamen, Kostüme sowie Modetrends (gerade im Gothic-Bereich), und wurden von ganzen Musikrichtungen verklärt. Es ist, als hätte die Fantasy-Literatur Musiker auf der ganzen Welt in ihren Bann gezogen. Werfen wir einen Blick auf die Magie, die durch einen Verstärker serviert wird.

Hawkwind mit Lemmy; Hulton Archive/Getty Images

Die unheimliche Phantastik: Lovecraft-Rock

Das Weird Tales Magazine war eines der ersten Fantasy-Magazine, und H. P. Lovecraft machte sich auf diesen Seiten einen Namen. Sein Werk umfasst die Schwestergenres Science Fiction, Horror und Fantasy. Lovecrafts wichtigste Werke begründeten einen Mythos, den er aus fiktiven wissenschaftlichen Elementen (Kreaturen aus den Tiefen des Weltalls, die einst die prähistorische Erde besiedelten), folkloristischen Bezügen (mindestens eines seiner wiederkehrenden Monster stammt aus der ägyptischen Mythologie), und seiner eigenen alternativen Geschichte des Okkulten gesponnen hat. Das Ergebnis ist ein gruseliges Fantasy-Universum, das in Büchern, Spielen und Dutzenden von Rocksongs erwähnt wird.

Viele Musikgruppen haben ihre Identität aus Lovecrafts Mythos entnommen. Zum Beispiel war die Band H.P. Lovecraft eine frühe Acid Rock-Gruppe, die sich erst die Erlaubnis der Nachlassverwalter einholte, bevor sie sich offiziell so nannte (obwohl die Band ihren Namen später auf Lovecraft reduzierte und später noch einmal in Love-Craft änderte). H.P. Lovecraft waren vor allem für ihre einzigartige Kombination aus Orgel und Cembalo bekannt, dazu warteten sie mit einer reichen Orchestrierung und einem vielschichtigen, unheimlichen Klang auf. Ihr erfolgreichstes Werk ist der 1967 veröffentlichte Song “The White Ship” (inspiriert von Lovecrafts gleichnamiger Kurzgeschichte).

Hound of Tindalos; (c) Nottsuo, Deviant Art

Andere Bands, die sich an Lovecrafts Werken orientieren, sind die kanadischen Rocker The Darkest of the Hillside Thickets, deren Name sich auf die Lovecraft-Kurzgeschichte “Die Gruft” bezieht. Darin geht es um einen jungen Mann, der so besessen von einem Mausoleum ist, das in “the darkest of the hillside thickets” versteckt liegt, dass er verrückt wird. Die meisten Songs und Alben der Band erzählen Lovecraft-Geschichten. Insgesamt gab es vier Bands namens “Arkham”, eine Stadt, die in mehreren Lovecraft-Werken erwähnt wird, und eine Rockabilly-Gruppe namens The Arkhams. Sogar Lovecrafts Monster wurden durch Bandnamen geehrt: Shub-Niggurath, ein Waldwesen, hat seinen Namen sowohl einer französischen Progressive-Rock-Gruppe als auch einer mexikanischen Metal-Band gegeben.

Aber eine Band braucht kein Lovecraft-Liebhaber zu sein, um sich von ihm inspirieren zu lassen. Durch Arbeiten, die die okkulten und dunklen Kräfte betonen, ist es keine Überraschung, dass Lovecrafts Geschichten in vielen Metal-Songs auftauchen. Black Sabbath produzierte 1970 den Klassiker “Behind the Wall of Sleep”, basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte. Metallica nahmen “The Call of Ktulu” und “The Thing That Should Not Be” auf – jeweils eine Hommage an Cthulhu, ein Tentakel- und Flügelmonster, das in mehreren Lovecraft-Geschichten auftaucht – und “All Nightmare Long,” inspiriert von einer Geschichte über zeitreisende Monster namens The Hounds of Tindalos (die Hunde sind Erfindungen von Lovecraft, aber die Geschichte, auf die Metallica verweist, ist “The Hounds of Tindalos” von Frank Belknap Long, einem guten Freund von H. P. Lovecraft). Der monströse Cthulhu wird in zwei Songs der Michigan Metal Band The Black Dahlia Murder weiter beschrieben und sogar beschworen: “Thy Horror Cosmic” und “Throne of Lunacy” sind da zu nennen. Und für diejenigen, die einen Hang zu progressivem Rock haben, hat auch Dream Theater eine Lovecraft-Schöpfung in ihr Werk aufgenommen – “The Dark Eternal Night” handelt von Nyarlathotep, einer quasi-ägyptischen Kreatur aus Lovecrafts Mythos.

In jüngster Zeit sind wohl die brachialsten Vertreter einer Lovacraftian-Message die Death-Metaller von Sulphur Aeon, episch, gewaltig, düster – und unheimlich gut.

Detail des Covers “Swollowed by the Oceans Tide” von Sulphur Aeon; (c) High Roller Recrords

Mit all diesen musikalischen Angeboten würden sich Lovecrafts tributhungrige ältere Göttern über sich selbst freuen. Die Magier und Zauberer, die sich so sehr bemühten, die verbotenen Werke von Lovecrafts sagenumwobenem Necronomicon  (auch hier gab es in den 80ern eine deutsche Metal-Band gleichen Namens) zu übersetzen, hätten die Botschaft der seltsamen und jenseitigen Gefilde sowie dieser hart rockenden Bands nicht besser verbreiten können.

Herr der (phantastischen) Dinge

In Der Herr der Ringe und den dazugehörigen Sekundär-Texten schuf J. R. R. Tolkien eine detaillierte Welt voller Magie und des persönlichen Mutes. Seine Themen, Schauplätze und Kreaturen brachten die High Fantasy als wichtiges Genre hervor, und es dauerte nicht lange, bis die Musiker damit begannen, seine Kreationen zu absorbieren.

Tolkiens Werk basiert in hohem Maße auf alt-englischen und nordischen Mythen, und viele Leser haben Verbindungen zwischen dem Herrn der Ringe und Wagners Ringzyklus gefunden. Bei diesen Wurzeln ist es nicht verwunderlich, dass mehrere skandinavische Bands mit einer Hommage an seine Werke gespielt haben. Amon Amarth, eine schwedische Death Metal-Band, deren Musik sich hauptsächlich auf Wikinger-Themen von Krieg und Abenteuer konzentriert, hat ihren Namen aus einer von Tolkiens erfundenen Sprachen; Amon Amarth ist einer der Namen für den Schicksalsberg. Und während die Metal-Giganten Dimmu Borgir vor allem für ihren dunkel-mittelalterlichen Look bekannt sind, ist der Künstlername ihres Sängers (Shagrath) von einem von Tolkiens Orks übernommen worden. Orks waren auch für die norwegische Band Burzum wichtig, deren Name nicht nur “Dunkelheit” im Orkischen bedeutet, sondern deren ursprünglicher Bandname “Uruk-Hai” war, nach einer besonders gewalttätigen Gruppe von Orks. Der Frontmann der Gruppe trug sogar den Künstlernamen Graf Grishnackh, ein Spitzname des Orkführers.

Dimmu Borgis; (c) Per Heimly

Viele Musiker haben in ihren Liedern Mittelerde angesprochen. Led Zeppelin hat eine ganze Fülle von LOTR-inspiriertem Material geschrieben. Entgegen der landläufigen Meinung ist “Stairway to Heaven” nicht darunter, aber der Titel “Misty Mountain Hop” bezieht sich auf das Nebelgebirge oder Hithaeglir. “The Battle of Evermore” ist reich an metaphorischen Bezügen zum Buch, darunter die Zeilen “The dark Lord rides in force tonight” und “The ringwraiths ride in black, ride on”. Und natürlich “Ramble On”, das eine rockige Version von Ereignissen erzählt, bei denen es in Mordor wunderschöne Jungfrauen gibt und Gollum eine davon entführt.

Rush-Drummer Neil Peart ist ein großer Freund der Literatur, einschließlich der epischen Werke Tolkiens. Dieser Einfluss brach sich Bahn in dem 1975 aufgenommenen Song „Rivendell“, benannt nach der majestätischen Elfenstadt, in der Elrond zu Hause ist. Nur ein Jahr später schrieb er “The Necromancer”, das sich auf den Spitznamen bezieht, den Gandalf Sauron in „Der Hobbit“ gegeben hat und der einen starken thematischen Kontrast zu “Rivendell” bildet. Das letztgenannte Werk ist in drei Teile gegliedert, die das Trilogieformat des Romans nachahmen sollen.

Einige Bands machten Tolkiens Welt zu ihrem eigenen Revier. Blind Guardian sind bekannt für ihre Tolkien-Referenzen, wie sie im Metal an sich überall vorkommen. (Und 2019 gibt es sogar einen Leckerbissen für alle Blind Guardian- und Markus Heitz-Fans. Letztgenannter Autor schreibt nämlich die Vorgeschichte zum bald erscheinenden Themenalbum der Band).

Die finnische Band Battlelore lässt sich nicht nur von Tolkien inspirieren, sondern tritt auch oft in Kostümen im Mittelerdestil auf. Und die Österreicher Summoning haben überhaupt kein anderes Konzept als Mittelerde zu vertonen.

Als er “The Wizard” für Black Sabbaths selbstbetiteltes Debütalbum schrieb, las der Bassist Geezer Butler LOTR, was ihn dazu inspirierte, den Text auf den Zauberer Gandalf zuzuschneiden. Der Songtitel ist ein wenig doppeldeutig, da Black Sabbath ihn auch als Metapher für ihren Drogendealer benutzten.

Die Tiefe und Ausgelassenheit der Tolkien-Referenzen in der Rockmusik hat dazu beigetragen, die breite Akzeptanz fantastischer Elemente in der Musikwelt zu fördern. Es gibt viele Bands, die sich vielleicht nicht direkt auf Tolkiens Charaktere oder Geschichten beziehen, aber dennoch einem klassischen Fantasy-Motiv in ihrer Darstellung und den Texten huldigen. Gruppen wie Dragonforce und Skyclad schreiben regelmäßig Lieder über Drachen, Schwerter und Adel. Und es ist angesagt, sich in Fantasy-Kostümen zu kleiden.

Es mag Strömungen und Moden geben, die sich alle nur ein paar Jahre halten können, aber was Fantasy-Literatur und gerade Heavy Metal betrifft, wir sie alles überdauern, was wir kennen. Beide Kunstformen absorbieren durchaus ganz zwanglos auch mal die gerade vorherrschenden Strömungen, sind aber von ihrer Philosophie her auf die Ewigkeit anbelangt, ihre wirklichen Fans quasi unbestechlich.

Zu guter Letzt sei noch angemerkt, dass es unmöglich ist, in diesem Bereich auch nur halbwegs Vollständigkeit zu erreichen. Aber wir werden ab und zu zurück kommen und die fruchtbare Kooperation zwischen Rockmusik und Fantasy näher beleuchten. In diesem Sinne: legt euch ein gutes Album auf und entschwindet in die magischen Welten!

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