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Fantasy-Tropen: Seelenfressende Schwerter

Anomander Rake

Willkommen zu unseren Fantasy-Tropen. Ja, wir haben das nicht als neue Artikel-Serie aufbereitet, denn unseres Erachtens gehören diese Dinge zu den Theorien der Fantasy. Also findet ihr die künftigen Artikel schön aufgeräumt an eben diesem Platz.

Ein zeitgenössischer Begriff für klassische Elemente des Erzählens nennt sich also Tropus. Ursprünglich waren diese  “Trophäen” Begriffe aus der Rhetorik und meinten (neben vielem anderen) Redewendungen wie Metaphern und Ironie. Heute aber versteht man darunter häufig wiederkehrende literarische und bildhafte Mittel, Motive oder Klischees. Die große Reise (Quest), der Bauernjunge, der zum König wird – das sind nur einige Beispiele von Tropen, die immer wieder auftauchen. Aber es gibt natürlich sehr viele andere. Im Grunde wird eine gute Geschichte weder durch die Abwesenheit, noch durch den Einsatz solcher Tropen definiert, sondern allein durch den Umgang mit ihnen. Aber das ist eine andere Geschichte. Beginnen wir unsere neue Reihe doch mit dem gängigen Handwerkszeug der meisten Helden, mit Schwertern…

Das wohl berühmteste aller legendären Schwerter und dasjenige, das am engsten mit einem der großen epischen Erzählungen verbunden ist, ist ohne Zweifel König Arthurs Excalibur. Das Schwert im Stein, das auch das Schwert in der Hand der Dame vom See ist, ist in einer Vielzahl von Novelierungen und fast ebenso vielen Gestalten erschienen. Genauso garantiert lässt sich sagen, dass es gerade die Erzählungen um König Artus und seine Tafelrunde sind, die einen großen historischen Baustein des epischen Fantasy-Genres darstellen. Und so ist es wenig verwunderlich, dass es von Königen, Zauberern, Intrigen und Schwertern nur so wimmelt, dass sich quasi das Mittelalter als die beste aller möglichen Welten durchgesetzt hat, auch wenn wir in der modernen Fantasy mit viel mehr als mit dem konfrontiert werden. Das Mittelalter steht uns als „Trope“ in einem anderen Beitrag noch bevor. Hier soll es erst einmal um Schwerter gehen; aber nicht um irgendwelche Schwerter – denn das würde jeden Beitrag sprengen – sondern um die Seelenfresser.

Die mächtigsten von ihnen besitzen ein Eigenleben (und sind auch für den Besitzer nicht immer ungefährlich). Selbstverständlich ist jedem Leser Michael Moorcocks Elric von Melniboné und sein Schwert Sturmbringer ein Begriff. Aber auch an C.J. Cherryhs Morgaine mit ihrem Schwert Wechselbalg (nun, hier haben wir wieder mal so ein Beispiel idiotischer Übersetzer, die kein Gespür für Sprache haben – „Wankelmut“ wäre der bessere Begriff), ist schwer vorbei zu kommen, obwohl Morgaines Wechselbalg die Seelen nicht gerade verschlingt, sondern unglückliche Opfer irgendwo in der Raumzeit transportiert. Die Morgaine-Geschichten sind epische Fantasy mit einer Science Fiction-Wendung und in diesem Sinne ist Wechselbalg – sowohl Waffe als auch Wurmloch – definitiv keine Klinge, die leicht zu bedienen ist. Steven Eriksons Anomander Rake und sein Dragnipur ist ein weiterer starker Vertreter der seelenfressenden Hieb- und Stichwaffen. Und auch wenn keines von Drizzts Schwertern aus R.A. Salvatores Forgotten Realms-Romanen Seelensauger sind, besitzt sein Erzfeind Artemis Entreri zumindest einen unverwechselbaren, seelenfressenden Edelsteindolch, was praktisch dasselbe ist, nur ein wenig kleiner.

Dass die Träger solcher Schwerter in gewissem Sinne „Elfen“ sind – oder in einem modernen Sinne „elfische Archetypen“, ist hierbei besonders interessant. Elric, Morgaine und Anomander Rake sind allesamt Anführer oder Manipulatoren mit großer Macht; sie sind keine Menschen und auch in ihrem Verhalten distanziert und andersartig.

Zwar ist das kein besonderes Klischee, aber sowohl der Elf als auch das „seelenfressende Schwert“ sind eine Besonderheit des fantastischen Geschichtenerzählens. In Kombination sind sie leicht zu erkennen, auch wenn man einwenden kann, dass dieses besondere Schwert als Metapher für ein weitaus unverwechselbareres Element des Genres stehen kann: das Artefakt der Macht.

Wie das seelenfressende Schwert und Tolkiens “einer Ring” sind Artefakte der Macht oft von mysteriöser, wenn nicht sogar zweifelhafter Herkunft und ambivalenter Bedeutung für den Besitzer. Das dämonisch geprägte Sturmbringer zum Beispiel erreicht sein langjähriges Ziel, Elric zu unterwerfen, während demgegenüber Robin McKinleys (viel) freundlicheres blaues Schwert Gonduran einen zwielichtigen Sinn für Humor hat. Das vielleicht markanteste Merkmal von Artefakten der Macht ist, dass sie in fast allen Fällen dazu neigen, einen eigenen Willen zu besitzen und häufig eine eigene Agenda verfolgen. In einigen Fällen kann das Artefakt im Wesentlichen neutral sein und je nachdem, wie es verwendet wird, für einen guten oder bösen Zweck eingesetzt werden, wie z.B. der “Stein” in Barbara Hamblys „Der schwarze Drache“. In vielen Fällen kann die Verwendung von Artefakten überhaupt gefährlich sein. Aber in nahezu allen Fällen ist es unklug, sich auf sie zu verlassen – wie bei den drei Elfenringen in „Der Herr der Ringe“: Obwohl sie für das Gute gemacht und verwendet wurden, bedeutete ihre ultimative Unterwerfung unter den Einen Ring, dass bei ihrer Zerstörung alles, was durch sie bewirkt wurde, auch vergehen würde.

Objektiv gesehen ist anzumerken, dass das Artefakt der Macht im epischen Erzählen ein Misstrauen gegenüber menschlicher Motivation und Technologie widerspiegelt, sozusagen ein Gegenstück zur dystopischen Tradition bildet, die in der Science-Fiction vorhanden ist. Wie Schwerter, seelenfressend oder nicht, bergen Artefakte der Macht immer eine gewisse Zerrissenheit.

2 Kommentare zu Fantasy-Tropen: Seelenfressende Schwerter

  1. Nicht seelen fressend aber auch Schwerter mit einem Eigenleben sind die Ancient Baldes, dazu geschaffen, um Dämonen zu besiegen. Ich bin erst bei Beginn Band 2 und kenne erst drei der sieben Schwerter. Aber schon beeindruckend. Es gibt übrigens auch Äxte mit besonderen Eigenschaften 🙂

  2. Hallo Petra,
    es gibt tatsächlich eine Menge Artefakte mit einer besonderen Magie. Vielleicht sollte mal jemand über die “Ancient Blades” schreiben. Die stehen bei uns noch an.
    Für alle, die es nicht wissen: Gemeint ist die Reihe von David Chandler.

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