Fantasy-Tropen: Der anhaltende Reiz des Bauernjungen

Eigentlich ist das hier das bekannteste Klischee der Fantasy-Literatur und überdeutlich vorhanden, so sehr, dass es das Genre weitgehend definiert hat. Es stellt sich also die Frage, warum wir noch immer so viele Bauernjungen-Fantasy zu lesen bekommen, obwohl diese Trope mittlerweile ein abgestandener Witz ist. Zugegeben, professionelle Autoren gehen längst einen anderen Weg, aber in der Selfpublisher-Szene ist dieses Motiv nicht totzukriegen (daran sollst du sie erkennen!), aber auch die großen Verlagshäuser wollen nicht gänzlich davon lassen. Sind die Bauernbuben also unausweichlich oder ist ihre Zeit nun endlich um?

Die Inspiration

Obwohl es logisch ist, den Altvater hier zu nennen, stammt dieses Klischee nicht per se von Tolkien. Sicher, Frodo ist der unerwartete Retter der Welt – ein Waisenkind, das von den Weisen ausgewählt und von einem mächtigen magischen Gegenstand begleitet wird, aber Tolkiens Hobbits sind keine heranwachsenden Jugendlichen, sondern eher unschuldige Außenseiter, die sich plötzlich mit der Welt konfrontiert sahen, wie sie außerhalb des Auenlandes wirklich ist. Kein großer Unterschied, aber ein Unterschied. Außerdem besitzen sie selbst keine kriegerischen oder magischen Kräfte – sie überwinden das Böse durch ihren angeborenen Anstand und ihre Ausdauer, nicht durch den Zuwachs an Superkräften.

Also, wenn nicht von Tolkien, wo kommt dieses Klischee dann her? In vielen Werken epischer Fantasy, die nach Tolkien kamen, sehen wir jüngere Protagonisten, die mit ihrem Erwachsenwerden kämpfen, während sie durch eine große böse Welt reisen. Da haben wir Ged in der Erdsee-Saga, Shea in Shannara, Luke in Star Wars (machen wir uns nichts vor: Star Wars ist eine astrreine Fantasy-Geschichte, die Sternflotten sind nur Blendwerk), Garion in Belgariad, Pug in Midkemia und schließlich Rand im Rad der Zeit (und natürlich viele andere). Der Erfolg dieser Serien hat offensichtlich alles um sie herum beeinflusst, aber warum haben die Autoren die Trope des Erwachsenwerdens in Geschichten gepackt, die traditionell von erwachsenen Helden (Herkules, Beowulf, König Artus, etc.) erzählen? Während die heroische Fantasy sich in den Werken Howards und Leibers, von Moorcock bis Gemmell wiederspiegelt, beginnt das, was wir Epic Fantasy nennen, oft schon, bevor die Helden Helden sind. Während der Sprung von den Hobbits zu Kindern zwar kein großer ist, sind aber wahrscheinlich noch andere Kräfte am Werk.

Zum einen hat die Fantasy auch eine lange Kinderbuch-Tradition. Da gibt es natürlich den kleinen Hobbit (aber keine Kinder darin), aber auch Bücher wie die Chroniken von Narnia und Die Chroniken von Prydain. Das sind Geschichten, die etwas aus Tolkiens Schatten heraustreten. Hier gibt es jüngere Charaktere (obwohl es in Narnia vor allem darum geht, das Erwachsensein zu vermeiden als es zu erreichen). Diese Bücher greifen auf ältere mythologische Traditionen zurück. Natürlich gibt es eine Vielzahl anderer Geschichten, die sich auf volkstümliche Erzählungen stützen, wie etwa “The Elflands Daughter” von Lord Dunsany, in der ein junger Held auf der Suche ist. Und da viele dieser Autoren aus der zweiten amerikanischen Generation stammen, besteht wohl kein Zweifel darüber, dass auch Mark Twain und Jack London ihre Spuren hinterließen.

Wenn wir uns explizit das Phänomen des Erwachsenwerdens anschauen, erkennen wir darin ein spätes Konzept, das mit dem zunehmenden Wachstum der Jugendkultur und der Popularität der Jugendbücher zusammenfällt. Zum Beispiel erwähnt die Legende um König Arthurs dessen Jugendzeit so lange nicht, bis T. H. White in “Der König auf Camelot” diese alte Erzählung mit modernen Motiven verband.

Der ultimative Nachfolger dieser Beispiele ist natürlich Harry Potter, aber vielleicht haben die epischen Fantasy-Autoren eher an Bücher gedacht, die sie selbst als Kinder gelesen haben, bevor sie sich hinsetzten, um ihre angeblich erwachsenen Geschichten zu schreiben.

Der unverkennbare Reiz

Offensichtlich setzen die Bauernbuben-Fantasien eine lange und erfolgreiche Tradition fort, aber es steckt sicher mehr dahinter, als nur das Nachäffen dessen, was vorher schon da war. Was also gefällt an diesem Format?

Natürlich ist dabei das Alter der Leserschaft entscheidend. Viele dieser Bücher richten sich an Jugendliche (und oft auch an Jungen), so dass es ein klarer Vorteil ist, einen Protagonisten zu haben, mit dem man sich leicht identifizieren kann. (Manchmal sind diese Protagonisten sogar echte Kinder aus der realen Welt, die durch ein Portal in ein Fantasieland gezogen werden.) Sie enthalten auch weise Vaterfiguren (Gandalf) und aufstrebende kompetente Erwachsene (Aragorn), die den unbeholfenen Protagonisten auf seiner Reise führen. Es gibt oft eine zaghafte Romanze (eine weitere Sache, die Tolkien meist ausgelassen hat) und oft eine Auswahl an engen Freunden, auf die sich der Held verlassen kann (denn Teenagerfreundschaften bedeuten durchaus viel). Aber oft wird der Held in vielerlei Hinsicht isoliert zurückgelassen, gezwungen, schwierigen Entscheidungen allein zu treffen, sein wahres Selbst zu entdecken und schließlich das große Böse durch das besondere Talent zu überwinden, das in ihm verborgen liegt.

Wird diese Trope gut umgesetzt, kommt so etwas wie Harry Potter heraus, also etwas, das alle Altersgruppen anspricht. Es werden realistische Herausforderungen an den Helden gestellt, was ihm ermöglicht, sowohl als Person als auch eben dieser Held zu wachsen. Im schlimmsten Fall bekommt man jedoch etwas idiotenartiges wie Gary Stu (seltener Mary Sue). Da wird der schüchterne, schwache, vernachlässigte kleine Junge aus der Dunkelheit gepflückt und mit Kräften ausgestattet, mit denen er den größten Bösewicht besiegen kann. Er nimmt ein Schwert und ist auf wundersame Weise knallhart, er hebt seinen Finger und wirkt damit Zauber von unwiderstehlicher Kraft. Kein Training oder Studium ist nötig, unser Held wird einfach damit geboren. Dies mag zwar die ultimative Wunscherfüllung für jeden jungen Nerd sein, aber es ist keine gute Geschichte.

Gegenwart und Zukunft

Also, wie lange kann diese Trope noch Bestand haben? Nun, sie hat bis heute überlebt, trotz der Tatsache, dass schon seit Jahren subversive Epen geschrieben wurden, bevor Grimdark überhaupt eine große Sache war. Da sich das Fantasy-Publikum jedoch immer mehr ausbreitet, scheint es mittlerweile so, dass immer mehr Leser dieser alten Trope gegenüber abgeneigt sind oder zumindest aus ihr herauswachsen. Die meisten Autoren haben die alten Tropen dekonstruiert und uns bessere Geschichten erzählt, ohne erwählte Bauernjungen oder gar Dark Lords.

Seit das Genre erwachsen wurde, erscheinen Bücher, die einst Beispiele für Fantasy an sich waren (Brooks, Eddings) heute wie Jugendliteratur, und in diesem Bereich finden wir auch die meisten Nachkommen dieser Trope, die dennoch bestand zu haben scheint. Sei es in Kinderbüchern, Jugendbüchern, bei den Selfpublishern und ab und zu sogar im Mainstream der Epic Fantasy.

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