Fantasy-Tropen: Weißbärtige Zauberer

Würde man jemanden auf der Straße bitten, die ersten drei Zauberer zu nennen, die ihm in den Sinn kommen, würde man wahrscheinlich die Namen Gandalf, Merlin und Dumbledore (oder wenn jemand clever sein will – Rincewind) zu hören bekommen. Das Bild des weißbärtigen alten Mannes mit Stab ist so fest in der modernen Fantasy verankert, dass Pratchett seine Unsichtbare Universität sogar mit Karikaturen davon füllte. Aber es ist nicht der Bart, der jemanden zum Zauberer macht – was einen Magier definiert, ist Magie, und die Literaturgeschichte ist voller Zauberer und Magier, die dem üblichen Bild eines Zauberers trotzen. Dennoch wäre es doch interessant zu erfahren, woher wir unseren überwiegend weißbärtigen alten Weisen mit seinem Stab haben.

Meine Damen und Herren, hier ist Väinämöinen!

 

Das Kalevala, Tolkien und Gandalf

Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass unsere Leser, die sich nicht mit Mythologie beschäftigen, noch nie etwas von dem finnischen Magier Väinämöinen oder dem finnischen Epos Kalevala, in dem er auftritt, gehört haben. Allerdings waren das Epos sowie der Magier eine wichtige Inspirationsquelle für Tolkien, das  Kalevala war sogar so wichtig, dass es ihm als Grundlage für sein Silmarillion diente.

“Die tragische Geschichte vom glücklosen Kullervo im finnischen Kalevala stellt den Kern meines Bestrebens dar, Legenden zu verfassen, die meinen privaten Sprachen gerecht werden. Sie spielt eine wichtige Rolle in den Geschichten des ersten Zeitalters, die ich hoffentlich unter dem Namen “Silmarillion” veröffentlichen kann.”

Aber Tolkiens Faszination hörte nicht bei Kullervo auf. Das finnische Epos übte einen starken Einfluss auf Tolkiens Weltenbau und auf seine Sprachen aus, insbesondere auf die elfischen und entischen. Im Zentrum des Kalevala steht der Weise Väinämöinen, der als universeller Held und Beschützer der Finnen sowie als mächtiger Magier und Kenner von Geheimnissen fungiert. Es gibt ein paar Dinge, die ihn charakterisieren:

  1.  Er ist ein alter, weiser Mann mit einem langen Bart.
  2.  Er wirkt Zauber mit seiner Stimme und seinen Liedern, vor allem aber mit Gedichten.
  3.  Seine Kraft wurzelt in der Natur, darunter Wasser, Schnee, Bäume und das Wetter im Allgemeinen.
  4.  Er hat eine starke Verbindung zum Segeln und zum Reisen.
  5.  Er ist ein Held des einfachen Volkes und handelt in seinem Interesse.
  6.  Er bekämpft andere Zauberer mit Magie.
  7.  Obwohl er alt und weise ist, hat er immer noch einige Mängel und einen erkennbaren Charakter.
(c) Akseli Gallen Kallela

Tolkiens Gandalf passt zu all diesen Eigenschaften. Obwohl Gandalf zum Teil von den Geschichten über Odin, dem Wanderer und dem Gemälde “Der Berggeist” von Josef Madlener inspiriert wurde, hat er doch eine stärkere Ähnlichkeit mit Väinämöinen. Sie sind beide urtümliche Einsiedler, die die Natur und deren esoterische Geheimnisse nutzen, um daraus ihre Macht zu ziehen. Geheimnisse und altes, vergessenes Wissen sind ihr tägliches Geschäft.

Um in der Mythologie der Kalevala Macht über etwas zu haben, muss man seine Ursprünge kennen und in der Lage sein, die entsprechenden Lieder und Beschwörungen zu singen. Große Macht in der Welt der Kalevala erfordert großes Alter und großes Wissen, und Väinämöinen hat beides. Ein großer Teil seiner Macht rührt von der Tatsache, dass er als ältester aller Lebewesen die Schöpfung der Dinge gesehen, ihre Namen gehört hat, und daher die Lieder ihres Ursprungs kennt.

Ein noch besseres Beispiel als Gandalf ist Tom Bombadil, der oft als der Älteste, der Erste und der Vaterlose bezeichnet wird, dessen ständiger Gesang den Zauberliedern Väinämöinens ähnelt. Es ist also wichtig zu verstehen, dass die Macht im Kalevala sich aus dem Wissen, den Namen, und der Herkunft ableitet, was bedeutet: je älter etwas ist, desto mehr Wissen hat sich angesammelt. Das Klischee der alten Zauberer mit ihren weißen Bärten rührt genau daher.

 

Nordische Magie

In Ursula Le Guins “Der Zauberer von Erdsee” lesen wir von Liedern, Worten, Namen und Ursprüngen, die sich auf Segoy beziehen, der die Welt aus dem Wasser aufwärts singt und die Verwendung von “wahren Namen” in Geds magischer Erziehung vorsieht:

“Lieder, Gedichte, Runen, Zauberwörter sind auf der Erdsee sehr wichtig, besonders die in der “Alten Rede”, die heute nur noch von Drachen und Zauberern gesprochen wird. Um einen Zauber zu wirken, muss man den “wahren Namen” eines Objekts oder einer Person kennen, der nicht weniger als die grundlegende Essenz dieses Objekts oder dieser Person ist. Auf Erdsee den wahren Namen einer Person zu kennen, bedeutet, Macht über sie oder ihn zu erlangen. “Ein Magier”, wie uns gesagt wird, kann nur das kontrollieren, was in seiner Nähe ist, und was er genau und vollständig benennen kann.”

Ged; (c) Ololord

Das alles ist kein Zufall, denn Le Guins Eltern waren Anthropologen und die nordische Mythologie war eine ihrer Inspirationsquellen. Tatsächlich erkundet die anregende Idee der Erdsee-Saga, was ein Zauberer war, bevor er zur immer wiederkehrenden, alten, weißbärtigen und archetypischen Gestalt wurde, die wir kennen.

Die Geschichte der europäischen Zauberer und Magier geht viel tiefer als die Kalevala oder Väinämöinen, so wie die Fantasy tiefere Wurzeln hat als Tolkiens “Herr der Ringe“, aber der Einfluss des finnischen Epos und seines vorgestellten Weisen ist Teil der DNA der Fantasy geworden. Die zugrundeliegende Philosophie von Väinämöinen und seiner Magie ist, dass ein hohes Alter Wissen bringt, Wissen durch das Erlernen von Namen gewonnen wird und das Wissen um Namen Macht verleihen, indem sie jemandem erlauben, die Essenz eben jener Namen, die der Betreffende spricht, hervorzurufen. Die Stimme steht im Mittelpunkt der Macht eines Magiers, ebenso wie Beschwörungen und “Worte der Macht”.

Die mächtigsten Magier sind unvermeidlich die ältesten, und es versteht sich von selbst, dass alte Männer lange, weiße Bärte haben.

2 Gedanken zu „Fantasy-Tropen: Weißbärtige Zauberer

  1. Es ist komplizierter, wenn wir schon Wortklauberei betreiben wollen. Weisheit hat übrigens nichts mit dem Alter zu tun, das wäre dann Lebensweisheit. Und Wissen erlangt man durch jede Art von Studium, das steht zunächst einmal nicht in Büchern, wird aber durch Bücher als ein Medium von vielen transportiert.
    Weisheit ist zum einen ein Attribut, das in den Dingen liegen kann; und selbst Kinder besitzen sie, auch wenn wir dann eher von einer Form der “Gewitztheit” sprechen, was nahe liegt, wenn wir bedenken, dass alle Weisheit in der Narretei seinen Ursprung hat.

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