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Fantasy – eine Polemik

Fantasy, ein Menschenrecht.
Gedanken über ein Stiefkind der Literatur.

It seems to be suggested that fantasy is some kind of fairy icing
when, from a historical point of view, it is the whole cake.
(Terry Pratchett)

Der Satz „Fantasy ist ein Menschenrecht“ (i. Orig. „Fantasy is a human right“, FS 52) entstammt dem einflussreichen Aufsatz Über Märchen / On Fairy Stories von J.R.R. Tolkien aus dem Jahr 1937. Tolkien meinte damit zwar nicht das Genre der Fantasyliteratur (das war damals noch gar nicht unter diesem Begriff bekannt), sondern er benutzte den Ausdruck wörtlich im Sinne des deutschen Wortes „Phantasie“, aber etwas Provokation sei mir hier erlaubt. Sie werden sehen, die folgenden Überlegungen enthalten noch mehr davon.

Warum aber will ich provozieren? Kurz gesagt, weil die Fantasyliteratur meiner Beobachtung nach allzu oft zu Unrecht abgewertet oder diffamiert wird und mir das schon seit einiger Zeit drückend und drängend im Magen liegt. Entgegen weit verbreiteter Meinung, besonders innerhalb der professionellen und gelehrten Literaturkritik, Fantasy sei kindisch, eskapistisch, belanglos, gefährlich, Zeitverschwendung und überhaupt Trash, halte ich die Inhalte und die Erzählweise der anspruchsvollen Fantasy für ausgereift, erholsam, aussagekräftig, bedeutungsvoll und erachte sie als wichtigen Teil meines bzw. sogar des Lebens. Bedeutungsvoll und wichtig meint dabei, dass die Geschichten und Erzählungen der „Gattung“ Fantasy (Pesch 2001, zum Gattungsbegriff und den Problemen seiner Definition unten mehr) Relevanz für das Leben in der realen Welt haben können, dass sie die reale Welt kommentierend bereichern (L, 297, Hunt 2001, 7).

Die potenzielle Tragweite der phantastischen, märchenhaften Welten von Tolkien und anderen Schriftstellern und Schriftstellerinnen als „ernsthaftes Spiel“ aufzuzeigen (vgl. Petzold 2005, 11), ist das Anliegen dieses Aufsatzes. Doch bereiten Sie sich darauf vor, dass dies nicht im defensiven Stil einer Apologie geschieht, die auf „Spuren konkreter Realität“ (v.d. Bergh 2005, 26) in der Fantasy hinweisen möchte, sondern dass dies im selbstbewussten Auftreten der Polemik erfolgt, hat doch die Fantasy keinen Grund, sich innerhalb des glänzenden Kosmos des kulturellen Schatzes der Menschheit versteckt zu halten. Es ist eben, Tolkiens Beobachtung bereitwillig folgend, ein Recht, dass nun sein Haupt erheben soll.

Was ist das – Fantasy?

Was von Anfang an nicht ganz unproblematisch ist, denn was ist die Fantasy überhaupt? Selbst der vielleicht beste deutschsprachige Kenner der Fantasyliteratur, der Germanist Helmut W. Pesch, hat Schwierigkeiten, zu einer Definition zu kommen. Man kann es sich mit Eric Rabkin zwar relativ leicht machen und Fantasy als eine historisch verortbare Realisation1 des Phantastischen bezeichnen (Rabkin 1976, ix), aber was wäre damit für das inhaltliche Verständnis der Gattung gewonnen? Damit ist ja nichts weiter als eine von außen heran getragene Zuschreibung gemeint, die nicht viel mehr hergibt als eine weitere nichts sagende Aussage, ähnlich des Bonmots, dass Fantasy das sei, was die Verlage unter diesem Namen auf den Buchmarkt werfen. Doch wie nähert man sich dieser literarischen Gattung am besten an.

Man kann ja zunächst einmal klassisch vorgehen und sie innerhalb der literarischen Großformen einzuordnen versuchen. Gehört Fantasy zu Lyrik, Epik oder Dramatik? Lyrik, also die Versform kommt zwar in der Fantasy und besonders bei Tolkien immer wieder vor, aber das ist sicher nicht die gesuchte Gattungsform. Die Dramatik bezeichnet bekanntermaßen jegliche Form von Theaterstücken und ist auch nicht gemeint. Fantasy gehört also zur Epik, nur bringt uns diese Bestimmung nicht wirklich weiter, denn schließlich sind unter dem Begriff der Epik alle Formen des mündlichen und schriftlichen Erzählens zusammengefasst. Die Erzählformen sind in der Literaturwissenschaft zwar in höchster Weise ausdifferenziert worden, nur hilft das ebenfalls nicht viel weiter, da die Differenzierungskriterien von der Fantasyliteratur leider nicht eingehalten, sondern immer wieder und auf mannigfaltige Weise überschritten und miteinander kombiniert werden. Letztlich ist es dieser Weg, auf dem die Literaturwissenschaft dann zu der wenig aussagekräftigen historischen Verortung gekommen ist (vgl. Pesch 2001, Kap. 2.1).

Ertragreicher dürfte es sein, zu versuchen, die Fantasy inhaltlich zu definieren, indem man einige Elemente als typisch bestimmt, die in der Fantasy vorkommen müssen, um sie dazu zählen zu können. Und in der Tat gibt es eine ganze Reihe solcher Bestimmungen, die, wenn man sie zusammenfassend betrachtet, auch drei Punkte an die Hand geben, die eine inhaltliche Definition des Genres wenigstens leidlich ermöglichen. Dies sind

– der Held oder die Heldengruppe,

– die imaginäre Welt und

– die Magie.

Den oder die Helden – oder abstrakter gefasst – Personen, die abenteuerliche Handlungen zu bestehen haben, trifft man natürlich in nahezu allen Erzählformen an, aber für die Fantasy sind sie immer konstitutiv, da diese Personen immer auch die Handlungsträger sind. Dieses Element umfasst auch negative Helden, scheiternde Helden und unscheinbare Helden, aber immer sind es Personen in abenteuerlichen Situationen, die die Handlung vorantreiben. Trotzdem wäre die Person des Helden allein sicherlich gänzlich ungeeignet, ein literarisches Werk als zur Fantasy gehörig zu bestimmen, wenn dies alles wäre, was in der Person des Helden enthalten ist. Von gleichrangiger Bedeutung wie die Existenz des Helden oder einer Gruppe von Helden in einer abenteuerlichen Situation ist aber, dass die Helden übermenschliche Aspekte aufweisen. Sie sind entweder selbst mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet oder verfügen über Hilfsmittel – etwa magische Waffen oder Unsichtbarkeit verleihende Ringe, Helme oder Gürtel und Ähnliches –, die ihnen gestatten, normalerweise existierende menschliche Beschränkungen zu überwinden. Auf den ersten Blick mag das gerade im Falle des HdR problematisch erscheinen, da beispielsweise Aragorn und Frodo ganz normale Menschen zu sein scheinen, die auch keine besonderen Gegenstände ihr Eigen nennen. (Klar, Frodo hat den Ring – aber man kann ja nun wirklich nicht sagen, dass der ihm hülfe.) Aber natürlich haben auch diese beiden Figuren übermenschliche Fähigkeiten: Frodo die des Erduldens von Leid und Druck, Aragorn wird spätestens im Rahmen der Krönungszeremonie in Die Rückkehr des Königs von Tolkien kitschig überhöht. Der Held in der Fantasyliteratur ist also nicht nur durch das bloße Vorhandensein charakterisiert, sondern auch durch phantastische Eigenschaften.

Die imaginäre Welt als zweites Element muss nun nicht eine komplett von unserer Erde getrennte Welt oder sogar Dimension sein, wie dies etwa die Welt Krynn aus den Erzählungen der Drachenlanze darstellt. Ganz im Gegenteil behaupten viele Fantasygeschichten, in unserer Welt zu spielen, nur in einer anderen Zeit, etwa Robert Howards Conan, dessen Abenteuer ca. 12.000 Jahre vor unserer Zeit aber auf der Erde spielen. Oder sie berichten, dass es parallele Realitäten gibt, auf die man von unserer Welt aus zugreifen kann. Das können einige relativ kleine, umgrenzte Orte wie die Zauberschulen Hogwarts und Beaux Bâtons aus den Harry Potter-Romanen von J.K. Rowling sein oder es handelt sich um komplette Welten, die auf der anderen Seite der Ekliptik liegen, wie die so genannte Gegenerde Gor von John Norman. Oder sie können auf einer anderen, mehr oder weniger unbestimmten Realitätsebene gefunden werden wie das Narnia von Tolkiens Freund C.S. Lewis. Tolkiens Mittelerde ist der bekannteste Vertreter einer Fantasiewelt, die mit der unseren angeblich identisch und doch imaginär ist, handelt es sich doch der Überlieferung des Roten Buches nach um unsere Welt in einer unbestimmbaren Vergangenheit, in mystischen ‘anderen Zeitaltern’, die das Imaginäre der Welt ausmachen. Immer handelt es sich aber um Welten, die auf irgendeine Weise mit der empirischen Realität der Welt, in der wir Leser leben, in einer Weise gebrochen haben, dass ein Zugang zu ihr aus Sicht der Erzählung nicht möglich oder nur ausgewählten Personen möglich ist und aus Sicht der Naturwissenschaften prinzipiell unmögliche Umstände beinhaltet. Es handelt sich eben um phantastische Welten.

Die Magie trifft man meistens zusammen mit vortechnologischen Gesellschaftformen oder historischen Settings an, in und unter denen die Fantasyhandlung spielt. Die ‘kritische’ Technologieschwelle, die dabei nicht überschritten wird, ist in der Regel die Erfindung von Schwarzpulver und Dampfmaschine, auch wenn es zuhauf Beispiele auch für eine Überschreitung dieser Schwellen gibt.2 Und letztlich ist zumindest im Dritten Zeitalter Mittelerdes ja das Schwarzpulver auch schon erfunden worden, denn Gandalf und Saruman verstehen sich beide auf dessen Nutzung. Entscheidend ist aber nicht der technologische Stand, sondern die Magie, als eines Faktums – Fantasy erzählt Geschichten, in denen Magie wirklich funktioniert.3 Das Wesentliche ist dabei nun natürlich nicht der Werkzeugcharakter der Magie. Im Rahmen einer Abenteuergeschichte ist es zunächst einmal egal, ob der Held mit magisch erzeugten Feuerpfeilen beschossen wird oder sich unter einem Kugelhagel ducken muss. Das Wesentliche ist, dass mit Hilfe der Magie auch wieder ein Bruch mit der Realität erzeugt wird wie dies schon durch die imaginäre Welt und den übermenschlichen Helden geschah.

Die Magie führt nun von den drei inhaltlichen Bestimmungen fort zu einem weiteren inhaltlichen Umstand, der sich dann im Anschluss an die drei genannten Elemente als deren Qunitessenz und das jenige Charalkteristikum bestimmen lässt, das die Fantasy ausmacht: das Vorhandensein des Übersinnlichen. Das Übernatürliche ist in der Fantasy vorhanden und es ist wirksam – es ist ein Faktum mit dem ontologischen Anspruch auf Faktizität, auch wenn es mit dem realweltlichen Vokabular und Erkenntnisstand nicht erklärt und rational verstanden werden kann. Robert A. Heinlein hat es deshalb auch einmal „unexplained impossibility“ genannt (Heinlein 1953, 1188). Damit sind die Fantasy und die von ihr beschriebenen Ereignisse und Welten definitiv nicht Bestandteil der empirischen Welt. Fantasy ist immer auch Metaphysik, ihre Erzählungen sind metaphysisches Spiel oder Spekulation. Und daraus lässt sich nun doch eine Definition von Fantasy ableiten, genauer gesagt zwei Definitionen, eine weitgefasste und eine engere Definition. Beruhend auf dem Charakteristikum, dass Fantasy metaphysische Annahmen als Faktum hinstellt und weder ironisch noch in anderer Weise bricht, kann in einer weitgefassten Definition von Fantasyliteratur alles das als zur Fantasy gehörig gefasst werden, dass ebensolche Annahmen enthält und als Tatsache ausgibt. So gesehen sind dann nicht nur Der Herr der Ringe oder die derzeit ungeheuer populäre Filmreihe Fluch der Karibik oder die Harry Potter-Romane mit ihrer Parallelweltannahme Fantasy, sondern auch die Bibel, der Koran und eine ganze Reihe anderer Erzeugnisse menschlicher Wissens- wie Erzählkultur.

Diese Breite der Fantasymotive und des Übersinnlichen in der Literatur wiederum verweist aber auch darauf, dass die weitgefasste Definition von Fantasy nicht befriedigen kann, da sie, zuzüglich aller möglichen Missverständlichkeiten, das Genre nicht scharf genug umreißt. Trotzdem ist die weite Fassung nötig, da sie den Blick unerbittlich auf die unabdingbare Zusammengehörigkeit von Erzählung und Übernatürlichem als metaphysischen Inhalten der Fantasy lenkt. Die wichtigste Bedingung der engeren Definition von Fantasy ist, dass die Geschichten und Erzählungen eben solche sind – Geschichten, Erzählungen, Romane, also Texte, Filme, Spiele, die keinen nach außen weisenden Anspruch auf Wahrhaftigkeit erheben. Was der Autor, die Autorin da erzählen, ist innerhalb der Geschichte wahr. Dieser Wahrheitsanspruch gilt jedoch nur für die erschaffene fiktionale Welt. Kein Erzeugnis der Fantasy erhebt für sich den Anspruch, auch nach außen hin wahr zu sein, also Realität darzustellen. Kein Mensch bei klarem Verstand, erst recht nicht die Autorinnen Margaret Weis und Tracy Hickman oder Raymond Feist und Janny Wurtz, behauptet dass die Welt der Drachenlanze, Krynn, oder die Welten der Riftwar-Saga Midkemia und Kelewan wirklich Bestandteil unseres real existierenden Universums sei. Das gleiche gilt für Fantasywelten und -bereiche, die angeblich Bestandteil der realen Welt sind oder waren. Tolkien hat Mittelerde nicht ernsthaft als historische Realität aufzeigen wollen. Lord Dunsany hat vom Lande Erl nur behauptet, dass es irgendwo auf unserer Welt läge und doch war immer klar, dass dies in Wirklichkeit natürlich nicht zutrifft. Und entgegen anderslautender Berichte dürfte es wohl niemanden geben, der auf dem Bahnhof King´s Cross ernsthaft nach dem Zugang zum Bahnsteig 9¾ sucht. Die Geschichten der Fantasy geben sich als Fiktion zu erkennen. Fantasy in ihrer engen Fassung ist demnach ein literarisches (sowie mehr und mehr auch cineastisches und in weiteren Ausdrucksformen auftretendes) Genre, dessen zentraler Inhalt die Annahme des faktischen Vorhandenseins und Wirkens metaphysischer Kräfte oder Entitäten ist, das als Fiktion auftritt, die als Fiktion auch verstanden werden soll und muss; Fantasy ist, wie auch das Märchen und der Mythos, „metaphysische Literatur“ (Suvin 1979, 42). Diese Definition ist immer noch sehr weit gehalten und kann unter ihrem Dach eine Vielzahl von Erscheinungsformen der Fantasy beherbergen. Tatsächlich ist das Feld der Fantasy auch recht groß und hat eine ganze Reihe von weiteren Untergattungen oder Typen ausgebildet, etwa Sword & Sorcery oder Science Fantasy.

Es handelt sich in allen drei die Fantasy inhaltlich definierenden Fällen sowie natürlich im wesentlichen Charaktzersitikum des Genres, des Übersinnlichen, um die Einführung beziehungsweise Nutzung des Phantastischen als eines die Realität des Publikums überschreitenden Moments. Dass das dann der Grundstein für nahezu alle unqualifizierte Kritik am Genre ist, werde ich im Folgenden zeigen. Zunächst erhebt sich angesichts der inhaltlichen Bestimmung der Fantasy jedoch die Frage, ob man dann das Genre noch historisch seit der Mitte des letzten Jahrhunderts und ästhetisch auf dem Niveau von Groschenheftromanen ansiedeln kann.

Ist die Fantasy ein Erzeugnis des 20. Jahrhunderts? Was ist aber mit einem der ältesten Zeugnisse menschlicher Kultur, was ist mit dem babylonischen Gilgamesch-Epos? Er handelt von einem Helden mit eindeutig übermenschlichen physischen Fähigkeiten. Er spielt in einer zeitlich versetzten Welt, die einen Bruch zu der physischen Realität darstellt, in der der Mythos tradiert wurde. Das Epos beinhaltet vielfache magische Anwendungen und magisch ausgelöste Ereignisse. Was ist daran nicht phantastisch, was nicht Fantasy? Und muss man diese Frage dann nicht auch an die homerischen Epen richten? An die Artussage? An die nordischen Sagas und das alte germanische Erzählerbe rund um Kriemhild, Siegfried, Dietrich von Bern und wie sie alle hießen? Und muss man das dann nicht auch die Werke von mittelalterlichen, neuzeitlichen und frühmodernen Erzählern und Schriftstellern wie Ariost, Chaucer, Milton, E.T.A Hoffmann fragen? Phantastische Geschichten, die einige bis alle Elemente der inhaltlichen Bestimmung der Fantasy aufweisen, sind durchaus nicht auf das Zwanzigste und Einundzwanzigste Jahrhundert beschränkt und sie lassen sich – oh Wunder – auch auf den ‘respektablen’ Regalen der Stadtbücherei finden.

Was der Fantasyliteratur vorgeworfen wird

Diese Überlegung führt dann auch ganz schnell zur Frage der Qualität solcherart mit der Fantasy verwandten (oder gar ihr zugehörigen?) Literatur. Gehen wir noch einmal ganz zurück. Homer? Ilias? Odyssee? – da war doch was? Schaut man in ein beliebiges allgemeines Lexikon, wie beispielsweise Encarta, so springen einem Beurteilungen wie „wichtigste[s] altgriechische[s] Epos“ und „Klassiker der antiken Literatur“ entgegen (Encarta 2004, Stichwort Homer). Folgt man der oben getroffenen Definition von Fantasy steht also tatsächlich ein Werk dieser Literaturgattung nicht nur am Anfang der Literaturgeschichte, sondern gilt auch heute noch als eines der exzellentesten Beispiele abendländischer Hochkultur. Und nicht zu Unrecht, wird hier doch in zeitlos gültiger Weise über die bewegendsten und wichtigsten Elemente des Menschseins nachgedacht: Liebe, Freundschaft, Macht, Persönlichkeit – die Themen sind heute ebenso wichtig (oder “banal”; Roth 2003, 13) wie damals und sie werden so wichtig bleiben.

Doch bleibt der pauschalen Fantasykritik nicht noch der sichere Ausweg, darauf zu verweisen, welcher ästhetisch-inhaltlichen Degeneration die moderne Fantasy gegenüber ihrem klassischem Beginn und der Fortführung durch ‘richtige’ Dichter unterzogen wurde? Sicher – das kann sie anführen und sie führt es ins Feld. Fantasy ist nach vielfacher professioneller Meinung eskapistisch, flach, kindisch, belanglos und in ihren schlimmeren Auswüchsen – etwa bei Tolkien – zudem von gefährlicher politischer Wirksamkeit, propagiert sie doch Chauvinismus, faschistisches Gedankengut und Rassismus.

Die kritischen Hinweise auf die politisch-/ gesellschaftlich bedenklichen Inhalte von Fantasy kann man nicht pauschal behandeln. Hier muss jedes Werk einzeln untersucht werden, denn es gibt in der Fantasyliteratur ein ebenso breites Spektrum der Meinungen und Darstellungen wie in aller anderen Literatur auch. Und es gibt natürlich auch bedenkliche Werke – ich will hier nur den schon erwähnten John Norman und seine Welt Gor nennen, die einen ausgeprägten bis ekelhaft sexistischen Chauvinismus in Form ständig wiederholter unterwürfiger Frauenideale zur Schau stellt. Aber Einzelkritik kann und soll hier eigentlich nicht geleistet werden. Dass die genannten Vorwürfe gegenüber Tolkiens Mittelerde kaum haltbar sind, möchte ich jedoch knapp zusammenfassend nochmals4 festhalten.

Der Vorwurf des Rassismus bezieht sich darauf, dass einerseits die Helden des HdR von typisch europäischer Erscheinung sind, während andererseits die bösen menschlichen Völker aus dem Osten und Süden kommen, klein und von dunkler Hautfarbe sind und teilweise geschlitzte Augen aufweisen. Aber so kann und muss man einwenden: 1. Das Böse ist von ursprünglich engelhafter Herkunft. 2. Sauron, Saruman und wahrscheinlich auch alle Nâzgul sind ebenfalls Weiße. 3. Hobbits weisen keinerlei als wünschenswert arisch zu bezeichnende Merkmale auf. 4. Das Böse befällt auch die blonden, hochgewachsenen Recken von Rohan und Gondor. 5. Dass der Ring überhaupt vernichtet werden kann, hängt von der Zusammenarbeit und Freundschaft der gemischtrassigen Freundesgruppe von Menschen, Elben, Hobbits und Zwergen ab.

Bezüglich des Faschismusvorwurfes und seiner nur leichten Abmilderung, Tolkien propagiere eine feudalherrschaftliches Weltbild, heißt es dann, der HdR feiere aristokratische und feudalistische Ideale und stütze autoritäre Handlungsweisen. In der Tat ist es schon so, dass Teile der Handlung durch starke und adlige Charaktere vorangetrieben werden, bspw. Aragorn, König Théoden und Boromir. Aber die Entscheidung bringen gerade die kleinen und sich selbst unsicheren Gestalten wie Bilbo, Frodo, Sam und sogar Gollum. Demgegenüber spielt ein allerdings faschistisch anmutender Macher wie Boromir durch seinen Autoritarismus und seinen Glauben an die eigene aristokratische Überlegenheit dem Bösen in die Hände. Die wesentliche politische Aussage des HdR, so man denn unbedingt eine hineinlesen will (vgl. dazu Weinreich 2006), ist doch die, dass autokratische Machtvollkommenheit in das Verderben führt. Es wäre für Elrond, Galadriel und Gandalf doch viel einfacher gewesen, den Ring und damit alle Macht zu nehmen. Aber gerade dieses Ding – die absolute Macht – hätte doch auch sie korrumpiert. Faschismus? Hallo – wo denn?

Die Handlung des HdR wird zu nahezu hundert Prozent von Männern getragen. Ja, stimmt. Aber ist das dann Chauvinismus oder wenigstens Paternalismus? Vielleicht – wenn man es so liest, dass Tolkien durch die einseitig männliche Besetzungsliste Frauen die Chance nimmt, auf die Geschehnisse, die schließlich alle Bewohner Mittelerdes betreffen, gleichberechtigt Einfluss zu nehmen. Gut. Was aber meiner Meinung nach nicht geht, ist, der Handlung Sympathien für Paternalismus und diesem folgend Chauvinismus vorzuwerfen. Paternalismus definiert sich als autoritäre Bevormundung anderer und Chauvinismus ist eine direkte Steigerung davon. Für diesen Vorwurf gilt aber das Gleiche, was ich soeben über den faschismusimmanenten Autoritarismus gesagt habe: Wo dieser im HdR vorkommt, wird er als falsch gebrandmarkt oder der Verstoß gegen paternalistische Anwandlungen bewirkt etwas Positives, siehe Éowyn und Merry. Und Beispiele aktiver, frauenverachtender Aussagen, wie sie für den Chauvinismus typisch sind und beispielsweise zuhauf in John Normans Romanen auftauchen, findet man in der Mittelerdedichtung überhaupt nicht.

Die genannten Kritikpunkte können wie gesagt nur angesichts bestimmter Werke beurteilt werden – auch wenn sie mancherorts pauschal erhoben werden. Genreumfassend lässt sich jedoch die Kritik behandeln, die der Fantasy vorwirft, eskapistisch zu sein beziehungsweise dem unterstellten Eskapismus seiner Leser Gelegenheit und Anlass zu gewähren. Ebenso lässt sich, in Grenzen, über den Pauschalvorwurf der Flach- oder Dummheit von Fantasy verhandeln sowie über das damit verwandte Urteil, dass Fantasy kindisch, dass sie Jugendschund sei (Wilson 1984, 56). Verwandt damit ist dann noch der letzte Vorwurf, dass Fantasy belanglos und damit immer auch Zeitverschwendung sei.

Die wichtigste dieser Fragen ist wahrscheinlich die, ob man der Fantasy Eskapismus, beziehungsweise dessen Förderung oder Verursachung, vorwerfen kann. Denn aus der Antwort, die ich hierauf geben möchte, ergeben sich eine Reihe von Antworten auch für die anderen Kritikpunkte. Ich hatte oben festgehalten, dass das gemeinsame Merkmal der die Fantasy definierenden Elemente – Held, imaginäre Welt und Magie – das Überschreiten der realweltlichen Grenzen unserer Erfahrung ist. An genau diesem Punkt setzt auch die Eskapismuskritik an. Sie lässt sich knapp in dem Vorwurf zusammenfassen, dass die Verlagerung von Erzählungen in Welten, die mit der Realität gebrochen haben und von Handlungen, die auf Grund des Einsatzes von Magie oder übermenschlicher Fähigkeiten keinen Realitätsbezug mehr aufweisen, Wolkenkuckucksheime errichten. Diese Phantasiegebilde befördern die Leserin, den Leser aus der Realität hinaus und bieten erstens keinerlei Nutzwert oder Lerneffekt für das reale Leben. Zweitens führen sie dazu, dass das Publikum sich der Wirklichkeit und ihren Anforderungen verschließt und damit graduell lebensuntüchtiger wird als dies ohne die Lektüre der Fall gewesen wäre.

Obwohl – was die Bedeutung einer Sache für mich angeht, das kann doch wohl nur eine individuelle Zuweisung sein. Jeder muss die Dinge in der Welt selbst auf ihre persönliche Relevanz hin beurteilen. Deshalb spricht aus einem pauschal erhobenen Vorwurf des Eskapismus, der ja darauf hin ausgedehnt wird, dass die Kritik ein Werk wie den HdR als für mich irrelevant und sogar schädlich bestimmen zu können glaubt, nicht viel mehr als Arroganz, gepaart mit Zynismus und Snobismus. Nein, ich kann ganz gut selbst beurteilen, ob ich Schaden an der Fantasy nehme.

Doch will ich das Thema auch ganz ernsthaft und unpersönlicher behandeln. Was die Bedeutung der hohen oder wichtigen Literatur ausmachen soll ist ja angeblich, dass man aus ihr, wie auch immer, Lehren zieht, die der persönlichen Entwicklung weiterzuhelfen vermögen. Literatur verhilft zu allgemeiner, zu spezieller, zu Herzens- und zu Charakterbildung. Das tut sie durch Reflexion von realweltlichen Umständen und Ereignissen in Form von Hinweis, Warnung oder Anleitung. Okay, und das finden wir also in der Fantasy alles nicht? Statt dessen befördert sie nur die Weltflucht? Weil sie so irreal ist, weil sie immer nur Traum ist, Träume aber Schäume sind?

Die Kritik vergisst dabei aber gerne, dass die phantastische Literatur – und innerhalb diesen Gebietes ganz besonders das Genre der Fantasy – anderen Gesetzen folgt als die realistische Literatur. Sie zeigt mit der Übertretung der Realität in Richtung Magie und Supernaturalität der realen Welt einen Spiegel, indem diese sich nur verfremdet, überzeichnet und eventuell stereotyp wieder erkennen kann. Das ist eine andere Methode als die der präzisen psychologischen Charakterzeichnung in der Gegenwartsliteratur, aber es ist eine bewusst eingesetzte und legitime Methode. Und es ist eine Methode, die den Bezug zur realen Welt erhalten hilft.

Und dieser Bezug kann ja auch gar nicht vollständig gebrochen werden, weil jede Autorin, jeder Autor zunächst Mensch in der realen Welt ist und nur aus der Realität und aus den in ihr gemachten Erfahrungen Phantastisches entstehen lassen kann. Dazu sagt Dieter Petzold sehr schön: “Jeder Autor fiktionaler Texte […] schafft durch sein Schreiben eine eigene Welt. In dieser Schöpferfunktion gründet eine fast unermeßliche Freiheit, die, so groß sie ist, allerdings niemals absolut sein kann” (Petzold 1984, 123). Denn der Autor kann nur aus der Realität seiner Erfahrungen schöpfen, die immer im empirischen Erleben der Realität ihren Urgrund haben; „alle seine fiktiven Welten [müssen] auf diese Realität bezogen bleiben“ (Petzold 2005, 53). Der Bruch mit der realen Welt findet also genau betrachtet nie statt. Manchmal stehen die phantastischen Welten sogar hinsichtlich bestimmter Aspekte der Realität besonders nahe und sei es auch als beißende Kritik.

Gerade Tolkien verbindet in der Mittelerdedichtung Realitätskritik (ich nenne nur: Umweltzerstörung, Machtmissbrauch, Technologiekritik) mit entgegengesetzten Idealisierungen von naturverbundenen Lebensweisen (der Hobbits, der Elben, der Ents) und positiver Anarchie (das Auenland). Diese Idealisierungen stellen einen stark übertriebenen Kontrapunkt zu den Schrecknissen der Vision von Mordor und Sarumans Isengard dar, der als Kontrapunkt aber auch in die reale Welt zurückspiegelt (vgl. Petzold 2005, 54). Die Kritik, die man hier üben könnte, wäre aber dann nicht die, dass Fantasy eskapistische Tendenzen auslöst oder fördert. Denn es besteht gerade in diesen Punkten ja ein starker Rückbezug zur realen Welt. Der Leser der Fantasybücher wird durch die übertriebenen Schrecknisse in Form von Macht missbrauchenden Zauberern, von Welten verschlingenden Dämonen und tyrannischen Herrschern ja geradezu dazu aufgefordert, zur dargestellten Problematik Stellung zu beziehen. Eskapismus wäre das dann gerade nicht.

Die meiner Meinung viel näher liegende Kritik müsste in die Richtung gehen, auf die Holzhammermethoden der Autorinnen und Autoren hinzuweisen, auf die Naivität, die sich in schlichten Schwarz-Weiß-Schilderungen von Gut und Böse ausdrückt, auf die Flachheit, die sich dadurch im Genre der Fantasy zeigt. Beispiele dafür ließen sich schon finden … wie es Beispiele für ‘schlechte Schreibe’ eben in allen Literaturgattungen zu finden gibt. Doch wir reden ja nur über die Fantasy und ihre Flach- und Dummheit. Mit Petzold kann man nun zur Kritik an den angeblich flachen Büchern sagen:

“Die vorherrschende Flachheit der Charaktere und Begrenztheit der Weltdarstellung als Mängel zu rügen hieße, das Werk mit falschen Maßstäben zu messen, nämlich nach Kriterien, die aus der realistischen Literatur abgeleitet sind. Es ist ein Kennzeichen der nicht-mimetischen Gattungen, daß sie an bestimmten Aspekten nicht interessiert sind; wollte man ihre Abwesenheit beklagen, so handelte man wie einer, der an einem Holzschnitt Farbe und Schattierung vermisst. Der Reiz dieser Art von Literatur liegt, wie beim Holzschnitt, gerade in der Freiheit, welche der Fantasie durch den Verzicht auf realistische Details gewährt wird.” (Petzold 2005, 54f.).

Und, so möchte ich dem hinzufügen, wer solche Bilder nicht mag, soll sie sich halt einfach nicht anschauen, statt wie gebannt zu starren und zu nörgeln wie C.N. Manlove (1984) und Edmund Wilson (1984) es so beredt tun. Es mag ja ein wenig unfair sein, dass ich mir Beispiele besonders gelungener Fantasy herausgreife und an diesen (vielleicht ja äußerst raren) Ausnahmen die Fantasykritik zurückweise, während Kritiker wie Manlove, Wilson und andere sich am HdR abarbeiten und mit ihrer Kritik kläglich scheitern. Aber es geht ja um Pauschalkritik und die kann man nur an Beispielen widerlegen. Und auch (Teilzeit-)Apologeten der Fantasy wie Petzold üben Pauschalkritik, wenn sie – zwar wohlwollend, aber bestimmt – von der „vorherrschenden Flachheit der Charaktere“ reden. Stattdessen kann man bei einigen Autorinnen und Autoren der Fantasy mit Recht anzweifeln, dass dieser Vorwurf auf sie zutrifft. Bücher wie Anne McCaffreys Drachensinger und Masterharper of Pern, McKillips Vergessenen Tiere von Eld, Joy Chants Roter Mond und Schwarzer Berg und der Erdsee-Zyklus von Ursula K. LeGuin sind sogar in erster Linie Charakterstudien und Entwicklungsgeschichten, die angesichts ihres Themas, Menschen in außergewöhnlichen Entwicklungsprozessen zu beobachten, nicht nur nicht eskapistisch sind, denen zudem aber auch auf Grund der meisterlichen Zeichnung des Werdens von Persönlichkeiten Flachheit und Begrenztheit wirklich nicht vorgeworfen werden kann (vgl. Lenz 2001).

Nun zu dem Vorwurf, Fantasy sei nur etwas für Kinder. Selbst Kritiker, die die Fantasy ernst nehmen, neigen dazu, sie im Bereich der Kinderliteratur unterzubringen, oder wie ist es sonst zu erklären, dass ein wichtiges Buch wie die Aufsatzsammlung Alternative Worlds in Fantasy Fiction in der Reihe Studies in Children Literature erscheint (Hunt/ Lenz 2001)?5 Das ist jedoch ein geringes ‘Vergehen’ im Vergleich zu dem normalerweise üblichen Tenor der Kritik, die sich die Fantasy unter dem Etikett der Zuschreibung eines Kinderbuches vornimmt.

Oder nicht? Wenn Fantasy als kindisch oder „juvenile trash“ abgeurteilt wird, meint die Kritik damit vielleicht, Fantasy sei Kinderliteratur? Oh – das wäre doch prima und ein Ausdruck höchsten Lobes, denn für welche Zielgruppe muss man anspruchsvollere Literatur verfassen als für Kinder? Für keine, denn für niemanden es ist wichtiger, gute Geschichten erzählt zu bekommen als für Kinder – Erwachsene, die können zur Not auch Trash vertragen. Und es gibt ja auch wahnsinnig gute Kinderbücher. Astrid Lindgren zum Beispiel – wenn es einen Menschen gibt, der den Literaturnobelpreis eher verdient gehabt hätte als Tolkien (is´ nur Spaß), dann wäre es die geniale schwedische Kinderbuchautorin gewesen, die uns Pippi Langstrumpf, Karlsson auf dem Dach, Ronja Räubertochter und so vieles mehr geschenkt hat (kein Spaß mehr!). Aber dieses Lob wollen Kritiker wie Edmund Wilson (Wilson 1984) Tolkien und den anderen Autorinnen und Autoren natürlich nicht aussprechen. Wenn es heißt, Fantasy sei kindisch, so ist damit gemeint, sie sei belang- und anspruchslos; sie wird allenfalls “mit mildem Lächeln geduldet […] im Gunde aber von allen [Literaturkritikern] verachtet” (Ende 1994, 55). In diesem Sinne wäre sie sicherlich auch überhaupt nichts für Kinder. (Dass sie aber nicht belanglos ist, ist in den vorausgeangenen Absätzen wohl deutlich geworden, oder – wie C.S. Lewis so passend bemerkt: “A book worth reading only in childhood is not worth reading even then”; Lewis 1975c, 38.)

Ernsthaft aber muss gesagt werden, dass gute Fantasy durchaus etwas für Kinder ist, solange sie kindgerechte Themen und Inhalte aufweist. Natürlich ist Harry Potter (zumindest bis einschließlich Band 4 – danach wird er erstens zu grausam und zweitens schlicht zu schlecht als dass man ihn Kindern zumuten möchte, auch wenn die nun natürlich total angefixt sind) etwas für Kinder. Sicherlich sind Tintenherz, der Hobbit, Die unendliche Geschichte etwas für Kinder. Aber gute, ‘harte’ Fantasy wie Der Herr der Ringe oder Tad Williams´ Otherland-Zyklus sind einfach zu gruselig, grausam und brutal. Das hat in diesen Büchern alles seine Berechtigung – sie spiegeln die reale Welt und die ist viel zu oft auch gruselig, grausam und brutal. Aber die Schlacht um Helms Klamm ist sicherlich etwas für höchstens ältere Kinder und die Leidensszenen, durch die Williams seine Helden schickt, übertreffen alles, was Tolkien an Härte zu bieten hat bei Weitem (obwohl auch diese Bücher und Szenen ab einem bestimmten Alter funktionieren und wichtig werden können; vgl. Lewis 1975b, 31f.).

Consolatio Phantasiae

Die Beschäftigung mit guter Literatur, da bin ich mir wahrscheinlich auch mit der professionellen Literaturkritik einig, ist hinsichtlich ihrer Lehr- und Unterhaltungsfunktion und ihrer kulturellen Bedeutung als Wissensträger ebenso wie als ästhetisches Erlebnis ein lohnende Beschäftigung. Worin ich mir mit großen Teilen der Literaturkritik nicht einig bin, dürfte die Einbeziehung der Fantasyliteratur in den Kanon beschäftigungswürdiger Schriften sein. Ich hoffe, dass ich zeigen konnte, dass Expeditionen in das Genre doch lohnend sind.

Fantasy, das sind Geschichten, in die man eintauchen muss, um ihren Zauber erleben zu können, das sind Geschichten die man erleben muss, als sei man vor Ort, wenn man ihre gesamte Wirkkraft erfahren will. Und das hat nichts mit Eskapismus zu tun, denn auf jegliche Literatur muss man sich einlassen und im Falle der Fantasy ist es eben das Eintauchen, ist es die willentliche Aussetzung des Unglaubens (Coleridge 1907, II,6)6, die den Zugang erst ermöglicht. Insofern bedarf es natürlich einer bestimmten Geisteshaltung, um Fantasy genießen und durchdenken zu können. Aber es ist nicht die Haltung des Ignoranten, des Feiglings, des abwesenden Träumers wie die Kritik des Öfteren zu meinen scheint. Es ist die Haltung einer Leserin, eines Lesers, die sich den Zugang zur eigenen Phantasie und Vorstellungskraft bewahrt hat, die es ermöglicht, sich auf die Phantasien der Autorinnen und Autoren der Fantasy einzulassen. Als solches ist das eine Haltung, die in sozialer, politischer und psychologischer Hinsicht ‘gesund’ ist, denn eine offene Vorstellungskraft hilft beim Verständnis der Umwelt ebenso wie beim Großreinemachen im eigenen Kopf.

Wer mir in meinen Gedanken anerkennend gefolgt ist, dem möchte ich noch mein Buch Fantasy. Einführung als Lektüretipp ans Herz legen. Gefiel Ihnen dieser Aufsatz, wird Ihnen auch das Buch gefallen.

1 Obwohl Pesch sicherlich Recht hat, wenn er Fantasy als Gattung ebenfalls (auch, aber bei weitem nicht nur) historisch verortet und sie als „Kind der 60er- und frühen 70er-Jahre“ bezeichnet. Nur sagt dies ebenfalls nichts über das Wesen der Gattung aus (Pesch 2001, 32).
2 Es gibt auch (und zwar in zunehmender Form) so etwas wie High Tech-Fantasy, etwa in Form des Shadowrun-Rollenspielsystems und der aus ihm abgeleiteten Romane oder – in beiden Fällen meisterlich als erzählerisches Mittel genutzt – in Dennis McKiernans für das Genre außerordentlich philosophischem Roman Caverns of Socrates und in Tad Williams Otherland-Zyklus.
3 „A Fantasy is a book or story […] in which magic really works“ (Carter 1971, 6).
4 Die Analyse der Mittelerdedichtung hinsichtlich der Vorwürfe des Rassismus, Faschismus, Paternalismus / Chauvinismus (und ihre Zurückweisung) habe ich mehrfach an anderer Stelle unternommen (vgl. Weinreich 1999, 2003, 2005a, 2005b, 2006). Die Untersuchung dieser Art von Kritik ist zudem von vielen anderen Autoren unternommen worden, von denen hier aber nur der wichtigste, nämlich Patrick Curry, erwähnt werden soll (vgl. Curry 1997 u. 1999).
5 Die Sammlung behandelt die Themen Fantasy, allgemein, den Erdsee-Zyklus von Le Guin, Terry Pratchetts Scheibenwelt und Philip Pullmans „His Dark Materials“-Trilogie. Allein Pullmans Bücher richten sich – und auch das nicht ausschließlich – an Kinder, eher noch Jugendliche.
6 Coleridge, Biographia Literaria: „the willing suspension of disbelief“ (Coleridge 1907, II,6).

Dieser Aufsatz erschien zunächst auf polyoinos.

 

F. Weinreich

Frank Weinreich, Jahrgang 1962, verheiratet, Vater eines Sohnes, sehr gerne im Ruhrgebiet, in Bochum, lebend. Doktor der Philosphie. Freier Autor und Lektor seit 2001.
Ein paar schöne Publikationen, zwei Herausgeberschaften (Hither Shore und die Edition Stein und Baum) und die Mitgliedschaft im Board of Advisors von Walking Tree Publishers. Daraus ergibt sich auch gleich einer der Schwerpunkte seiner Arbeit: Schreiben von und über phantastische Literatur. Der andere bleibt weiterhin das Lektorieren und Auftragstexten. Ein drittes Standbein bilden Vorträge zu verschiedenen Themen, meist aber über phantastische Literatur, zu denen er in Deutschland, seltener dem Ausland, herumreist.

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